Lehrbuch & Fachliteratur im Fokus: »Motion Picture Design« von Hans-Jörg Kapp

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Buchbesprechung: Motion Picture Design, von Hans-Jörg Kapp | © Foto: freepik

Wie gelingt es einem Film, bei seinem Publikum ein inneres Echo auszulösen und unter die Haut zu gehen? Und wie lässt sich diese Wirkung beschreiben? Hans-Jörg Kapp legt in seinem neuen Buch »Motion Picture Design« zu diesen beiden Fragen ein Grundlagenwerk vor, das sowohl für Profis wie Laien neue Horizonte erschließt.

Ob Regisseur oder Autor, ob mit einer Vision oder einer Idee: Filme beginnen im Kopf. Und sie enden im Kopf, demjenigen des Zuschauers. Auf dem Weg dazwischen, vom Filmemacher als Absender und dem Publikum als Rezipient, gibt es für jedes filmische Werk eine Unzahl Hürden zu überwinden.

 Motion Picture Design: Filmtechnik, Bildgestaltung und emotionale Wirkung
© Foto: Hanser Verlag
Buch-Tipp

Motion Picture Design: Filmtechnik, Bildgestaltung und emotionale Wirkung

Das Buch von Hans-Jörg Kapp untersucht, wie Menschen Filme wahrnehmen, um damit möglichst exakt bestimmen zu können, warum und wie Filmsequenzen das Publikum emotionalisieren. Zugleich zeigen praktische Tipps für die Arbeit am Set auch Mittel und Wege auf, welche die Herstellung von cineastisch hochwertigen Filmen jenseits des Blockbuster-Kinos erlauben.

Bewertung: ★★★★
EAN: 9783446442962
ISBN: 978-3-446-44296-2
Herausgeber: Hanser Fachbuch

Leseprobe: Motion Picture Design: Filmtechnik, Bildgestaltung und emotionale Wirkung

Mehr als die Summe der Einzelteile

Gefragt, warum manche Filme mehr als die Summe ihrer Teile werden und sich tief in das kollektive Gedächtnis einer Generation eingraben, während andere Filme mit demselben Ziel grandios scheitern, antwortete Carlo Varini (Kameramann von »Subway« und »Im Rausch der Tiefe«, Regie: Luc Besson), solches geschehe immer dann, wenn bei einem Film auf „magische Weise alles miteinander im Einklang“ stehe.

Die für ein solches Wunder an Einheitlichkeit erforderlichen filmischen und gestalterischen Einzelteile sind zahlreich. Und bekannt. Gute Filme sind mehr als die Summe ihrer Einzelteile.

Auch die Erkenntnis, dass es dabei längst nicht nur um Filmtechnik, visuelle Elemente, Talent und Emotionen geht, sondern weitere Faktoren wie Psychologie und Emotionen auf Seite des Zuschauers über den Erfolg eines Filmwerks mitentscheiden, ist nahezu gleich alt wie die Kinematografie.

Dennoch, so stellt Hans-Jörg Kapp in seinem Lehrbuch »Motion Picture Design« mit Fug und Recht fest, mangelt es bei Diskussionen über Sinn oder Unsinn von Gestaltungsmitteln oftmals an einem fundierten Katalog an Argumenten für Gestaltungsentscheide. Dies verbunden mit mangelndem vertieften Wissen darüber, wie Filme physiologisch (und psychologisch) von Menschen wahrgenommen werden.

Ambitionierte Filmemacher von heute wissen nahezu alles über Filmtechnik, vieles über Dramaturgie und Storytelling, noch mehr über digitale Produktionswege, aber im Vergleich dazu kaum etwas über die Art, wie der Mensch Filme sieht und empfindet!

Umgekehrt führt eine wissenschaftlich fundierte, praxisorientierte Auseinandersetzung mit der Mechanik der menschlichen Wahrnehmung nicht nur auf dem Filmset – wo vertiefte Diskussionen wegen Hierarchien und Zeitdruck oftmals nur schwer stattfinden können – zu besseren, weil klar begründeten und damit nachvollziehbaren oder kritisierbaren und korrigierbaren Entscheidungen, zu besserer Kommunikation und letztlich erhöhter Motivation aller am Herstellungsprozess eines Filmwerks Beteiligten.

Um gut gestalten zu können, ist es unabdingbar, dass eine intensive Auseinandersetzung mit Gestaltung stattfindet.
Hans-Jörg Kapp

Hinzu kommt, so lehrt die Erfahrung, dass Erfolg im Filmgeschäft mittel- und langfristig zumeist nur hat, wer den Zufall durch Irrtum zu ersetzen vermag. Aus Irrtümern kann man lernen. Aus Zufall nicht! Lucky Punches sind kein Geschäftsmodell. »Motion Picture Design« vermittelt diesbezüglich unabdingbares Fachwissen.

Filme beginnen im Kopf und enden im Kopf

Hans-Jörg Kapp – Professor für Regie und Dramaturgie an der Hochschule Hannover – setzt mit seinem neuen Fachbuch bei der Feststellung an, dass die für eine fundierte Diskussion von gestalterischen Entscheiden erforderlichen Begrifflichkeiten zu oft noch als wenig prioritär erkannt werden. Fehlt dazu auch noch das Verständnis über Wirkungsmechanismen der Wahrnehmung, werden Wirkung und Erfolg eines Spielfilms dem Zufall überlassen.

