Kameraführung in Film und Video (Teil 4): So führst du die Kamera richtig

Leitfaden zur Qualitätssicherung

Kameraführung in Film und Video (Teil 4): die wichtigsten Regeln
Man muss nicht alles wissen, aber es schadet auch nichts! | Bild: Cinematographer Ed Lachman, ASC

Der vierte und letzte Teil der Serie zu Bewegung im Film fasst nochmals die wichtigsten Regeln zur Kameraführung zusammen. Er erklärt, nach welchen Kriterien Bewegung eingesetzt werden sollte.

In einer vierteiligen Serie beleuchtet Filmpuls die Bewegung im Film. Deren Grundsätze (Teil 1), Schwenks (Teil 2) und Kamerafahrt (Teil 3) gehören zusammen mit der Montage und der Bildbeleuchtung zu den wichtigsten filmischen Ausdrucksmitteln.

Das musst du wissen

  • Die Kameraführung wird vom Kameramann in Absprache mit dem Regisseur festgelegt.
  • Jede Bewegung der Kamera zieht Konsequenzen mit sich. Erstens mit Bezug auf die inhaltliche Wahrnehmung. Zweitens, weil die Ansprüche an die Inszenierung ändert.
  • Eine Kameraführung, die gezielt Bewegungen der Kamera einsetzt, erhöht damit das Gefühl der Lebensnähe und damit die Authentizität. Darum bewegen sich die Kameras in Hollywoodfilme nahezu ohne Ausnahme.
  • Die wichtigste Regel zur Führung der Kamera ist die sog. 30-Grad-Regel. Sie gibt bei Veränderung der Kamaerapositionierung den Blickwinkel vor.

Regeln zur Führung der Kamera

Wie für die Montage die Verwendung von Kameraeinstellungen gibt es Regeln. Aber: Systematische, streng wissenschaftliche Maßstäbe für die Beurteilung von Kamerabewegungen gibt es nicht. Einigkeit herrscht, losgelöst von den verfügbaren Kameratypen, immerhin darüber, dass

  1. alle durch die Handlung dramaturgisch motivierten Bewegungen immer und grundsätzlich berechtigt sind;
  2. Bewegungen durch ein dynamisches Element vor der Kamera ausgelöst werden können;
  3. die Kamera sich, stellvertretend für das Auge des Zuschauers, auch selbst um ein Objekt herum bewegen darf.

Professionelle Filmschaffende beachten diese Regeln zur Kameraführung. Damit unterscheiden sich sie von Schmalspurfilmern, Laien und semiprofessionellen Filmschaffenden. Die wichtigsten fünf Regeln für die Kameraarbeit lauten:

1. Dramaturgische Notwendigkeit ist zwingend

Veränderungen des Bildausschnitts OHNE dramaturgische Notwendigkeit bleiben bei der Kameraführung dem experimentellen Film und Amateuren vorbehalten. Als breit akzeptierte Ausnahme gelten einzig Bewegungen, die durch ein Objekt vor der Kamera ausgelöst werden.

Sequentielles Erzählen erfordert ein „um die Ecke denken“

Nicht nur am Bahnhof und in der Continuity gibt es Anschlüsse. Auch die Einstellungen sollen später im Editing vom Cutter zu einem runden Ganzen zusammenfinden. Das erfordert nicht nur ein Voraus-, sondern auch ein gesamtheitliches Mitdenken des Kameramannes.

Wer das erste Mal bei einem Film oder einem Video Regie führt, wird feststellen, dass das Vorausdenken einer sequenziellen Abfolge von Bildern weniger einfach ist, als gedacht. Damit im Schnitt aus den aufgenommenen Bildern der Eindruck einer nahtlosen Handlung entsteht, gilt es als Kameramann bei der Kameraführung in jeder Einstellung auf mehr als nur Bildkomposition, Licht, Farbe, Perspektiven, Bildschwerpunkte und Bewegungen zu achten.

Mit Bewegung schafft die Kameraführung Raumgefühl und Authentizität

Kamera-Führung in Film und Video: die wichtigsten Regeln
Achsensprung bei der Kamera-Arbeit

Kamerafahrten erhöhen das Raumgefühl des Zuschauers. Sie verschaffen dem Zuschauer auch ohne 3D-Aufnahmetechnik verstärkt den Eindruck, sich in einem dreidimensionalen Raum zu befinden.

Mit der natürlichen Raumtiefe und auch mit der virtuellen Realität (VR) kann die in dieser Artikelserie beschriebene, klassische Bewegung der Kamera allerdings kaum mithalten.

