Die Montage macht den Unterschied zwischen Editing und Schneiden

Mit 5-Punkte Checkliste nach dem Prinzip von Walter Murch

Editing Montage Film Video
Ein Brett vor der Stirn schont das Gehirn

Auch das Editing und die Montage haben ihre Vergangenheit. Diese lässt sich zeigen. Sie geht nämlich meilenweit über die Geschichte von digitaler Bildbearbeitung, Computer, Edit Files und Software für den Schnitt hinaus.

Die bemerkenswert schnelle künstlerische Entfaltung des Filmes liegt nämlich nicht nur für Storytelling und Dramaturgie im 19. Jahrhundert begründet. Sondern auch im Prinzip der Montage.

Das musst du wissen

  • Der Begriff der Montage kann unterschiedlich verstanden werden. Entweder als Prozess, der einen Inhalt verdichtet (deutscher Sprachgebrauch) oder aber als eigentlicher inhaltlicher Entstehungsprozess eines Videos oder Filmes. Beide Interpretationen schließen sich nicht gegenseitig aus.
  • Der weltberühmte Cutter Walter Murch hat als Sinn und Zweck der Montage fünf Eckpfeiler als Orientierungsgrößen definiert: Emotionen, Storytelling, Rhythmus, Blickpunkt und Raumgefühl – gewichtet in der Reihenfolge ihrer Aufzählung.
  • Wenn die Montage als kreativer Gestaltungsprozess verstanden wird, leitet sich aus dieser Wichtigkeit auch ab, dass für die Filmmontage ein vernünftiges Zeitbudget erforderlich ist. Wo dies nicht gewährleistet werden kann, ist es angebracht, nicht von einer Montage, sondern von Schnitt oder Editing zu sprechen.

Literarischer Realismus und Beethoven als Grundlage für die Montage

Wie viele andere Künste der Neuzeit hat auch die Montage ihre frühe konstitutive Kraft aus dem neunzehnten Jahrhundert bezogen. Der literarische Realismus von Flaubert, der mit seinen Worten dem unscheinbaren Detail metaphorische Bedeutung abgerungen hat, findet in der Filmmontage seine Referenz. Dies ebenso wie das musikalische Werk von Beethoven, der sich durch energisches Erweitern, Verkürzen und Verwandeln der rhythmischen und orchestralen Struktur neue emotionale Räume erschlossen hat.

Davon profitieren die Montage und Film Editing bis heute. Nicht nur für fiktive Formate im Kino und TV und für Video. Auch überall da, wo die Kommunikation und Bearbeitung von Video unter Zeitdruck und Kostenzwang zielgenau erfolgen muss: im Marketing für Auftragsfilm, Imagefilm, Produktfilm, und nicht zuletzt im Werbespot.

Editing: Montieren oder schneiden?

Der Begriff der Montage wird in der deutschen Sprache meist anders eingesetzt und definiert, als dies in der englischen oder französischen Sprache der Fall ist. Einen Film oder ein Video zu montieren, heißt hierzulande in erster Linie, den Inhalt beim Editing zu verdichten.

Damit dies gelingen kann, empfiehlt es sich, einen Plan zu haben und einem Prinzip zu folgen. Die Grundlage dazu bildet die Geschichte, oder im Auftragsfilm der Aussagewunsch.

Herkunft der Montage

Der eigentliche, ursprüngliche Zweck der Montage besteht aber nach wie vor darin das Thema, das Sujet, Handlungen, Taten, die Dynamik (…) innerhalb eines Filmes zusammenhängend und folgerichtig darzulegen (Sergei Eisenstein). Damit wird auch klar, warum die Film- und Videomontage, im Unterschied zum sog. Schneiden (oder Editing)als reines Zusammenhängen und „Bereinigen“ von Drehmaterial, dem Filmschnitt in der Wertigkeit weit übergeordnet sein sollte.

Montage statt Editing im Videoschnitt: Sergei Eisenstein (1898-1948), Regisseur und Cutter
Sergei Eisenstein (1898-1948), Regisseur und Cutter

1888 brachte Eastman den ersten Rollfilm auf den Markt. Der Bewegungseindruck einer Vielzahl von Einzelbilder, der dadurch möglich wurde, bezeichnet die Wahrnehmungspsychologie als Phi-Phänomen: Es ist die Urform der Montage. Aneinander gereihte Einzelbilder verschmelzen zu mehr als der Summe ihrer Einzelteile.

Der vorzitierte Eisenstein hat diesem Phänomen in Kombination mit dem sog. Nachbild-Effekt 1925 in seinem legendären Film „Panzerkreuzer Potemkin“ (deutsch, russischer Originaltitel: Bronenossez Potjomkin) ein Denkmal gesetzt.

