Kamerabewegungen im Film (Teil 1): Kategorien und Arten von Bewegungen

Kamerabewegungen im Film in Theorie und Praxis (Teil 1) Arten von Bewegungen
Nicht ohne Grund heißt Film auch Bewegtbild | © Bild: Cinematographer Dejan Georgevich, ASC

Jede Bewegung der Kamera hat Auswirkungen darauf, wie der Zuschauer eine Filmhandlung inhaltlich wahrnimmt und emotional erlebt. Filmemacher müssen darum genau wissen, wie Positionsveränderungen oder Veränderungen des Bildausschnitts oder Perspektive der Aufnahmeeinheit  innerhalb einer Einstellung ihre Story  optimal unterstützen. Dieser Artikel erklärt darum die unterschiedlichen Kategorien und Typen der Kamerabewegungen bei der Kameraführung für Film und Video.

Kamerabewegungen besitzen für die professionelle Filmsprache dieselbe Wichtigkeit wie die Wahl der Größe des Bildausschnitts einer Einstellung. Und ebenso wie bei der fachkundigen Bestimmung des Blickwinkels maximieren richtig eingesetzte Positionsveränderungen der Kamera die Story oder Botschaft eines Films.

Kategorien der Bewegung

Grundsätzlich können Kamerabewegungen in zwei Kategorien unterschieden werden. Es gibt einerseits Bewegungen, die durch die Kamera selbst entstehen, indem dynamische Veränderungen der Kameraposition oder des Sichtfelds auf statische Inhalte erfolgen. Und andererseits Mischformen, bei denen Veränderungen des Geschehen vor der Linse kombiniert mit Veränderung der Position oder des Blickbereichs stattfinden.

Zugleich stellen sich im Kontext der Kameraführung bei jeder Bewegung der Kamera drei entscheidende inhaltliche Fragen:

  • Warum Bewegung
  • Wie wird bewegt
  • Start / Ende

Grafik 1: die drei wichtigsten Fragen bei jeder Kamerabewegung

Jede Veränderung der Kameraposition oder des Kamerablickwinkels innerhalb einer Einstellung muss motiviert sein. Es muss einen Grund dafür geben. Bewegungen, die das Storytelling nicht unterstützen, schaden dem Video. Sie verwirren den Zuschauer, statt das Erzählen der Story zu maximieren.

Allen Bewegungstypen besitzen unterschiedliche Vorteile und Nachteile. Gekoppelt daran, welche Aussage die Positionsveränderung unterstreichen soll, muss die dafür geeignete Art gewählt werden. Zugleich gilt es auch sicherzustellen, dass Einstellungen mit bewegter Kamera später im Schnitt auch mühelos an die vorhergehenden und nachfolgenden Shots geschnitten werden können. Möglich ist dies nur, wenn der Start der Bewegung (Einstiegspunkt) und das Ende (Ausstieg) geplant wird.

Bewegte Kamera

Die Bewegung der Kamera bestimmt die Wahrnehmung der Story durch das Publikum genau so mit, wie die Wahl der Bildperspektive oder der Brennweite. Kamerabewegungen erweitern das Vokabular des Films entscheidend. Sie führen das Auge des Zuschauers durch die Filmstory, setzen dramaturgische Akzente und legen die Basis für den späteren Rhythmus des Films.

Kamerabewegungen ermöglichen der Filmsprache u. a. folgende Ausdrucksmöglichkeiten

  • Wachsende Nähe:

    Der Kinozuschauer kann sich im Film auf Dinge zubewegen. Damit wird durch die Kameraführung sichtbare emotionale Nähe geschaffen.

  • Zunehmende Entfremdung:

    Die Entfernung zu einem Objekt vergrößert sich. Der zunehmende Abstand verstärkt das Gefühl, sich von einem Menschen oder einem Gegenstand zu entfernen. Die emotionale Beziehung dazu verändert sich, Details werden nicht mehr wahrgenommen und gehen verloren.

  • Steigerung des Realitätsgefühls:

    Die Handlung wird umkreist und die dreidimensionale Räumlichkeit ebenso betont wie die Vielfalt der Blickwinkel. Objekte erhalten auf diese Weise eine erhöhte Realität. Menschen wirken bei Umfahrten eingekreist, gelähmt und ohne aktuelle Handlungsoptionen.