2. Bewegung führt den Blick

Kameraschwenk und Kamerafahrten führen, leiten und begleiten den Blick des Zuschauers. Die Kameraführung ist mit dem Entscheid über die Perspektive, unter anderem durch die Wahl der Brennweite, vergleichbar: Schwenks und Fahrten enthüllen dem Zuschauer neue Inhalte oder behalten ihm Inhalte vor.

Die gute Kameraführung versucht, die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers im Sinne der Handlung zu leiten. Bewegungen erschrecken oder überraschen den Zuschauer, unterstützt durch schnelle Schnitte in der Montage, oder sie geben dem Betrachter als rhythmisches Element den Takt für sein Erlebnis vor.

3. Bewegungen haben Konsequenzen

Kamerabewegungen ziehen immer drei Konsequenzen mit sich:

  1. Die Dauer einer Einstellung erhöht sich durch die Kamerabewegung.
  2. Das Tempo der Handlung verlangsamt sich.
  3. Die Bildkomposition ist schwieriger.

Merke: Bewegungen im Film haben in jeder Hinsicht ihren Preis. Ein gutes Storyboard hilft bei der Planung und erleichtert die Dreharbeiten und hilft bei der Bestimmung der Handlungsachse, Blickachse und Kameraachse (Stichwort: Achsensprung).

4. 30-Grad-Regel bei der Führung der Kamera beachten

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Die 30-Grad Regel

Filme und Videos lassen sich nur dann nach den Regeln der Kunst montieren, wenn bei gleichbleibendem Sujet und Veränderung der Kamera-Position der Blickwinkel bei der Kameraführung um mindestens 30-Grad verändert wird. Ist dies der Fall, tritt das Phänomen des unsichtbaren Schnitts ein, das dem Zuschauer die ungeteilte Aufmerksamkeit auf den Inhalt des Filmes ermöglicht.

Die Einhaltung der 30-Grad-Regel für die klassische Montage (französisch = „découpage classique“, englisch = „continuity editing“) erfordert auch die Vermeidung von Achsensprüngen.

5. Story, Story und Story

Kameramann Adrian Teijido, der für Netflix für die Serie Narcos hinter der Kamera steht, sagt auf die Frage, was er einem jungen Kameramann raten würde: «Als Kameramann hast du eine Mitverantwortung, wenn es um das Storytelling geht. Es gehört zu unserem Beruf, dass wir uns tief in die Geschichte eindenken und den Regisseur schon bei der Konzeption der visuellen Umsetzung unterstützen. Zuerst kommt das konzeptuelle Denken. Dann die technischen Überlegungen.»

Keine Regel ohne Ausnahme

Puristen und Hüter der reinen Lehre des Filmhandwerks bestehen darauf, dass Kamerabewegungen als „Technik des Begleitens“ bei der Kameraführung einzig dazu dienen darf, die emotionale Bindung zu sich im Bild bewegenden Darstellern aufrechtzuerhalten. Nur dazu darf die Kamera bewegt werden.

Bewegungen der Kamera dürfen nur die Bildgröße und den Abstand der Kamera zum Darsteller konstant halten, solange die Emotionen dies tragen.
François Truffaut

Mehr zu diesem Thema findet sich im Artikel Gute Filmbücher.

Fazit zur Kameraführung

Inhalt und Dramaturgie bestimmen die Kameraführung. Die Logik einer Regie, die statt der Darsteller nur die Kamera bewegen darf, ist im aktuellen Filmschaffen wenig populär. Sie wird kaum noch gelebt. Immer häufiger ist dagegen wieder die entfesselte Kamera anzutreffen. Ob bewusst oder unbewusst wird dabei noch immer zu oft die Konzeptlosigkeit der Kameraführung zum Konzept erklärt und komplett missverstanden, dass gnadenlose Beliebigkeit für ein Medium, das die subjektive Wahrnehmung in seiner DNA trägt, kein Erfolgsrezept sein kann.

Als Teil der Dreharbeiten sollte auch die Kameraarbeit immer dem Grundsatz der Wirkungs-Äquivalenz folgen. Auch der Kameramann übersetzt von einem Medium in das andere.

Filmformat und Videoformat

Entscheidend für den Look & Feel eines Films oder Videos sind nicht nur die Kameraführung, sondern die Beleuchtung (mehr dazu hier:Einführung in Scheinwerfer und Filmlicht wie auch die Frage nach dem Filmformate und Videoformate. Auch diese bestimmen die Wahrnehmung von bewegten Bildern in einem wesentlichen Ausmaß mit.

Eine Einführung in die Thematik vermittelt der Beitrag „Ultimative Einführung in die Videotechnik“. Den Bullet Time Effekt erklärt FILMPULS ebenfalls in einem separaten Artikel.


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Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. | Foto: Cinematographer Ed Lachman, ASC, Cooke Optics | © Grafik und Artikel Filmpuls

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