Regieassistenz als Filmberuf: Brückenbauer auf dem Filmset

Meistverkannt, aber richtig wichtig

Was ist 1st AD und was macht die Regieassistenz?
Das Berufsbild Regieassistenz und 1st AD im Portrait

Und dann gibt es noch … – die RegieassistenzDiese müsste eigentlich an die Spitze jeder Auflistung der Assistenz-Funktionen beim Film stehen. Oder noch besser, gar nicht Teil dieser Aufzählung sein. Denn der Regieassistent ist von seiner Funktion und Tätigkeit her kein (!) Regieassistent im Wortsinn. Dieser Artikel erklärt warum.

Jeder der beim Film ein klein wenig was taugt, kriegt eine Assistenz. Der Kameramann arbeitet auf dem Filmset mit ein oder zwei Kamera-Assistenten. Die Ton-Crew hat ihren Ton-Assistenten, zum Beleuchter gehört der Beleuchter-Assistent, und so weiter und so fort. Das mindert den Wert der Bezeichnung Assistenz zusätzlich. Für die Regieassistenz darf man mit gutem Recht behaupten: Diese Bezeichnung ist, gelinde gesagt, leicht missverständlich. Also falsch!

Darum fasst FILMPULS unter dem Begriff Regieassistenz beide Formen, die Regieassistentin und den Regieassistenten, zusammen. Die englische Sprache, verbunden mit dem Blick nach Los Angeles, verspricht schon mal etwas Klärung. Im Abspann von Spielfilmen werden da nämlich nebst der Regie immer zwei Assistenz-Funktionen aufgeführt. Es gibt den Director’s Assistant und den Assistant Director:

 1. Assistant Director vs. Regieassistenz

Der Assistant Director (AD) übernimmt beim Film machen auf dem Set unterstützende oder in kleinerem Rahmen eigenständige Regie-Aufgaben. Damit entlastet er den Regisseur, dessen Anweisungen er folgt. Die Wichtigkeit dieser Funktion wird auch daraus ersichtlich, dass der AD in der Regel bei Spielfilmen selbst einen oder zwei Assistenten beschäftigt. Wer als AD seine Sporen beim Film abverdient tut dies in der Regel, weil er sich damit für eine spätere Karriere als Regisseur empfehlen will.

Assistant Directors do not need to be well-read. They don’t necessary have to have seen another movie, either. Or maybe, all the’ve ever seen are movies.
John Carpenter

Im deutschen Sprachraum wird der AD als Regieassistenz bezeichnet, auch wenn die Funktion eine andere ist. Der 1. Regieassistent hat andere Aufgaben. Er strebt selten nach dem Job des Regisseurs. Dafür darf er sich auf die Flagge schreiben, den wohl härtesten Job zu haben, den es beim Film gibt (vielleicht mit Ausnahme der Drehbuchautoren).

Second Unit Director (2nd Unit Director)

Die Übernahme eigenständiger Regie-Aufgaben kann bei großen Spielfilmen oftmals auch in Form der Leitung einer sog. 2nd Unit, einer zweiten Regie-Einheit, erfolgen. In ihr dreht die Regieassistenz beispielsweise parallel zu den Dreharbeiten mit einer kleineren Crew. Beispielsweise Stimmungs- und Landschaftsaufnahmen. Darum kann die Arbeit des Second Unit Directors unter Leitung des Regisseurs entweder losgelöst (vorab oder nachher) oder auch parallel zum Hauptdreh erfolgen.

Crowd Control (2te Regieassistenz)

Übernimmt die Regieassistenz Aufgaben bei der Inszenierung von Statisten oder bei der Inszenierungen von Szenen mit komplexen Bewegungsmustern vor der Kamera, wird die Tätigkeit des Regie-Assistenten auch als Crowd Control bezeichnet. Wörtlich übersetzt in die deutsche Sprache bedeutet der Begriff: Steuerung von Menschenmassen vor der Kamera. Konkret sind das meist Statisten, wie sie bei einem Dreh an einem Bahnhof vorkommen. Diese Funktion übernimmt in der Regel der 2te Regieassistenten (also der erste Assistenten des 1ten Regieassistenten) übernommen.

2. Director’s Assistant

Der Director’s Assistent tut im Gegensatz zum AD das, was man sich gemeinhin unter dem Begriff Regieassistenz vorstellt: Notizen kopieren, Korrespondenz erledigen, Kaffee bringen, und auch mal Blumen für die Liebste des Regisseurs kaufen.