  • Lenkung des Blicks:

    Die Positionsveränderung verschafft dem Zuschauer neue Informationen. Oder verschafft den Charakteren im Film einen Wissensvorsprung gegenüber dem Publikum, weil diese etwas sehen, was außerhalb des Blickfelds geschieht.

  • Tempo:

    Mit gleichbleibendem Tempo – oder mit wechselnder Geschwindigkeit – schaffen Positionsänderungen einen unwiderruflichen Film-Rhythmus innerhalb der Filmeinstellung, der später in der Montage übernommen werden muss.

  • Epik:

    Ist der Blick ab einer fahrenden Kameraplattform seitwärts in die Weite gerichtet, lassen sich mit der bewegten Kamera landschaftliche Szenerien oder epische Szenen „bestreichen“. Früher nannte man das wortgewaltig: Panoramieren.

Arten von Kamerabewegungen

Die unterschiedlichen Arten von Bewegungen von Filmkameras werden in der Filmsprache durch Fachbegriffe voneinander abgegrenzt.

Kamerabewegungen nach Art

  • Kamerafahrt:

    Der Kamerablick bewegt sich vorwärts, rückwärts. Dabei kann sie in Fahrtrichtung blicken oder zur Seite. Die Bewegung erfolgt als Positionsveränderung der gesamten Kameraeinheit. Zum Einsatz kommen in dieser Kategorie die Steadycam, Schulterkamera oder Kameraaufnahmen aus der Hand.

  • Kranfahrt:

    Die Bewegungsarten, die mit einem Kran möglich sind, gleichen denjenigen von Aufnahmen mit Drohne. Allerdings sind Kranfahrten weit aufwendiger zu realisieren.

  • Kameraschwenk:

    Die Filmkamera verändert nicht ihre Position, sondern den Bildausschnitt. Sie schwenkt seitwärts auf der Hochachse horizontal (englisch = Pan) oder kippt auf ihrer Querachse vertikal nach oben oder unten (Tilt).

  • Reißschwenk:

    Der Reißschwenk ist eine Spezialform des Schwenks. Kennzeichnend ist das rasante Schlusstempo bei einer zusehend dynamisch werdenden Drehung der Kamera zur Seite oder von oben nach unten. Dieser Bewegungstyp verleiht einer Szene visuell Tempo. Oder symbolisiert Hektik. Gerissene Schwenks lassen sich im Filmschnitt als Wischblenden mühelos montieren.

  • Rollbewegung:

    Rollbewegung um die Längsachse sind selten, weil sie nur in Ausnahmefällen Sinn ergeben. Damit neigt sich der Bildhorizont – einer der wichtigsten Orientierungspunkte der menschlichen Bildwahrnehmung – in Richtung einer Diagonalen. Die im Film porträtierte Welt gerät aus dem Gleichgewicht.

  • Atmende Kamera

    Die „atmende“ Kamera ist die diskreteste aller Bewegungsformen. Mit diesem Begriff werden Aufnahmen ab Schulterkamera bezeichnet, die kaum sichtbare, sich regelmäßig wiederholende Veränderungen des Bildausschnitts beinhalten. Es sind unmerkliche Schwankungen, die durch den sich hebenden und senkenden Brustkasten der Kameraperson, der auch die Schultern unmerklich bewegt, entstehen. Das Prinzip der atmenden Kamera wird bei Spielfilmen bewusst eingesetzt. Dies, um beim Zuschauer das Gefühl maximaler Authentizität und Nähe zu einer Person im Film zu wecken.

  • Pumpen / Lift:

    Fährt die gesamte Kameraeinheit wie mit einem Lift vertikal in die Höhe oder in die Tiefe, statt von einem festen Punkt zu schwenken, spricht man auf dem Filmset umgangssprachlich von „pumpender“ Kamera.

  • Plansequenz:

    Plansequenz: Darunter wird bei der Kameraführung eine Einstellung verstanden, die mehrere Minuten dauert und bei sich der die Kamera ohne Schnitt durch unterschiedliche Szenen oder Filmsets bewegt. Bekannte Beispiele dafür sind der Kriegsfilm „1917“ von Bond-Regisseur Sam Mendes, „The Cook, the Thief, his Wife and her Lover“ von Peter Greenaway oder die Autorenfilme von Theos Angelopoulos.

