Warum Brennweite immer auch eine Frage der richtigen Perspektive ist

Brennweite und Blickwinkel als Frage der Perspektive
Was können Weitwinkel-Objektive und Zoom-Objektive für das Storytelling leisten? | © Pixabay

Die Wahl der richtigen Kameralinse ist ein filmisches Gestaltungs­mittel erster Güte. Brennweite und Blickwinkel der Objektive bestimmen maßgeblich über die Bildwirkung mit. Dieser Artikel erklärt, was Weitwinkelobjektive, Zoomobjektive oder Festbrennweite für Storytelling und visuelle Gestaltung in Film und Video leisten können.

Ebenso wie die Kamerabewegungen, Kamerafahrt und Kameraschwenk ist die Arbeit mit Objektiven ein wichtiger Teil der Bildgestaltung für Bewegtbild.

Die Brennweite ist bildbestimmend

Wenn ein Darsteller vor einem Haus steht und in Aufnahmen mit einem Tele- oder Weitwinkel-Objektiv in einer entsprechenden Größe im Bild erscheinen soll, muss die Kamera für die Weitwinkel-Aufnahme viel näher an den Darsteller als in der Tele-Aufnahme. Diese Veränderung des Kamera-Standortes hat zur Folge, dass sich das Verhältnis von Vordergrund und Hintergrund ändert.

Bei der mit Tele gedrehten Aufnahme ist der Hintergrund deutlich präsenter als in der Weitwinkel-Aufnahme, die den Hintergrund viel kleiner erscheinen lässt. Je nach Handlung und Aussagewunsch wird sich der Cinematographer also für die eine oder andere Option entscheiden.

Die Brennweite prägt das Storytelling mit

Aufnahmen mit einem Teleobjektiv (lange Brennweiten) verringern den Raumeindruck. Sie nehmen einer Aufnahme die Plastizität, lassen diese perspektivisch verschachtelt erscheinen. Tele-Aufnahmen werden vom Zuschauer als flach, plakativ und ohne perspektivische Bezugsgrößen empfunden. Bewegungen scheinen im Vergleich zu normalen Aufnahmen verzögert (auf der Stelle treten).

Was unterscheidet Aufnahmen mit Teleobjektiv und Weitwinkel?
  • Die Schärfentiefe beim Dreh mit einem Teleobjektiv begrenzt: Sie lässt den Zuschauer durch die Unschärfe im Ungewissen, wie es vor und hinter der Handlungsebene genau aussieht. Sie öffnet damit der Interpretation viel Spielraum.
  • Umgekehrt betonen Filmbilder, die mit kurzer Brennweite (Weitwinkel) gedreht wurden, die Raum-Perspektive. In einer Weitwinkel-Aufnahme wird ein Objekt deutlicher vom Hintergrund getrennt, als wenn das identische Motiv mit einem Teleobjektiv gedreht wird.
  • Weitwinkel-Aufnahmen eignen sich gut dafür, den Betrachter in das Bild hineinzuziehen. Der Zuschauer wird Teil des Filmbildes und steht mitten in der Handlung.
  • Diese Wirkung weitwinkliger Bilder wird durch die Vorführung eines Filmes auf einer großen Leinwand nochmals deutlich verstärkt. Dies ist anders, als wenn dieselbe Bildsequenz auf einem Smartphone betrachtet wird.
  • Bei extremen Weitwinkel-Aufnahmen wirkt die Perspektive schnell einmal überzeichnet.
  • In der Regel aber verstärken Aufnahmen mit Weitwinkel das Gefühl, als Zuschauer in einem realen Raum zu stehen. Warum? Weil wir den Raum als Ganzes erfassen können und nicht nur einen Teil des Raumes sehen.

Anders als beim Teleobjektiv, wirken Bewegungen vor einer Weitwinkellinse schnell einmal hektisch, gehetzt oder als zu schnell. Diese optische Dynamik ist für die Bildgestaltung und die künstlerische Arbeit von Regie und Kameramann von höchster Bedeutung. Sie kann – wie immer – auch ganz bewusst gewählt und für das Storytelling eingesetzt werden.

Brennweite, Blende und Bildschärfe

Weitwinkel-Aufnahmen haben (bei identischem Aufnahmeabstand und bei identischer Blende) eine größere Schärfentiefe als mit einem Teleobjektiv gedrehte Aufnahmen. Umgekehrt bleibt die Schärfentiefe fast vergleichbar, wenn bei einer Tele-Aufnahme und einer Weitwinkel-Aufnahme die Kamera verschoben wird, um die Größe des Motivs gleich groß zu halten.

