Wie B-Roll Footage deine Videos zu Rock ’n’ Roll macht

14 Tipps und Tricks aus der Praxis für bessere B-Roll Footage

Was ist B-Roll und warum sie Videos besser macht
Alles über B-Roll Footage für Videos, Interviews und Testimonials

Wer A sagt, muss auch B sagen. Für B-Roll Footage und Videos gilt das nur, wenn man die Anwendung dieser Art Aufnahmen auch wirklich versteht und beherrscht. Nur diesfalls entsteht Mehrwert bei gefilmten Interviews. Dann aber kräftig. Dieser Artikel erklärt,  was es für die richtige Anwendung, u. a. bei Interview- und CEO Videos, in der Praxis zu beachten gilt. Am Ende des Beitrags sind zusätzlich eine Checkliste und Video-Beispiele aufgeführt.

Wie (fast) immer stammt der Begriff B-Roll aus der Filmgeschichte. Als B-Rolle hat man damals ganz einfach die zweite Filmrolle beschriftet. Die A-Rolle enthielt die wichtigsten Aufnahmen eines Interviews oder Video-Testimonials. Alle anderen Aufnahmen, gewissermaßen das Material zur Ergänzung des Interviews, gehörten zur B-Rolle (englisch = B-Roll). Mit Pick-ups (wörtlich: dazu nehmen) ist dasselbe gemeint.

Wer nun aber glaubt, die A-Rolle sei für ein gelungenes Video-Interview wichtiger, als es die B-Roll ist, kann auch gleich seine Oma in Scheibchen schneiden und verkaufen.

Was heißt B-Roll Footage?

Von B-Roll Footage (der englische Begriff Footage bedeutet Filmmaterial) spricht man nur bei Interview-Aufnahmen. Zu dieser Kategorie gehören auch Testimonials oder Statements. Als Interview gilt alles, was zum Zweck hat, einen „Talking Head“ als Bewegtbild festzuhalten.

Bei Werbespots und Spielfilmen wird statt B-Roll oft auch von Material für asynchrone Zwischenschnitte gesprochen. Diese Bezeichnung bringt drei wichtige Eigenschaften der B-Roll auf den Punkt:

  • Erstens wird B-Roll nicht während dem Dreh des Interviews aufgenommen. Sondern erst nachträglich zum Hauptdreh. Bei einer gleichzeitigen Aufnahme spricht man nicht von B-Roll. Sondern von einem Dreh mit mehreren Kameras (mehr dazu: Wie viele Kameras braucht ein Testimonial).
  • Zweitens sind B-Roll Aufnahmen nicht zwingend synchron zum Hauptmaterial. Das müssen sie auch nicht. Dies, weil sie oftmals Dinge zeigen, die entweder losgelöst von der Zeit stattfinden oder auf der Zeitachse nicht zuordenbar sind, weil sie eine gewisse Beliebigkeit besitzen. Zudem, auch das ist wichtig zu wissen, läuft die Tonspur des Hauptmaterials weiter. Wo das Zusatzmaterial zum Einsatz kommt, hört man die Stimme des Interviewpartners im Off.
  • Drittens fügt sich eine als B-Roll gedrehte Einstellung immer zwischen eine längere Sequenz mit der Hauptaussage. Sei es um diese zu illustrieren. Oder um in der Hauptsequenz gemachte Statements zu unterstreichen.

B-Roll besitzt also immer eine unterstützende, dienende Funktion. Sie muss sich einer Hauptaussage unterordnen. Zweitklassig darf sie darum nicht sein. Im Gegenteil.

Bilder sagen mehr als Worte

Jedes Videointerview ist ein kleiner Widerspruch in sich. Film und Video sind immer dann besonders stark, wenn sie das tun, was andere Medien nicht können. Ein Text (und viele Statements sind leider am Ende des Tages nichts anderes) kann auch in geschriebener Form oder als Audio-File transportiert werden.

Geschieht die Übermittlung als Video, hat dies meist nur zwei Vorteile gegenüber den vorerwähnten Arten.

  • Einerseits bekommt der Absender ein Gesicht.
  • Andererseits, je nachdem ob dieses Gesicht glücklich schaut oder eine bedrückte Miene macht, erhält man zu einem gewissen Grad einen Eindruck davon, wie der Absender zu dem steht, was er da gerade kommuniziert.

Hier nun kommt die B-Roll ins Spiel:

Klopft der Finger des Sprechenden während dem Interview in einem Zwischenschnitt entschieden auf den Tisch, während die Stimme im Off gleichzeitig sagt «dazu habe ich eine klare Meinung», unterstreicht diese Geste die Entschlossenheit der Aussage.

