Musikproduktion: Komponieren für Film und TV verbindet Himmel und Hölle

Kämpfen musst du, verd**** nochmals!

musikproduktion komponieren film tv musik.
Musikproduktion: Musik komponieren für Film und TV
Voiced by Amazon Polly

Musikproduktion für Musik für Film und TV scheint eine interessante Karriere zu sein. Du arbeitest in deinem eigenen Studio. Du verdienst gutes Geld. Wo es Film und Video gibt, wartet Arbeit auf dich: Kinofilme, Dokumentationen, TV-Serien, Werbung und Imagefilme. Wirklich?

Eines verbindet die Mitglieder der Filmfamilie über alle Berufsgattungen hinweg: Im kleinen, vertrauten Kreis sagen dir die meisten Filmschaffenden, dass sie nicht wussten, auf was sie sich einlassen, als sie sich für eine Karriere in der Filmbranche entschieden. Ich nehme mich da nicht aus. Hätte ich es gewusst, ich hätte mein Architekturstudium beendet.

Ich habe Musik für Filme und Video komponiert. Immer wieder werde ich gefragt, wie ich es geschafft habe, mit Musikproduktion meinen Lebensunterhalt (mehr oder weniger) verdienen zu können. Immer ist meine Antwort: „Vergiss es!“ Einerseits, weil die meisten Musikproduktionen sehr viel Stress bedeuten. Damit fehlt mir die Zeit, alle Details zu erklären, die für eine faire und ausgewogene Antwort erforderlich sind. Andererseits, weil dieser Beruf großartig, aber eben auch furchtbar schrecklich sein kann.

Darum schreibe ich diesen Artikel. Du sollst wissen, auf was du dich einlässt, wenn du für Film und Fernsehen komponieren willst.

Musikproduktion: Musik komponieren für Film und TV

Das Komponieren von Musik für Kino oder TV hat, wie die gesamte Musikproduktion, mit unterschiedlichen Elementen zu tun. Es gibt eine emotionale Komponente. Aber auch viele technische Aspekte. Die Arbeit ist Kunst und Business zugleich. Darum gibt es keinen vordefinierten Weg, wie du zu Aufträgen kommst. Wie beim Regisseur werden ist dieser Beruf auch Berufung. Oder, wie viele Branchenkollegen es scherzhaft sagen: Leidenschaft kommt von Leiden und schaffen.

Musik komponieren ist nicht dasselbe wie Autofahren. Autofahren kann jeder. Das Lenken eines Wagens kannst du lernen. Trotzdem macht dich die Fahrprüfung nicht zum Formel-1 Rennfahrer. Willst du in der Musikproduktion beruflich überleben und Geld verdienen, hast du nur als Top-Pilot in der obersten Rennklasse eine Chance. Anders überlebst du nicht. Zugleich brauchst du Instinkt, Tatkraft, Ehrgeiz, Selbstvertrauen, noch mehr Selbstvertrauen und sehr viel Glück.

Was will ich dir damit sagen? Nicht jeder ist für eine Karriere als Komponist bestimmt! Selbst wenn du bereit bist, beim Komponieren alles zu geben, reicht das nicht. Du brauchst zusätzlich brutal viel Ausdauer. Und so viel Talent, dass du ganze Lagerhäuser mit deinen Ideen für eingängige Musikthemen auffüllen kannst.

Du musst dein Herz, deine Seele und dein Bankkonto in Übereinstimmung bringen. Legst du dein Herz zur Seite, verleugnest deine Seele oder kümmerst dich nicht um deine Finanzen, dann gute Nacht! Dann wirst du scheitern. Schneller als du es dir denken kannst.

Verheiratet mit dem Job

Es fast unmöglich, eine Karriere in der Musikproduktion zu verfolgen, wenn man daneben noch einen Job hat. Selbst wenn du Energie ohne Ende hast: der Tag hat dann einfach nicht genügend Stunden.

Das einzige, was beim Film lange dauert, ist die Finanzierung. Später muss alles schnell gehen. Tempo und Effizienz bestimmt dann alles und jedes. Das gilt auch für die Musikkomposition. Erschwerend kommt hinzu, dass die Musikproduktion erst gegen Ende der Herstellung kommt. Je später ein Arbeitsschritt im Produktionsprozess erfolgt, desto größer der Zeitdruck. Eine Entschuldigung für minderwertige Qualität ist das natürlich nicht.

