Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis (Teil 1): Arten von Bewegungen

Kamerabewegungen von A bis Z

Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis (Teil 1) Arten von Bewegungen
Nicht ohne Grund heißt Film auch Bewegtbild | Bild: Cinematographer Dejan Georgevich, ASC

Es gibt unterschiedliche Arten von Kamerabewegungen. Jede davon hat Auswirkungen darauf, wie der Zuschauer eine Filmhandlung wahrnimmt und erlebt. Der Kameramann muss darum ganz genau wissen, wie er die Kamera führt.

Die Kamerabewegung ist genauso wichtig für die Filmsprache wie die Einstellungen. Filmpuls beleuchtet dieses Thema in einer vierteiligen Serie. Zugleich werden die damit verbundenen filmischen Ausdrucksmittel aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachtet und erklärt. Eine eigene Beitragsreihe besteht auch zum Thema Bildbeleuchtung.

Das musst du wissen

  • Mit Kamerabewegungen sind entweder Eigenbewegungen (etwas bewegt sich vor der Kamera) oder Bewegungen der Kamera gemeint. Im engeren Sinne versteht man darunter nur die zweite Form.
  • Art und Weise der Bewegung lassen sich in vier Klassen einteilen: eine Änderung der Distanz, des Blickwinkels, ein Streifen (ein Objekt gerät in das Blickfeld oder aus diesem, oder eine Verfolgung (Parallelfahrt)
  • Bewegen sich Kamera und zugleich Objekt vor der Kamera, so stellt dies erhöhte Anforderungen an den Kameramann. Ganz besonders, wenn diese Bewegungen im dreidimensionalen Raum erfolgen, beispielsweise unter Wasser oder bei Luftaufnahmen.
  • Eine Zoomfahrt ist keine Kamerabewegung, weil sich hier nicht der Standort oder Blickwinkel der Kamera verändert, sondern die Brennweite.

Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis

Die Artikelserie auf Filmpuls umfasst vier fortlaufende Beiträge

  1. Arten von Kamerabewegungen (dieser Artikel)
  2. der Kameraschwenk
  3. die Kamerafahrt
  4. Regeln zur Kameraführung

Filmpuls Magazin

Ergänzt wird die Serie durch Erläuterungen zur Einstellungsgröße, Bildausschnitt und Kameraperspektive, Blickwinkel und Kameraobjektive.

Bewegung vor der Kamera

Im Stummfilm beschränkte sich die Bewegung auf das Abfilmen von Szenen mit einem starren Dreibein-Stativ. Die Väter des Kinos ließen die Bilder im schönsten Wortsinn für den Zuschauer laufen und das so lange, bis ihnen der Film ausging. Ja sie waren geradezu unersättlich im Auskosten dieses Ausdrucksmittels.

Mit der Bewegung vor dem Kameraobjektiv kommt physikalische Gesetzlichkeit von Objekten zum Ausdruck, die keines Anstoßes durch die Kamera bedürfen und keinem verändernden Einfluss durch die Kamera ausgesetzt sind.
Walter Dadek

Bis heute bekannt sind die von Verfolgungskomik geprägten Stummfilme, in denen auch Chaplin seine ersten Sporen abverdiente: Leute, oftmals Polizisten und Gangster, jagen in Filmen dieser Epoche hin und her durchs Bild, geraten einander in den Weg, purzeln durcheinander, stürzen und rutschen.

1. Eigenbewegungen

Im Mittelpunkt historischer Filme steht die Eigenbewegung von Menschen oder Objekten vor der Kamera. Die Kamera selbst, sie bleibt während der Dauer der Einstellung statisch. Sie beobachtet. Dies oftmals ohne Umschnitt, ohne zu schwenken und damit für heutige Verhältnisse ungewöhnlichen lang anhaltenden, identischen Einstellungsgrößen.

2. Kamerabewegungen

Die zweite Art der Bewegung entsteht durch Kamerabewegungen selbst. Sie bestimmt die Gestaltung eines Videos genau so mit, wie die Wahl der Perspektive und der Brennweite. Das gilt, auch wenn es in der Praxis nur selten so gehandhabt wird, auch für die Action Cam.

Mit der Kamerabewegung eröffneten sich dem Kameramann als Künstler (bereits während der Stummfilmzeit) neue Horizonte. Kamerabewegungen ermöglichten es den Pionieren (wie später die Erfindung der Handkamera) eine ganze Reihe interessanter, zusätzlicher Ausdrucksmöglichkeiten.

