Checkliste für den Videoschnitt: die Prinzipen der Montage nach Walter Murch

Videoschnitt 5 Prinzipien der Montage Walter Murch Checkliste
Ein Brett vor der Stirn schont das Gehirn | © Pixabay

Im professionellen Filmschaffen wird nicht ohne Stolz zwischen Videoschnitt und Montage unterschieden. Gemeint ist damit nicht der technische Unterschied der Vorgänge im Schneideraum. Beim Verständnis, wie Inhalte und Szenen montiert werden  müssen, damit ihre Einzelteile mehr als die Summe des Ganzen bilden, hilft die 5-Punkte Checkliste von Oscar-Preisträger Walter Murch.

Nicht der Schnitt an sich macht den Unterschied. Es ist die Montage, welche dem Videoschnitt seine Kraft gibt. Wo der Einsteiger stolz darauf ist, seine Filmbilder mit Editing-Software Frame-genau und ohne visuelle Stolpersteine aneinander reihen zu können, strebt der ambitionierte Filmcutter nach höheren Zielen.

Semiprofessionelle Videoeditoren suchen in den gedrehten Aufnahmen nach  Einstellungsgrößen für den passenden Schnitt. Erfahrene Cutter sehen das Filmmaterial nur als Mittel zum Zweck: Sie orientieren sich an der Filmstory und montieren die ihnen zur Verfügung stehenden Aufnahmen – möglicherweise auf überraschende Weise – so, dass die dramaturgische Wirkung maximal zum Tragen kommt.

Die Filmmontage versteht den Videoschnitt darum in erster Linie als inhaltlichen Vorgang. Es gilt, aus den Montageformen und -Arten zu wählen und die Story zu montieren.

Checkliste nach Walter Murch beim Schnitt von Videos

Murch, der mit drei Oscars ausgezeichnete und für drei weitere nominierte Cutter von Filmklassikern wie Apocalypse Now, Godfather II, versteht seine Checkliste (nachfolgend vereinfacht in fünf statt sechs Punkten dargestellt 1 ) explizit als Prioritätenliste. Wer vor der Entscheidung steht, sich für Emotion oder Rhythmus entscheiden zu müssen, sollte auf das übergeordnete Kriterium Emotion setzen. Wer unsicher ist, ob Storytelling oder Rhythmus wichtiger ist, sollte auf Storytelling setzen, und so weiter.

  • Emotion
  • Story
  • Rhythmus
  • Blickpunkt
  • Raum

Grafik 1: Punkte Checkliste nach Walter Murch (vereinfachte Darstellung)

Die Checkliste von Murch lässt sich für jeden Videoschnitt anwenden. Das Prinzip versteht sich als empfohlene Vorgehensweise für fiktive Filminhalte, liefert aber auch für Imagefilme und weitere Arten der Auftragsproduktion wertvolle Impulse.

1  Murch unterteilt den Raum in zwei zusätzliche Unterkategorien: zweidimensionale und dreidimensionale Räumlichkeit.

1Emotionen

Bei jeder Montage von Filmbildern stellt sich konstant die Frage, ob die angedachte Veränderung der Einstellungslänge die Emotionen des Zuschauers verstärkt oder abschwächt. Warum? Werden die Emotionen verstärkt, hilft der Schnitt der Montage. Im gegenteiligen Fall schwächt er sie.

Der Zuschauer kümmert sich nicht um die Begebenheiten während dem Filmdreh, nicht darum, was im Videoschnitt erfolgt oder hinter den Kulissen während der Bildbearbeitung geschieht. Das Publikum eines Kinofilms berühren einzig die Gefühle, die es beim Ansehen des Filmes erlebt.

2Storytelling

Was für Drehbuchautoren gilt, ist auch beim Videoschnitt richtig: Kill your darlings! Einstellungen, welche die Handlung im Film nicht vorwärtstreiben – oder schlimmer noch, dramaturgisch ungewollt bremsen 2 – verwirren das Publikum und langweilen es. Damit zerstören sie Illusion und Filmerlebnis.