Dies will Knapp mit seinem Buch ändern. Sein Fachbuch zur Filmgestaltung schubst und stößt seine Leserschaft, durchaus liebevoll und immer mit Respekt, aber auch unerschrocken und hartnäckig, in eine Zone, in der das eigene Ego, verkleidet als langjährige Erfahrung und Bauchgefühl, nicht mehr allein dazu herhalten kann, Wissenslücken zu kaschieren.

»Motion Picture Design« baut mit seiner Struktur auf einen Dreiklang: Jedem der aus Sicht des Autors sieben relevanten filmischen Gestaltungsparameter widmet das Buch ein Kapitel.
  1. Fläche
  2. Raum
  3. Figuren und Objekte
  4. Licht und Farbe
  5. Bewegung
  6. visuelle Schocks
  7. Rhythmus

Der Aufbau der Kapitel in sich ist immer gleich. Dieser schlaue Kunstgriff der Leserführung erleichtert die Orientierung markant:

Zuerst wird immer die jeweilige Mechanik der menschlichen Wahrnehmung erläutert. Man lasse sich dabei von beeindruckenden Kapitelüberschriften wie „Indikatoren der Figur- und Objektwahrnehmung“ oder „Die Reizdynamik des Orientierungsreflexes“ nicht abschrecken: Allein die damit verbundenen Aha-Effekte sind die Lektüre wert! Zumal dieses Fachbuch frei von akademischen Wolkengriffen ist, und damit auch für Einsteiger in die Materie gut verständlich.

Nach den Grundlagen der Wahrnehmungsmechanik zum jeweiligen Gestaltungsbereich folgen in den Kapiteln jeweils detaillierte Erklärungen der für diesen Bereich anwendbaren und/oder empfohlenen Mittel der Filmsprache. Dies einfach und verständlich erklärt, immer wieder auch unter schlüssiger Erläuterung von bildgestalterischen Codes wie Kamerawackler oder Reißschwenk.

Gelungenes Kino ruft entspannt und präzise genau jene kognitiven Muster ab, die für das emotionale Erleben einer Sequenz vonnöten sind
Hans-Jörg Kapp

Abgerundet wird jedes Kapitel zu den Parameter filmischer Gestaltung, indem der Autor seine Ausführungen mit unprätentiösen Szene-Analysen illustriert. Darunter sind,  erfrischender Weise, auch zahlreiche Werke aus der jüngeren Filmgeschichte aufgeführt.

Inputs und Tipps, aber keine Patentrezepte

Hans-Jörg Kapp will mit seinem Fachbuch »Motion Picture Design« ergründen, wie (Zitat) „Filme unter die Haut gehen“. Es spricht für den Autor und sein Werk, dass er den Leser weder belehrt, noch von einem Erfolgsrezept überzeugen will. Sein Buch ist darum auch kein Schlüssel für erfolgreiche Filme, sondern nicht mehr und nicht weniger als ein Schlüsselkasten für kluge Köpfe, der es in sich hat.

Dermaßen umfassend hat es seit dem „Lehrbuch der Filmgestaltung“ von Pierre Kandorfer aus dem Jahr 1974 (!) kein Lehrbuch aus Deutschland mehr gewagt, die faszinierende Kraft des bewegten Bildes so praxisnah zu entschlüsseln.

Zugegebenermaßen ist die Lektüre und Reflexion von etwas mehr als 550 Buchseiten – ergänzt um digitales Zusatzmaterial – nicht zwischen zwei Friseurbesuchen hinter sich zu bringen. Dazu gibt es aber auch keinen Grund.

Dieses Buch taugt als Ferienlektüre für den interessierten Film-Aficionado ebenso, wie als Langzeitbegleiter oder als Entscheidungshilfe für Filmemacher zu partiellen Fragen und als Basiswerk für engagierte Filmstudierende.

Zugleich, hier schließt sich der Kreis zur Erkenntnis von Cinematographer Carlo Varini nach 49 Filmen als Chefkameramann, verdeutlicht das Buch durch seine Breite und seinen inhaltlichen Reichtum indirekt, dass ein Film, der unter die Haut geht, durch die Menge der dazu erforderlichen klugen Entscheidungen eben doch nichts anderes ist, als ein … – kleines Wunder.

Schade einzig, aber wohl ein bewusster Entscheid, ist das doch sehr nüchterne, um nicht zu sagen biedere Layout mitsamt Buchcover im Retro-Look. Diese analoge Anmutung hat dieser innovative Inhalt nicht verdient! Gerade darum, weil er das Potenzial besitzt, auch weitere Kreise der Kreativwirtschaft – beispielsweise Gamedesigner – zu prägen!

Über Kristian Widmer 17 Artikel
Kristian Widmer ist Mitglied der Schweizer Filmakademie. Der promovierte Jurist und Inhaber eines MBA der Universität St. Gallen HSG war langjähriger CEO der 1947 gegründeten und mit einem Academy Award™ ausgezeichneten Condor Films AG.

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