Was heißt Schlüsselbild, Keyframing und was sind Intraframes?

Was Animationstechnik und Videokompression verbindet

Schlüsselbild Keyframes Keyframing Intraframes
Was heißt Schlüsselbild, Keyframing und was sind Intraframes? | © Titelbild: giphy.com

Die Schlüsselbildanimation illustriert auf wunderbare Weise, wie sich die Filmproduktion durch die Digitalisierung radikal verändert hat. Keyframes haben sich dabei aber nicht nur inhaltlich gewandelt. Der Begriff umfasst heute weit mehr Aspekte als früher.

Keyframes sind auch bekannt als Schlüsselbilder. Damit sind in diesem Artikel keine Videoaufnahmen oder Bilder mit Symbolcharakter gemeint. Wir konzentrieren uns hier  nur auf die Bedeutung von Keyframing und Intraframes bei der Videoproduktion und bei der Distribution (Streaming).

4 Arten von Keyframes

Man kann heute vier Arten von Keyframes unterscheiden:

  1. Erstens die klassische analoge Schlüsselbildanimation (Key = Schlüssel, Frame = Bild). Sie gibt es schon seit Urzeiten im analogen Animationsfilm.
  2. Zweites die digitale Computeranimation mit Keyframing. Sie ist heute der Standard im Animationsfilm.
  3. Drittens werden Keyframes heute in einem erweiterten Sinn als definierte Ereignisse auf einer Timeline verstanden, die Start und Ende einer Veränderung markiert. Diese Veränderung kann eine Überblendung auf der Bildebene sein. Oder auf der Audioebene einen Effekt definieren.
  4. Viertens kommt Keyframing in Form von Intraframes in der Videokompression zum Einsatz. Obwohl dies die häufigste Anwendungsart ist, geschieht sie häufig unbemerkt im Hintergrund. Editor oder User bemerken davon nichts.

Schauen wir uns Unterschiede und Gemeinsamkeiten dieser vier Kategorien genauer an:

Schlüsselbilder bei der klassischen Animation von Bildern

Bei der klassischen Animation wird eine Reihe von Zeichnungen als Einzelbilder aneinandergereiht. Damit erzeugt man die Illusion von Bewegung. Wenn ein Zeichner sich nun hinsetzt, um eine Aktion für eine Figur in einem Animationsfilm zu erstellen, muss er dies Bild für Bild herausarbeiten. Das dauert. Und das kostet.

Darum hat Hollywood schon vor den Zeiten von Snow White and the Seven Dwarfs (1937) überlegt, wie man diesen Prozess vereinfachen und effizienter gestalten kann. Das Resultat daraus ist der Keyframe.

Statt alle Bilder einer Sequenz von einem Zeichner von A bis Z erstellen zu lassen, hat man sich das größte Talent unter den Animatoren herausgesucht. Dieser hat als Keyframe Artist nunmehr das erste und das letzte Bild einer Einstellung gezeichnet. Weil damit Anfang und Ende definiert sind und diese alles dazwischen bestimmen, war diese Funktion mit ebenso viel Prestige wie guter Bezahlung verknüpft. Die Einzelbilder zwischen dem ersten und letzten Schlüsselbild wurden umgekehrt als „Inkbetween“ bezeichnet (etwas salopp übersetzt: die Tinte dazwischen). Diese Zeichnungen wurden, anders als die Schlüsselbilder, vom weniger talentierten, zeichnerischen Fußvolk angefertigt.

Ein Keyframe ist eine einzelne Zeichnung, die die Anfangs- und Endpunkte eines reibungslosen Übergangs definiert. Die Zeichnungen heißen Frames, weil ihre zeitliche Position in Frames auf einem Filmstreifen gemessen wird. Eine Sequenz von Keyframes definiert, welche Bewegung der Betrachter sehen wird, während die Position der Keyframes im Film oder Video den Zeitpunkt der Bewegung bestimmt. Da nur zwei oder drei Keyframes über die Spannweite einer Sekunde nicht den Eindruck einer Bewegung erzeugen, füllt man die restlichen Frames mit Inkbetweens.

Je mehr Zwischenbilder sich zwischen den Schlüsselbildern befinden, desto detaillierten und sanfter verlaufen die Bewegungen in der Animation.

Keyframing bei der Computeranimation

Weil man Filme nicht ohne herausragende Künstler erstellen kann, gibt es den Keyframe Artisten auch heute. Die Zwischenbilder allerdings, diese zeichnet heute in der Computeranimation keine menschliche Hand mehr: Algorithmen erstellen diese Einzelbilder automatisiert. In Animationsprogrammen wie After Effects oder Cinema 4D sagt der Keyframe dem Computer nur noch, wo er was wie auf der Zeitachse zwischen zwei Punkten ausfüllen muss.

Ein einfaches Beispiel zur Veranschaulichung: ein Ball soll sich über den Bildschirm bewegen. Die Keyframes definieren, wie der Ball aussieht und legen die Anfangsposition und den Endpunkt fest. Was dazwischen passiert, errechnet sich die Software anhand des Einstiegs- und Ausstiegspunktes. Dieser Prozess heißt Keyframing.

