Der Kameraschwenk im Film in Theorie und Praxis (Teil 2): Arten und Anwendung

Gut geschwenkt ist halb gewonnen

Der Kameraschwenk im Film in Theorie und Praxis (Teil 2) Arten und Anwendung
Wie werden Kameraschwenks in Film und Video korrekt eingesetzt? | Bild: Cinematographer Alan Caso, ASC

Bewegungen der Kamera um ihre Horizontalachse oder um ihre Vertikalachse werden als Kameraschwenk bezeichnet. Technisch gibt es zur Ausführung von vertikalen oder horizontalen Schwenks eine Vielzahl hochspezialisierter Gerätschaften, die sämtliche denkbaren Kamerabwegungen ermöglichen. 

Wie werden Schwenks in der Kommunikation richtig eingesetzt? Diese Frage stellt sich unabhängig von der Definition und Frage, was ist ein Video und was ist ein Film.

In den Pionierjahren des Kinos fanden Bewegungen vor der Kameralinse statt. Das Aufnahmegerät selbst ruhte stabil und unbeweglich auf einem Podest, während vor der Linse in von Verfolgungskomik geprägten Komödien die Darsteller durch die Szenen hüpften, purzelten und sprangen.

Als die Aufnahmegeärt, noch immer in der Gründerzeit des Stummfilms, sich selbst zu bewegen begannen, eröffneten sich in der Filmsprache neue Universen. Im Zeitalter der Aufrufe von Filmen via YouTube, aber auch im Auftragsfilm ist das historisch entstandene filmische Handwerkszeug meist nur mehr oberflächlich bekannt.

  • Teil 1 der vierteiligen Artikel-Serie enthält darum grundsätzliche Gedanken zu Kamerabewegungen (Camera Movement)
  • Dieser zweite Beitrag der Serie beschäftigt sich ausschließlich mit dem Schwenken.
  • Teil 3 nimmt sich der Kamerafahrt an
  • während Teil 4 erklärt, warum und wann die Kamera überhaupt bewegt werden sollte. Diese Fragen werden losgelöst von Kameratypen und Kameraeinstellungen beantwortet. Sie betreffen nicht die Technik, sondern die Kameraführung.

Mehr zum Thema Beleuchtung findest Du unter Licht für Film und Video: Einführung in Scheinwerfer und Filmlicht.

Kameraschwenk mit gleichzeitiger Kranfahrt - filmpuls
Schwenk der Kamera mit gleichzeitiger Kranfahrt

Der Kameraschwenk ist auch aus der Hand mit Handkameras möglich, ja im Zeitalter der Videoaufnahmen mit Smartphones fast schon alltäglich geworden.

Die Möglichkeit, zu schwenken, ist ein genau so wichtiges Gestaltungsmittel wie die Bildbeleuchtung und die Möglichkeit, die Perspektive zu beeinflussen um damit die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers zumindest in einem gewissen Maß kontrollieren zu können.

Eine ungewöhnliche Darstellungsform, die ohne Kamerabewegung ensteht, ist die Bullet Time. Zu diesem Effekt findet sich bei FILMPULS einen eigener Artikel.

6 Gründe für einen Kameraschwenk

Ein Kameraschwenk kann aus 6 Gründen erfolgen:

  1. Verschaffen eines Überblicks
  2. Leiten des Blicks des Zuschauer
  3. Verfolgung bewegter Objekte
  4. Organische Überleitung zweier Einstellungen
  5. Als Schnitt-Ersatz (durch Objektwechsel)
  6. Aus film-rhythmischen Gründen, wobei Bewegung und Schwenkgeschwindigkeit als Teilelement eines größeren, dramaturgischen Ganzen erfolgen.

Befinden sich die Bildelemente zweier aufeinander folgender Elemente in Bewegung, müssen diese bei einem Kameraschwenk unter allen Umständen aufeinander abgestimmt sein.

Kameraschwenk im Film in Theorie und PraxisDas Schwenken der Kamera inhaltlich durch Handlung und Dramaturgie motiviert sein. Darum muss die Schwenkgeschwindigkeit, ebenso wie die Häufigkeit des Schwenks und der Dauer, mit der Bewegung des Filmbildes, aber auch mit der Montage harmonisieren.

Die Bewegung der Bildelemente muss aber nicht nur untereinander, sondern auch in der Kombination mit dem Kameraschwenk so gestaltet sein, dass die Übergänge ineinander fließen können. Kameraschwenk ist nicht gleich Kameraschwenk.

Ob ein Schwenk vom Zuschauer, verbunden mit der Filmhandlung, als natürlich wahrgenommen wird, hängt nicht nur von der Art des Schwenks ab, sondern auch vom Kulturkreis des Publikums. Liest das Publikum statt von links nach rechts von rechts nach links, gilt ein Kameraschwenk im Uhrzeigersinn als besonders und außergewöhnlich. In Kulturen, in denen von links nach rechts gelesen wird, gilt ein Schwenk gegen den Uhrzeigersinn als ungewöhnlich.

Grundsätzlich gibt es vier Arten, in die ein Kameraschwenk eingeordnet werden kann:

1. Langsamer Schwenk

Der langsame Kameraschwenk erlaubt es, Veränderungen wahrzunehmen und genau hinzusehen. Sie nehmen dem Zuschauer das Gefühl für den realen Ablauf der Zeit und erzeugen dadurch eine entsprechende Stimmung.

