Wie Timing und Pacing den Rhythmus der Montage im professionellen Filmschnitt bestimmen

Timing Pacing Filmschnitt
Timing und Pacing: essenziell für den Videoschnitt | © Symbolbild: Pavel Sokolov

Die Dauer eines Spielfilms definiert sich nach Hitchcock durch das Fassungsvermögen der menschlichen Blase. Aber auch der Filmschnitt spricht bei der gefühlten und effektiven Filmlänge ein Wörtchen mit. Dieser Artikel erklärt, warum Pacing und Timing für den Rhythmus eines Films entscheidend sind.

Filmstorys werden bekanntlich nicht mit dem Hammer zusammengenagelt. Sie werden im Schneideraum intelligent montiert und im Idealfall kunstvoll arrangiert. Die Kraft des Filmschnitts liegt dabei nicht nur im Zusammenspiel von vielen Einzelteilen, die damit zu mehr als ihrer Summe werden. Auch der Rhythmus bestimmt im Filmschnitt über das Potenzial mit. Mit gutem Grund bezeichnen professionelle Cutter ihre Tätigkeit darum nicht als „Filme schneiden“. Sie sprechen nicht ohne Stolz von der Montage.

Was heißt Filmschnitt?

In einem engeren Sinn definiert, bezeichnet das Wort „Filmschnitt“ nur den technisch-physischen Umgang mit Rohmaterial: Filme werden gekürzt oder mit Software im Computer neu zusammengesetzt. Dabei wird eine sequenzielle Abfolge von Einzelbildern verlängert oder verkürzt. Das ist mit dem Begriff  Timing gemeint.

Der professionelle Filmschnitt umfasst, nebst den Veränderungen der Länge einer Einstellung, die Betrachtung eine weitere Dimension: das Pacing. Jede einzelne Einstellung besitzt in sich – außer es handelt sich um eine absolut statische Aufnahme – bereits einen Rhythmus. Auch diesen gilt es in den Filmschnitt einzubeziehen.

Wie spielen Pacing, Timing und Rhythmus zusammen?

Pacing und Timing beeinflussen einander. Sie stehen in einer Wechselbeziehung. Ihr inhaltliches Fundament bildet die Story, Ihre technische Basis sind die beim Filmdreh generierten Aufnahmen.

  • Timing
  • Pacing
  • Rhythmus

Grafik 1: Zusammenspiel von Timing, Pacing und Rhythmus

Pacing und Timing ergeben in der Kombination den Rhythmus eines Films.

Pacing

Der Rhythmus innerhalb einer Einstellung heißt Pacing.  Das Wort kann in der deutschen Sprache sinngemäß als Takt oder Tempo übersetzt werden. Bewusst gewählt oder unbewusst entstanden: Der Pace ist der Herzschlag eines Films.

Das bedeutet Pacing für den Filmschnitt in der Praxis
  •  Bei der Bestimmung des Takts geht es immer darum, das Tempo eines Films gezielt und passend zur Handlung zu steuern.
  • Der Takt eines Films muss im Gleichklang zur Story stehen.
  • Pacing erzeugt für den Zuschauer rhythmische Strukturen. Dies geschieht durch das Timing der jeweiligen Filmsequenz.
  • Zeitraffer, Blende oder Zeitlupe können mithelfen, den Takt im Filmschnitt zu formen oder zu verändern.
  • Tempo besteht beim Filmschnitt auf zwei Ebenen: sowohl innerhalb einer Einstellung als auch über eine Abfolge von Einstellungen hinweg.
  • Pacing entsteht nicht nur durch visuelle Auslöser (Bewegungen). Auch das Zusammenspiel von Bild und Tonebene prägt den Rhythmus.

Bereits 1901 erkannte der Filmpionier James Williamson: Filmzeit und reale Zeit sind in der Regel nur auf der Ebene der Einstellung identisch. Im Filmschnitt lässt sich die Realität mittels Pacing bewusst neu arrangieren – und manipulieren.

