Achsen­sprung im Film: Handlungs­achse, Blick­achse und Kamera­achse

Warum Gollum nicht auf Achse ist und wie Sméagol damit berühmt wurde

Achsensprung Handlungsachse Blickachse Kameraachse
Gollum | © Warner Brothers

Der einstmals berühmt-berüchtigte Achsensprung gehört in das kleine ABC des Filmemachens. «Filmschule Tag 1, Lektion 1» sagt dazu mancher Kameramann, Editor oder Regisseur. Dieser Artikel erklärt, was Handlungsachse, Blickachse und Kameraachse unterscheidet, wie man sie einsetzt und was Gollum damit zu tun hat.

Der Mensch sieht zweidimensional. 3D-Filme verstärken den Raumeindruck, lenken den Blick des Zuschauers aber immer noch in eine Richtung und schränken ihn damit ein. Einzig virtuelle Realität (VR) durchbricht diese Grenze. Dort wo der Raum nicht als Ganzes, sondern einzig als Ausschnitt erfasst wird, hat der Achsensprung seinen Ursprung.

Der Mensch ist dazu «programmiert», sich im Raum zu orientieren. Genau so wie er immer krampfhaft versucht, den Sinn einer Handlung zu erkennen und sein Gegenüber einzuschätzen. Dieses Verhalten hat unseren Vorfahren in freier Wildbahn einst erfolgreich das Überleben gesichert.

Ein einfaches Beispiel dieser Programmierung unseres Gehirns ist die Abfolge von zwei Einstellungen, in denen zwei Autos in einer Parallelmontage von rechts nach links durch das Filmbild fahren. Automatisch nehmen wir an, dass diese Fahrzeuge sich in dieselbe Richtung bewegen oder einander sogar verfolgen.

Blickachse (Beziehungsachse)

Eine Achse ist im Film eine nicht wirklich existierende, gedachte Linie. Sie kann unterschiedliche Dinge und Punkte verbinden. In der Regel wird zwischen drei unterschiedlichen Arten von Achsen unterschieden:

  • Blickachse / Beziehungsachse
  • Aktionsachse / Handlungsachse
  • Kameraachse

Die Blickachse (auch Beziehungsachse ) ist die gedachte Linie entweder zwischen zwei Personen oder zwischen zwei Handlungspunkten (beispielsweise einer Person und einem Gegenstand).

Blickachse BeziehungsachseDie Blicke definieren die Beziehungsachse (welche  aus zwei Achsen entsteht: die Seitenachse und die Höhenachse ergeben den eigentlichen Blickwinkel).

Sprechen zwei Menschen miteinander und werden dabei von einer vor ihnen stehenden, statischen Kamera aufgenommen, so befindet sich die eine Person naturgemäß eher links und die andere eher rechts im Bild.

Wird die Kamera nun nicht leicht verschoben, sondern um 180 Grad auf die andere Seite der Handlungsachse, befindet sich die vorher am linken Bildrand stehende Person plötzlich rechts im Bild.

Noch deutlicher wird dieser Effekt, wenn eine Person von links nach rechts durch ein Filmbild geht. Springt die Kamera über die Handlungsachse, läuft dieselbe Person nach dem Umschnitt plötzlich diametral in die andere Richtung.

Handlungsachse (Aktionsachse)

Anders als die Blickachse definiert sich die Aktionsachse (oder Handlungsachse) durch die Richtung, in der sich die Handlung bewegt. Die «Laufrichtung» wird zum Bezugssystem für den Zuschauer. Dabei wird sogar die Blickachse  übersteuert.

So beispielsweise bei einer Autofahrt. Gedreht von der Fahrerseite, bewegt sich die Landschaft bei der Vorwärtsfahrt von rechts nach links durchs Bild. Von der Beifahrerseite aufgenommen, ist die Bewegungsrichtung komplett gegenläufig und von links nach rechts. Trotzdem entsteht hier keine Irritation.

Weil die Vorwärtsfahrt als solche erkannt wird, akzeptiert der Zuschauer die scheinbar gegenläufigen Bewegungen, die für ihn damit plötzlich Sinn ergeben. Die Interpretation übersteuert die Realität.

Kameraachse

Die Kameraachse ist der Blickwinkel der Kamera. Bei einem Point-of-View ist die Kameraachse mit der Blickachse der Person, aus deren Perspektive gedreht wird, identisch.

Schematische Darstellung

Schematische Darstellung Bildachse und Achsensprung filmpuls
Schematische Darstellung Bildachse und Achsensprung

Nicht von Achsensprung spricht man, wenn sich die Kamera in einer Bewegung oder Fahrt über die Achse bewegt. Dasselbe gilt, wenn sich die Darsteller über die vormalige Achse bewegen. Daher gilt:

  • Kamerabewegungen oder von Personen vor der Kamera übersteuern jede Achse und neutralisieren den Sprung über die Achse (der Achsensprung ist nicht mehr als solcher fühlbar und verliert seine Charakteristik).
  • die Aktionsachse / Handlungsachse übersteuert die Blickachse

Der Achsensprung (auch als 180-Grad Regel bekannt) und damit die Handlungsachse, Blickachse und Kameraachse sind Hilfsmittel. Sie dienen dazu, Irritation bei der Orientierung in einem durch ein Filmbild vermittelten Raum bewusst zu vermeiden oder zu erzeugen.

