Wie die Steadicam das professio­nelle Filme­machen für immer verändert hat

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Ausgeklügelte Spitzentechnologie für Profis: Kamera-Stabilisierungssystem „Trinity“ | © ARRI

Die Steadicam hat das Filmemachen radikal verändert. Sie ermöglicht es, die Kamera beim Filmen aus der Hand reibungslos und effizient zu bewegen. Vor der Erfindung dieses Systems waren die Kameraleute auf Handkameras angewiesen, die oft wackelige und instabile Aufnahmen produzierten. Erst das neue Stabilisierungssystem der Steadycam ermöglichte eine viel flüssigere Kamerabewegung und erlaubte den Filmemachern, neue Effekte zu schaffen.

Heute gibt es Steadicams in verschiedenen Größen und Ausführungen für alle Arten von Videokameras. Damit verbunden sind viele Vorteile bei Produktion und Dreharbeiten. Aber auch Risiken und Gefahren.

1. Was ist eine Steadicam?

Eine Steadicam ist eine Vorrichtung zur Stabilisierung einer Kamera, während sie sich bewegt. Sie besteht aus einer Kamerahalterung, die an der Weste des Kameramanns befestigt ist, und einem ausziehbaren Arm, der die Aufnahmeeinheit hält. Der Kameramann führt die am Rig befestigte Kamera, indem er seinen Körper bewegt. Oder mit den Händen den Kamerakopf lenkt. Das zu diesem Zweck konstruierte Stabilisierungssystem hält die Ausrüstung ruhig und stabil. Das ermöglicht fließende Kamerabewegungen, die mit einer Handkamera unmöglich zu erreichen sind.

Eine professionelle Steadicam besteht immer aus drei Komponenten: einer Weste, einem Stabilisierungsarm und einem Gimbal.
  • Die Weste wird vom Kameramann getragen und hilft, das Gewicht zu verteilen.
  • Der Arm des Stabilisators ist an der Weste befestigt und stützt die Kameraeinheit.
  • Der Gimbal ist am Stabilisatorenarm befestigt. Er ermöglicht es der Kamera, sich frei zu bewegen und zugleich ruhige, stabile Aufnahmen zu machen.

Erfunden wurde dieses Kamera-Stabilisierungssystem in den Siebzigerjahren von Garrett Brown. Das System mit Kinofilmen wie Rocky und The Shining weltberühmt und ist heute ein fester Teil der Filmsprache. Heute wird kaum noch eine Serie oder ein Film gedreht, ohne dass die Steadycam zum Dreh verwacklungsarmer Bilder zum Einsatz kommt.

Das Prinzip dieser Art Kamerastabilisierung wird als System unter verschiedenen Namen angeboten und weiterentwickelt: so als Trinity (ARRI), Schwebestativ, Stabyflow, Flycam, Gimbal oder Steadycam (mit „y“ geschrieben). Die Schreibweise „Steadicam“ ist ein geschützter Markenname der in den USA ansässigen Tiffen Company.

2. Wie hat dieses System das Filmemachen verändert?

Die Steadicam hat die Filmherstellung verändert, indem sie Filmemachern neue Kamerabewegungen und spontanes Nachverfolgen von Schauspielerin losgelöst von Begrenzungen ermöglicht hat.

Vor der Erfindung dieser Kamera-Rigs waren Filmemacher, welche die Kamera frei von Schienen oder Kran bewegen wollten, auf Handkameras beschränkt. Der Preis dafür waren oft instabile, unruhige Aufnahmen, die nervös wirkten und vom Inhalt einer Szene ablenkten.

Steadicam - Gimbal Bildaufnahme mit Steadycam

Die Steadicam ermöglichte viel sanftere Kamerabewegungen und erlaubte es den Filmemachern, Fahrten so zu drehen, dass sie nicht mehr von der Story ablenkten. Die Bewegungen der Kamera glichen in der Art ihrer Wahrnehmung nun plötzlich der eigenen Erfahrung, die ein Mensch bei Positionsveränderungen macht. Diese erhöhte Realität, losgelöst von Rucklern und Wackler, verstärkt beim Kinozuschauer das Gefühl, selbst an der Filmhandlung teilzunehmen.

Siehe dazu auch: Filmpuls-Liste der besten Filme mit Steadicam

3. Welche verschiedenen Stabilisierungssysteme für die Kamera gibt es heute?

Steadicams existieren in verschiedenen Größen und Ausführungen für alle Arten von Videokameras. Die Preise für ein solches System bewegt sich von ein paar hundert Euro bei System für Hobbyfilmer bis in den sechsstelligen Bereich für hochprofessionelle und superkomplexe Kamerarigs.

Die drei Haupttypen von Steadycams:
  • Kardanische Aufhängungen: Gimbals sind die gebräuchlichste Art von Steadicams und verwenden ein Gyroskop, um die Kamera waagerecht zu halten.
  • Streben: Streben werden am Körper des Kameramanns befestigt und sorgen für Stabilität, indem sie den Bewegungen entgegenwirken.
  • Kräne: Ein Kran-Arm wird auf einem Stativ oder einer anderen Stütze montiert und kann auf diese Weise angehoben oder abgesenkt werden, um Aufnahmen aus unterschiedlichen Kamerapositionen zu machen.

