Im Kopf des Cutters oder wie man einen Spielfilm öffentlich schneidet

Interview Sven Pape und Udo Flohr
Filmschnitt live erleben: Sven Pape und Udo Flohr machen es möglich | © Pixabay

Der Bildschnitt eines Filmes findet meist im Verborgenen statt. Für den werdenden Spielfilm «Effigie – Das Gift und die Stadt» von Udo Flohr, der aktuell von Editor Sven Pape in den USA geschnitten wird, gilt das Gegenteil: Hier öffnen Regisseur und Cutter ihre Schatztruhe! Man kann ihnen online und in Echtezeit beim Schnitt in Hollywood zusehen. Im Interview mit Filmpuls erzählen sie, wie das funktioniert.

Für den erfolgreichen Cutter Sven Pape ist die Offenlegung seines Erfahrungsschatzes aus dem Schneideraum ebenso ein Erfolgsgeheimnis, wie ein Alleinstellungsmerkmal. Er teilt auf innovative Weise seine Geheimnisse mit einer wachsenden Anzahl Fans. Alleine auf YouTube folgen dem in Burbank wohnhaften Film-Edito über 200´000 Personen! Sein jüngstes Projekt «Effigie – Das Gift und die Stadt» ist der erste Spielfilm von Udo Flohr. Der Spielfilm erzählt die wahre Geschichte einer Serienmörderin, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Deutschland 15 Menschen ermordet.

Interview mit Sven Pape und Udo Flohr

Filmpuls:

Udo, du hast dich für den Schnitt deines ersten Spielfilms «Effigie – Das Gift und die Stadt» zusammen mit dem bekannten Cutter Sven Pape für einen ungewöhnlichen Weg in der Postproduktion entschieden. Wie kam es dazu?

Udo Flohr:

Sven hat ja schon früher Workshop-Episoden zu seinen Projekten veröffentlicht – insofern fand ich den Weg gar nicht so ungewöhnlich. Ich war davon schon länger fasziniert, gewann einen Eindruck, wie er tickt … – und dachte irgendwann: Wär doch cool, wenn der meinen Film schneidet! Dass das ebenfalls teils öffentlich abliefe, hatte ich eigentlich vorausgesetzt. Inzwischen könnte ich mir vorstellen, zum Beispiel mit einem Komponisten ähnlich zu arbeiten.

Filmpuls:

Sven, war es schwierig, dich für diese Art der Zusammenarbeit zu begeistern?

Sven Pape:

Ganz im Gegenteil. Ich suchte tatsächlich gerade nach einem Nachfolgeprojekt. 2016 hatte ich den Spielfilm «Flesh and Blood» von Regisseur Mark Webber geschnitten und erstmals auf YouTube den Prozess veröffentlicht. Noch heute sind auf meinem Kanal alle 37 Videos zu sehen – vom Anlegen des Projekts in Final Cut Pro bis zur Premiere des Filmes. Das nächste Projekt (der Dokumentarfilm «Alt-Right: Age of Rage») konnte ich aufgrund des brisanten Themas nur unter strenger Vertraulichkeit schneiden. Dann erhielt ich ein neues Angebot, bei dem ich wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit hätte arbeiten müssen – ein wichtiger Grund, es nicht anzunehmen.

Durch die Einblicke in den Montage-Prozess entsteht ein tiefer Dialog.
Sven Pape

Filmpuls:

Was versprecht ihr euch vom öffentlichen «Schulterblick» und von Patreon im Editing für «Effigie – Das Gift und die Stadt»?

Sven Pape:

Oh da gibt es so einiges! Zunächst ist es sehr schön, Zuschauer zu finden, die sich für Einblicke in den Montage-Prozess interessieren. Es entsteht durchaus ein tiefer Dialog und ich habe mittlerweile viele Kontakte in der Industrie durch meinen Internet-Auftritt gewonnen. Udo und ich hätten uns nie kennengelernt, wenn ich das nicht schon einmal so gemacht hätte – und wer weiß, wo das nächste Projekt herkommt.

Udo Flohr:

Als Regisseur freut man sich ja über jegliches Interesse an seinem „Baby“. Attraktiv ist auch, aus Kommentaren von Svens Patrons bereits in dieser frühen Phase ein gewisses Feedback des potenziellen Publikums zu «Effigie – Das Gift und die Stadt» zu erhalten. Im Übrigen sind derart intime Einblicke in den kreativen Prozess rar – ich habe auf YouTube viel gelernt und freue mich, wenn es Anderen nützt.

«Effigie»: Trailer | © 2019 GeekFrog Media

Video ThumbnailEffigie (2019) Trailer

Filmpuls:

Patreon ist hierzulande noch wenig bekannt. Wie funktioniert das und habt ihr damit Erfolg?

Sven Pape:

Patreon ist eine Plattform, die Künstler und Publikum zusammenbringt, und zwar auch in finanzieller Form. Bereits zur Zeit Mozarts hatten Künstler Mäzene, die ihnen ermöglichten, sich auf ihr Schaffen zu konzentrieren. Heute ergeben sich dank Internet und Crowdfunding ähnliche Möglichkeiten. Amanda Palmer zum Beispiel ist eine bildende Künstlerin, die malt, Gedichte schreibt, Filme und Musik macht und sich zu 100 Prozent über ihre Fans finanziert. Jeden Monat überweist Patreon ihr mehr als 70,000 US-Dollar von ihren 14.000 Mini-Mäzenen. Bei mir stellt sich das noch prosaischer dar: bisher habe ich 260 Patrons, die eine ganze Reihe von Dankeschöns genießen: Von Software-Plugins über Worksheets, Sneak Peeks, Bonus-Videos, Rohmaterial um eigene Versionen einer Szene zu erstellen, bis zum direkten Zugang zu mir und anderen Profis für Fragen und Diskussion.