Für die Blende gilt:
  • Brennweite und Blende haben gemeinsam, dass sie beide einen großen Einfluss auf die Bildschärfe haben.
  • Je weiter die Blende geöffnet ist, desto weniger Schärfentiefe bekommt das Bild. Die Unschärfe wird größer.
  • Je weiter die Blende geschlossen ist, desto mehr Schärfentiefe und desto weniger Unschärfe entsteht.
  • Damit kann, abhängig von den Lichtverhältnissen, das zur Story passende Filmbild vom Kameramann komponiert werden.

Die Bildschärfe, nicht die Schärfe-Ebene, ist auch rein praktisch ein Thema für die Wahl zwischen diesen beiden Arten von Kameralinsen. Eine Weitwinkel-Aufnahme ohne Stativ gedreht wirkt auch bei unruhiger Kameraführung weit weniger verwackelt als ein Teleobjektiv, bei dem der Bildausschnitt schnell einmal zu wackeln bringt.

Eine Frage der Perspektive

Die Brennweite eines Objektivs bestimmt zusammen mit dem Aufnahmeformat den Bildwinkel. Oder anders formuliert: Die perspektivische Wirkung ist eine Folge aus dem Abbildungsverhältnis von Vordergrund zu Hintergrund. Ist bei einem Video das Seitenverhältnis 16 : 9 (Breite zu Höhe), ergibt das einen größeren horizontalen Bildwinkel als in der Vertikalen. Ebenso hat der Blickwinkel auch einen Einfluss auf die Bildbeleuchtung.

Video: Was ist Brennweite? | © Malte Schumacher / YouTube

Brennweite, Blickwinkel, Weitwinkel und Zoom

Die Frage nach der richtigen Perspektive wird also nicht nur durch die Betrachtungshöhe (Vogelperspektive, Froschperspektive) oder den Betrachtungswinkel auf ein Objekt (frontal, seitwärts, etc.), sondern immer auch durch die Wahl des Objektivs bestimmt.

Brennweite Normal-Objektiv, Weitwinkel-Objektiv und Teleobjektiv

Was als normale Brennweite bezeichnet wird, ist nichts anderes als der Versuch, mit dem Kameraobjektiv ein Ereignis möglichst nahe am menschlichen Seherlebnis abzubilden. Dass diese Definition von «normal» zwar ehrenwert, aber auch problematisch ist, zeigt allein der Umstand, dass der Filmemacher den Abstand des Zuschauers zum Bild nicht selbst kontrollieren kann. Wer im Kino in der ersten Reihe sitzt, sieht das Bild auf der Großleinwand anders als wer in den hinteren Sitzreihen den Film verfolgt.

Welcher Abstand zur Leinwand / Bildschirm ist richtig?
  • Als empfohlener, idealer Abstand zu einem TV-Gerät galt jahrzehntelang die Formel: Bildschirmdiagonale mit Faktor 3 multiplizieren.
  • Bei Flachbildschirmen gilt heute Bilddiagonale in Zoll x 4,2). Trotzdem kalkulieren die wenigsten Käufer von einem TV-Gerät auf Basis ihres Wohnzimmers, wie groß der neue TV sein darf.
  • Physikalisch ist das Seherlebnis für den Kinozuschauer in der ersten Reihe dann möglichst natürlich, wenn dieser ein weitwinkliges Bild zu sehen bekommt.
  • Umgekehrt empfindet, wieder aus Sicht der Optik und Physik gesehen, wer auf einem Smartphone TV-schaut, nur durch ein Teleobjektiv erstellte Aufnahmen als normal.

Die Wahrheit liegt für einmal in der Mitte. Die perspektivische Verjüngung eines Bildes ist physikalisch dann normal, wenn der Zuschauer dieses aus der Entfernung der Aufnahmebrennweite betrachtet, wo nötig multipliziert mit dem Maßstab der Vergrößerung.