Auch Illustrationen einer Aussage sind mit dem Mittel des Zwischenschnitts möglich. Sagt der CEO «unser Gewinn ist um 15 % gestiegen» mag das für den zusehenden Zuhörer möglicherweise weniger eindrücklich sein, als wenn dieselbe Aussage durch dazwischen geschnittene Aufnahmen von glücklichen Kunden gestützt wird.

Mit diesem Beispiel wird gleichzeitig klar, warum B-Roll Material auch sehr problematisch sein kann.

Die schmale rote Linie

Die Montage von Film und Video lädt geradezu dazu ein, durch die Gewichtung und Abänderung der Reihenfolge von Einstellungen neue Aussagen zu schaffen. Weil diese nur im besten Fall deutlicher sind, im schlechtesten aber geradezu manipulativ, erfordert der Umgang mit B-Roll mehr als nur handwerkliches Geschick.

B-Roll Footage richtig eingesetzt - Filmpuls
Grafik 1: Original Video mit Versprecher (Pfeil)
Filmpuls - B-Roll richtig verstanden und angewendet
Grafik 2: Versprecher (Pfeil) mit hartem Schnitt entfernt
Filmpuls - B-Roll richtig verstanden und angewendet bei Interviews und Statements
Grafik 3: Versprecher (Pfeil) mit B-Roll überdeckt

Die redaktionelle Verantwortung, die mit der Arbeit mit B-Roll einhergeht, darf nicht unterschätzt werden.

Bewegtbild strebt immer nach Superlativen. Da liegt die Versuchung nahe, dem starren CEO durch das Einschneiden von Gesten etwas mehr Dynamik zu verleihen. Schließlich bezahlt er dafür, gut im Video herüberzukommen.

B-Roll, soviel ist richtig, ist oftmals auch eine Art Verbandstoff. Zwischenbilder arrangieren inkohärente Aussagen neu.

Viele Schnitte auf der Tonebene sind ebenso erst dank der B-Roll Footage überhaupt möglich. Von unendlich vielen «ähs» und «hmms» in Interviews bleibt der Zuseher, übrigens auch am TV, nur durch asynchrone Zwischenschnitte verschont.

Wo aber mit den Mitteln der Montage die Kernaussage eines Interviews nicht verstärkt, sondern verfälscht wird, lügt das Bild.

Umsetzung in der Praxis

Auch wenn es blöde klingt, B-Roll Footage scheitert oftmals daran, dass nicht, oder erst in letzter Sekunde, an sie gedacht wird. Wer sie nicht einplant und mit dem Kunden oder Interviewpartner abspricht, dass nach dem Interview noch einige Minuten für diesen Zweck drehen darf, hat meist schon verloren.

Der erfahrene Regisseur oder Redaktor geht für den Dreh von Zusatzmaterial ganz gezielt vor. Er beobachtet beim Dreh des Interviews den Menschen vor der Kamera, schaut auf dessen Gesten und analysiert die Aussagen. Anschließend realisiert er auf dieser Basis ergänzende Einstellungen. Trinkt der CEO beim Interview aus einem Wasserglas, kann dies mit einem Closeup aus einer anderen Perspektive nochmals aufgenommen werden. Das gilt auch für Gesten, Blicke und andere Elemente der Körpersprache.

Weil in solchen Fällen die Porträtierten vor der Kamera meist normale Menschen sind, darf die Regie nicht der Versuchung anheimfallen, Anweisungen wie für Schauspieler zu geben. Auf natürliche Weise ein Glas Wasser zu trinken kann für Laien erstaunlich schwer sein. Natürlicher wirkt es, wenn nicht die gewünschte Geste stumm wiederholt wird, sondern man auch die dazugehörige Frage und Antwort nochmals repetiert.

Blitzen und Archiv

Später im Schneideraum gilt es dann zu entscheiden, wo und in welchem Umfang im Editing mit B-Roll das Interview auf Perfektion getrimmt werden kann und getrimmt werden darf. Steht die Gefahr von Manipulation im Raum um ein Statement von Versprechern und Wiederholungen zu bereinigen, macht man es besser so wie viele TV-Redaktionen. Man verzichtet auf B-Roll und arbeitet mit sogenanntem Weißblitzen. Wie das Wort es sagt, wird durch das Einfügen von wenigen weißen Frames verdeutlicht, dass an dieser Stelle die Aufnahme geschnitten wurde. Blitzen wird als Code vom Zuschauer verstanden, nicht zuletzt, weil er es vom Fernsehen her kennt.