Wenn du keine zwölf Monate, sondern tatsächlich manchmal (bei Jobs für das Fernsehen) nur 12 Stunden hast, um einen ersten Vorschlag abzuliefern, gibt es daneben keinen Freiraum für gar nichts. Entweder du lieferst. Oder du kannst auf die nächste Anfrage warten bis du alt und grau bist. Wenn du in einer Band spielst, kannst du tagsüber einen Job haben und nachts deiner Passion nachgehen. In der Musikproduktion für TV und Film funktioniert das nicht. Du musst alles auf eine Karte setzen!

Filmtipp: «Score – eine Geschichte der Filmmusik» (2016)

Filmtipp Musikproduktion: Dokumentarfilm "Score - Eine Geschichte der Filmmusik" (2016)

Dieser 93-minütige Kino-Dokumentarfilm von Regisseur Matt Schrader ist ein Muss für alle an Filmmusik interessierten Personen.

Er gibt dir wichtige Einblicke in die Produktionsprozesse und du wirst eine Menge daraus lernen, auch wenn sich die Tipps und Tricks der interviewten Profis manchmal etwas widersprechen. Im Film über ihre Arbeit sprechen unter anderem: Hans Zimmer, Danny Elfman, John Williams und James Cameron.

Alles oder nichts

Aber das ist noch nicht alles. Eine Anfrage ist noch kein Auftrag. Nicht nur am Anfang deiner Karriere wirst du zuerst gebeten, eine Kostprobe deines Könnens abzugeben. Es sind „schließlich nur ein paar erste Ideen, damit wir uns eine Vorstellung machen können und nicht aneinander vorbeisprechen“, wird dir der Produzent am Telefon sagen. Möglicherweise am Freitagnachmittag.

Liefern sollst du die Layouts bis Montag früh. Klar, dass du dir dann das Weekend abschminken kannst. Viel schlimmer: Du arbeitest nun zwar die nächsten drei Nächte durch, hast aber keinerlei Garantie für gar nichts. Gefällt deine Arbeit nicht, bekommst du keinen Vertrag und damit keine Kohle. Denn für das Pitchen um einen Auftrag bezahlt dich in dieser Branche niemand.

Fängst du an, dir einen Namen zu machen, nimmt die Anzahl solcher Anfragen zu. Weil du es dir nicht leisten kannst, Nein zu sagen, arbeitest du in dieser Phase doppelt so viel und verdoppelst damit auch dein Risiko. Erstens hast du noch immer keine Garantie, für deine Arbeit einen müden Heller zu bekommen. Zweitens schlägt sich der Stress möglicherweise auf die Qualität deiner Musikproduktionen durch, was deine Chancen auf Erfolg vermindert.

Wie alle anderen Einsteiger in die Kreativwirtschaft setzt du dir natürlich ein Zeitlimit (für wie lange du dieses Spiel maximal mitmachen willst). Die du dann immer wieder verlängerst. Denn dein Durchbruch für die ganz große Karriere kann jeden Moment erfolgen – darum jetzt nur nicht aufgeben! In Los Angeles findest du Leute, die noch im Pflegeheim von dieser Haltung überzeugt sind und auf einen Oscar warten.

Selbst wenn du einen bezahlten Job hast, kann es dir in der Musikproduktion gehen wie jedem Regisseur, der nach seinem ersten Werk zwei bis fünf Jahre auf seinen nächsten Job warten muss. Alles andere ist gelogen.

Equipment wächst nicht auf den Bäumen

Was ist mit deiner Studioausrüstung? Hast du das richtige Equipment, um Film- und TV-Musik zu komponieren? Du wirst auch als Anfänger Hardware und Software kaufen müssen. Das kostet Geld. Ohne Equipment keine Musikproduktion.

Wenn du angefragt wirst, einen Entwurf für einen Soundtrack zu einem Dokumentarfilm zu erstellen, hast du als Anfänger weder die richtigen Instrumente unter deinem Bett liegen, noch kannst du sie spielen und mit deinem iPhone aufnehmen. Darum wirst du Bibliotheken mit Samples benötigen, und zwar gute – und die sind alles andere billig. Auch für ein Layout summiert sich der Aufwand schnell.

