Was Dir kein Filmproduzent freiwillig sagt

Business as unusual

Was Dir kein Filmproduzent freiwillig sagt
Kommunikation ist auch, was man nicht sagt

In einer Geschäftsbeziehung ist wichtig, was gesagt wird. Meist noch wichtiger ist das, was geschrieben wird. Aber am wichtigsten ist das, was nicht gesagt wird. Und das lässt sich nicht immer zwischen den Zeilen lesen. Dieser Artikel nennt 10 Dinge, die Dir ein Filmproduzent kaum, selten oder nie freiwillig seinem Auftraggeber sagt, geschweige denn zugeben würde.

Bevor ein Chirurg seine Patienten operiert, ist er gesetzlich dazu verpflichtet, seinen Schützling über tatsächliche und mögliche Risiken zu informieren.Ein Filmproduzent oder Videomacher hält es damit anders. Zwar ist das Wissensgefälle zwischen Anbieter und Leistungsempfänger oftmals ähnlich spektakulär wie zwischen Arzt und Patient.

Aber wer was wem warum wann wie bei einer Filmproduktion sagt, dafür bestehen im Geschäft mit Bewegtbild kaum Regeln. Dort wo es keine Regeln gibt, verhält es sich ähnlich wie bei der Frage, was die Länge eines Minirocks bestimmt. Dessen Grenzen werden von zwei Faktoren bestimmt: vom Anstand auf der einen Seite und vom Boden auf der anderen Seite.

In der Kommunikation mit Film und Video bestimmen die Spielregeln mit

  1. der Charakter der verantwortlichen Führungsperson,
  2. die Strategie mit Bezug auf Nachhaltigkeit der Kundenbeziehungen, und last but not least
  3. die Lebenserfahrung.

10 Dinge, die Dir kein Filmproduzent nüchtern sagt

Jeder Filmproduzent mit genügend Erfahrung weiß:

Tot wie ein Sargnagel

Filme und Videos sind Projekte. Projekte sind Prototypen. Ob schon bei der Projektanalyse, bei der Planung oder erst bei der Projektsteuerung und Umsetzung. Projekte können in die Hose gehen. Auch wenn die Kompetenz vorhanden ist. Das sagt nicht nur die Statistik, sondern, das zeigen immer wieder auch Filme und Videos, die als scheintote Zombies unverstanden und vergessen durch die Welt geistern.

Tipp 1
ProjektkompetenzDarauf bestehen und etablieren, dass nicht nur Erfolge, sondern auch Misserfolge in der Kommunikation thematisiert werden. Aus Misserfolgen lernt man oftmals mehr als aus Erfolg.

Auch große Talente haben schlechte Tage

Über Kim Jong-il wurde in Nordkorea erzählt, er müsse nicht aufs Klo. Darum, weil der Ewigen Vorsitzende des Nationalen Verteidigungskomitees sich für sein Land so stark und pausenlos einsetze, dass die dafür notwendige Energie mühelos alle körpereigenen Schadstoffe verbrenne und sie darum nicht ausscheiden müsse. Wer dieses Privileg des «lieben Führers» nicht besitzt, ist das, was wir alle sind: ein Mensch.

Menschen haben gute und schlechte Tage. Auch der Papst muss aufs Klo. Es muss ja nicht gerade so sein wie beim Regisseur, der am ersten Drehtag bei einer meiner ersten Filme in den USA erfahren hat, dass seine junge Frau ihn für einen Tantra-Lehrer verlässt. Der arme Mann war ab diesem Moment auf dem Set nicht mehr zu gebrauchen.

Tipp 2
MenschseinBei der Besetzung der Schlüssel-Funktionen darauf achten, dass sich pro Funktion eine Person auf Augenhöhe mit den Leistungsträgern befindet und als Backup einspringen kann, damit die Kommunikation aus in Krisen funktioniert.

Als Film ungeeignet

Verfilmte Excel-Tabellen haben einen eigenen Charme. Nämlich keinen. Es gibt Inhalte und Fakten, die man besser dort konsumiert, wo sie hingehören. Auf Papier oder online, als Schrift, Grafik-Tabelle oder als Chart. Erklärvideos sind dankbare Empfänger für fast alles, aber manchmal kann auch dieses Genre nicht weiter helfen. Dasselbe muss leider auch von Personen gesagt werden, die wegen ihrer Fotogenität entweder besser nur Fotos von sich machen lassen (ein Einzelbild lässt sich weniger aufwendig retouchieren und optimieren), oder vor gar keine Kamera gehören.

