»Saltburn« von Emerald Fennell: Das Sein bestimmt das Bewusstsein | Filmkritik

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Geld verändert den Charakter nicht. Es entlarvt ihn: Saltburn | © Amazon MGM Studios

Regisseurin Emerald Fennell legt mit »Saltburn« einen Film vor, der kein Film sein will. Und darum mehr Film ist, als fast alles, was unter dem Label Spielfilm die letzten Jahre produziert wurde. »Saltburn« ist ein grandioser Widerspruch in sich. Ein Wurf, mit Kult-Potenzial. Wer sich auf die Reise mit Barry Keoghan, Jacob Elordi, Rosamund Pike, Richard E. Grant, Alison Oliver und Archie Madekwe einlässt, wird reich belohnt. Und bestraft.

Emerald Fennell kennt die breite Öffentlichkeit als Schauspielerin. Sie spielt die schwangere Freundin von Barbie in der Realverfilmung mit Margot Robbie in der Hauptrolle.  Robbie ist denn auch Mitproduzentin von »Saltburn«.

In der Filmindustrie hat die Engländerin Fennel erstmals mit der Erfolgsserie „Killing Eve“ und letztes Jahr als Oscargewinnerin für das beste Drehbuch ihres Erstlingsfilmes „Promising Young Woman“ auf sich aufmerksam gemacht.

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SALTBURN Trailer German Deutsch UT (2023) Barry Keoghan

Saltburn

Wir werden alle den Verstand verlieren

Filmtitel
Saltburn (2023)
Regie
Emerald Fennell
Filmdauer
2 Std. 11 Min.
Darsteller:in
Barry Keoghan, Jacob Elordi, Rosamund Pike, Richard E. Grant, Alison Oliver, Archie Madekwe
Bewertung
★★★★☆☆
71 % von 1'464 Menschen lieben diesen Film
Genre
Drama, Komödie, Thriller
Box Office vs Budget
Einspielergebnis: 19 Mio. USD (Produktion: 13 Mio. USD)

Oliver Quick (Barry Keoghan) studiert in Oxford. Dort freundet er sich mit dem zur englischen Oberschicht gehörenden Felix Catton (Jacob Elordi) an. Als Felix vom Tod von Olivers Vaters erfährt, lädt der gutaussehende und stinkreiche Zögling einer englischen Adelsfamilie Oliver über den Sommer auf das weitläufige Anwesen seiner Familie, Schloss Saltburn, ein.

 

In Saltburn lernt Oliver die Eltern von Felix kennen: Sir James (Richard E. Grant) und Lady Elspeth (Rosamund Pike). Er verführt Venetia, die Schwester von Felix, argwöhnisch beobachtet vom amerikanischen Cousin Farleigh. Trotzdem gewinnt Oliver rasch die Sympathie der Familie, und findet sich plötzlich statt in einem Sommermärchen in einem Albtraum wieder.

Ansehen
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★★★★★ = empfehlenswert | ★ = kaum sehenswert
Credits & Filmdaten von | Nutzung erfolgt eigenverantwortlich


»Saltburn« nun ist dermaßen klug konzipiert, dass man sich als Insider fragen muss, wie man so viel Zeitgeist dermaßen elegant in einen Film verpacken kann. Das Sein, erkannte schon Karl Marx, bestimmt das Bewusstsein. Emerald Fennell hat selbst in Oxford, wo die erste Hälfte des Filmes spielt, studiert. Und ist als Tochter aus einer bekannten Juweliers-Familie selbst Teil der englischen Oberschicht.

 

Die Frau weiß also, was sie erzählt.

 

Erzählen aber tut die Regisseurin so, als hätte sie keine Zeit, sich kurzzufassen. »Saltburn« muss man wollen. Dürfen. Und können.

