»Bruno Manser – Die Stimme des Regen­waldes« von Niklaus Hilber | Filmkritik

Kritik Bruno Manser Stimme des Regenwaldes
Bruno Manser - die Stimme des Regenwaldes | © Ascot Elite

Es ist lange her, seit ein Film aus der Schweiz so viel internationales Format gezeigt hat. „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ beinhaltet alles, was großes Kino und ein Publikumserfolg braucht: Spannung, Kontraste, eine reale Heldenfigur mit einer Mission, einen starken Bezug zu aktuellen Themen und ein Drehbuch, das Sehnsucht gekonnt als Projektionsfläche für Gefühle einsetzt.

„Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“

Es gibt Filme, denen das Wunder gelingt, den Zuschauer unverhofft einzusaugen! „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ gehört zu diesen Werken. Zugegebenermaßen gelingt dies nicht von der ersten Szene an. Aber just in dem Moment, in dem man sich fragt, ob die Klischees zu stark sind, mit denen die Exposition arbeitet, ist es um einen geschehen.

Viel damit zu tun hat Hauptdarsteller Sven Schelker. Mit Fug und Recht darf man bei ihm behaupten: Dieser Mensch spielt nicht. Sondern er ist.

Der von ihm verkörperte Bruno Manser ist ein Schweizer Umweltaktivist, der während dem Kampf für die Rechte der einheimischen Pena 2000 in Malaysia verschwand und fünf Jahre später von den Behörden als im malaysischen Regenwald verschollen erklärt wurde. Sven Schelker spielt Bruno Manser auf fast schon beängstigende Weise. Das beginnt damit, dass er im Film mehrheitlich in der Sprache der Indigenen spricht. Und geht einher mit einer physischen Präsenz, die den Darsteller zu einem der ganz wenigen, großen Schweizer Schauspieltalenten macht.

Wer einen solchen Spielfilm produziert, zieht sich große Schuhe an.
Zachery Z.

Schelker scheut sich nicht, sich in den ganz großen Szenen so weit zurückzunehmen, dass seine Emotionen quasi von innen heraus auf die große Leinwand strahlen. Man kann dem Drehbuch und Regisseur Niklaus Hilber diese großen Momente vorwerfen. Doch wer das tut, hat das Wesen dieses Spielfilms falsch verstanden.

„Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ ist weder eine Dokumentation (es bestehen über das Leben von Manser bereits drei Dokumentarfilme), noch ein typischer Autorenfilm. Das legt Regisseur Niklaus Hilber ehrlicherweise auch gleich zu Beginn offen: Die fliegende Kamera über den Regenwald zeigt schon in der ersten Einstellung die visuelle Gewalt, mit welcher dieses Zauberwerk uns mit auf die Zeitreise durch das Leben von Bruno Manser mitnehmen wird.

Der Prophet im eigenen Land

Klar, es gibt die obligate Liebesszene. Korrekt, es wird die edle Welt der Naturvölker im Regenwald als Kontrast zur konsumorientierten westlichen Ellbogengesellschaft beschworen. Und ja, nicht nur die Kameraarbeit ist eindrücklich, auch der Soundtrack von Oscar-Gewinner Gabriel Yared (Out of Africa) ist bombastisch. Es ist wohl meinem Schlendrian geschuldet und trotzdem eine gefühlte Ewigkeit her, seit ich im deutschsprachigen Kino das letzte Mal den Wunsch verspürt habe, Filmmusik als Erinnerung zu besitzen!

Kino-Trailer »Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes« von Niklaus Hilber

Video ThumbnailTrailer Bruno Manser – die Stimme des Regenwaldes

Schlichtweg dumm ist, wer dem Film wegen seinem Publikumsappeal eine Kolonialherren-Perspektive vorwirft. So wie das in Zeitungen nach der Premiere am ZFF Zurich Filmfestival teilweise geschehen ist. Auch wenn Bruno Manser in diesem Spielfilm, wie er es im Leben versucht hat, das Volk der Penan vor den Einflüssen der Moderne bewahren will – er tut er dies nicht aus selbstsüchtigen Motiven. Und beginnt damit erst, nachdem er über Monate mit den Penan im Urwald gelebt hat. Was kein einziger der Männer, die das Tropenholz als Wirtschaftsgut sehen, von sich behaupten kann. In einer Filmkritik nun indirekt zu behaupten, jede Nation habe das Recht, eigene Minderheiten zu unterjochen ohne dem Rest der Welt Rechenschaft ablegen zu müssen, ist ein Relikt aus dem letzten Jahrhundert und nur eines: verwerflich.

Wer sind die Penan?

Die Penan sind eine Volksgruppe auf der Insel Borneo, das zu Malaysia gehört. Sie umfasst etwa 10.000 Mitglieder. Die Penan lebten bis vor wenigen Jahren als Nomaden im malaysischen Dschungel und kannten kein Eigentum und kaum Hierarchien. Ihre bevorzugten Waffen waren Blasrohre.