Wo unklar ist, was der Schnitt in einer Szene für die Erzählung leistet, muss die Montage eingreifen … – und die Abfolge einer Sequenz im Videoschnitt hinterfragen und neu montieren.

2 Ausnahme: Retardierung, die bewusste Verzögerung einer Handlungsaktion

3Rhythmus

Wie ein Musikstück hat jeder Film und jedes Video einen Takt und damit auch einen Rhythmus. Passt der Rhythmus nicht zu den Emotionen, oder zum Storytelling, fällt der Film in der Montage auseinander. Rhythmus, Emotionen und Handlung sind darum eng miteinander verknüpft. Sie sind die drei Top-Prioritäten jeder Filmmontage und jedes Editors.

  • Rhythmus
  • Emotion
  • Handlung

Grafik 2: die wichtigsten drei Komponenten in der Montage

Ein langweiliger, sich schlampig anfühlender, Videoschnitt beruht in der Regel auf einer fehlerhaften, missverstandenen Abstimmung der drei essenziellen Elemente Rhythmus, Emotionen und Handlung in der Filmmontage.

4Blickpunkt (Eye Trace)

Um die von einem Film transportierte visuelle Informationsmenge überhaupt kognitiv und emotional erfassen und verarbeiten zu können, benötigt das menschliche Auge – im Leben wie im Film – zu seiner Orientierung Schwerpunkte. Die Montage bestimmt im Videoschnitt, worauf unser Auge wann in einer Szene zu blicken hat. Sie bestimmt damit unsere Wahrnehmung.

Diese Art der inneren Bildmontage hat zur Aufgabe, die Blickpunkte des Kinopublikums in einem Film zu leiten. Und damit auch zu setzen.

Maßgeblich ist die Platzierung visueller Schwerpunkte beim Schnitt von Videos nicht nur dort, wo etwa mit Symbolen und Metaphern gearbeitet wird. Auch bei Übergängen von Szenen sind visuelle Ankerpunkte für das Auge unverzichtbare. Denn stimmen Blickpunkte inhaltlich und visuell nicht überein, empfinden wir den Schnittübergang als Irritation.

5Raumgefühl

Die Montage ist auch für das Raumgefühl des Zuschauers verantwortlich. Sie entscheidet, ob der Blickwinkel uns die Verortung einer Handlung erlaubt, oder bewusst nicht. Der gezielte Umgang mit der dreidimensionalen Orientierung im Raum ist ein wesentlicher Teil der Filmmontage.

Walter Murch unterscheidet in seinem berühmten Buch „In the Blink of an Eye“ zwei Arten von Räumlichkeit. Beide beeinflussen das Erlebnis des Zuschauers.

  • 2D-Räume
  • 3D-Räume

Grafik 3: Differenzierung des Raums in 2D und 3D gemäß Murch

Die Unterscheidung in zwei Arten von Räumen ist die Ursache, warum die Kriterien dieser Checkliste auch als „6-Punkte-Liste“  bezeichnet werden.

Im zweidimensionalen Raum (Two-Dimensional Plane of Screen) einer Einstellung gilt es, Achsensprünge zu vermeiden Die Bildmontage muss dabei sicherstellen, dass die Kamera nicht unbewusst über die imaginäre Bildachse springt, sodass sich etwa zwei Personen nicht im Bild mehr rechts und links, sondern ohne Bewegung plötzlich auf der linken und rechten Seite der Bildkomposition gegenüberstehen. Denn Sprünge über die Bildachse verunmöglichen dem Zuschauer die Orientierung im filmischen Raum.

Als dreidimensionalen Raum (Three Dimensional Space of Action) beschreibt Murch alle zusätzlichen oder neuen Bildinformationen, die das Publikum eines Filmes durch einen Wechsel der Kameraperspektive oder des Bildausschnitts erhält, oder die ihm dadurch bewusst vorenthalten werden.

Die 6er-Regel nach Walter Murch (Rule of Six)

Walter Murch geht so weit, dass er die Gewichtung der vorab erläuterten Schlüsselelemente der Filmmontage sogar als prozentuale Formel beschreibt. Diese ist bekannt als  Regel der sechs Elemente oder im Original: „Rule of Six“.