So wurde es nun möglich

  • sich auf Objekte und Menschen zu bewegen, oder
  • sich von ihnen entfernen, und
  • zwar in gleichbleibendem Tempo, oder
  • mit wechselnder Geschwindigkeit.

In fahrenden Automobilen in die Weite gerichtet, konnte man nun auch eine Szenerie «bestreichen» (man nannte das früher vornehm und wortgewaltig: panoramieren). Oder sogar umkreisen, ein aus dramaturgischer Sicht besonders interessanter Fall. Solche Umfahrten sind das Markenzeichen des genialen Kameramanns Michael Ballhaus.

Der Königsweg: Bewegung vor dem Objektiv und Kamerabwegung

Kombiniert man die beiden Formen, so stellt das an alle Beteiligten erhöhte Anforderungen. Kameratechnisch, weil die Kamerabewegungen meist mit derjenigen des Objekts vor der Linse abgestimmt sein will. Inhaltlich-dramaturgisch, weil die Veränderung neue Blickwinkel eröffnet, die ebenso durchdacht sein wollen.

Kamerabewegungen in ihrer komplexesten Form: Planung für Flugaufnahmen
Kamerabewegungen in ihrer komplexesten Form: Planung für Flugaufnahmen | (c) Condor Films

Als Hohe Schule und anspruchsvollste Kombination von Blickveränderungen gelten Aufnahmen auf dem Wasser oder Flugaufnahmen. Während auf dem Wasser die Eigenbewegung der Filmkamera und die Einstellung noch einigermaßen koordiniert kontrolliert werden kann, ist die fliegende Aufnahmeeinheit unterschiedlichen, manchmal nur schwer einschätzbaren, Turbulenzen und Luftströmen ausgesetzt.

Verfolgt man in der Luft oder zu Wasser ein anderes Objekt, gilt es zwei Bewegungsabläufe, nämlich

  1. diejenige der Kameraplattform mit
  2. derjenigen des zu verfolgenden Objektes

in Gleichklang zu bringen.

Darauf spezialisierte Kameraleute und Meister des Schwenks. Spezialisten wie David B. Nowell (u.a. «Pearl Harbor», «Iron Man», «Zero Dark Thirty») haben darum meist nicht nur enorm viel Fachwissen, was verschiedene Kamerabewegungen und Kameratypen betrifft, sondern besitzen oftmals auch eine flugtechnische und meteorologische Ausbildung.

Je komplexer die Abläufe, desto wertvollerer Dienste leistet dabei ein gutes Storyboard.

Die Herkunft der beweglichen Kamera

Kamerabewegungen sind durch den technologischen Fortschritt zweier Weltkriege immer leichter und handlicher geworden.

Der Film lernte zu fliegen und zu hüpfen oder in ruhig geschwungener Bahn wie auf Schienen zu schweben. Um dies zu leisten, bedurfte es ein neues Vokabular für Kamerabewegungen. Die entsprechenden Fachausdrücke (beispielsweise Kamerafahrt, Zoom oder Schwenk) sind Gegenstand der nächsten Teile Serie, während sich Teil 4 dann gezielt mit der Frage befasst, wann und warum die Kamera in einem Video überhaupt bewegt werden soll. Unberührt davon bleibt die Tatsache, dass die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers das Filmerlebnis mitbestimmt.

Zusammengefasst

Ebenso wie Kamerabewegungen ist auch das Filmformat ein Teil der Arbeit. Mehr zur Thematik findet hier: „Die ultimative Einführung in Filmformate und Videoformate.“

Auch bei CEO Videos, einem Genre, das nach wie vor unterschätzt wird, bieten sich Kamerabwegungen an. Nicht nur, weil damit dem CEO räumliche Tiefe und damit Nahbarkeit verleihen. Sondern weil sie auch mithelfen, den Amateur vom Profi zu unterscheiden. Mehr zum Thema Beleuchtung findest du unter Licht für Film und Video: Einführung in Scheinwerfer und Filmlicht.

Mehr zum Thema bewegte Kamera findet sich im Beitrag Gute Filmbücher.

Eine gänzlich andere, weltberühmte Spielart der Kamerabwegungen sind Bullet Time Shots. Hier umfährt die Linse nur scheinbar die Szene. Tatsächlich entsteht der Eindruck einer 360-Kreisfahrt durch die Montage einer Reihe Einzelbilder. | filmpuls logo


© Foto: Cinematographer Dejan Georgevich, ASC, Pinterest | Im Interesse der Lesbarkeit wird im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen. | © Artikel Filmpuls

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