Jede Art von Steadicam hat ihre eigenen Vor- und Nachteile, deshalb ist es wichtig, das richtige System für die jeweilige Aufgabe zu wählen.

Ausgleichsbewegungen zur Stabilisierung einer Filmkamera sind heute auch elektronisch steuerbar. Solche Systeme sind bereits ab € 5.000 am Markt erhältlich. Die dazu verwendete Technologie stammt aus der Hubschrauber- und Drohnenfotografie. Weil die eigentliche Stabilisierungsarbeit hier von bürstenlosen Elektromotoren gemacht wird, spricht man von Brushless Gimbal. Die Korrektur der Bewegung findet dabei systembedingt nur über drei Achsen statt, nicht in der Höhe. Zugleich wird die klassische Steadicam von nur einem Operator bedient. Brushless Gimbals erfordern eine zweite Person zur Bedienung und zugleich muss das System vor jedem Einsatz neu kalibriert werden, was zeitaufwendig ist.

4. Wie hat die Steadicam die Dreharbeiten effizienter gemacht?

Die Steadicam hat das Filmemachen erleichtert, weil sie teure Kamerafahrten oder Dolly-Aufnahmen überflüssig macht. Mit diesem System können sich Filmemacher ohne vorhergehenden, stundenlangen Aufbau von Kameraschienen in jede beliebige Richtung bewegen und dabei gleichzeitig filmen. Das spart Zeit und Geld.

Zu berücksichtigen gilt in der Filmkalkulation und für Vergleichsrechnungen, dass die Steadicamsysteme für speziell ausbildeten Kameraleuten bedient werden. Nebst dem Kameramann / Director of Photography muss auch ein Steadycam Operator mitsamt seinem Equipment angemietet und bezahlt werden.

5. Welche neuen Möglichkeiten eröffnen diese Stabilisierungssysteme?

Die Steadicam eröffnet Filmemachern und Filmemacherinnen neue Möglichkeiten, weil sie ihnen erlaubt, ruhige und fließende Kamerabewegungen in jedem gewünschten Tempo zu kreieren. Das System hat die Grenzen dessen, was mit einer Filmkamera bei einem Realdreh ohne digitale Tricksereien (Animationen, Greenscreen etc.) möglich ist, radikal erweitert.

Auch bei der rasch an Bedeutung gewinnenden virtuellen Produktionen behält die Steadicam ihre Wichtigkeit: Sie lässt sich genauso wie jede statische Kamera auf einem herkömmlichen Stativ, Kamerakran oder einem Dolly mit der in Echtzeit gerenderten digitalen Filmkulisse koppeln.

6. Was für Risiken und Gefahren gibt es bei einem Dreh mit einer Steadicam?

Wer eine Steadicam ohne in Anschlüssen zu denken durch ein Filmset führt – selbst, wenn er inhaltlich-dramaturgisch das Drehbuch exakt nach den Vorstellungen der Regie umsetzt, erhöht im besten Fall den Aufwand in der Filmmontage. Beim schlimmsten Szenario lassen sich die Aufnahmen nicht sauber zusammenfügen. Oder müssen sogar nachgedreht werden.

Risiken und Gefahren, die mit dem Drehen mit einer Steadycam verbunden sind.
  • Die Kamera kann, wenn sie nicht richtig ausbalanciert ist, instabil werden. Der Kameramann verliert bei der Stabilisierung die Kontrolle über die Bewegungen und damit den Bildausschnitt.
  • Der massive Arm, der die Aufnahmeeinheit mit dem Körper des Kameramanns verbindet, kann gefährlich sein, wenn er bei einer abrupten Vorwärtsbewegung oder Drehbewegung jemanden trifft.
  • Die Stabilisierungssysteme professioneller Steadycams sind hochkomplexe technische Präzisionsmechanik. Sind darum kostspielig und empfindlich auf Fehlmanipulationen. Deshalb müssen sie auf dem Filmset mit maximaler Vorsicht behandelt werden.

Trotz aller Kosten und Risiken: Mit dem richtigen Training, Übung und langer Erfahrungen und den richtigen Sicherheitsvorkehrungen kann jeder Filmemacher eine Steadicam ohne Sicherheitsrisiken einsetzen, um einzigartige Aufnahmen zu machen.

Fazit

Die Steadicam hat das Filmemachen darum verändert, weil sie es Kameraleuten ermöglicht, die Kamera während des Drehs reibungslos und effizient zu bewegen. Das System hat die Dreharbeiten auch schneller gemacht, weil sie teure Kamerafahrten oder Dolly-Aufnahmen überflüssig macht.

Filmemacherinnen und Filmemacher können beim Gehen gleichzeitig filmen, was Zeit und Geld spart. Zugleich hat das Stabilisierungssystem für Filmemachern auch neue Möglichkeiten der Filmgestaltung eröffnet, indem sie ihnen die Möglichkeit für bisher unbekannte Kamerabewegungen, Fahrten und Kameraschwenks ermöglicht. Mit der Steadicam können Filmemacher/innen darum die Grenzen dessen, was mit Film ohne Digitaleffekte möglich ist, erweitern.

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Pavel Sokolov 38 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen, aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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