  • Dolly-Fahrten (Kamerawagen)

    Die Aufnahmeeinheit bewegt sich auf einem Kamerawagen mit Rädern auf ebenem Untergrund oder entlang von zu diesem Zweck gelegten Schienen vorwärts oder rückwärts. Der Kamerawagen kann sich abhängig von der Schienenbahn auch kreisförmig bewegen. Eine besondere Herausforderung bei Dolly-Aufnahmen ist der Beginn und das Ende der  Kamerafahrt, weil Dollys, um eine ruhige, stabile Bewegung sicherzustellen, sehr massiv und entsprechend schwer gebaut sind.

  • Drohnen-Aufnahmen:

    Mit Flugdrohnen oder Unterwasserdrohnen erweitert sich der Bewegungsspielraum der Filmkamera um eine Dimension. Statt im zweidimensionalen Raum lässt diese Art der Kamerabewegung jede denkbare Bewegung im 3D-Raum zu.

In der Praxis werden die einzelnen Arten der Bewegungen bei Dreharbeiten oft auch kombiniert. Die Kamera fährt und schwenkt gleichzeitig, ändert ihre Richtung oder die Positionsveränderung endet in einem Reißschwenk. Erlaubt ist jede Art der Kombination, solange sich damit begründen lässt, dass sie die Story visuell unterstützt.

Tipps zur bewegten Kamera  | © Rainer Wolf / YouTube

Arten und Unterschiede von Kamerabewegungen im Film

Im Vokabular der Filmsprache gibt es allerdings auch Bildveränderungen, welche für Laien als Kamerabewegung erscheinen – es aber nicht sind.

Nicht in die Kategorie der Kamerabewegungen gehören:

  • Zoom:

    Heraus- oder Heranzoomen erfolgt in der unbewegten Kamera. Zoomen ist an der Bildperspektive erkennbar. Diese ändert sich nicht – anders als bei einer echten Fahrt auf ein Objekt.

  • Bullet Time:

    Bei diesem visuellen Effekt umfährt die Linse nur scheinbar die Szene. Tatsächlich entsteht der Eindruck einer 360-Kreisfahrt durch die Montage einer Reihe Einzelbilder.

  • Verlagerung der Schärfeebene:

    Der Fokus verlagert sich vom Bild-Vordergrund auf den Hintergrund oder umkehrt.  Die Videokamera muss dafür nicht bewegt werden.

  • Digitale Zooms:

    Dynamische Veränderung des Bildausschnitts anschließend an die Dreharbeiten und damit erst  in der digitalen Nachbearbeitung. Es gilt dasselbe wie für den optischen Zoom. Digitale Bewegungen durch langsames Ein- oder Auszoomen sind typische Merkmale von TV-Formaten, insbesondere Dokusoaps.

  • CineCar

    Dank CineCar und vergleichbaren Aufhänge-Systemen lassen sich professionelle Filmkameras risikofrei an serienmäßigen Fahrzeugen anbringen, um Autofahrten oder Bilder von den Innenräumen von Autos zu drehen. (Ausnahme: blickt das Kameraauge voraus auf die Straße ohne das Gefährt abzubilden, handelt es sich um eine „echte“ Kamerafahrt).

Echte und unechte Kamerabewegungen lassen sich ebenfalls kombinieren. Bekanntestes Beispiel der Filmgeschichte ist wohl der Zoom vorwärts kombiniert mit einer Dollyfahrt rückwärts in Hitchcocks Spielfilm „Vertigo“.

Bewegungen vor der Kamera

Im Stummfilm beschränkte sich die Kameraführung auf das Abfilmen von Szenen mit einem starren Dreibein-Stativ. Bekannt sind die von Verfolgungskomik geprägten schwarz-weiß-Filme, in denen Buster Keaton und Chaplin ihre Sporen abverdiente: Polizisten und Gangster purzeln in den Komödien der Gründerjahre wild durcheinander. Davon unbeeindruckt, bleibt die Kamera dabei stets statisch, als wäre ihr Stativ in einen Sockel aus Beton eingegossen.