Timing

Wesentlich für den Rhythmus jedes Films ist die Länge einer Szene, die wiederum durch Einstellungslängen bestimmt wird. Der Unterschied zwischen Timing und Tempo zeigt sich darin, dass das Timing einer Einstellung das Pacing beim Filmschnitt verstärken oder zerstören kann.

Das bedeutet Timing in der Praxis für den Filmschnitt
  • Timing bezeichnet die Länge und damit den Einstiegs- und Ausstiegspunkt einer Einstellung. Wird zu früh oder zu spät geschnitten, ändert sich die Wirkung.
  • Ist das Timing bei Start und Ausstieg zu kurz hintereinander gewählt, hat das Auswirkungen auf das Pacing.
  • Ein (zu) schneller Rhythmus lässt den „Pace“ zu hoch werden. Ist der Rhythmus träge, langweilt sich der Zuschauer.
  • Stimmt das Bildtempo mit Genre und Story nicht überein, fühlt sich der Filmschnitt für das Kinopublikum seltsam an.
  • Die richtige Wahl des Einstiegs- und Ausstiegspunkt im Schnitt ist ähnlich anspruchsvoll wie beim Scriptwriting. Auch dort ist der wahre Meister daran zu erkennen, wie und wo er in eine Szene ein- und aussteigt.
  • Werden bei der Überarbeitung von Schnittversionen einzelne Takes neu gekürzt oder verlängert, muss durch das veränderte Timing auch das Pacing ebenfalls erneut auf Übereinstimmung mit der Storyline beurteilt werden.

Bei der Festlegung des Timings arbeiten erfahre Cutter mit Ellipsen.

Fazit zum Filmschnitt

Meisterregisseur Stanley Kubrick vertrat in Interviews mehrfach und mit Nachdruck die Überzeugung, der Filmschnitt sei wichtiger als Arbeit auf dem Filmset. Er fügte seiner Aussage aber jeweils den augenzwinkernden Zusatz bei, allerdings der Filmschnitt leider ohne Dreharbeiten nun mal nicht möglich.

Das musst du wissen

  • Der Filmschnitt geht weit über das reine, sogenannte „schneiden“ hinaus. Verstanden als Montage, umfasst er auch essenzielle bildgestalterische Aspekte wie Timing und Pacing.
  • Als Pacing bezeichnet man Rhythmus, der innerhalb einer Einstellung durch die Kameraführung und Regie angelegt ist.
  • Das Timing ist die für den Filmschnitt gewählte Länge einer Einstellung. Diese ist selten identisch mit der Drehlänge. Damit wird auch klar, dass eine mit einem bestimmten Rhythmus gedrehte Einstellung durch einen missverstandenen Schnitt sabotiert, um nicht zu sagen, zerstört werden kann.
  • Timing wie Takt erzeugen den Filmrhythmus. Dieser wiederum folgt der Interpretation der Handlungslinien durch Regisseur und Cutter.

Weiterführende Literatur (Auswahl):

  • Ein dialektischer Zugang zur Filmform, Sergej Eisenstein, 1929
  • Ästhetische Theorie, Theodor W. Adorno, 1973

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Dieser Artikel wurde erstmals publiziert am 29.03.2016

Pavel Sokolov 49 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen, aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

2 Kommentare

  1. Danke Pavel für diesen Beitrag. Gerade die Montage, also das sorgfältige Zusammensetzen eines Filmes, das erspüren des Rhythmus, das annähern an perfekte Bewegungen und Verbindungen, die Freude an der Musik, einfach diese riesengroße Spielwiese mit all ihren Facetten und Möglichkeiten verführen mich immer wieder dazu -auch wenn es da anderweitige Meinungen dazu gibt- meine Filme selber zu schneiden -verzeihe- zu montieren!

  2. Die Montage ist die Brücke ins Herz des Zuschauers. Der Schnitt ist der Abgrund, welchen der sequentielle Herstellungsprozess im Film hinterlässt und den es mit der Montage zu überwinden gilt.

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