Wer das Thema nicht nur aus historischer, sondern auch aus gesamtheitlicher Sicht angehen will, kann sich für die Montage und Editing beispielsweise an der während fünfzig Jahren (!) verfeinerten Checkliste des Oscar-Preisträgers (Apocalypso Now, The English Patient), Filmeditors und Sounddesigners Walter Murch orientieren.

Mehr zu diesem Thema findet sich im Artikel Gute Filmbücher.

Die 5-Punkte Checkliste nach Walter Murch für die Filmmontage

Murch versteht seine Checkliste (nachfolgend unter Pkt. 4 vereinfacht dargestellt) explizit als Prioritätenliste. Wer vor der Entscheidung steht, sich für Emotion oder Rhythmus entscheiden zu müssen, sollte auf das übergeordnete Kriterium Emotion setzen. Wer unsicher ist ob Storytelling oder Rhythmus wichtiger ist, sollte auf Storytelling setzen, und so weiter.

Die fünf Punkte von Murch lassen sich selbstverständlich für alle Schnittarbeiten anwenden. Dies losgelöst davon, ob man von Editing, Montage oder Videoschnitt spricht.

In einer perfekten Welt für einen idealen Film oder ein ideales Video kann die Montage im Sinne einer empfohlenen Vorgehensweise sämtliche nachfolgenden Punkte in der aufgeführten Reihenfolge gewichten und berücksichtigen:

Editing: 5-Punkte Checkliste für die Montage

Emotionen

Im Editing und in der Montage stellt sich immer wieder die Frage, ob die angedachte Veränderung der Einstellungslänge die Emotionen des Zuschauers verstärkt oder abschwächt. Warum?

Werden die Emotionen verstärkt, hilft der Schnitt der Montage. Im gegenteiligen Fall schwächt er sie.

Der Zuschauer kümmert sich nicht um die Begebenheiten während dem Filmdreh, nicht darum was in der Edit Suite erfolgt ist oder hinter den Kulissen geschehen ist. Den Zuschauer berühren einzig die Gefühle, die er beim Ansehen des Filmes erlebt.

5-Punkte Checkliste für die Montage

Storytelling

Was für Drehbuchautoren gilt, gilt auch im Edit und dem von Software unterstützten Editing während des Editings: Kill Your Darlings!

Was die Handlung im Film nicht vorwärts treibt oder schlimmer noch, verwirrt, bremst das Zuschauer-Erlebnis und droht das Publikum zu langweilen.

Wo unklar ist, was der Schnitt in einer Szene für die Erzählung leistet, muss die Montage eingreifen… – und helfen.

Editing: Rhythmus

Rhythmus

Ähnlich wie ein Musikstück hat jeder Film und jedes Video seinen Takt und seinen Rhythmus. Passt der Rhythmus nicht zu den Emotionen oder zum Storytelling, fällt der Film in der Montage auseinander.

Rhythmus, Emotionen und Handlung sind darum eng miteinander verknüpft, und die drei Top-Prioritäten der Montage und des Editors.

Ein langweiliger, schlampiger Schnitt im Editing beruht meist auf einer fehlerhaften, missverstandenen Abstimmung dieser drei essenziellen Elemente (Rhythmus, Emotionen und Handlung) in der Filmmontage.

Blickpunkt

Blickpunkt

Um die in einem Film oder Video enthaltene visuelle Informationsmenge überhaupt erfassen und verarbeiten zu können, setzt das menschliche Auge, wie im realen Leben, radikale Schwerpunkte. Einerseits lesen wir in der westlichen Welt Bilder und Schriften von links nach rechts und von oben nach unten. Andererseits reagieren wir auf Bewegungen stärker als beispielsweise auf statische Objekte.

Die Montage hat zur Aufgabe, unsere Blickpunkte in einem Film zu leiten und zu setzen. Die Montage bestimmt, worauf unser Auge wann in einer Szene zu blicken hat, sie bestimmt damit unsere Wahrnehmung.

Maßgeblich ist das Setzen des Blickpunkts beim Editing nicht nur dort, wo mit Symbolen und Metaphern gearbeitet wird. Sondern immer auch im Zusammenspiel von Szenen, bei Übergängen. Stimmen dort die Blickpunkte nicht überein, empfinden wir den Schnittübergang als seltsam.

Editing: Raumgefühl

Raumgefühl

Die Montage ist auch für das Raumgefühl des Zuschauers in Filmen oder einem Video verantwortlich.

Die Montage entscheidet, ob der Blickwinkel uns die Verortung einer Handlung erlaubt, oder bewusst nicht.