Mit der Bewegung vor dem Kameraobjektiv kommt physikalische Gesetzlichkeit von Objekten zum Ausdruck, die keines Anstoßes durch die Filmkamera bedürfen und keinem verändernden Einfluss durch diese ausgesetzt sind.
Walter Dadek

Was bis zu Sergej Eisenstein und Panzerkreuzer Potemkin im Jahr 1925 galt, besitzt auch heute noch für Einstellungen, bei denen die Filmkamera ruhend beobachtet: Hier ist alles Inhalt. Die Form ordnet sich dem Geschehen vor der Kameralinse ohne Einschränkung unter.

Kombinierte Bewegungsformen

Kombiniert man Bewegungen vor der Kameralinse mit Positionsveränderungen der Aufnahmeeinheit, stellt dies an die Beteiligten erhöhte Anforderungen. Technisch in der Realisation, weil die Kamerabewegungen mit derjenigen des Objekts vor der Linse abgestimmt werden muss. Inhaltlich-dramaturgisch, weil die Veränderung neue Blickwinkel eröffnet, die ebenso durchdacht sein wollen.

Als anspruchsvollste Kombination von Blickveränderungen kombiniert mit Objektveränderungen gelten  Aufnahmen auf dem Wasser oder Flugaufnahmen. Denn dabei sind alle beteiligten Objekte – inklusive Kameraeinheit – konstant in Bewegung.

Maximale Komplexität: Planung für Action-Sequenz in der Luft mit 2 realen Spitfires (Fluggeschwindigkeit 600 Km/h) und einer B21  als fliegende Kameraplattform. | ©  David Nowell ASC

Arten von Kamerabewegungen: Planung für Flugaufnahmen

Verfolgt das Kameraauge in der Luft oder zu Wasser ein anderes Objekt, gilt es zwei Bewegungsabläufe in Gleichklang zu bringen: diejenige der schwimmenden, tauchenden oder fliegenden Kamera  mit dem inszenierten Geschehen im Film.

Spezialisten für Flugaufnahmen wie David B. Nowell (u. a. Pearl Harbor, Iron Man, Zero Dark Thirty) oder Unterwasserkameramann Mike Valentine BSC (u. a. Shakespeare in Love, Die Another Day) besitzen nicht nur enormes Fachwissen bezüglich Kameraführungen, Kamerabewegungen und Kameratypen. Sie kennen sich auch vorzüglich mit Aerodynamik, Meteorologie oder Meeresströmungen und deren Auswirkung auf Sichtweiten unter Wasser aus.

Zusammengefasst

Ebenso wie Kamerabewegungen ist auch das Filmformat ein Teil der Arbeit. Mehr zur Thematik findet unter Filmformate und Videoformate.

Das musst du über Kamerabewegungen wissen

  • Mit Kamerabewegungen sind entweder Eigenbewegungen (etwas bewegt sich vor dem Kameraobjektiv) oder Positionsveränderungen der Kamera gemeint. Im engeren Sinne versteht man darunter nur die zweite Form.
  • Art und Weise der Bewegung lassen sich in vier Klassen einteilen: eine Änderung der Distanz, des Blickwinkels, ein Streifen (ein Objekt gerät in das Blickfeld oder aus diesem), oder eine Verfolgung (Parallelfahrt)
  • Verändert sich die Position der Filmkamera und zugleich auch diejenige der Objekte vor der Kamera, stellt dies maximale Anforderungen an die Drehplanung und das Können der Kameraleute. Ganz besonders, wenn der Drehort im dreidimensionalen Raum angesiedelt ist, etwa unter Wasser oder bei Luftaufnahmen.
  • Eine Zoomfahrt ist keine Kamerabewegung, weil sich hier nicht der Standort oder Blickwinkel der Kamera verändert, sondern die Brennweite.

Mehr zur bewegten Kamera

Artikel-Serie Filmsprache:
  • Teil 1 der Beitragsreihe über professionelle Kameraarbeit – der vorliegende Artikel – enthält als Einführung grundsätzliche Informationen zu Kategorien und Arten von Kamerabewegungen und Erläuterungen zum korrekten Einsatz dieses Instruments.
  • Teil 2 der Serie beschäftigt sich ausschließlich mit Informationen und Details zum Schwenken der Filmkamera.
  • Teil 3 erklärt als Beitrag die Besonderheiten und Unterschiede bei der Anwendung von Kamerafahrten in Film und Video.
  • Teil 4 zeigt auf, nach welchen grundsätzlichen Regeln die Kameraführung als Teil der Filmsprache erfolgen sollte.

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Redaktion Filmpuls
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