Blickwinkel unterschiedlicher Objektive

Wichtiger als die weitgehend unkontrollierbare Distanz des Publikums zur Leinwand oder Flachbildschirm müssen für Kameraleute diejenigen Dinge, sein, die sie kontrollieren können: die Objektive. Für sie gibt es – mehr oder weniger verbindliche – Definitionen:

Übersicht zu den Blickwinkeln von Objektiven
  • Als Normal-Objektive gelten Kameralinsen, die dem menschlichen Sehen möglichst gleichkommen.
  • Orientieren kann man sich dabei am Blickwinkel des menschlichen Auges. Dieses erfasst einen Winkel von 24° – 35°. Welcher Wert das konkret ist, kann nur korrekt bestimmt werden, wenn das Filmformat bekannt ist.
  • Als Faustregel gilt, dass die Brennweite eines Normalobjektivs in etwa der Diagonalen des Filmformats in Millimeter entspricht.
  • Objektive, deren Blickwinkel denjenigen des Auges übertrifft, konkret Linsen, die einen weiteren Winkel als 35° besitzen, können als Weitwinkelobjektive gelten.
  • Sie bilden nahe Motive im Verhältnis zum Hauptmotiv (Hintergrund) größer ab als in Realität (sog. zentrale Perspektive) und erzielen einen eindrücklichen Tiefeneffekt.
  • Umgekehrt ist der Blickwinkel eines Teleobjektives enger als das minimale Maß des Blickwinkels eines Menschen von 24°. Es zeigt immer nur einen stärker limitierten Ausschnitt eines Motivs.

Ein Teleobjektiv zeigt im Vergleich zu einem normalen Objektiv oder einem Weitwinkel immer nur einen Ausschnitt des Motivs. Falsch ist die Aussage, dass das Teleobjektiv ein Motiv vergrößert. Dieser Eindruck entsteht nur das Weglassen (die Reduktion auf einen Ausschnitt) des Umfelds.

Das Weitwinkel-Objektiv leistet, wieder mit einer normalen Aufnahme als Ausgangsbasis der Betrachtung, genau das Gegenteil. Es öffnet den Blick des Zuschauers und präsentiert den Raum als Umfeld der Handlung.

Zoom-Objektive

In den Sechzigerjahren wurde es, getrieben von TV-Reportagen, üblich, sogenannte Transfokatoren (heute Zoomobjektive genannt) einzusetzen. Ein Zoom-Objektiv hat in einem gewissen Rahmen eine stufenlos veränderbare Brennweite. Es ist damit das Gegenteil von Objektiven mit einer Festbrennweite.

Dass Zoomobjektive zu den meistgebrauchten Objektiven geworden sind, hat viele Gründe:
  • Objektive mit Zoom-Funktion sind ein hochkomplexes optisches System, mit dem die Verschiebung des vorderen und hinteren Hauptpunktes möglich wird, ohne dass durch die Verschiebung die Schärfe-Ebene oder die Lichtmenge beeinflusst wird.
  • Seit die dazu notwendigen Berechnungen von den Herstellern der Linsen computergestützt vorgenommen werden, hat sich die Qualität der Zoomobjektive sprunghaft verbessert.
  • Ein gutes Zoom-Objektiv kann den herkömmlichen Linsensatz weitgehend ersetzen.
  • Der Kameramann kann die Brennweite und damit den Bildausschnitt schneller anpassen, als dies mit einem Objektivwechsel möglich ist
  • Das Zoomen erlaubt die Simulation einer Kamerafahrt, von der Großaufnahme bis zur Totalen.

Mit einem Zoom imitierte Kamerafahrten gelten unter strengen Cineasten als Missbrauch, weil der Kamerastandpunkt dabei nicht wechselt, was für den Zuschauer unnatürlich wirken kann. In den ersten Jahren ihrer Einführung wurden Zoomobjektive scherzhaft als Gummi-Linse bezeichnet. Schmeichelhaft gemeint war das nicht.

Vorsatzlinsen und Konverter

Die Brennweite im Nahbereich oder im Weitwinkel-Bereich kann mit sog. Vorsatzlinsen weiter aufgebrochen (erweitert) werden.

Was macht ein Konverter?
  • Der Multiplikationsfaktor einer Vorsatzlinse bezeichnet, ob das Bild mit der Vorsatzlinse weitwinklig (Multiplikationsfaktor unter 1) oder weniger weitwinklig (Multiplikationsfaktor über 1) wirkt.
  • Konverter, die zwischen dem Objektiv und der Kamera angebracht werden können, verlängern die Brennweite.
  • Ein Konverter mit Faktor 2 verdoppelt diesen Wert.
  • Leider werden mit Vorsatzlinsen aber auch automatisch Objektivfehler, die ohne Konverter kaum erkennbar und noch tolerierbar waren, verdoppelt. Sie werden plötzlich zum Störfaktor.
  • Mit einem Konverter nimmt die Lichtstärke ab.

