Dramaturgie: 4 bewährte Tipps und Tricks für noch besseres Storytelling

Spannung als Sammelbegriff für starke emotionale Zuwendung

Dramaturgie für besseres Storytelling: 6 bewährte Tipps und Tricks
Mein Name ist Kong. King Kong.

Der Zuschauer erwartet eine spannende Story. Dramaturgie hat darum nur eine einzige Aufgabe: Sie muss eine Geschichte auf die bestmögliche Weise unterstützen. Sie bestimmt also nicht in erster Linie, was die zu erzählende Geschichte ist, sondern wie diese Geschichte erzählt wird.

Wie bei fast allen Dingen im Film ist auch die Dramaturgie kein Buch mit sieben Siegeln. Es gibt Erfahrungswerte und stille Abmachungen zwischen dem Filmemacher und dem Publikum. Am Ende gilt darum auch hier: es ist einfacher und sinnvoller, bestehende Regeln zu (er)kennen, zu studieren und allenfalls zu brechen, als aus Unwissenheit nach dem Zufallsprinzip eine funktionierende Welt komplett neu zu erschaffen wollen.

Was also sind die wichtigsten Regeln, die das Storytelling in unseren westlichen Breitengraden in diesem Bereich mitbestimmen? Ich listet sie hier (wie immer ohne Anspruch auf Vollständigkeit) auf. Dabei richte ich mich an Einsteiger in die Materie und nicht an Profis und Dramaturgen oder Vertreter der Theaterwissenschaft, die das Handwerkzeug der Dramaturgie auch in dunkelster Nacht blind beherrschen.

Was ist eine funktionierende Dramaturgie?

Erreicht der Film die Mehrheit der angestrebten Zuschauer, funktioniert die Erzählstruktur.

Der Mensch ist auch der Grund, warum fast alle dramaturgischen Regeln seit einer gefühlten Ewigkeit bestehen. Der Mensch möchte zwar stets etwas Neues, aber eben doch nur als harmlose Variante von dem, was er schon kennt. Radikale Neuerungen und harte Brüche mit der Tradition irritieren den Zuschauer mehr als dass sie ihn erfreuen.

Spannung ist nur möglich, wenn dem Publikum neben der Identifikation mit der Handlung auch Spannungsfelder angeboten werden. Dazu zählen:

Dramaturgie: 4 bewährte Tipps und Tricks - Überraschung

Überraschung

Die Funktionsweise der Überraschung ist so banal, dass man sich schon fast schämt, es zu nennen. Trotzdem funktioniert es nahezu immer. Eine überraschende Wende kann nicht nur inhaltlich, sondern auch als Umschnitt auf ein anderes Bild oder eine Szene erfolgen.

Nehmen wir einen Klassiker aus dem Jahr 1933 als Beispiel: Das Publikum weiß, dass die Crew des wagemutigen Kapitäns nach einem Riesenaffen sucht. Die Expedition schlägt sich wacker durch den Dschungel. Und plötzlich …, unverhofft, stürzt aus dem Nichts ein Baum auf den Pfad.

Ein kleiner Exkurs: Im amerikanischen Horrorfilm wurden früher solche Schreck-Elemente auch darum systematisch „eingebaut“ damit junge Liebespaare im Kino die Gelegenheit bekamen, beim ersten Date (scheinbar) erschreckt und scheinbar Hilfe suchend nach der Hand des Gegenübers zu greifen.

Dramaturgie: 4 bewährte Tipps und Tricks - Kontrast / Gegensätze

Kontrast / Gegensätze

Kontrast funktioniert nahezu immer. Er ist für Dramaturgen fast schon ein Allheilmittel. Er weckt beim Kinobesucher Neugierde. Im besten Fall entsteht dabei der Wunsch nach einer Erklärung, beispielsweise wenn ein gestandener Mann plötzlich vor einer Maus flüchtet. Diese folgt an späterer Stelle im Film.

Im Fall von Kong, beileibe keine Maus, findet sich dieses Mittel der Dramaturgie gleich reihenweise angewendet: Zivilisation gegen urwüchsige Eingeborene, Schwarz gegen Weiß, Fortschritt gegen Bewahrung, Mensch gegen Natur, Arbeit gegen süßes Nichtstun. Groß gegen Klein. Stark gegen Schwach. Nicht und Grund hieß der Film-Klassiker in der deutschen Fassung: «King Kong und die weiße Frau». Der Gegensatz lässt freundlich grüßen.

Dramaturgie: 4 bewährte Tipps und Tricks - Verzögerung (Retardierung)

Verzögerung (Retardierung)

Der Betrachter weiß, was geschehen wird. Die Handlung und alle Details haben ihn ebenso sorgfältig wie gekonnt darauf vorbereitet. Alle Zeichen deuten darauf hin: was passieren wird, ist unabwendbar. Schicksal. Niemand kann es ändern. Und es wird geschehen. Bald. Gleich. In den nächsten Sekunden … – und dann kommt dem Unabänderlichen etwas in die Quere, das verzögert, was passieren muss. Das ist der dritte Trick aus dem Baukasten der Dramaturgie für Film und Video: Verzögerung.

4 bewährte Tipps und Tricks Storytelling DramaturgieDie Verzögerung kann auch auf Stufe Drehbuch oder im Filmschnitt angewendet werden. Diesfalls wird die Problemlösung durch eine Parallelhandlung hinausgeschoben. Dazu muss die verzögernde Parallelhandlung glaubwürdig aufgebaut werden. Nur so kann die Neugierde, auf das was kommt, aufrecht gehalten werden.

