«Done with Fake» | Hinter den Kulissen mit Jaël und Regisseur Luki Frieden

Es gibt Musikvideos, die einen magischen Sog erzielen. «Done with Fake» der Singer-Songwriterin Jaël ist eines dieser Meisterwerke. Realisiert von Regisseur Luki Frieden, überzeugt das grandiose Video auf den ersten wie auch auf den zweiten und dritten Blick. Im großen Interview mit Filmpuls geben Jaël und Luki einen ungeschminkten Einblick hinter die Kulissen der Dreharbeiten.

«Done with Fake»: Musikvideo der Musikerin Jaël, Regie: Luki Frieden | © 2019 Jaelmusic

Video ThumbnailJaël - Done with Fake

Interview mit Jaël und Regisseur Luki Frieden

Filmpuls:

Was zeichnet ein gutes Musikvideo aus?

Jaël:

Wenn man es hinkriegt, die Emotionalität und Message eines Stückes zu unterstreichen und Song und Video sich nicht gegenseitig konkurrenzieren, dann finde ich Musikvideos wunderbar.

Filmpuls:

Wie findet man zu einer solchen Idee?

Luki Frieden:

In diesem Fall hatte ich die Idee unabhängig vom Song. Jaël fragte mich an, ob ich ein Musikvideo für sie drehen würde. Da erzählte ich ihr meine Idee und sie meinte, dass sie einen Song hätte, der perfekt zu meinem Konzept passen würde. Also ganz viel Zufall … ich drehte in meinen Anfängen Musikvideos für die Lovebugs, Sina, etc. Seit 15 Jahren hab ich keines mehr gedreht. Weil ich Jaël aber gut kenne und sie eine große Nebenrolle in meinem letzten Spielfilm gespielt hatte, reizte es mich, mal wieder ein Musikvideo zu drehen!

Jaël:

Ursprünglich hatte ich Luki gefragt, ob er überhaupt noch Musikvideos mache. Das in der Hoffnung, er würde für meine erste Radiosingle ein Video realisieren. Als mir Luki seine Idee erzählte, kam mir sofort «Done with Fake» in den Sinn … das ist der Opener meines neuen Albums. Mir war klar, dass dies keine Radiosingle werden würde, da absolut unpassend fürs Radioformat. Für einfach so «irgend einen Albumsong» ein Video zu drehen war nun eigentlich nicht die Idee. Aber es passte so perfekt, dass ich aus Liebe zur Sache dieses Musikvideo einfach machen «musste». Eine gute Idee zu haben ist für mich nicht einfach. Da meine Texte oft autobiographisch sind, ist in meinem Kopf dann eine simple «Verfilmung» der Geschichte das Naheliegendste – was aber oft langweilig wäre und von dem ich dann erstmals Abstand gewinnen muss.

Filmpuls:

Was ist die Message von „Done with Fake“?

Luki Frieden:

Masken setzen wir alle immer wieder mal auf. Es ist aber wichtig, sie hie und da fallen zu lassen und keine Angst vor Verletzlichkeit zu haben! So kommen wir Menschen uns nahe.

Schönheit endet in einem wahrhaften Gefühl, das ein Mensch mir zeigt.
Luki Frieden

Jaël:

Ich habe meine schauspielerische Ausbildung in London im Actors Temple nach der Technik von Sanford Meisner gemacht. Das war übrigens auch der Zeitpunkt, in dem ich das Lied des Musikvideos, «Done with Fake», geschrieben habe. Spätestens dort habe ich mich in die sichtbare, echte Emotion verliebt.

Filmpuls:

Wie erlebst du sichtbare, echte Emotionen?

Jaël:

Sie finden für mich oft in unerwarteten Momenten statt. Wenn eine Geste, ein Wort, ein Sonnenstrahl, mich überrascht und berührt. Das Leben, wenn es «einfach so passiert». Gerade mit einem kleinen Kind gibt es da täglich Momente der Schönheit. Für mich ist immer der Inhalt mindestens so wichtig, wie die Fassade. Ich erinnere mich, dass ich schon als Kind ältere Menschen, Gesichter, in denen ein Leben geschrieben steht – oder welche die nach Meinung unserer Gesellschaft Makel aufweisen – schöner fand, als blanke vermeintlich perfekte.

Filmpuls:

Das Musikvideo sieht auf den ersten Blick sehr easy aus. Nun gilt beim Film meist, dass alles, was einfach aussieht, schwierig zu realisieren ist …

Luki Frieden:

Die Schwierigkeit lag darin, dass über eine Länge von fünf Minuten das Timing perfekt stimmen muss. Technisch war‘s relativ einfach. Da hab ich schon wesentlich anspruchsvollere Produktionen hinter mich gebracht (u. a. drehen mit Tieren, Kindern, in den Bergen, auf dem Meer usw.).