Keyframing funktiontiert also sehr ähnlich wie handgezeichnete Keyframes. Nur dass der Computer hier die Arbeit erledigt, anstatt dass die Einzelbilder zwischen den Keyframes von Hand erstellt werden.

Keyframes in der Medienproduktion

In der Medienproduktion ist ein Keyframe eine Position auf einer Timeline, die den Beginn oder das Ende einer Aktion markiert. Es enthält spezielle Informationen, die definieren, wo eine Aktion beginnen oder enden soll. Wie in der Computeranimation interpoliert Software die Aktionen zwischen Anfangspunkt und Endpunkt.

Keyframing wird heute in jedem zeitbasierten Medienproduktionsprozess verwendet, einschließlich der Audioproduktion. In der Praxis der Postproduktion sind sie nicht mehr und weniger, als eine Markierung, die per Mausklick auf eine Timeline gesetzt und mit einer Aktion verknüpft wird. Dazu braucht es nicht mehr als zwei Klicks mit der Maus.

Weil die Funktion von Keyframing in der Videobearbeitung weit über die Interpolation von Zeichnungen hinausgeht, spricht man in diesem Kontext auch in der deutschen Sprache kaum mehr von Schlüsselbildern, sondern nur noch von Keyframes.

Professionelle Software für die Bildbearbeitung oder Tonbearbeitung unterstützt fast unendlich viele Parameter, die man für jedes einzelne Objekt einstellen kann. Ein Beispiel sind Bildübergänge, Verschiebungen der Schärfeebene oder auch Licht. Sie alle sind ohne Keyframes undenkbar.

3D-Animationen (dazu gehören auch Grafiken) behandeln Lichtquellen ähnlich wie reale Aufnahmen. Die animierten Objekte werfen Schatten oder erzeugen Spiegelungen. Angenommen, ein Animator möchte, dass sich die Intensität des Lichts innerhalb eines vordefinierten Zeitraums stufenlos von einem Wert zum anderen ändert, nutzt er dazu Keyframes. Zu Beginn der Sequenz wird ein Keyframe gesetzt, der die Anfangsstärke festlegt. Für das Ende wird mit einem zweiten Keyframe ein stärkerer Wert eingestellt. Damit interpoliert das Softwareprogramm die beiden Werte automatisch und erzeugt so einen reibungslosen Anstieg der Lichtstärke.

Keyframes können auch die Eigenschaften einer Audioaufnahme über einen bestimmten Zeitraum zu ändern. Während der Erstellung einer Audioaufnahme oder der Tonmischung werden auch hier Anfangs- und Endmarken gesetzt. Wie immer in der digitalen Videoproduktion kann man Keyframes auch bei der Tonbearbeitung nachträglich setzen, ändern und korrigieren.

Intraframes bei der Kompression

Keyframes spielen auch bei der Kompression von Daten eine wichtige Rolle. Geringe Dateigrößen und damit schnelles Streaming sind heute für viele Online-Plattformen wie Netflix ein wichtiges Kriterium für den Geschäftserfolg.

Keyframes werden bei der Kompression auch als Intraframes bezeichnet. Das ist darum interessant, weil Intraframes eben gerade keine Inkbetweens sind. Sie sind die Eckpfeiler der Kompression.

Die Videokompression speichert im Datenstrom also nur Änderungen, die von einem Keyframe zum nächsten Frame auftreten. Damit nimmt die Menge der zu speichernden Informationen stark ab.

Dabei wird auf den Umstand gebaut, dass die meisten Einzelbilder nur geringe Veränderungen von einem Frame zum nächsten aufweisen. Wann immer aber eine drastische Änderung des Frames auftritt, z. B. beim Wechsel von einer Einstellungsgröße zur anderen oder bei einem Szenenwechsel, ist ein Intraframe erforderlich. Darum gilt auch hier (wie bei der Animation): je höher die Dichte an Keyframes (Intraframes), desto besser die Qualität. Damit wächst aber auch die Dateigröße.

Weil die Videokompression nur kleinste Änderungen zwischen Einzelbildern speichert (außer bei den Intraframe), ist ein schneller Vor- oder Rücklauf zu einer beliebigen Stelle im Videostream unmöglich. Darum wird in der Praxis oftmals ein Intraframe einmal pro 10 Sekunden Video ausgegeben, auch wenn sich das Videobild optisch nicht ändert. Damit ist eine Suche innerhalb des Videostreams in Abständen von mindestens 10 Sekunden möglich.

Die Kehrseite der Medaille ist, dass damit der resultierende Videostream größer wird, weil nun viele Intraframes hinzugefügt sind, die für die visuelle Darstellung eigentlich gar nicht erforderlich sind. Dieser Nachteil führt jedoch nicht zu einem bedeutenden Kompressionsverlust, wenn die Bitrate bereits auf einen hohen Wert für bessere Qualität eingestellt ist (wie beispielsweise im DVD MPEG-2-Format).


Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer miteingeschlossen. | © filmpuls logo

Pavel Sokolov
Wer ist Pavel Sokolov? 12 Artikel
Pavel studiert Film mit Schwerpunkt Montage. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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