Arbeiten für Luft und Liebe

Um deine finanzielle Misere noch weiter zu vergrößern, wirst du reihenweise Anfragen bekommen von Regisseuren oder Produzenten, welche dich bitten, gratis zu arbeiten. Weil ohne Showreel nichts läuft, wirst du ernsthaft über solche Angebote nachdenken müssen. In der Startphase deiner Karriere ist es wichtiger, Erfahrungen zu sammeln und dein Talent zu demonstrieren, als dein Einkommen zu maximieren. Trotzdem musst du Miete bezahlen. Oder jemanden kennen, der sie dir bezahlt.

Klassische Einsteigerjobs für die Musikproduktion sind Studentenfilme oder Low-Budget-Firmenvideos.

Gewinnt ein solcher Film einen Preis, lohnt sich der Einsatz für dich. Dann hast du den ersten Fuß in der Branche und in der Musikproduktion. Umgekehrt musst du immer auch aufpassen, dass du dich nicht als ewiger billiger Jakob positionierst. Sonst kommst du nie auf einen grünen Zweig.

Die Augen weit offen halten solltest du auch, wenn du bemerkst, dass die Produktion über ein insgesamt gutes Produktionsbudget verfügt und mit dir nur die Kosten optimieren will. Ausbeuten kannst du dich auch selbst. Dann komponierst du lieber einen Lovesong für die Frau, die trotz deines brotlosen Berufs tapfer an deiner Seite ausharrt und wider besseres Wissen von einer Familie mit dir träumt.

Finde deinen Besson, Spielberg oder Nolan!

Filmfestivals und Studentenfilme sind ideal dazu, mit angehenden Regietalenten in Kontakt zu treten und wichtige Beziehungen aufzubauen. Viele Regisseure vertrauen für ihre Soundtracks auf die immer gleichen Komponisten.

Musik und Film sind untrennbar. Sie waren es schon immer und sie werden es immer sein.
Martin Scorsese, Regisseur

Éric Serra hat mit seinen Kompositionen die Musikproduktion für Kinofilme von Luc Besson geprägt. David Fincher arbeitet mit Trent Reznor und Atticus Ross. Darren Aronofsky mit Clint Mansell. Peter Greenaway vertraut Michael Nyman. David Lynch setzt auf Angelo Badalamenti. Tim Burton und Danny Elfman sind fast schon Zwillinge. Blake Edwards und Henry Mancini sind beide Legenden, ebenso Federico Fellini und Nino Rota und Alfred Hitchcock mit Bernard Herrmann oder Sergio Leone mit Ennio Morricone.

Auch langjährige Zusammenarbeit beginnt mit einer ersten Komposition an.

Dein Stundenlohn: Ein Fallbeispiel aus der Praxis

Wenn man in Hollywood von den Honoraren hört, die Superstars der Szene für das Komponieren von Musik für Kinofilme und TV-Serien bekommen, mag das nach einfach gemachtem Geld klingen. Aber das sind absolute Ausnahmen. Sie bestätigen vor allem die Regel. So wie bei den Schauspielern. Betrachtet man den Durchschnitt, so rechnet sich ein Job bei McDonalds für dich am Anfang deiner Karriere (oder auch einige Jahre danach) fast immer besser.

Ich will dir das mit einem kleinen Beispiel zeigen:

Stell dir vor, du bekommst den Auftrag, Musik für eine TV-Serie zu schreiben. Gehen wir davon aus:

  • die fragliche Serie umfasst vier Folgen.
  • jede dieser Folgen dauert 52 Minuten.
  • der Produzent erwartet von dir für die Hälfte der Laufzeit der Serie, also 26 Minuten, eine Komposition. Du darfst also 4 x 26 Minuten Musik produzieren. Das ergibt insgesamt ein Soundtrack von 104 Minuten Länge.
  • pro Folge bekommst du €2400.- versprochen
  • abliefern musst du deinen Soundtrack innerhalb eines Monats

Du hast also nur vier Wochen Zeit für diesen Auftrag. Im schnellen Fernsehgeschäft ist das kein für die Branche unüblicher Zeitrahmen.

Die erste Woche

Aller Anfang ist schwer. In der ersten Woche arbeitest du für die erste Folge nahezu Tag und Nacht. Konkret schläfst du pro Arbeitstag jeweils durchschnittlich vier Stunden, damit du von total 168 Wochenstunden nur 28 Stunden mit Nichtstun verlierst.