Zynisch auch, diesem Film die Kraft nehmen zu wollen mit dem Argument, er passe zu perfekt zu Greta und den aktuellen Klimaängsten. Vor mehr als zwei Jahren, als das Drehbuch zu „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ (dessen Erarbeitung auch nicht über Nacht geschah) am ZFF den IWC-Award gewann, war die damals dreizehnjährige Greta Thunberg noch ein unbekanntes, pickeliges Schulmädchen aus Schweden, das nicht ahnen konnte, was es im August 2018 mit seinem Schild mit der Aufschrift „Skolstrejk för klimatet“ („Schulstreik für das Klima“) vor dem Schwedischen Reichstag in Stockholm auslösen würde. Zeigen Sie mir einen Produzenten, der heute weiß, was in drei Jahren ein globales Thema sein wird – und seinen Film dann auch noch finanziert und gebacken bekommt!

It’s the love, stupid!

Mein Kinobesuch in Zürich war eine spontane Entscheidung. So reichte mir die Zeit vor meiner Weiterreise und Redaktionsschluss nicht, um die Macher des Filmes um Antworten auf meine Fragen zu bitten. Gerne hätte ich erfahren, warum das Stilmittel des Off-Kommentars für notwendig erachtet wurde. War dies schon so im Drehbuch angelegt? Oder eine Entscheidung, die während der Montage gefallen ist?

Ähnlich stark interessiert mich, was für eine dramaturgische Absicht hinter einer Parallelmontage in Zeitlupe steckt? Diese hat mich – ich gebe es nicht gerne zu – kurz an das unglückliche Ende eines anderen Schweizer Filmes erinnert, den ich mir zu Anfang des Jahres in Zürich angesehen habe: „Zwingli – Der Reformator“. Dieses Werk war angeblich ähnlich teuer in der Herstellung. Trotzdem kann es in keiner Weise „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ das Weihwasser reichen. Weil der erstere Film nur behauptet. Und der Zweite atmet.

Da wir schon dabei sind, über den Tellerrand hinauszugucken: Wo der gescheiterte Schweizer Oscar-Nominations-Kandidat „Wolkenbruch“ von Wunderkind Michael Steiner in seinem zweiten Teil dramaturgisch (unverständlicherweise!) einbricht, legt „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ ab der Mitte der Handlung weiter an Intensität zu. Steiner mag der routiniertere, elegantere Erzähler sein. Doch die Charaktere bleiben bei ihm als Teil des Drehbuchs immer Mittel zum Zweck. Anders in den Filmen von Hilber: seine Figuren treten in unser Leben. Gehen tut das meiner Erfahrung nach nur, wenn ein Regisseur mit ihnen eine tiefe Beziehung eingeht.

Dieser Film hat alles, was einen guten Film ausmacht. Und noch einiges mehr!
Zachery Z.

Wer einen solchen Spielfilm produziert, zieht sich große Schuhe an.

Hollywood als Vorbild für „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“?

Man erinnere sich an Jeremy Irons und Robert De Niro in „The Mission“ (1986) von Roland Joffé. Oder an „The New World“ (2005) von Über-Regisseur Terence Malick.

Ich nehme an, die Szene, in der Sven Schelker auf halsbrecherische Weise einen Wasserfall erklimmt, ist eine bewusste Referenz: auch in „The Mission“ klettert Jeremy Irons einen vergleichbaren Wasserfall hoch. Seine Figur, ein christlicher Missionar, will im Grunde dasselbe wie Manser: die Zivilisation, oder was wir dafür halten, aushebeln.

Ebenso behandelt „The New World“ den Untergang umweltverträglicher Lebensarten. Aber anders, als in „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“, (ver-)führt hier Colin Farewell seine neue Liebe mit dem Namen Pocahontas zurück in seine Heimat. Wo sie, konsequenterweise, stirbt.

Beide Filme sind große Hollywoodkisten. Einen Aktualitätsbezug, wie dies aber nun der Spielfilm von Niklaus Hilber leistet, können sie jedoch nicht geltend machen. Die Handlung dieser Referenzfilme ist fiktiv und zudem weit in der Vergangenheit angelegt.

Interessant auch:

Kaum ein Film aus Hollywood, in dem mir heute zu Beginn nicht der (darum weitgehend wirkungslos gewordene) Schmankerl „basierend auf einer wahren Geschichte“ um die Augen geschlagen wird! Es spricht umso mehr für „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“, dass dieser Spielfilm genau das nicht tut.

Wo andere Filme sich auf Echtheit berufen und es trotzdem mit Verweis auf die dramaturgischen Erfordernisse einer Spielfilmerzählung mit den Fakten nicht so genau nehmen, setzt „Bruno Manser – Die Stimme des Regenwaldes“ auf Authentizität.

Regisseur Niklaus Hilber hat verstanden, dass die Wahrheit im Film immer nur aus Gefühlen wachsen kann!

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Über Zachery Z. 18 Artikel
Zachery Zelluloid war in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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