»Mulan« oder was passiert, wenn Micky Maus in den Krieg zieht | Filmkritik

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Härter als ihr Schwert: Hua Mulan (gespielt von Liu Yifei) | © Disney Enterprises Inc., Jasin Boland

Qi war schon im Alten China ein Ebenbild der fließenden Lebenskraft. »Mulan«, die gleichnamige Hauptfigur in Disneys neuer Realverfilmung, besitzt davon im Übermaß, muss aber zuerst zu sich selbst finden, bevor sie ihre Kräfte kanalisieren und mit Gewinn einsetzen kann. Als es so weit ist, mag man es der adretten Heldin durchaus gönnen, staunt aber dennoch nicht schlecht, zu was dieses propere Mädel aus dem Hause Disney seine Talente nutzt: Zum Niederschlagen ihrer Feinde auf dem Schlachtfeld.

»Mulan« ist die Geschichte einer jungen Frau, die sich an drei militärischen Tugenden orientiert, und zwar in dieser Reihenfolge:

Loyalität, Mut und Treue.

Diese drei Wörter, tief eingraviert auf dem Schwert der Familie, schlägt sie ihren Feinden – und dem Zuschauer – um die Ohren. Dabei entfaltet sich ein visuell überaus ansprechendes Filmspektakel in einer Mischung aus Action Movie, Abenteuer- und Kriegsfilm.

Knapp zwei Stunden dauert die über weite Strecken atemberaubend schön erzählte Geschichte. Und mit jeder Minute Laufzeit wächst das Gefühl:

Disney meint das ernst. Todernst.

Die große Kriegerin Mulan

Mulan (überzeugend gespielt von Liu Yifei) wächst in einer Familie ohne männliche Nachfahren auf. Stellvertretend für ihren idealisierten Vater zieht die junge Frau in den Krieg und nennt sich neu Hua Jun.

Die Handlung basiert lose auf einer alten Volksballade aus China, die rund 500 Jahre vor Christus entstand, aber erst einige Jahrhunderte später schriftlich für die Nachwelt festgehalten wurde. Damit enden die Parallelen zur animierten Version aber schon bald. Nicht nur die Tiere als Nebenfigur (wie der kleine Drache Mushu) wurden weggelassen. Auch ein Mann zum Verlieben hat in der Neuverfilmung keinen Platz mehr.

Man hätte diesen Film gerne zusammen mit Sigmund Freud angeschaut.

Ein schönes Schwert für schreckliche Dinge

Die Realverfilmung von Mulan wurde von Macherinnen geprägt. Regisseurin Niki Caro tat sich dafür mit der australischen Kamerafrau Mandy Walker zusammen, während Elizabeth Martin gemeinsam mit Laura Hynek und Amanda Silver das Drehbuch verfasste.

Sie haben mit Mulan eine Frau geschaffen, die während der gefühlten Hälfte des Filmes die Männer um sich herum, egal ob Freund oder Feind, mit phallischen Symbolen wie Stöcken und Schwerter verprügelt.

Um sicherzustellen, dass das globale Publikum Mulan nicht als Flintenweib missversteht, darf die als Mann verkleidete „kleine Soldatin“ mit besorgt-treuem Dackelblick immer wieder über touristische Landschaften schauen. Und sogar bei Mondschein nachts ohne Uniform in einem idyllischen See baden.

Seltsamerweise verzichtet Mulan darauf, ihre prächtigen langen Haare vor oder nach dem Eintritt in das kaiserliche Heer kürzer zu schneiden. Dies, obwohl ihr als Frau in der Armee die Todesstrafe droht. Aber zugegeben, ihre Haarmähne gewährleistet später einen weiteren der zahlreichen, großartigen visuellen Momente, wenn Mulan mitten im Galopp zu Pferd ihre Soldatenklamotten in Zeitlupe zu Boden schweben lässt und wehenden Haares in die Schlacht zieht um so das Kriegsglück wendet zugunsten von Kaiser, Vaterland, Familie und Ehre.

Als Mulan das erste Mal das Schwert ihres Vaters, seit Generationen im Besitz der Familie, in den zarten Händen hält, ist alles, was sie ihr zu sagen in den Sinn kommt: „Was für ein schönes Schwert“. Es ist am Vater, der hinzufügt: „Ja, es ist auch schön. Aber es ist für schreckliche Dinge gemacht!“

Vielleicht ist diese Naivität der Hauptfigur mit ein Grund, warum das Internet diesen Film bisher, anders als Wonder Woman (2017), im Internet noch nicht als feministisches Manifest diskutiert. Auch wenn beide Coming-of-Age-Filme sind, in denen jugendliche, weibliche Helden von grundlegenden Fragen bewegt werden.

Kein Blut. Aber auch keinen Humor

In Mulan fließt kein Blut. Aber die bösen Feinde sterben wie die Fliegen im Winter.

Man gibt sich zwar rechtschaffen Mühe, die Schrecken des Todes abzuschwächen. So wird ein Krieger von einem Wagen erschlagen, kriecht aber nachher wieder darunter hervor. Elegant gelöst ist das größte Massensterben im Film: Eine Lawine übernimmt hier den Job des Sensenmanns und bereitet eine weiße Decke der Unschuld über die Grabstätte der Feinde. Mulan stellt dazu lakonisch fest: „Mit dem richtigen Hebel lassen sich mühelos tausend Kilogramm Gewicht bewegen“.