Aber egal, das Adrenalin hält dich wach! In diesem ersten Monat musst du dir zugleich noch spezifische Sample-Libraries und Sounds kaufen. Dafür gibst du €650 aus.

Die zweite Woche

Die Arbeit an Folge 2 geht dir leichter von der Hand: Du hast dich in die Serie eingelebt und hast bereits ein Thema aus Folge 1 (das du allerdings nochmals anpasst, weil es dir für die Entwicklung der Story doch nicht so passend erscheint wie noch in der Vorwoche), das du einsetzen kannst.

Du schläfst diese Woche durchschnittlich sechs Stunden pro Nacht. Weil du ein Leitthema für Gitarre geschrieben hast und dich keines der Samples befriedigt, musst du einen Gitarristen finden und für 20 Stunden zu dir ins Tonstudio holen, der dir das Motiv und weitere Themenblöcke live einspielt. Der Gitarrist kostet dich inklusive Spesen €1040.-. Die eigenen Studiokosten kalkulierst du nicht.

Die dritte Woche

Für Folge 3 läuft die Arbeit in Woche 3 wie geschmiert. Das ist gut so. Denn nächste Woche musst du auch noch den Opener (Einstiegssequenz) und den Abbinder (Schlusssequenz / Abspann) erstellen. Dein Ablieferungstermin rückt langsam aber sicher in Sichtweite.

Du arbeitest in dieser Woche erneut „nur“ 126 Stunden, hast also dieselbe Anzahl Stunden für die Nachtruhe wie in der Vorwoche.

Die vierte Woche

Folge 4 mag dich und dein Studio nicht: Das Netzteil an deinem wichtigsten Computer stirbt. Es reißt die gespiegelte Festplatte mit in den Abgrund. Als Profi hast du natürlich jede Nacht einen zusätzlichen Back-up erstellt, was dich und deine Karriere nun rettet, zusammen mit total 147 Arbeitsstunden in der vierten Woche. Das bedeutet: diese Woche hast du gerade einmal 3 Stunden im Schnitt pro Nacht geschlafen.

Der Regisseur, der dich im Studio mit dem Produzenten in dieser Woche besucht, mag deine Idee mit der Gitarre nicht. Er besteht darauf, sie durch eine Mandoline zu ersetzen. Die dafür notwendige, zusätzliche Session im Studio mit einem neuen Musiker schlägt für dich nochmals mit €1200 zu Buche. Ersatzteile und neue Speicherplatten für deinen Computer kosten  €530.-

Was du mit der Musikkomposition verdienst:

Erstens satte €9600.- als Monatslohn für die Musikproduktion. Zweitens, möglicherweise, Ruhm und Ehre. Drittens, hoffentlich, neue Aufträge. Sobald du ausgeschlafen bist, lädst du deinen Freundeskreis zu einer Flasche Glas Wein ein. Du bist überzeugt, den geilsten Job der Welt zu haben. Knapp €10.000.- pro Monat, da steht dir die Welt offen.

Dein Treuhänder sieht die Sache nüchterner. Du hast insgesamt externe Kosten von €3420.- generiert. Ohne Amortisation und ohne dein bestehendes Studio einkalkuliert zu haben. Damit bleiben dir immerhin noch stolze €6180.-. An einer Minute Musikkomposition hast du knapp €60 verdient.

Nur: Als Stundenlohn ergibt das brutto knapp über €11,50. Umsatzsteuer, Gewerbesteuer, Einkommensteuer und Versicherungen sind aber in diesem Honorarsatz noch nicht eingerechnet! Ebenso wenig ist darin eine Reserve enthalten für alle Wochen und Monate, in denen du keine Arbeit hast. Und selbst wenn du mit Aufträgen überhäuft wirst: wie lange schaffst du es, sechzehn Stunden pro Tag zu arbeiten, ohne Körper und Geist zu schädigen?

Den Psychiater oder Therapeuten, den du nach dieser Schlussrechnung benötigst, kannst du von deinem Stundenlohn niemals bezahlen.

Als Vergleichswert: Das Salär für ungelernte Hilfskräfte bei McDonalds liegt bei €9/h. In der obersten Tarifstufe liegen bei der Hamburgerschmiede dann bis knapp über €19 pro Stunde drin. Natürlich besitzt du (anders als ein Komponist) keine Rechte als Urheber an den Hamburgern, die du brätst. Aber in den Zeiten zunehmender Buy-outs machen Musikrechte in der Musikproduktion auch nicht mehr fett.