Wenn ein Film oder Video den Aussagewunsch nicht verbessert, sondern verschlechtert oder verfälscht, ist das Bewegtbild das falsche Rezept.

Tipp 3
FähigkeitenEin Film oder Video transportiert Emotionen und Informationen. Möglich ist dieser Transport nur über Identifikation mit Menschen. Zahlen und Tabellen kann man mögen, aber nicht lieben. Kommunikation hat immer auch eine emotionale Komponente.

Kosten aus Erfahrung

Vom großen Stanley Kubrick ist ein Zitat überliefert, das sinngemäß besagt: „Was man nicht schreiben kann und nicht erklären kann, soll man in einem Film erzählen.“ Wer  als Filmproduzent weiß, was Film leisten kann, wird dem zustimmen.

Nur: erkläre das bei einem Auftragsfilm der Einkaufsabteilung eines Großkonzerns. Dein Ansprechpartner aus dem Procurement wird begeistert sein oder Deine Argumente für Ausreden halten. Oder verzweifeln. Weil er nicht für Wirkung bezahlen will, sondern für Einzelteile. Unaussprechliches löst, nachvollziehbar, bei Menschen in der Regel größere Ängste aus als ein Projekt- oder Produktionsabbruch, der an die Rechtsabteilung delegiert werden kann.

Tipp 4
ErfahrungErfahrung hat nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert. Reserven offen deklarieren und kommunizieren fördert Qualität des Werks und Vertrauen des Kunden gleichermaßen.

Gockel und Kampfhunde

Im schönen Berlin durfte ich in jungen Jahren an einen Film mitarbeiten. Der Regisseur war hochmotiviert, die Story toll und die junge Hauptdarstellerin verstörend attraktiv. Am zweiten Drehtag wurde uns der Zutritt zur Location von einem Vertreter der Produktionsfirma kategorisch verweigert. Die gesamte Crew stand sich am Alexander in eisiger Kälte die Beine in den Bauch und wunderte sich was abging, während ich in meiner Funktion als Produktionsleiter verzweifelt versuchte, den verantwortlichen Filmproduzenten an den Drehort zu bekommen. Nach stundenlangem Warten zogen wir irritiert ab. Zwei Tage später wurden die Dreharbeiten abgebrochen.

Am nächsten Tag und nach einigen Krisenmeetings stellte sich heraus, dass sich Filmproduzent und Regisseur über die inhaltliche Ausrichtung des Films nicht einig waren. Dass Regie und Filmproduzent am gleichen Strick ziehen sollten, ist eine Binsenweisheit. Wo interne Machtkämpfe toben, ist die Qualität des Films das erste Opfer. In solchen Fällen ist es nicht nur als Produzent ratsam, das Ende der am Ende meist großflächig auffallenden Wundreinigung abzuwarten.

Tipp 5
ZielkongruenzStarke Filme entstehen weder durch Zusammenschrauben noch bei Dienst nach Vorschrift. Konflikte darum vorab ausfechten.

Nur ein Film

Der schönste Film und das beste Video ist nichts ohne Zuschauer. Ohne Distributionsstrategie findet kein Film sein Publikum. Und ohne Zuschauer kann ein Film weder seine Kraft noch seine Wirkung entfalten. Ob großes oder kleines Investment: Wenige Filme verdienen es, sich nicht dem Urteil seines Publikums stellen zu dürfen.

Und Nein! YouTube ist kein Synonym für Film-Marketing. Virals, also Filme die von selbst ein Riesenerfolg werden, sind wie Hollywood-Stars: auf jeden Erfolg kommen hunderttausende verzweifelte Versuche, das Unmögliche möglich zu machen. Content ist King. Aber Distribution ist Queen. Und Dummheit währt ewig.

Tipp 6
MarketingMaßnahmen frühzeitig planen und auch für Imagefilm und Produktfilm andenken.

