Ein Haufen Heu aus Nadeln: »Mare of Easttown« mit Kate Winslet | HBO

Mare of Easttown Kate Winslet
Detektivin Mare (Kate Winslet) in "Mare of Easttown" | © HBO

Die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen zu suchen, gehört für die Detektivin Mare zur Alltagsarbeit. Was aber geschieht, wenn man als Fahnderin nicht bemerkt, dass Strohhalme im Haufen Heu keine solchen sind, sondern Nadeln? Kate Winslet zeigt es in der neuen HBO-Serie «Mare of Easttown».

Wenn man bemerkt, dass man feststeckt, ist es zu spät. Wie jemand, der eine freie Parklücke nutzen will und erst während dem Einparken feststellt, dass es plötzlich weder vor- noch rückwärtsgeht und man sein Fahrzeug richtiggehend zwischen zwei anderen Autos festgefahren hat, findet sich Detektivin Mare (Kate Winslet) in der amerikanischen Kleinstadt Easttown festgekeilt. Ausparkieren geht nur noch mit Blechschaden.

Das allein wäre weder unerhört noch Anlass genug, sich als Zuschauer vor Begeisterung zu überschlagen. Der Start der neuen HBO-Serie „Mare of Easttown“ verlief mit der ersten Folge und Blick auf die Zuschauerzahlen denn auch eher verhalten.

Dann aber geschah, was man nur von früher und von Kinofilmen kennt: Die Fans von „Mare of Easttown“ wuchsen von Folge zu Folge. Immer mehr Menschen ließen sich von Kate Winslet als Detektivin, die verzweifeltet versucht, die Kontrolle über Berufs- und Privatleben zurückzuerlangen, begeistern. Die im April gestartete siebenteilige Mini-Serie wurde zum Geheimtipp und hat diese Tage, acht Wochen nach ihrem Start bei HBO, bereits einen globalen Kultstatus entwickelt, wie nur wenige Krimiserien vor ihr es vermochten.

Kate Winslet muss sich solche Zufälle gewohnt sein. Ihren Durchbruch im Kinogeschäft mit dem Blockbuster „Titanic“ an der Seite von Leonardo DiCaprio war einzig einer glücklichen Verkettung von Umständen geschuldet. Gwyneth Paltrow und Claire Danes lehnten 1997 die Rolle der Rose im Schiffsuntergangspektakel ab. Winslet füllte die entstandene Lücke mit Können, Charisma und Chuzpe und prägte, was der Regisseur von „Titanic“ in Interviews „Precision Kissing“ nannte. Was folgte, ist Filmgeschichte.

Vierundzwanzig Jahre und sechs Oscar-Nominationen und einen Academy-Award später ist die fünfundvierzigjährige Kate Winslet in „Mare of Easttown“ sichtbar älter geworden, aber mehr denn je eine schauspielerische Naturgewalt. Die von ihr gespielte Hauptfigur „Mare“ ist meilenweit entfernt von einer Welt, in der Küsse noch etwas wert sind. Schmerzfreier, kantiger und zugleich verletzlicher hat man Winslet kaum je zuvor eine Rolle verkörpern sehen. Regisseur Craig Zobel, der alle sieben Episoden der Serie inszeniert hat, bietet der Schauspielerin dazu – ebenso wie das fein ziselierte Drehbuch von Brad Ingelsby – die perfekte Bühne.

Teaser »Mare of Easttown«  | © HBO / YouTube

Trailer Mare of Eastdown mit Kate Winslet

Man soll sich dennoch von der Lobhudelei in der Presse bezüglich der abgekämpften Erscheinung von Kate Winslet nicht täuschen lassen. Das hat weniger mit Mut zu tun, als man denkt. Ja, Winslet ist nicht mehr zwanzig und die physische Erscheinung der von ihr gespielten Rolle erinnert zugegebenermaßen nicht nur hinsichtlich Hartnäckigkeit und Widerstandsfähigkeit an ein Island-Pony.

Trotzdem gibt es bei Film und Serien keine Zufälle. Ebenso wenig, wie es keine Dreharbeiten ohne Makeup gibt. Kate Winslet ist im richtigen Leben an Premieren und Events nach wie eine betörende Schönheit. Ihr kaputter Look gehört zur Rolle – und wird innerhalb der Serie auch bewusst einige Male gebrochen.