Aber klar, vielleicht bist du die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Vielleicht sind deine Musikproduktionen nur Schrott und trotzdem landest du damit ganz oben. Ich gönne es jedem. Nur vertrauen darauf tue ich nicht mehr.

Familienangelegenheiten

Es ist nicht nur der finanzielle Aspekt der Musikproduktion, der beunruhigend sein kann.

Wenn du Familie oder andere Angehörige hast, was ist mit ihnen? Dein Zeitbudget, das du in eine Beziehung investieren kannst, ist begrenzt. Und wenn es Kinder zu betreuen gibt, wie geht deine andere Hälfte mit deinen Karriereplänen um? Am Ende deines Arbeitstages wirst du todmüde ins Bett fallen. Waschen, kochen, putzen? Vergiss es, solange deine Produktion läuft.

Stell dir vor, du hast einen Urlaub mit deiner Liebsten gebucht, und am Vorabend oder am Morgen vor der Abreise taucht ein Job auf! Was tust du? Der gesunde Menschenverstand sagt: Schnaps ist Schnaps und Ferien sind Ferien! Steig in das Flugzeug, sonst kriegst du kräftig Ärger. Aber was, wenn du danach nie wieder eine Anfrage von diesem Kunden erhältst? Was ist wichtiger? Deine Musikkompositionen? Geld? Deine egoistische Liebe zur Musik? Deine Karriere? Oder deine Work-Life-Balance und deine Beziehung.

Wenn du dir das überlegst, vergiss eine Karriere im Musikbusiness. Dann wähle einen normalen Job. Der wird dich glücklicher machen als die Komposition von Musik für Fernsehen, Kinofilme oder Unternehmensfilme.

Wenn du dir vorstellen kannst, etwas anderen zu tun, bist du hier falsch. Verstehe mich richtig. Das bedeutet nicht, dass du nicht jeden Tag die Frage stellen sollst, ob dein Weg der richtige ist. Diese Fragen gehören dazu und die Antworten darauf machen dich stärker.

Funkstille gehört dazu

Hast du jemals eine deiner Kompositionen jemanden vorgespielt, dich zurückgelehnt und heimlich gedacht: „Das ist gut, richtig gut!“, nur um dich dann völlig leer und kaputt zu fühlen, wenn deine Vertrauensperson deine Musik nicht überzeugend findet?

In der Welt der Film- und Fernsehkomposition ist es noch dreihundertvierunddreißigmal schlimmer:

Normalerweise findest du während einem Projekt keine Zeit, deine Tracks so zu polieren, wie du es dir vorstellst. Oft fühlt es sich an, als ob der Kurier schon ungeduldig vor deiner Haustür wartet, um deine fertigen Master zur Synchronisation zu bringen. Und schlimmer noch. Du wirst sehr selten, wenn überhaupt, ein Feedback auf deine Arbeit erhalten. Wenn deine Rechnung bezahlt wird, dann hast du einen guten Job gemacht. Aber Feedback? Nein! Rückmeldungen sind und bleiben in diesem Geschäft eine Ausnahme.

Wenn du ein sensibler Typ bist, können diese fehlende Rückmeldungen auf deine Arbeit überaus irritierend und belastend sein.

Du weißt nie, warum du den nächsten Auftrag bekommst. Oder nicht bekommst. Vielleicht liegt es an deinem Stil? Oder der fragliche Regisseur hat eine Cousine, in deren WG es jemanden gibt, der gleichzeitig mit dir um den nächsten Job pitcht! Es kann sogar daran liegen, dass dein Name nicht zufällig zur richtigen Zeit am richtigen Ort aufgetaucht ist. Damit musst du in der Musikproduktion und im Filmgeschäft erstmals umgehen können. Manchen Menschen lernen das nie.

Ohne Freunde schaffst du es niemals

Das Leben als freischaffender Komponist ist eine Existenz voller Höhen und Tiefen. Stell dir vor, du hast deinen sicheren Job aufgegeben, um von der Musik zu leben. Du hast alles, wirklich alles riskiert, viel mehr getan als jeder normale Mensch erwarten kann … – und die Reaktion darauf ist: keine!