Jüngere Kinder, die den Film zu Hause mit ihren Eltern streamen dürfen, werden über das Ausradieren der feindlichen Soldaten tief erleichtert sein. Denn deren Anführer, er hört auf den gruseligen Namen Böri Khan, befehligt eine Armee die aussieht, als wären dafür Hells Angels gecastet worden. Nicht gerade die Art Leute, von denen man wünscht, dass ihnen die eigenen Kinder oder Enkelkinder in ihren (Alb-)Träumen begegnen.

Ob kleine Mädchen wegen diesem Spielfilm davon träumen, einst wie Mulan ihren Mann zu stehen? Wenn, bleibt zu hoffen, dass sie als junge Frauen mit scharfen Worten für ihre Werte und mehr Gleichberechtigung kämpfen werden. Nicht mit Schwertern.

»Mulan« säbelt am Bein der Micky Maus

Disney, das „Mouse-House“, wie der Konzern in der US-Fachpresse liebevoll betitelt wird, betritt mit Mulan etliche Minenfelder.

Nicht, dass es das erste Mal wäre, dass Hollywood mit China kooperiert oder im Reich der Mitte einen Spielfilm herstellt. Von den Bemühungen, sich den dortigen Markt zu erschließen, zeugte schon die animierte Originalversion von »Mulan« aus dem Jahr 1999.

Der Animationsfilm war damals in China ein Flop: Zu Amerikanisch, um das heimische Publikum zu begeistern. In der Zwischenzeit hat man in Los Angeles viel gelernt und ist viel passiert:

Der Vorspann von Disney bei Mulan, man beachte die Umgebung hinter dem Schloss! | © Disney / YouTube

Seit 2016 gibt es vor Ort das Shanghai Disney Resort. Und als 2018 für 71,3 Milliarden der Konkurrent 21st. Century Fox von Disney übernommen wurde – mussten zuerst die Aktionäre von Disney in China ihr OK dazu geben.

Familienfilme für alle Altersklassen?

Die Marke Disney, bisher ein ungeschriebenes Gesetz, steht für Familienfilme.

Wenn – wie in der ebenfalls zum Konzern gehörenden Star Wars Franchise – bisher etwas mit einem gewaltigen Knall in einem Disney-Film in die Luft flog, so geschah dies entweder in fernen Galaxien, oder in Komödien. Menschen kamen dabei nie zu Schaden. Die Gegner waren Hexen oder Zauberer, meist vom Leben verbittert und immer erweckten sie den leisen Eindruck, dass sie waren wie sie sind, weil sie nicht lieben konnten.

Man musste nur den Frosch küssen, oder Schneewittchen und seine Schwestern, und die Welt war wieder in Ordnung.

Der Vorspann von Disney (bisherige Form) | © Disney / YouTube

Bei Mulan ist das nicht so. Der Film tarnt sich zwar als Märchen, transportiert aber deutlich Botschaften, die man so nicht überall hören möchte. Die wichtigste davon: Der Stärkere gewinnt.

Wer bist du? Hua Jun, ein Krieger!

Mulan wurde sowohl in der westlichen Welt wie in China von Protesten begleitet. Man störte sich daran, dass die Geschichte unter anderem in der Region Xinjiang gedreht wurde, weil dort nach Angaben von Menschenrechtsorganisationen von der chinesischen Regierung offenbar Lager betrieben werden, in denen muslimische Uiguren festgehalten werden.

Zugleich bekannte die Hauptdarstellerin und gebürtige Chinesin Liu Yifei auf der chinesischen Social-Media-Plattform Weibo ihre Sympathie zur Polizei und stellte sich gegen die Demokratie-Bewegung in Hongkong, was zu weiteren, heftigen Boykott-Aufrufen gegen den Film führte.

Vielleicht wäre es für Disney als Spezialist für familienfreundliche Unterhaltung die bessere Idee, wieder verstärkt auf Animationsfilme zu setzen.

In einer der aus dramaturgischer Sicht schönsten Szenen des Filmes trifft Mulan auf ihr älteres Alter Ego, ihre Widersacherin Xian Lang (Gong Li). Diese fragt Mulan mehrfach: „Wer bist du?“

Mulan antwortet immer gleich und als wäre sie ein Roboter: „Ich bin Hua Jun, ein Krieger der kaiserlichen Armee!“. Worauf ihr Xian Lang nach der dritten identischen Antwort entgegnet: „Dann wirst du sterben! Weil du vorgibst, etwas zu sein, was du nicht bist!“

Das Geburtshaus von Micky Maus wird sich entscheiden müssen, für welche Art Filme man in Zukunft als globaler Unterhaltungskonzern einstehen will. Wie die Geschichte von Mulan uns lehrt, muss das Qi kanalisiert werden. Duschen, ohne nass zu werden, ist auch im ansonsten überdurchschnittlich innovativen und von Spezialeffekten verwöhnten Filmbusiness nicht möglich.

Mulan gibt es bei Disney+ als bezahlpflichtiger Stream zu sehen.

Mulan

0.00
7.1

Originalität

5.0/10

Spannung

5.0/10

Darsteller

7.5/10

Aktualität

8.0/10

Umsetzung

9.9/10
Zachery Z.
Über Zachery Z. 30 Artikel
Zachery Zelluloid war in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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