Darum gilt: lieber gut geblitzt als schlecht zwischengeschnitten. Das gilt immer auch dann, wenn aus Zeit- oder anderen Gründen nicht genügend vernünftiges Material für Zwischenschnitte generiert werden kann.

Wo mit B-Roll eine Aussage illustriert wird (wie im vorangehend erwähnten Beispiel mit dem 15 % Gewinn), gilt es einen Grundsatzentscheid zu treffen. Entweder das Material für die illustrierende Zwischensequenz selbst zu drehen. Oder aber das dafür notwendige Material aus einem Archiv wie Shutterstock, iStockPhoto oder Adobe oder  zu lizenzieren. Beides sind gangbare Optionen.

Für welchen Weg man sich entscheidet, hängt von der Qualität, der verfügbaren Zeit und wie immer von den Kosten ab.

Checkliste

An was gilt es bei der Realisation von B-Roll Footage zu denken? Welche Entscheidungen fallen an? [1]

Dreh / Bearbeitung Anmerkung
01Einbezug in Konzept und Drehbuchidealerweise in Varianten
02genügend Zeit vor Ort einplanenDrehplanung / Call Sheet
03Vorbesprechung mit Interviewpartnerauch direkt vor Dreh möglich
04situativ entscheiden welche Elementebestehende Elemente aus Interview verstärken
05redaktionell gewichtenwenn Inhalt bekannt, gezielt Schwerpunkte illustrieren
06Glaubwürdigkeit sicherstellenwenn nicht möglich, verzichten
07Integrität der AussagenVerfälschungen sind nicht statthaft
08Dreh oder Archivmaterialwenn nicht vor Ort zu realisieren

[1] Quelle: filmpuls.info

Aus inhaltlicher Sicht sind, immer abhängig von der konkreten Aufgabenstellung, denkbar? [2]

Interview im Office zu beachten
09Person am Schreibtisch sitzendidealerweise in Varianten, ruhig blickend
10zum Schreibtisch gehendeher zur Einführung / Exposition
11Handbewegungen / Gestenmuss für konkrete Person stimmig sein
12Tätigkeiten beim SprechenKugelschreiber in Hand, Wasser trinken
13ReflektionAugen, ruhige Hand auf Pult
14Illustration externe Vorgängeim Tempo auf Interview abgestimmt

[2] Quellenangabe siehe 1

Naheliegenderweise sind immer Wirkung und Kernaussage entscheidend. B-Roll um der B-Roll willen zu realisieren, weil es irgendwie professionell aussieht, ist der falsche Entscheid.

Ergänzende und illustrierende Aufnahmen haben unzweifelhaft das Potenzial, Aussagen visuell zu verstärken. Falsch verstanden, können sie aber auch eine zusätzliche Hürde bilden und Distanz zum Inhalt schaffen. Dies ist immer dann der Fall, wenn der Betrachter die Absicht von B-Roll spürt und diese die Authentizität nicht fördert, sondern zerstört,

Beispielvideos: 3 Optionen

Beispiel 1: Der Schnitt erfolgt im Video direkt von Einstellung zu Einstellung, die Übergänge zwischen den Bildern wirken zwar authentisch, aber auch hart. Die Bilder springen. Für den Zuschauer ist die Bearbeitung der Aufnahmen (Wegschneiden von Textstellen) unmissverständlich klar. | filmpuls logo

Vorschaubild10 Tipps und Tricks aus der Praxis für B-Roll Footage - Filmpuls Beispiel 1

Beispiel 2: Die Übergänge zwischen einzelnen, bearbeiteten Sequenzen werden aufgeblitzt. Die Bildsprünge entfallen, die Schnittstellen und redaktionellen Kürzungen / Bearbeitungen sind unmissverständlich.

Vorschaubild10 Tipps und Tricks aus der Praxis für B-Roll Footage - Filmpuls Beispiel 2

Beispiel 3: Die Übergänge im Interview werden mit B-Roll Footage kaschiert. Ob hinter dem Übergangsbild eine Manipulation erfolgt (Tonschnitte, fehlende Textstellen) oder nicht, ist für den Zuschauer nicht erkennbar.

Vorschaubild10 Tipps und Tricks aus der Praxis für B-Roll Footage - Filmpuls Beispiel 3

Anmerkung: die Bearbeitungen des hier zitierten Beispiel-Videos wurden einzig zur Veranschaulichung der unterschiedlichen Arten von Übergängen und zur Demonstration der Anwendung von B-Roll vorgenommen. Bild- und Tonebenen wurden hierzu nicht in finaler Qualität bearbeitet. (Ausgangsmaterial: YouTube Video)


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