Die virtuelle Filmproduktion wird real: So sieht die Zukunft des Filmemachens aus

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Virtuelle Filmproduktion mit LED-Videowalls | © Bild: SONY

Eine der größten Veränderungen, die die Produktion von Film und Video je gesehen hat, steht vor der Türe. Sie heißt „Virtual Production“ und wirft so ziemlich alle Produktionswege über den Haufen, die seit der Erfindung des Filmes Gültigkeit besaßen. Die Art wie Filme gemacht werden, ändert sich damit fundamental.

Um es gleich vorauszuschicken: Dieser Artikel dreht sich nicht um Dinge, die eines Tages möglicherweise dein Leben als Filmemacher verändern. Er zeigt einzig und allein auf, was in der Filmproduktion in vielen Ländern bereits geschieht. Die Technologie, die aktuell unter dem Namen „Virtual Production“ zusammengefasst wird, bewährt sich schon heute bei Spielfilmen und Werbespots.

Was bedeutet Virtual Production?

Virtual Production ist ein Sammelbegriff, der wörtlich aus der englischen Sprache übersetzt nichts anderes heißt als virtuelle Produktion. Diese aber hat es in sich.

Anders als bisher verschmelzen bei dieser Art, Filme zu produzieren, die Realität und virtuell erzeugte Kulissen. Dies in Echtzeit und mit Einbezug sämtlicher Elemente, die für das Filmemachen entscheidend sind: Bildkomposition, Licht, Farbe, Perspektiven, Dekor, Kamera und Schauspieler werden bei der virtuellen Produktion in Realtime direkt bei der Inszenierung kombiniert.

Die Filmindustrie springt in diesen Monaten gerade vom Filmemachen 1.0. direkt zum Filmemachen 5.0.
Joe Russo

Filmemacher

Damit ist Virtual Production in technischer Hinsicht eine Verschmelzung von Film und Game. Denn erst die leistungsstarken Game Engines ermöglichen heute zusammen mit modernster LED Technologie virtuelle Filmproduktionen mit einem Rendering in Echtzeit, also ohne jegliche Verzögerung. Und nein, das ist weniger teuer, als du denkst.

Warum in „The Mandalorian“ virtuelle Sets statt Greenscreen verwendet werden | © YouTube, Movies Insider

Virtual Production Mandalorian

Für einen Filmemacher bedeutet dies, dass er mit seinem Kameramann und Schauspielern in einem Studio steht. Die Kamera ist mit einer Game Engine gekoppelt und bewegt sich in einem sogenannten volumetrischen Raum. Der Begriff Volumetrie bezeichnet ein technisches Messverfahren, mit dem der Raum vermessen wird. Damit wird es möglich, dass der Computer sowohl die Kamera wie alle Elemente vor der Kameralinse trackt und in einer 3D-Umgebung platziert. Der Hintergrund, und nicht nur er, wird dabei mit LED-Bildschirmen bespielt, vor denen die Darsteller agieren.

Die Bildschirme mit LED-Technologie sind dabei haushohe Panels und zugleich in der Lage, den Hintergrund pixelgenau als in Echtzeit gerendertes Hintergrundbild darzustellen.

Welche Folgen haben virtuelle Filmproduktion?

Virtual Production wirft so ziemlich alles über den Haufen, was bisher den Filmprozess mitbestimmte. So gibt es bei dieser Produktionsart keine nachträgliche Bildbearbeitung mehr. Für eine Postproduktion besteht keine Erforderlichkeit mehr, weil die gesamte visuelle Erscheinung beim Dreh bestimmt und schon in der Endqualität aufgezeichnet wird.

Aber auch die Vorproduktion (Preproduction) ist bei der Virtual Production komplett neu definiert. Ein Location Scouting entfällt, weil keine realen Drehorte mehr erforderlich sind. Stattdessen erfolgt ein virtuelles Scouting: die digitalen Filmsets lassen sich im Studio schon als Skizzen als 3D Raum betreten und erkunden.

Nach dem virtuellen Scouting werden die einzelnen Szenen vorvisualisiert. Damit kann das Filmteam sämtliche kreativen Entscheide festlegen und – wichtiger – in aller Ruhe stressfrei testen.