Konverter kommen im professionellen Film heute nur noch in Ausnahmefällen zum Einsatz.

Zusammengefasst

Brennweite und Blickwinkel bestimmen maßgeblich über die Bildwirkung. Ebenso wie die Kamerabewegungen sind sie ein wichtiger Teil filmischer Bildgestaltung. Die richtige Wahl zwischen Weitwinkel-Objektiv und Zoom-Objektiv unterstützt das Storytelling.

Was heißt Normalobjektiv?
  • Normalobjektive besitzen einen Blickwinkel, der identisch mit demjenigen des Menschen ist. Er entspricht dem menschlichen Auge
  • der Durchschnittswert beträgt 24°-35°
  • besitzt eine Festbrennweite
  • wirken eher unauffällig, weil die Perspektive eines Normalobjektivs dem natürlichen Seh-Eindruck des Auges entspricht
Was heißt Weitwinkelobjektiv?
  • Weitwinkelobjektive haben einen Blickwinkel, der weiter ist, als derjenige des Menschen (über 24°),
  • besitzen mehr Schärfentiefe
  • verleihen mehr Räumlichkeit
  • hat eine Festbrennweite
  • eignen sich, wenn aus der Hand gedreht werden soll
Was heißt Teleobjektiv?
  • Der Blickwinkel von Teleobjektiven ist kleiner, als derjenige des Menschen (enger als 35°)
  • besitzen selektive Schärfentiefe
  • arbeiten mit Festbrennweite
  • haben eine grafischere Wirkung
  • erfordern meist ein Stativ
  • verbinden entfernte Objekte
  • die Entfernung zwischen den Objekten erscheint kleiner, als sie in der Realität ist
  • die Aufnahme wirkt dicht gedrängt, gestaucht und eher flach (Parallelperspektive)
  • es entsteht kaum ein räumlicher Eindruck

Ob Weitwinkel, Tele-Objektiv oder Normalobjektiv. Nicht das Objektiv an sich macht ein Video außergewöhnlich. Sondern die kluge Wahl und der überlegte Einsatz der richtigen Brennweite und der Kameraperspektive.

Das musst du wissen

  • Brennweiten werden durch die Wahl des Objektivs (der Kameralinse) bestimmt.
  • Lange Brennweiten (Tele) verringern die Raumtiefe und haben eine begrenzte Schärfentiefe.
  • Kurze Brennweiten (Weitwinkel) haben die gegenteilige Wirkung eines Teleobjektives. Vordergrund und Hintergrund unterscheiden sich in der Bildwirkung stark.
  • Man unterscheidet zwischen Normalobjektiv, Teleobjektiv und Weitwinkellinse. Normal bedeutet eine größtmögliche Annäherung an das natürliche Seherlebnis.

Weiterführende Literatur zu Brennweite, Weitwinkel, Zoom und Blickwinkel

  • Werner van Appeldorn: Handbuch der Film- und Fernsehproduktion. Psychologie-Gestaltung-Technik. München: 2. überarbeite Auflage, 1988
  • Christian Westphalen: Das große Buch der Objektive, Verlag Rheinwerk, 2018
  • Chris Marquardt: Weitwinkelfotografie, dPunkt Verlag, 2017

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Redaktion Filmpuls
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1 Kommentar

  1. Hi Leute, Aufnahmen mit Weitwinkel stärken das Gefühl, Teil eines realen Raums zu sein: Ich glaube, dass Aufnahmen mit langer Brennweite bzw. ohne Weitwinkelobjektiv schnell einmal hektischer und schneller wirken, als Aufnahmen mit dem Teleobjektiv. Vergleicht man beispielsweise einen Dollyshot, denn man zuerst mit kurzer und dann zum Vergleich mit langer Brennweite gemacht hat, so ist in der Aufnahme mit dem Teleobjektiv viel mehr Bewegung und viel mehr Dynamik drin und damit wirkt die Bewegung sehr viel schneller als bei Weitwinkelobjektiven? Viele Grüße, Stefan

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