Es ist Privileg und Schicksal großartiger Darsteller, mit ihrer Rolle zu verschmelzen bis zu dem Punkt, an dem die breite Öffentlichkeit nicht mehr zwischen Kunstfigur und Realität zu unterscheiden vermag. Winslet ist nicht die Erste und wird nicht die letzte Schauspielerin sein, die ihre Wandelbarkeit unter Beweis stellt. Man erinnere sich an Charlize Theron, die im Spielfilm „Monster“ (2003) radikal mit ihrem Image als Traumfrau brach und für die Rolle einer Mörderin dem physischen Zerfall Gesicht und Körper lieh.

„Mare of Easttown“ ist einzigartig. Aber nicht einzig. Die Serie bewegt sich in den Fußstapfen von Fernsehserien wie „True Detective“ (seit 2014) und „Top of the Lake“ (2014 – 2017). Dies mit Bravour und auf Augenhöhe. Wer die Genre Mystery und Crime mag, darf sich die sieben Episoden von „Mare“ mit einer Dauer von rund sechzig Minuten pro Folge nicht entgehen lassen.

Schwester im Geiste:

Mystery Serie Top of the Lake
Elisabeth Moss in: „Top of the Lake“ von Jane Campion | © See-Saw Films

Was eine Serie taugt, können Serienfans oft schon aus der Art und Weise, wie der Vorspann gestaltet ist, ableiten. Allein die Frage, ob die jeweiligen Titelsequenzen repetitiv und generisch oder individuell pro Folge erstellt wurden, lässt eine Menge interessanter Rückschlüsse auf die Macher zu. „Mare of Easttown“ überzeugt diesbezüglich mit Eleganz und Schlichtheit. Der Name ist Programm.

Mare of Easttown
CAST
Det. Mare SheehanKate Winslet
Lori RossJulianne Nicholson
Helen SheehanJean Smart
Siobhan SheehanAngourie Rice
Pater Dan HastingsPater Dan Hastings
Richard RyanGuy Pearce
u.v.a.
CREW
RegieCraig Zobel
Drehbuch Brad Ingelsby
DoPBen Richardson
MusikLele Marchitelli
EditorAmy E. Duddleston
ProduzentKaren Wacker
LandUSA
Premiere18. April 2021
Folgen7 x 60 min
SpracheEnglish / Deutsch

Das gilt auch für die Hauptfigur. Drehbuchautoren neigen seit jeher dazu, die Eigenschaften der von ihnen geschaffenen Figuren in den Namen der Charaktere verklausuliert zu spiegeln. Nomen est omen. Mare Sheehan (Kate Winslet) trägt in ihrem geschlechtsneutralen Vornamen „Mare“ die Bedeutungen „bittersüss“ und „Herr/Herrin des Meeres“. Der Nachname Sheehan umgekehrt ist nicht nur irisch-gälischer Herkunft, sondern hat vor allem als Bezeichnung einer Geburtskomplikation, dem Sheehan Syndrom, Karriere gemacht.

An Komplikationen und Herausforderungen mangelt es Mare (Kate Winslet) in „Mare of Easttown“ in keiner der sieben Folgen der HBO-Miniserie. Erzählt in Parallelhandlungen, wobei man als Zuschauer immer wieder mehr über die sich abzuzeichnenden Ereignisse zu wissen glaubt als Detektivin Mare, entwickelt die HBO-Serie einen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann.

Dramaturgisch scheint der Aufbau der Handlung von „Mare of Easttown“ mit Kate Winslet zuerst einer klassischen, bewährten Hollywood-Dramaturgie zu folgen:

So zeichnet sich im Lauf der Handlung ab, dass erst, wenn die Hauptfigur Mare ihre eigenen Konflikte gelöst hat, sie ihre Energie in die richtigen Bahnen lenken, die Hürden bei der Lösung des Falles überwinden kann und damit der Weg für ein Happy End frei ist. Doch so einfach ist es dann doch nicht, denn auch diese Fährte ist von den Machern gelegt.

Mare immerhin, soviel sei hier verraten, findet am Ende der Serie den mit Blut, Tränen und Willen hart erkämpften Raum, sich endlich frei in alle Richtungen zu bewegen. Dies mit der stillen Erkenntnis, dass die Menschen es nicht miteinander können, aber ebenso wenig ohneeinander.

Die HBO-Serie »Mare of Easttown« mit Kate Winslet gibt es bei Sky Deutschland zu sehen.

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Über Zachery Z. 48 Artikel
Zachery Zelluloid war in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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