Mein Schauspiellehrer hat immer gesagt «don’t worry about tears, it’s just water…»
Jaël

Jaël:

Nachdem wir zuerst unter uns und dann mit Rücksprache mit der Stylistin besprochen hatten, was der «Enthüllungsprozess» alles beinhalten könnte (Abschminken, Fake Lashes, Strähnchen in der Frisur, Ausziehen eines sehr auffälligen Kleides etc.) ging es in erster Linie darum, die Momente zu finden, wo es sinnig war, lipsync reinzubringen und wo eher ausschließlich Aktion angebracht war. Ich machte mir Gedanken dazu, probierte einiges aus und unterbreitete Luki dann Vorschläge. Unsere Ideen überschnitten sich recht stark und gemäß jenen übte ich. Als ich gestylt war, probten wir vor Ort einen Durchgang trocken, also mit Andeutung. Luki gab mir daraufhin einige Regieanweisungen.

Filmpuls:

Hand aufs Herz! Wie viel habt ihr digital getrickst?

Luki Frieden:

«Let‘s fix it in post» sagen wir ironischerweise öfter mal. Hier haben wir keine digitale Bearbeitung gemacht. Es brauchte nix. Und wenn, hätten wir das Budget nicht gehabt … da Jaël ein Profi ist, gelang dann tatsächlich auch der erste Take!

Jaël:

… in der Musik ist‘s “let’s fix it in the mix”. Klappt aber oft nicht wirklich … dass dann gleich der erste Durchlauf gelingen würde, das hat uns alle erstaunt.

Luki gab mir auf dem Set eine große Sicherheit, dass was wir hier tun, gut wird!
Jaël

Filmpuls:

Hattest du mit dem gewählten Konzept auf dem Set als Regisseur überhaupt etwas zu tun?

Luki Frieden:

Wenn man im Vorfeld gut plant, kann man am Set ruhig beobachten, wie sich die Dinge entwickeln. Ich mag entspannte Sets, korrigiere nur, wenn es nötig ist und damit das Endprodukt verbessert wird. Ich bin keiner, der ständig Anweisungen gibt. Ich seh manchmal sehr kleine Dinge, die ich als Input reingebe. Je mehr Vertrauen DarstellerInnen von mir spüren, umso freier und authentischer können sie agieren.

Filmpuls:

Julia Roberts war bekannt dafür, dass sie sich nur dann auf dem Set auszog, wenn die gesamte Filmcrew ihre Kleider abgelegt hatte. Was hast du beim Dreh getragen, Luki?

Luki Frieden:

Leider war ich – im Gegensatz zu Jaël – nicht sehr festlich gekleidet… Jeans und ein fein gestreiftes Hemd, das ich vor Jahren für acht Franken auf einem Flohmarkt gefunden hab. Ausgezogen hätt ich mich nur, wenn ich Geld dafür bekommen hätte. Mein Bäuchlein ist zwar OK, aber eitel sind wir ja alle mehr oder weniger…

Jaël:

Das mit Julia Roberts wusste ich nicht: Finde ich eine herrliche Idee und Vorstellung!

Filmpuls:

Jaël, du bist in deiner erfolgreichen Karriere schon für viele Musikvideos vor der Kamera gestanden: Wie wichtig ist ein Regisseur für dich?

Jaël:

Da ich quasi mein „Kleinunternehmen“ bin und dieses auch selber manage und mir somit niemand in meine Ideen reinredet, bin ich angewiesen und sehr dankbar um Fachmänner und -frauen, deren Urteil ich hoch wertschätze. Luki gab mir auf dem Set eine große Sicherheit, dass was wir hier tun, gut wird. Und auch gerade am Ende in der Entscheidung, mit welchem Take wir nun gehen, war mir wichtig, Lukis Urteil zu haben, und zu hören. Weil ich zum Teil an meinen Liedern zu nah dran bin. Und emotional so verknüpft, dass es schwerfällt, mir vorzustellen, wie etwas von Aussen wahrgenommen wird. Zudem hat Luki nicht ausschließlich die Arbeit des Regisseurs übernommen, da wir ein sehr kleines Team waren.

Filmpuls:

Wie um Himmels willen habt ihr den Gesangseinsatz, diese zweite Ebene, wo Jaël plötzlich im On zu singen beginnt, so präzise hingekriegt?