Filmpuls:

Im Schneideraum lässt der Regisseur ja im sprichwörtlichen Sinne auch «seine Hosen fallen»: Hier wird schmerzhaft klar, ob die Inszenierung funktioniert und die Schauspielleistung trägt. Wie geht ihr damit um?

Udo Flohr:

Na klar ist der Cutter eine Art Beichtvater, vor dem ich meine Sünden nicht verheimlichen kann – schließlich ist das eine Voraussetzung für seine Arbeit. Ich bin da aber ganz entspannt: Kreative Arbeit braucht Risiken! Ich erwarte ja zum Beispiel auch von meinen Schauspieler/innen, dass sie sich bloßstellen. Und natürlich hatte ich bei diesem Projekt erstklassige Cast und Crew im Rücken – also geht es hoffentlich glimpflich ab. Außerdem haben wir fast immer mit zwei und häufig mit drei Kameras gedreht. Das hilft nicht nur den Schauspielern bei ihrer Performance, sondern verringert auch Anschlussfehler.

Sven Pape:

Es besteht eine besondere Vertrauensbeziehung zwischen Regisseur und Editor. Ein wichtiger Bestandteil meines Jobs ist, den Regisseur, die Schauspieler und das Drehbuch zu schützen. Man muss aber auch eventuelle Schwächen im Drehbuch oder in der Inszenierung realistisch einschätzen, um sie überhaupt adressieren zu können. Dem Publikum ist es häufig nicht bewusst, aber im Schnitt kann man sehr viel manipulieren. Und in der Anfangsphase bin ich oft die treibende Kraft und erzähle die Geschichte zunächst so, wie sie mir gefällt. Manchmal nehme ich dabei einige harte Entscheidungen vorweg. In der zweiten Phase geht es dann darum sicherzustellen, dass der Regisseur als ultimative Stimme des Filmes hervortritt und ich ihm genau das Endprodukt liefere, das er mit seinem Anspruch vereinbaren kann.

Klar ist der Cutter mein Beichtvater: Kreative Arbeit braucht Risiken.
Udo Flohr

Filmpuls:

Glaubt ihr, dass man einen Film «auf Anschluss» drehen kann? Soll im Schneideraum maximale Freiheit den Takt angeben oder einfach das Drehbuch nachgebaut werden?

Udo Flohr:

Es ist tatsächlich wichtig, zunächst das Drehbuch nachzubauen – hauptsächlich um zu erkennen, dass es so nicht funktioniert. Als Regisseur habe ich einen Film im Kopf, den ich erst mal umgesetzt sehen möchte – damit der Kopf frei wird und ich einen Schritt zurücktreten kann. Im Fall von «Effigie – Das Gift und die Stadt» hat diesen Rohschnitt unser Assistenz-Editor Andreas Farr erledigt, der bereits am Set damit begann.

Sven Pape:

Das war sehr gut so, weil Udo und ich uns gleich darüber Gedanken machen konnten, wie man ein paar Sachen umbauen sollte. Jetzt sind wir in der Phase wo wir experimentieren und durchaus im Schnitt die Geschichte noch einmal neu entdecken.

Udo Flohr:

Generell bin ich überzeugt, dass Sven seine Arbeit nur gut machen kann, wenn ich ihm zunächst eher allgemeine “Leitplanken” gebe. Wir haben erst mal nur besprochen, was mir psychologisch und strukturell wichtig ist.

Filmpuls:

Der Schauspieler John Malkovich sagt, die Kunst brauche das Handwerk mehr, als das Handwerk die Kunst. Wie verhält sich das beim Editing?

Sven Pape:

Oft kommt Kunst erst dadurch zustande, dass man sich hinsetzt und einfach was macht. Mittlerweile weiß ich, dass mir die besten Ideen kommen, wenn ich quasi planlos Einstellungen zusammenschneide. Das funktioniert sehr intuitiv, ging aber anfangs manchmal holprig und mit viel Grübeln einher. Das Handwerk war noch nicht richtig entwickelt, die Erfahrung fehlte und vor allem auch das Selbstvertrauen, dass im Schnitt so ziemlich alles möglich ist. Also, ich stimme zu, die Kunst braucht das Handwerk, aber es ist die Kunst, die zählt.

Udo Flohr:

Man muss das Handwerk beherrschen, bevor Kunst möglich ist – aber Handwerk ist eben nicht die einzige Zutat.

Filmpuls:

Udo und Sven, wir danken euch für eure Zeit und für dieses interessante Interview. Wir werden bald wieder über die Fortschritte von «Effigie – Das Gift und die Stadt» berichten (Link zur Besprechung des fertigen Filmes: siehe nachfolgend).

Ergänzend zum Interview mit Regisseur Udo Flohr und Cutter Sven Pape: Fotos der Dreharbeiten | © Fotos: GeekFrog Media

«Effigie – Das Gift und die Stadt» wurde im Herbst 2018 in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen gedreht und soll 2019 in die Kinos kommen. Kamera: Thomas Kist, N.S.C. Drehbuch: Peer Meter (nach seinem eigenen Theaterstück), Udo Flohr, Antonia Roeller. Szenenbild Christina v. Ahlefeldt-Laurvig und Knut Splett-Henning. Regieassistent Max Gleschinski gewann Ende Oktober auf den Hofer Filmtagen mit seinem eigenen Debüt-Film Kahlschlag den Förderpreis Neues Deutsches Kino.

Dreharbeiten für «Effigie – Das Gift und die Stadt» | © Fotos: GeekFrog Media

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Über Pavel Sokolov 28 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen, aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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