Amerikanische Bestseller-Autoren wie James Patterson (über 100 Millionen verkaufte Bücher in 40 Sprachen) haben die Verzögerung zur absoluten Meisterschaft perfektioniert. Ihre Bücher gelten als sogenannte Pageturner, weil die Stories dermaßen spannend aufgebaut sind, dass der Leser gar nicht anders kann, als die Buchseite umzudrehen und weiterzulesen.

Beispiel

In der Geschichte des großen Affen auf der Insel bedeutet das: Kong verfolgt die Eindringlinge. Sie haben keine Chance gegen das Monster, das ihnen unaufhaltsam immer näherkommt. Steht dem Riesenaffen ein Baum im Weg, reißt er ihn aus, anders als die Inselbesucher, die sich nur mühsam einen Fluchtweg durch den Dschungel bahnen können. Schon hören die Männer (mit aufgerissenen Augen, der Tonfilm ist seit sechs Jahren erfunden, aber die Mimik des Stummfilms noch nicht ganz aus der Welt des Zelluloids gewichen) den Atem des Monsters, sehen Sekunden später sein fauligen gelben Zähne im wütend aufgerissenen Rachen des Gorillas – als sich aus dem Nichts eine hungrige, vorsintflutliche Riesenechse auf der Suche nach einem Snack auf den Rache suchenden Verfolger stürzt.

Die Helden gewinnen wieder Distanz zum Monsteraffen, weil dieser zuerst seinen neuen Widersacher, die Echse niederringen muss. Kaum ist das getan, geht die Verfolgung weiter und das Spiel beginnt wieder von vorne.

Das wird so noch heute gerne und regelmäßig bei Verfolgungsjagden mit Autos angewandt: der Abstand des Helden zum Verfolger verringert sich immer mehr, bevor plötzlich ein Bahnübergang kommt und der Bösewicht gerade noch knapp unter den Barrieren hindurchschlüpft. Hat der Drehbuchautor für seinen Hauptdarsteller kein Auto zur Hand, hilft auch eine Metro oder U-Bahn, deren Türen sich im letzten Moment schließen. So effizient und einfach kann Dramaturgie funktionieren.

Dramaturgie: 4 bewährte Tipps und Tricks - Unwissenheit der Hauptdarsteller

Unwissenheit der Hauptdarsteller

Ein weiteres, äußerst wichtiges emotionales Element im Storytelling ist der Wissensvorsprung zwischen Publikum und Darsteller. Haben Zuschauer und Hauptdarsteller gleich viele Informationen, begeben sie sich gemeinsam auf die Reise durch die Filmhandlung. Es ensteht es kein Wissensgefälle.

Spannender wird es, wenn entweder die Figuren in einem Film oder noch besser, die Kinobesucher, einen Wissensvorsprung besitzen: Wir wissen was passiert, können es aber nicht verhindern.

Hitchcock hat sein liebstes Mittel in der Dramaturgie auf wunderbare Weise in einem sehr bekannten Zitat auf den Punkt gebracht:

Nehmen wir an, da ist eine Bombe unter diesem Tisch zwischen uns. Nichts passiert. Und dann plötzlich: „Bumm!“ Es gibt eine Explosion. Das Kinopublikum ist überrascht. Aber vor dieser Überraschung hat es eine ganz gewöhnliche Szene gesehen, die keine besondere Bedeutung hat. Nun nutzen wir die Dramaturgie und erfinden eine spannende Situation: Der Sprengstoff liegt unter dem Tisch. Der Zuschauer weiß es. Wahrscheinlich, weil er die Person gesehen hat, die den Sprengkörper dort hingelegt hat. Er ist sich bewusst, dass die Bombe um ein Uhr explodieren wird. Darum steht eine Uhr im Dekor. Jeder kann sehen, dass es Viertel vor eins ist. Unter diesen Bedingungen wird das gleiche, harmlose Gespräch faszinierend, weil der Kinobesucher emotional in die Szene eintaucht. Das Publikum will die Figuren auf dem Bildschirm zu warnen: „Du solltest nicht über so triviale Dinge reden. Da ist eine Höllenmaschine unter dem Tisch und sie ist dabei zu explodieren!“
Alfred Hitchcock, Regisseur

Ohne das Vorwissen, dass unter dem Tisch eine Bombe tickt, erschreckt man über die Explosion. Dieser Schrecken (eine Folge der Anwendung der Mechanik der Überraschung) dauert vielleicht fünfzehn Sekunden. Im umgekehrten Fall lässt sich die Spannung endlos lange halten, Hitchcock war der Meinung, für fünfzehn Minuten (statt fünfzehn Sekunden) wäre so die Aufmerksamkeit des Publikums mindestens garantiert.

Daraus folgt: Wenn immer möglich, sollte der Betrachter mehr wissen als die handelnden Personen im Film. Aber natürlich nur, wenn die Überraschung nicht als Wendepunkt selbst den Höhepunkt einer Story bildet.

Mehr dazu

Weiterführende Bücher zum Thema Dramaturgie und Storytelling finden sich im Artikel Gute Filmbücher. | filmpuls logo


Titelbild: Fay Wray mit Robert Armstrong (1933) | Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen soweit sinnvoll und möglich auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Artikel Filmpuls

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