Achsensprung (180-Grad Regel)

Im klassischen Hollywoodkino hat(te) der Film nur eine einzige grosse Aufgabe: dem Zuschauer um jeden Preis zu gefallen. Dazu musste jede Art von Irritation vermieden werden. Der Achsensprung war darum ein Tabu und hochgeschätztes Mittel, Filmstudenten ihre eigene Unwissenheit vor Augen zu halten.

Beispiel 1: «The Shining»

Um was geht es bei «The Shining»?  Der erfolglose Autor Jack Torrance (Jack Nicholson) hat sich mit seiner Familie als Hausmeister dazu verdingt, in einem geschlossenen Grand Hotel in den Bergen über den Winter zum Rechten zu schauen. Je mehr Zeit er im abgelegen Hotel verbringt, desto mehr vermischt sich Vergangenheit und Gegenwart, tote Hotelgäste und verstorbenes Hotelpersonal inklusive.

Der grosse Meister Stanley Kubrick etabliert die Szen, in der Jack Torrance auf einen toten Barkeeper trifft, zuerst klassisch. Bis zu Minute 2:15 (im unter diesem Text eingefügten Beispielvideo) folgt er den althergebrachten Regeln der Filmkunst, um dann… – Zack! unerwartet über die Achse zu springen.

VorschaubildAnwendungsbeispiel Achsensprung: The Shining (1980)

Der Bildsprung ist für jeden Zuschauer sichtbar und fühlbar. Ebenso auch beim plötzlichen Sprung zurück über die Bildachse bei Minute 2:35. Kenner genießen dabei auch die durchdachte Inszenierung von Jack Nicholson (Hinweis: Wohin blicken die Augen des grandiosen Schauspielers?).

Beispiel 2: «Herr der Ringe – Die zwei Türme»

Der schauerliche Gollum / Sméagol und sein Darsteller Andy Serkis in «Der Herr der Ringe – Die zwei Türme» wurden auch dank der klugen Montage von Cutter John Gilbert ein Teil der jüngeren Filmgeschichte. Regisseur Peter Jackson führt den Zuschauer über die klassischen Einstellungsgrößen an den Achsensprung heran, dank dem Sméagol, einst selbst ein Hobbit, mit sich selbst spricht.

Sméagol und Gollum sind dieselbe Person, aber mit zwei unterschiedlichen Identitäten. Während Kubrick die Kamera sehr statisch einsetzt, nutzt Jackson leichte Bewegungen zur Verstärkung des Realitätseindrucks, was dem Kontrast zum Sprung über die Bildachse zusätzliche Kraft verleiht.

VorschaubildAnwendungsbeispiel Achsensprung: Der Herr der Ringe - Die zwei Türme (2002)

Erst der Achsensprung verhalf dem dissoziativen Sméagol aus dem Nebelgebirge zu Ruhm und Unsterblichkeit.

Wirkung, Tipps und Tricks für die Praxis

Der Achsensprung erzeugt als Stilmittel:

  • Irritation (der Zuschauer verliert für kurze Zeit die Orientierung im Raum), und
  • Tempo (durch Raum-Sprünge)

Beides bedingt, dass sich der Zuschauer neu zurechtfinden muss. Erweist sich die angenommene Orientierung im Raum als falsch, entsteht Stress und Irritation. Was im Spielfilm oder in Musikvideos absolut erwünscht sein kann, ist für CEO-Videos und Video-Testimonials ein absolutes Tabu. Denn hier gilt: Content first!

Blickachse BeziehungsachseDer Achsensprung besitzt auf eine gewisse Weise auch eine Reset-Funktion. Das Bekannte gilt nicht mehr. Es muss in der nächsten Einstellung vom Zuschauer neu erkannt und von dessen Gehirn neu interpretiert werden.

Vermindern kann man den Eindruck der unerwarteten Notwendigkeit einer Neuorientierung auf zwei Arten:

  • Wenn man den Achsensprung mit einer dazwischen montierten Großaufnahme unterschneidet, oder
  • dem Achsensprung in der Montage eine Totale voraus schickt, welche dem Zuschauer die Erfassung des gesamten Handlungsraums vorab zum Umschnitt übe die Achse ermöglicht.

Wie für jedes Stilmittel im Film gibt es für die Verwendung oder Vermeidung des Achsensprungs nur eine fixe Regel, die weltweit von jedem erfahrenen Filmemacher anerkannt ist: Der Sprung über die Bildachse muss bewusst erfolgen oder ausbleiben und sich damit an Inhalt und Dramaturgie einer Story oder am Aussagewunsch orientieren.


Die Spielfilm-Sequenzen in diesem Artikel sind vom Rechteinhaber monetarisiert und offiziell zur Distribution auf YouTube durch Dritte zugelassen. | Foto Gollum: © Warner Brothers | Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls logo

Carlo P. Olsson
Über Carlo P. Olsson 16 Artikel
Carlo P. Olsson berät Auftraggeber und Produktionsfirmen. Er begleitet als Line Producer die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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