Kreation schmerzt

Wer exakt weiß, was er will, braucht keine kreativen Köpfe. Sondern Mathematiker, die Zahlen aus der Formel im eigenen Briefing herleiten. Einverstanden: Die Kreation muss das Komma auf den Punkt bringen. Sie muss dabei die notwendigen Antworten liefern. Aber bitte auf originelle, unerwartete Weise. Kreativ eben. Das kann schmerzhaft sein. Ein guter Filmproduzent ist sich dessen bewusst.

Wo die Erwartungen nur getroffen, aber nicht übertroffen werden sollen, lässt sich kein Goldmännchen gewinnen.

Tipp 7
KreationVertrauen ist längst nicht alles, aber ohne Vertrauen ist alles nichts. Auch das verbindet Film und Kommunikation.

Wenn sich die Halbwertszeit halbiert

Je stärker die Medienflut, je höher unser Medienkonsum, desto kürzer wird die Erinnerungsspanne, die uns beim Kino im Kopf und Filme sehen noch zugute kommt. Große Filmprojekte als Filmproduzent zu begleiten und umzusetzen ist ein Privileg. Aber wo früher die Markttragfähigkeit eines Imagefilms je nach Branche noch 5 bis 12 Jahre betrug, sind es heute oft nur noch 5 bis 12 Monate.

Der Innovationsdruck treibt viele Marktteilnehmer zu immer neuen Bestleistungen in immer kürzerer Zeit. Es ist nicht die dümmste Strategie, statt auf Großbild-Dinosaurier auf kleinere Film-Einheiten in größeren Stückzahlen für Social Media zu setzen.

Tipp 8
LaufzeitFilme können für die Ewigkeit sein. Im Kino. Für das Budget im Auftragsfilm gilt: Erzielte Wirkung und Frequenz = Erfolg.

Über den Wolken scheint die Sonne

Wer Film sagt, denkt als Filmproduzent an HBO, an Netflix und an das ganz große Kino auf Augenhöhe mit der großen Leinwand. Hier werden die Maßstäbe für das Storytelling definiert und visuell, kulturell sowie inhaltlich neu gesetzt. Auf höchstem Niveau.

Für den VJ, der als One-Man-Show dieselbe Qualität liefern soll (Film ist Film und Video ist Video?) eine nahezu unlösbare Aufgabe. Darum und nochmals: es gibt Filme, die besser nie gemacht werden. Allerdings, das ist tröstend, auch in Hollywood.

Tipp 9
ErwartungshaltungNicht nur aus Sicht des Auftraggebers und Absenders, sondern auch aus Sicht des Publikums abklären

Rezept zum Kuchen backen

Sensible Geister mit einer Abneigung gegenüber Kraftwörtern überspringen bitte diesen Satz ab hier. Mein wohl wichtigster Förderer und Lehrmeister im Umgang mit bewegtem Bild pflegte in – damals für mich erschreckender Häufigkeit – jeweils mit erhobenen Händen salbungsvoll in Meetings zu deklamieren: „Aus Scheiße kannst Du keinen Kuchen backen„. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Tipp 10
StorytellingStorytelling besteht aus drei Wörtern: Story (Geschichte), telling (Erzählen) und Talent (der zuckerweiße Hase aus Alice im Wunderland).

Selig sind die Dummen

Ab einem gewissen Alter und ab einer gewissen Arbeitslast lohnt es sich als Filmproduzent schlichtweg nicht mehr, die Wahrheit zu verschweigen. Klartext sprechen heißt die Devise. Ganz einfach darum, weil man am Ende eines hektischen Tages manchmal nicht mehr weiß, wem man was gesagt hat, und was nicht.

Selig sind die Dummen, denn sie merken nicht, wenn sie betrogen werden. Wer als Filmproduzent dieser Devise nachlebt, fährt auf dem falschen Dampfer!  | filmpuls logo


Im Interesse der Lesbarkeit werden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeint sind immer Frauen und Männer | © Artikel Filmpuls

Zachery Z.
Über Zachery Z. 8 Artikel
Zachery Zelluloid (62) ist in der Unterhaltungsindustrie tätig. Der passionierte Golfspieler und Hobbywinzer schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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