Dabei tragen die einzelnen Komponenten unterschiedlich zu einer erfolgreichen Montage bei:

Emotionen steuern demzufolge über die Hälfte zu einer erfolgreichen Montage bei, Story zu rund einem Fünftel, Rhythmus, Blickpunkt (Eye Trace) und Raum etwa einem Zehntel.

Videoschnitt: Montieren oder schneiden?

Der Begriff der Montage wird in der deutschen Sprache, anders als im englischen oder französischen Sprachraum, vom Videoschnitt unterschieden.

Einen Film zu montieren, heißt im deutschsprachigen in erster Linie, den Inhalt zu verdichten. Mit Editing und dem Schnitt wird umgekehrt auf den technischen Aspekt der Filmmontage fokussiert: „Filme schneiden“ steht für das eigentliche Kürzen einer Filmszene und damit nur für einen Teil von dem, was die Montage umfasst und künstlerisch kennzeichnet.

Was Beethoven damit zu tun hat

Wie viele andere Künste der Neuzeit zieht auch die Montage ihre frühe konstitutive Kraft aus dem neunzehnten Jahrhundert. Der literarische Realismus von Flaubert, der mit seinen Worten dem unscheinbaren Detail metaphorische Bedeutung abgerungen hat, findet in der Filmmontage seine Referenz. Dies ebenso wie das musikalische Werk von Beethoven, der sich durch energisches Erweitern, Verkürzen und Verwandeln der rhythmischen und orchestralen Struktur neue emotionale Räume erschlossen hat.

Davon profitiert die Montage bis heute. Nicht nur für fiktive Formate im Kino und TV. Auch überall, wo Kommunikation und Bearbeitung von Video unter Zeitdruck und Kostenzwängen zielgenau erfolgen muss: im Marketing für Auftragsfilm, Imagefilm, Produktfilm und nicht zuletzt im Werbespot.

Fazit: Videoschnitt und 5-Punkte Prinzip nach Walter Murch

Ein harter Schnitt, ein Match Cut oder eine Überblendung: die Montage bezeichnet im künstlerischen Film mehr als einzig das Zusammenfügen von Bildern und Tönen. Sie lässt aus unterschiedlichen Orten mittels verschiedener Einstellungen eine neue Einheit entstehen.

Das musst du wissen

  • Der Begriff der Montage wird abhängig vom Sprachraum unterschiedlich verstanden. Als Prozess, der einen Inhalt verdichtet (deutscher Sprachgebrauch). Oder aber als eigentlicher inhaltlicher Entstehungsprozess eines Filmes. Beide Interpretationen schließen sich nicht gegenseitig aus.
  • Der weltberühmte Cutter Walter Murch hat als Sinn und Zweck der Bildmontage in Form einer Checkliste die Eckpfeiler als Orientierungsgrößen definiert: Emotionen, Storytelling, Rhythmus, Blickpunkt und Raumgefühl – gewichtet in der Reihenfolge ihrer Aufzählung.
  • Wenn die Montage nicht nur als technischer, sondern auch als kreativer Gestaltungsprozess verstanden wird, leitet sich aus dieser Wichtigkeit auch ab, dass für die Filmmontage ein vernünftiges Zeitbudget erforderlich ist.

Bücher zum Thema Editing / Filmschnitt (Auswahl)

Fachliteratur zu Montage und Filmschnitt
  • Die Kunst des Filmschnitts, Michael Ondaatje, 1996
  • Handbuch der Filmmontage: Praxis und Prinzipien des Filmschnitts, herausgegeben von Hans Beller, TR-Verlagsunion
  • Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage, von Walter Scott Murch, Alexander Verlag Berlin
  • Geschichte der narrativen Filmmontage: Theoretische Grundlagen und ausgewählte Beispiele, von Michaela S. Ast, Tectum Verlag

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Pavel Sokolov
Über Pavel Sokolov 54 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen, aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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