Schauspielerin auf dem Filmset 5’400 Mal vom Regisseur unterbrochen!

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Jennifer Lawrence vor der Kamera von Tom Stem ASC AFC beim Dreh von «The Hunger Games» | © Foto: British Cinematographer

Wer vor einer Kamera spielt, sei es für einen Kinofilm, ein TV-Movie, eine Serie oder eine Auftragsproduktion, muss sich bewusst sein, dass er sich damit in eine andere Welt begibt. Denn die Arbeit eines Schauspielers für Video und Film unterscheidet sich grundsätzlich von einem Bühnenauftritt.

Ungeachtet wie berühmt eine Person ist, für die Arbeit mit der Kamera gelten für alle Schauspieler dieselben Regeln. Dabei zeigt sich die Kamera sowohl als großer Gleichmacher, wie als Sprungbrett in höhere Sphären.

Das musst du wissen

  • Im Theater spielt ein Schauspieler seine Rolle über die gesamte Vorstellungsdauer, also 1 bis 2 Stunden. Anders vor der Kamera. Hier muss die Performance jeweils nur über einige Sekunden tragen.
  • Filme werden aus logistischen und budgetären Gründen nur im Ausnahmefall chronologisch gedreht. Für den Schauspieler bedeutet das: ein wildes Hin- und herspringen innerhalb der Filmhandlung.
  • Auf der Bühne müssen Worte und Gesten auch in der hintersten Reihe Zuschauerraum sichtbar sein. Detail- und Nahaufnahmen wie auf der Kinoleinwand sind nicht möglich.

Warum Takes für Schauspieler wie eine Ohrfeige sind

Stell dir vor, du darfst ein Wochenende in einem Fünfsternehotel verbringen. Mit allem was dazugehört. 48 Stunden vom Feinsten. Eine Luxussuite, Wellness und verpflegt wirst du von Spitzenköchen.

Was aber, wenn du anstelle von 48 Stunden am Stück nun 96 Tage lang jeweils nur 30 Minuten im selben Hotel erleben dürftest? Wären deine Emotionen, aufgeschlüsselt in halbe Stunden und über drei Monate verteilt, dieselben?

Genau darum geht es bei der Schauspielerei vor der Kamera. Im Theater schlüpfst du als Schauspieler in deine Rolle. Darin bleibst du während der gesamten Dauer des Stückes. 2 Stunden lang bist du in der Haut der Figur, die du spielst.

Nicht so beim Film. Erstens gibt es hier Einstellungen. Kleinste Aufnahmesequenzen. Diese werden, zweitens, dazu noch so lange wiederholt, bis du als Darsteller in den Augen des Regisseurs so spielst, wie er sich das vorstellt. Dann: Cut!

Dass man in Deutschland auf dem Set am Ende der Einstellung „Danke“ sagt, ändert nichts: Du wirst als Darsteller als Dankeschön für dein Spiel nach wenigen Sekunden brutal aus deinen Emotionen geschmissen.

Denn ist die Einstellung im Kasten, wird die Kamera neu positioniert, das Licht entsprechend neu gestellt, dein Makeup nachgezogen, das Kostüm kontrolliert, Requisiten herangeschafft; kurzum: Es wuselt auf dem Filmset, wie in einem Ameisenhaufen.

Coitus interruptus für Darsteller

Beim Spielfilm werden pro Tag 1 bis maximal 3 Minuten Film gedreht. Die Dauer einer Einstellung im fertigen Film beträgt zwischen 3 und 5 Sekunden.

Das bedeutet: wenn pro Drehtag an die 20 Einstellungen abgedreht werden, sind die Verantwortlichen für die Filmherstellung zufrieden.

Für dich als Schauspieler heißt das, zwanzigmal pro Tag aus dem Stand einen Sprint hinzulegen. Nur um dann wieder nach wenigen Metern stehen bleiben zu müssen.

Bei einem Kinofilm von 90 Minuten Länge ist das eine endlose Menge an Unterbrüchen. Angenommen, eine durchschnittliche Einstellung dauert 5 Sekunden, gilt es, 1080 Einstellungen zu drehen. Wird jede davon fünfmal wiederholt, hast du als Schauspieler am Ende der Dreharbeiten 5400 Unterbrüche hinter dich gebracht.

Was der Zuschauer im Kino also als fortlaufende Handlung empfindet, ist als unglaublich komplexes und manchmal komplex wirkendes Puzzle entstanden.

Anschlüsse gibt es nur am Bahnhof

Kein professioneller Spielfilm wird in der Reihenfolge seiner Filmhandlung gedreht. Regisseure wie Alejandro González Iñárritu (Birdman, Babel, The Revenant), die chronologisch drehen, sind die absolute Ausnahme. Szenen, die innerhalb eines Ortes spielen, wenn auch zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Filmhandlung, werden normalerweise hintereinander abgedreht. Auch wenn sie zu völlig unterschiedlichen Zeitpunkten der Filmhandlung spielen. Da kann es schon mal vorkommen, dass innerhalb desselben Drehtages ein Schauspieler frisch verliebt und wenige Stunden später den Tod seiner großen Liebe zehn Jahre später glaubwürdig betrauen muss.

Filmbudget, Risikomanagement und Logistik bestimmen die Reihenfolge, innerhalb derer die Shots gedreht werden. Ob sich der Darsteller damit schwertut, interessiert nicht.

Darum ist Schauspielerei vor der Kamera überaus anspruchsvoll. Aber nicht nur deshalb.

Dem Auge der Kamera entgeht nichts

Glasklar und haarscharf: Die Filmkamera sieht jedes Detail. Anders als im Theater, bestimmt der Kameramann die Nähe des Zuschauers zum Schauspieler. Auf der Bühne kann mit bloßen Gesten die Gefühlslage ins Publikum transportiert werden.

Beim Film aber ist der Zuschauer nicht konstant viele Meter vom Darsteller entfernt. Das subtile Zucken einer Augenbraue genügt, um einer Reaktion Nachdruck zu verleihen. Kleinste Details verleihen der jeweiligen Szene ihre Textur.

Das berühmte „Überspielen“ von theatergewohnten Schauspielern vor der Filmkamera zeichnet nicht nur Stummfilme aus. Auch Laien und Film-ungewohnte Profis tappen in diese Falle.

Auf der Bühne lässt sich spielen. Vor der Kamera nicht. Hier geht es um das Sein. Wer emotional nicht mit seiner Rolle verschmilzt, hat verloren.

Ohne Vertrauen geht es nicht

Altmeister Stanley Kubrick ließ seine Schauspieler, auch wenn es sich dabei um Hollywood-Stars wie Tom Cruise oder Nicole Kidman handelte, einzelne Takes bis zu 40 mal wiederholen. Dies, ohne ihnen dafür Gründe zu nennen.

Welche dieser dutzendfach gedrehten Einstellungen derselben Szene am Ende im fertigen Kinofilm landete, bestimmt der Cutter mit dem Regisseur. Der Darsteller kann einzig darauf vertrauen, dass später bei der Filmmontage die richtige Wahl getroffen wird. Dass vom Filmerfolg seine Karriere abhängt, ändert daran nichts.

Schauspieler begeben sich beim Spielfilm also naturgemäß komplett in die Hände des Filmemachers. Ohne ein entsprechendes Vertrauensverhältnis geht es nicht. Als Folge davon herrscht auf dem Filmset zwischen Darsteller und Regisseur eine ausgeprägte, emotionale und professionelle Nähe.

Dies gilt es wertzuschätzen. Ruhm und Ehre haben auch beim Film ihren Preis.


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