Der Regisseur bekommt damit eine nie gekannte Freiheit, die auch dem Produzenten glücklich macht, weil durch die einem Dreh vorhergehende Testphase viele Entscheidungen fallen, die kostspielige Verzögerungen oder Wiederholungen bei den Dreharbeiten mit teuren Stars verhindern.

Beispiel: virtuelles Set, Dekor und Licht wird in Echtzeit berechnet, wird ein Möbel weggeklickt, adaptiert sich die Beleuchtung. Zugleich lässt sich die Lichtstimmung digital erzeugen und damit jederzeit ändern | © YouTube, UE4 Architecture

Virtuelle Produktion

Virtuelle Produktionen bedeuten in der Praxis:

  1. Jeder Filmemacher erhält die Möglichkeit, seine Visionen in nie gekannter Weise umzusetzen. Dies gilt besonders auch für junge Regietalente: aufwendige digitale Effekte in der Postproduktion bleiben nicht mehr nur den Stars der Szene vorbehalten. Dies darum, weil
  2. Mit der virtuellen Produktion die Kosten für die Herstellung eines Filmes sinken. Der logistische und finanzielle Aufwand für die beiden Phasen Vorproduktion und Nachproduktion entfällt nahezu während die Dreharbeiten im Studio ebenfalls kostengünstiger sind als bei real existierenden Drehorten (keine langen Anfahrtswege und Reisen an exotische Drehorte, kein Wetterrisiko, etc.)
  3. Die kreative Freiheit der Regie wird bei einer virtuellen Produktion nicht mehr durch störende externe Faktoren (vielleicht abgesehen von Produzenten) eingeschränkt. Die Regie besitzt die absolute Kontrolle über die gesamte Welt, in der die Filmhandlung angesiedelt ist.

Wer sind die Frontrunner bei dieser Entwicklung?

Für die breite Öffentlichkeit erstmals sichtbar wurde die neue Weise der Filmproduktion mit dem Spielfilm „The Mandalorian“ (2020) von Disney geworden. Dass dieser sowohl künstlerisch wie finanziell ein großer Erfolg war, hat der Virtual Production zusätzlichen Schub verliehen.

Am Set mit dem neuesten In-Camera VFX Feature Set in UE 4.27 | © YouTube, Unreal Engine

Virtual Production

In technischer Hinsicht haben LED-Panels einen entscheidenden Anteil am wachsenden Erfolg virtueller Produktionen. Einer der Anbieter, der in diesem Bereich aktuell federführend ist das Unternehmen ROE Visual mit seinen HD-LED-Studio-Screens namens Black Pearl oder die Crystal LED-Videowände von SONY.

Absolut ausschlaggebend aber sind Softwarelösungen wie Unreal (Links siehe letztes Kapitel) oder Unity. Erst sie machen die Verbindung aller virtuellen Elemente mit der Realität in Echtzeit möglich. Bis vor kurzer Zeit war dazu teure GPU-Technologie erforderlich. Durch die jüngste technische Entwicklung reichen dazu heute auch Engines in Game-Laptops und im oberen Spektrum handelsüblicher Computer. Damit ist die Einstiegshürde in diese futuristische Art der Filmproduktion nochmals entscheidend gesunken.

Aber auch die Filmschulen beschäftigen sich bereits mit der unumkehrbaren Entwicklung zur Virtual Production. So etwa die Züricher Hochschule der Künste ZHdK, die zur Ausbildung für Filmstudierende bereits ein virtuelles Filmstudio unter den Namen Immersive Arts Space betreibt.

Links zum Thema virtuelle Produktion)

Hier findest du weiterführende Informationen zum Thema virtuelle Produktion:

Fachwissen (Video, Prodcasts)
Software
Social Media

Zitat: Joe Russo ist Filmregisseur, Drehbuchautor und Produzent. Zusammen mit seinem Bruder war er als Russo Brothers unter anderem als Regisseur verantwortlich für den Spielfilm „Avengers Enddgame“ (2019).

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Über Carlo P. Olsson 84 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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