Sie ermöglicht uns die dreidimensionale Orientierung im Raum. Zum Umgang mit Raum in der Montage gehört auch die Vermeidung von sogenannten Achsensprüngen. Dabei springt die Kamera über die imaginäre Bildachse, so dass sich zwei Personen nicht mehr rechts und links, sondern ohne Bewegung plötzlich links und rechts im Bild gegenüberstehen).

Was heißt Editing für Video und Film?

Editing (wörtlich übersetzt = Bearbeiten, Aufbereiten, Schneiden) von Filmen und Videos ist an sich ein kreativer Akt. Kreativität benötigt Zeit. Wer bei der Kommunikation mit Film und Video, beispielsweise im Newsgeschäft eines TV-Senders, als Editor tätig ist, wird diese Zeit weder haben noch von seinem Disponenten bekommen. Wer hier von Schnitt spricht, darf das mit Stolz und Achtung tun, ist aber als Editor mehr dem Schnitt verpflichtet, als der Montage.

Unter Zeitdruck täglich sendefähige TV-Beiträge zu editieren, für welche der Redaktor oder Journalisten der für den Beitrag mit seinem Namen zeichnet, im Edit mit dem Text und Manuskript bei der Bildbearbeitung stets hinter sich wissend und den unabwendbar fixen Abgabetermin nicht nur vor dem geistigen Auge vor sich habend, das ist kein Pappenstiel. Im Gegenteil.

Wer für ein filmisches Werk mit höherem Anspruch als nur der Editor oder Cutter zur finalen Form auch künstlerisch beiträgt, wer aus sich, seinem Wissen und seiner Lebenserfahrung schöpft, wer seine Lebenszeit während langen und einsamen Tagen und Nächten im Editing in den entstehenden Film oder die Bearbeitung eines Videos am Computer einbringt, wächst über das technische Schneiden hinaus. Er oder sie ist in den meisten Fällen nicht nur Editor, sondern er oder sie schneidet und montiert.

Fazit zum Schnitt eines Films

In der Filmbranche wird und wurde, anders als beim Videoschnitt, lange und streng zwischen dem Montieren und dem «Filme schneiden» unterschieden. Mit Filmschnitt war in der Regel der physische Vorgang beim analogen Filme-schneiden gemeint: das kürzen und effektive Zusammenschneiden unterschiedlicher Filmteile (Einstellungen) zu einem großen Ganzen.

Mit der Filmmontage wurde umgekehrt der künstlerische Aspekt des Filmschnitts bezeichnet. Also die Kombination unterschiedlicher, einzelner Filmteile zu einem Werk, das (zumindest in der Absicht des Schöpfers) mehr als die Summe seiner Einzelteile darstellt.

Im heutigen Sprachgebrauch werden die Begriffe oftmals gleichwertig verwendet, ähnlich wie auch zwischen Cutter und Editor nurmehr beschränkt und immer seltener unterschieden wird. Trotzdem gilt da und dort der Begriff «Schnitt» als weniger wertig als derjenige der «Montage». In der Regel und für die Zukunft aber gilt im digitalen Zeitalter: Der Filmschnitt ist tot. Lang lebe die Montage!

Das Verdichten von Bildinformationen ist für die Montage und Film schneiden und bearbeiten ebenso kennzeichnend wie die Gestaltung von Film und Video im Edit. Ob die Bildbearbeitung eines Videos am Computer sich am Ende des Tages als Schnitt oder als Montage erweist, liegt nicht nur am Zweck des Filmes oder Videos und am zu schneidenden Film- oder Videomaterial, sondern immer auch am Fachwissen, an der Erfahrung und am Talent des Editors, der in der Editing Suite die Tasten drückt.

Das gilt für Video schneiden und bearbeiten ebenso wie für den professionellen Umgang mit dem Phänomen der unsichtbaren Schnitte oder den Einsatz von Zeitlupe und Zeitraffer in der Montage.

Bücher zum Thema Editing / Filmschnitt (Auswahl)

  • Die Kunst des Filmschnitts, Michael Ondaatje, 1996
  • Handbuch der Filmmontage: Praxis und Prinzipien des Filmschnitts, herausgegeben von Hans Beller, TR-Verlagsunion
  • Ein Lidschlag, ein Schnitt. Die Kunst der Filmmontage, von Walter Scott Murch, Alexander Verlag Berlin
  • Geschichte der narrativen Filmmontage: Theoretische Grundlagen und ausgewählte Beispiele, von Michaela S. Ast, Tectum Verlag

Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer miteingeschlossen. | © filmpuls online magazin logo

Wer ist Pavel Sokolov? 15 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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