 

Zuerst das Bildformat. Quadratisch nahezu, in Farbe, aber man erinnert sich sofort an „The Lighthouse“ von Robert Eggers. Das Filmformat: perfekt für Smartphones, ein Schlag ins Gesicht für jeden Filmfan. Mehr Anti-Cinemascope ist nicht möglich. Doch was der schwedische Kameramann Linus Sandgren damit in »Saltburn« macht, ist das Gegenteil von Mäusekino. Er zeigt, genauso wie die Story: Großes Kino entsteht im Kopf.

 

Die Handlungsbögen in »Saltburn« sind wie die unsichtbaren Fäden einer Spinne ausgelegt. Zart verwoben, einige Fäden absichtlich sichtbar, wer sich ihnen gewahr wird, geht umso mehr in die Falle. Die Dramaturgie verweigert sich ähnlich wie ein Ölgemälde alter Meister dem Tempo. Wissend, dass bereits alles im Bild angelegt ist und Bilderrahmen das Auge führen, bewusst manchmal auch in die Irre.

 

(Mausklick auf Grafik öffnet Gegenargumente)
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Warum Saltburn (2023) gut ist: Filmkritik

Warum Saltburn (2023) gut ist:

Selten hat man - trotz des Bildformats - eine so geniale Kamera wie bei Saltburn erlebt.

Die Schauspieler:innen im Film sind allererste Sahne. Jede und jeder einzelne.

Diese drei Szenen, die sich dem Zuschauer in die Augen brennen, sind grandios!

Je länger desto stärker wachsen die Zweifel, wohin die Filmreise führt.

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Was am Film Saltburn nervt: Filmbesprechung

Was am Film Saltburn manchmal nervt:

Muss es wirklich ein nahezu quadratisches Bildformat sein, damit es Kunst ist?

Der Film erinnert immer wieder, und nicht nur, an "Der talentierte Mr. Ripley".

Bis die Handlung so richtig in die Gänge kommt, dauert es. Vorher ist es nur nett.

Der Genre-Mix wirkt teilweise bemühend aufgesetzt und gesucht.

 

Verwirrend, was »Saltburn« beim Publikum auslöst.  Kaum war der Film im Kino, trat der Film in den sozialen Medien einen Hype los, der sich gewaschen hat. Schuld daran sind einige verstörende Momente, die fast schon bewusst Meme-tauglich auf Kontroverse getrimmt sind. Sind diese Szenen – die ich hier sicherlich nicht verraten werde – tatsächlich so schockierend, wie in den Internet-Diskussionen behauptet wird? Meine Meinung: nur für diejenigen, welche die Filme von Luis Buñuel, Werke wie „La Grande Bouffe“ (1973) von Marco Ferreri oder „The Cook, the Thief, His Wife and Her Lover (1989)“ von Peter Greenaway nicht kennen.

 

Das hysterische Getue bei TikTok um die Deutungshoheit dürfte auch eine kluge Strategie sein. Geschuldet dem, was als Streaming Wars durch die Filmbranche geistert. »Saltburn« war in den USA in den Kinos – um sich für die Oscars zu qualifizieren, nehme ich an – und war dann plötzlich, noch mitten im Wirbel um „Was-darf-ein-“ Film, nur noch als kostenpflichtiger Stream bei Amazon erhältlich. Dies, bevor der Film in einzelnen Ländern überhaupt in die Kinos kam. Für Kinobetreiber und Lover des gemeinschaftlichen Kino-Erlebnisses ein harter Schlag.

 

Barry Keoghan, Rosamund Pike, Jacob Elordi und Richard E. Grant – man kann sich des Gefühls nicht verwehren, mit ihnen einen Sommer auf Schloss Saltburn, das dem Film den Namen gibt, verbracht zu haben. Was natürlich angesichts der Dinge, die Emerald Fennell dort geschehen lässt, wenig wünschenswert wäre.

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Gabriela Weingartner 24 Artikel
Gabriela Weingartner ist überzeugt, dass der Autor Patrick Süskind recht hat, wenn er sagt: »Man muss gescheit sein, um in der dummen Sprache des Films eine Geschichte klug erzählen zu können.«

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