Dein Auftraggeber nimmt das Telefon nicht an. Die einzigen Anrufe, die du bekommst, sind von der Bank, die sagt, dass sie die Geschäftsbeziehung mit dir nicht verlängern wird.

Das tut weh. Wer ist da, um dich aufzufangen, wenn du fällst?

Emotionale Unterstützung ist in diesem Moment entscheidend. Ohne kommst du nicht weiter. Hinter jedem erfolgreichen Komponisten stehen ein treuer Freund und eine treue Freundin. Es spielt keine Rolle, ob diese Person ein Elternteil oder ein Partner ist. Wenn du jemanden kennst, der es ebenso wie du versucht, einen Fuß in die Musikproduktion zu bekommen, kann diese Person die beste Hilfe von allen sein, weil sie dich besser versteht als jede andere Person.

Ich würde gerne sagen, dass es mit der Zeit und fortschreitender Karriere besser wird. Das tut es und das tut es nicht. Wenn du anfällig für Sorgen und Ängste bist, wird dieser Charakterzug im Laufe der Zeit nur noch schlimmer. Auf der anderen Seite, wenn du entspannt bist und es dich überhaupt nicht schert, was mit dir passiert, bist du wohl auch am falschen Ort und im falschen Geschäft gelandet.

Immer noch bereit?

Welchen Teil von „Vergiss es!“ hast du nicht verstanden? Bist du noch bei mir? Trotzdem willst du? OK, dann wird dich nichts und niemand daran hindern, das Unmögliche zu versuchen: Dann kannst du es schaffen!

Empfohlene Bücher

Es gibt unendlich viele Bücher, die einen tieferen Einblick oder eine Analyse der Musikproduktion für Kino oder TV bieten. Darunter gibt es fette Wälzer, die bestehende Partituren analysieren und erklären, wie sie im Detail konstruiert wurden. Andere versprechen absurde Rezepte, wie man als angehender Filmkomponist Millionen verdienen kann. Hüte dich vor solchem Schund, der meist aus den USA stammt und direkt in den Mülleimer gehört. Achte auch darauf, dass du keinen verstaubten Schmöker erwischst, dessen Autor noch nicht mitbekommen hat, wie die digitale Welt funktioniert.

Die folgenden Filmbücher sind meiner Meinung nach ebenso lesenswert wie erwähnenswert:

Besonders hinweisen möchte ich auf eine Spezialausgabe von Sound & Recording zum Thema Musikkomposition. Marcel Barsotti, Prof. Dr. Jendrosch, Matthias Fuchs, Frank Schreiber und weitere Autoren teilen hier in Wissen aus der Filmmusikproduktion. Ebenso findet sich hier eine bestechende Analyse von Henning Verlage zum Kompositionsstil von Hans Zimmer. Die Spezialausgabe lässt sich für 2,90 € hier online erwerben.

Ausbildung, Weiterbildung und Kurse

Es gibt viele Möglichkeiten, mehr über die Musikproduktion zu lernen. Nahezu alle Ausbildungsstätten behaupten, dich auf die verrückte Welt der Musikproduktion vorbereiten zu können. Die Spreu vom Weizen zu trennen ist diesbezüglich schon eine Kunst für sich.

Du kannst dich ewig lange der Theorie widmen: lernen wirst du es erst, wenn du selbst Filmmusik komponierst.
Michael Chiacchino, Komponist und Oscar-Preisträger

Die besten Kurse sind meiner Meinung nach diejenigen, die sich mit der Praxis beschäftigen: Du musst das Handwerk und die dazu notwendigen Werkzeuge Kennenlernen. Nicht nur die Theorie. Talent hast du. Oder nicht. Daran ändert keine Schule etwas.

Als Lehrer willst du erfahrene Komponisten. Suche dir eine Ausbildungsstätte, die deinen Horizont ebenso wie dein Netzwerk erweitern.


Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls logo

Daniel D. Meister
Wer ist Daniel D. Meister? 1 Artikel
Daniel D. Meister ist Music Composer und Sound Designer für Auftragskompositionen, Film und TV. Er ist zwischen zwei Welten aufgewachsen: der großen Liebe seiner Eltern für Country Musik und der eigenen Faszination für Elektropop der beginnenden 1980er Jahre.

Deine Erfahrungen sind gefragt!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*