Die bekannteste Art sind Panoramas, in denen die Kamera langsam über eine stimmungsvolle Landschaft schwenkt. Dramaturgisch betrachtet ist der langsame Kameraschwenk meist auch retardierend, das heißt sie verzögern. Nicht nur durch ihre Dauer, sondern auch inhaltlich, die vom Zuschauer mit Spannung erwartete Fortsetzung der Handlung. Wo dies der Fall ist, dürfen langsame Schwenks nicht beliebig oft eingesetzt werden.

2. Schneller Schwenk

Der schnelle Kameraschwenk löst durch seine Geschwindigkeit naturgemäß Überraschungen auf. Er besitzt auch darum eine hohe dramaturgische Wichtigkeit in der Montage. Plötzliche Reaktionen des Protagonisten oder Antagonisten, oder die Konfrontation von Widersprüchen, dramatische Dialogstellen oder plötzliche Wendungen in der Handlung eines Films oder Videos sind typische Anwendungsfälle des schnellen Kameraschwenks. Schnelle Bewegungen müssen noch stärker als langsame inhaltlich motiviert sein. Ebenso müssen sie mit den Bewegungsabläufen des Objekts vor der Linse und dem Schnitt-Rhythmus in Übereinstimmung sein.

Schnelles Schwenken der Kamera, das bewusst gegen diese Vorgaben verstößt, kann aber auch bewusst dazu eingesetzt werden, um besondere Stimmungen hervorzurufen. So in Szenen, in denen Spannung im Vordergrund steht.

3. Suchender Schwenk

Der suchende Kameraschwenk tastet sich an etwas heran. Er sucht, wählt aus, informiert. Meist verfolgt er dabei bewegende Objekte. Das können Menschen, Tiere, aber auch Autos oder Flugzeuge sein. Das Tempo der Kamerabewegung hängt bei diesem Typ immer von der Bewegung des Objektes ab, das von der Kamera begleitet wird.

Der suchende Schwenk kann aber auch eingesetzt werden, ohne dass er einem Objekt in einer Einstellung folgt. Dann ist das Schwenken umso sorgfältiger zu wählen. Meist schwenkt man diesfalls langsamer, als bei der Verfolgung eines Objektes. Je größer die Brennweite respektive je kleiner der Aufnahmewinkel, umso ruhiger bewegt sich die Kamera.

4. Reißschwenk

Der Reißschwenk gehört zu den spektakuläreren Anwendungsarten des Kameraschwenks. Er entsteht durch eine plötzliche, unerwartete Bewegung der Kamera. Diese schwenkt dabei so abrupt, dass im Bild keine Details mehr wahrnehmbar sind.

Darum kann der Reißschwenk auch als eine in der Kamera erzeugte „Wischblende“ bezeichnet werden. Sie sind Aufrufe zur erhöhten Aufmerksamkeit. Aus einem Reißschwenk kann hart auf das nächste Bild geschnitten werden, ohne dass der Schnitt störend wirkt oder sichtbar zu sein scheint.

Shutter-Effekt (Stroboskop-Effekt)

Eine wichtige Gemeinsamkeit, die jede Art von Kameraschwenk vereint, ist die Angst vor dem Shutter-Effekt (deutsch: Stroboskop-Effekt). Dieser entsteht, wenn die Frequenz einer Bewegung sich mit der Frequenz von Film- oder Videobildern überschneidet. Dies unabhängig davon, auf welches Wiedergabemedium der Film oder das Video später geladen wird oder ab welcher Video-Plattform später die Aufrufe zum Ansehen des Videos erfolgen.

Kameraschwenk im Film in Theorie und PraxisAbhängig von der Bildauflösung und dem Tempo der Schwenkbewegung können senkrechte Linien je nach Aufnahmeverfahren im Bild schwere Störungen hervorrufen, die eine spätere Verwendung der Aufnahmen komplett verunmöglichen.

Als Faustregel gilt: je niedriger die Auflösung der Bewegung, desto tiefer das Tempo des Kameraschwenks.

Exkurs: Filmformat und Storyboard

Indirekt mit der mit der Kameraschwenk verbunden ist insbesondere auch die Frage nach dem Filmformat. Einen Überblick in die Thematik gibt der Filmpuls-Artikel: „Die ultimative Einführung in Filmformat und Videoformate.“

Ein gutes Storyboard hilft, Kameraschwenks und andere Art der Kamerabewegung zu planen und damit gut vorbereitet durchzuführen.

Auswirkung auf die Produktion

Ein Kameraschwenk hat nicht nur inhaltliche Folgen, sondern auch Auswirkungen auf die Herstellung des Films, die Termine und die Kosten. Jedes Mal, wenn die Aufnahmeeinheit für eine Einstellung neu positioniert (aufgestellt) werden muss, zieht das für den Ablauf auf dem Filmset eine ganze Reihe von Folgen mit sich. Das Filmbild muss neu eingerichtet werden, die Position der Darsteller überprüft und das Licht neu gesetzt werden. Aber nicht nur Stative, Scheinwerfer und Kabel werden zwischen den Aufnahmen hektisch verschoben.

Durch den Positionswechsel ändert sich, wie beim Schwenk, der Blickwinkel. Aber anders als beim Kameraschwenk dreht sich die Kamera nicht um die eigene Achse sondern ändert ihren Standort, was meistens auch einen Wechsel der Brennweite oder Objektive bedeutet. Auch das braucht seine Zeit.

Deutsch und deutlich: Der Kameraschwenk kann aus Sicht der Produktion die Dreharbeiten beschleunigen. Er verbindet, was sonst in unterschiedlichen Einstellungen stückweise aufgezeichnet wird. Im Gegenzug stellt er an die Regie erhöhte Anforderungen. | filmpuls logo


© Foto: Cinematographer Alan Caso, ASC | Im Interesse der Lesbarkeit wird im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen. | © Artikel Filmpuls

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