Der Director’s Assistent ist die persönliche Assistenz des Regisseurs. Deshalb ist er vom ersten Drehtag an mit dabei. Oftmals ist er schon bei der Drehvorbereitung oder sogar während der Drehbuchentwicklung in administrative Belange einbezogen. Er ist «das Mädchen für Alles». Mit großem Herz für kreative Persönlichkeiten mit Charisma, mit viel Energie und mit noch mehr Nerven.

3. Die Regieassistenz

Weil die Projektgröße im amerikanischen Unterhaltungskino meist markant über derjenigen europäischer Autorenfilme liegt, ist auch die Arbeitsteilung bei Filmberufen in den USA viel höher als hierzulande.

Die Funktionen und Aufgaben der Regieassistenz und besonders 1. Regieassistenten unterscheiden sich im Berufsbild im deutschsprachigen Raum allerdings radikal von denjenigen des AD in von angelsächsischen Produktionen geprägten Ländern. In Europa übernimmt der Regieassistent, anders als in Amerika oder beim Theater, nicht stellvertretend für den Regisseur einen Teil der eigentlichen Regieaufgaben.

Diese bleiben, meist auch aus budgetären Gründen, in den Händen des zu einer Pauschale verpflichteten Regisseurs. Möglich ist das, weil der Regieassistent den Regisseur dafür in anderen, ebenso wichtigen, Aufgaben entlastet: im Abgleich mit der Produktion.

Die Produktion eines Filmes ist, immer und wie in überall wo es um Projekte geht, ein Monster: Tausend erfolgsrelevante, sich wechselseitig beeinflussende Dinge müssen zeitgleich logistisch und budgetär in den Griff bekommen werden, und dazu vorher besprochen, diskutiert, verworfen, re-evaluiert und entschieden werden.

Und hier kommt die Regieassistenz zum Zug. Er ist als Vertreter des Regisseurs die Schnittstelle zwischen Kreation und Herstellung. Er erstellt die Tagesdisposition (Call Sheet). Der Regieassistent ist damit nicht nur dem Regisseur, sondern auch dem Produzenten, dem Budget und dem Zeitplan verpflichtet.

Crow Control

Ist der Umfang der Aufgabenstellungen beim Dreh zu anspruchsvoll für eine einzelne Person, wird der Regieassistent als 1. Regieassistenz bezeichnet. Seine ihm zuarbeitenden Assistenten sind dann folgerichtig in der Hierarchie die 2te Regieassistenz und die 3te Regieassistenz. Diesfalls übernimmt die 2. Regieassistenz meist auch die Anleitung von Statisten.

Darum werden die 2te und 3te Regieassistenz als Stab und von der 1. Regieassistenz angeleitet und geführt.

Fazit

Anders gewendet: Wer den Job der Regieassistenz ohne …

  • … diplomatisches Geschick;
  • … langjährige Erfahrung in untergeordneten Funktionen;
  • … Verständnis für fast alle Aspekte der Filmherstellung und die damit verbundenen, scheinbar unlösbaren Probleme; und vor allem
  • … weit überdurchschnittlicher Sozialkompetenz zu besitzen; und
  • … die Bereitschaft, als Schwerarbeiter während der Produktionslaufzeit weder auf  Schlaf noch auf Zeit für sein persönliches Umfeld zu verzichten

… zu machen versucht, der macht ihn nur einmal. Weil er oder sie als Regieassistenz entweder von Seiten der Regie oder des Produzenten unter die Räder kommt, oder zwischen diesen beiden Polen und ihren Ansprüchen zermalmt wird. Auch darum dauert die Ausbildung und das Training on the Job viele Jahre.

Der Regieassistenz gebührt daher allerhöchsten Respekt. Gute Produzenten und Regisseure wissen, dass ein guter Regieassistent für die Qualität, für das Budget und für das Termin-Layout ihres Film wenn nicht Gold, so doch mindestens Silber wert ist. Auf der gezielten Suche nach der Zusammenarbeit passen sie sogar die Drehtermine ganzer Spielfilme an die Verfügbarkeit ihres präferierten Regieassistenten an. Denn ihnen ist bewusst: Wie sie selbst ist auch die Regieassistenz für ihre Aufgabe geboren und ein Ausnahme-Talent.

Mehr zur Arbeit auf dem Filmset findest Du hier: Filmregisseur: Wie man Schauspieler und Filmcrews anleitet

Literaturhinweise

  • Gaffers, Grips and Best Boys: A behind-the-scenes look at who does what in the making of a Motion Picture, Eric Taub, St. Martin’s Press, New York 1994
  • Berufe beim Film, Thomas Geser, Verein Zürich für den Film (Herausgeber), 1991 (aktuell vergriffen)

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