Luki Frieden:

Wir haben zusammen erarbeitet, wo welche Handlung, wo welcher On-Gesang möglich ist. Jaël hat dann «trocken» zu Hause geübt und dabei das perfekte Timing gefunden.

Es brauchte nix, keine digitale Bearbeitung.
Luki Frieden

Jaël:

Es ergab Sinn, mit dieser Zeile mit dem Lipsync zu beginnen, da ich in diesem Moment im Song das erste Mal ein Statement über mich selber mache.

Filmpuls:

Wie lange war der Drehtag im Studio?

Luki Frieden:

Ein großer Teil der Zeit wurde zum Schminken verwendet. Dann drehten wir diesen einen, sehr guten Take. Im Anschluss drehten wir noch das Gegenteil! Nämlich, wie Jaël sich selber schminkt, dabei die Schminke immer übertriebener im Gesicht verschmiert. Im Schnitt versuchte ich das in einem Split-Screen dem Abschminken gegenüberzusetzen. Ich merkte aber schnell, dass das Abschminken allein viel mehr Kraft hatte. – Total waren wir ca. 8 Stunden im Studio.

Jaël:

Es war definitiv der kürzeste und entspannteste Drehtag in den bisher 20 Jahren meiner Karriere. Dafür war die Vorbereitungszeit länger, da das Timing essenziell war.

Filmpuls:

Mögt ihr was zum Produktionsbudget sagen?

Luki Frieden:

Das war mit Kamera- und Studiomiete und Styling etwa 1500.-. Der Kameramann Timon Rupp und ich werden pauschal mit 150.- vergütet. Dieses Musikvideo ist ein Freundschaftsprojekt. Kein kommerzielles.

Jaël:

Das Musikbusiness ist ja bekanntlicher Weise nicht gerade am Aufblühen. Da ich selber finanziere und manage, sind fette Budgets wie zu früheren Zeiten, als mit meiner Band einen Plattenvertrag bei einem Major hatte, schlicht nicht mehr möglich. Somit war ich sehr dankbar, dass die drei Jungs so verliebt in das Projekt waren, dass sie bereit waren, zu diesen Konditionen zu arbeiten.

Filmpuls:

Wie groß war die Crew und mit welcher Kamera habt ihr gedreht?

Luki Frieden:

Die Crew bestand aus Kameramann Timon Rupp, Nina Tatavitto als Stylistin und ich. Also sehr familiär. Gedreht haben wir auf einer Sony F7 mit einer 50 mm Festbrennweite. Dazu viel ND-Filter, damit wir nur ganz wenig Tiefenschärfe haben. Geschnitten hab ich es bei mir auf Premiere Pro. Die Farbkorrektur machte Jürgen Kupka von «Unsere Farben», der großartige Arbeit leistete.

Filmpuls:

Was würdet ihr, wenn ihr denselben Clip nochmals drehen könntet, ändern?

Luki Frieden:

Hoffentlich würden wir nichts anders machen.

Jaël:

Bei mir war ganz zu Beginn ein kleiner Wermutstropfen, dass das Tränchen, das beim Üben oftmals bei meinem Gesangseinsatz auf «I don’t wanna hide anymore» floss, vor der Kamera nicht kam. Ich war am Ende aber froh, dass ich mit dem arbeiteten konnte, was dann eben in jenem Moment die echte Situation war. Im Nachhinein denke ich, vielleicht wäre es sogar «too much» und zu sehr Sinead O Connor in «Nothing compares to you» gewesen. Vielleicht ist, weil diese Tränen, also quasi der «Release der Emotion», nicht zu Beginn des Videos stattfindet, das der Grund, weswegen die Emotion bis zum Ende so erstickend da bleibt, was einen ja auch mit reinzieht … oftmals ist es ja beinahe intensiver, jemanden mit oder gegen ein Gefühl ringen zu sehen. Mein Schauspiellehrer hat immer gesagt «don’t worry about tears, it’s just water… when you’re emotionally full, that’s what will touch the audience». Ich gebe ihm recht.

Es war definitiv der kürzeste und entspannteste Drehtag in meinem 20 Jahren Karriere!
Jaël

Filmpuls:

Die meisten Videodrehs haben ihre kleinen Geheimnisse. Verratet ihr uns eines?

Jaël:

Es gab einen Moment, in dem ich meine Haare beinahe nicht entwirren konnte und innerlich in Stress kam, ob ich es hinkriegen würde, im Timing zu bleiben. Das hat dann ideal ins Ganze gepasst. Weil ich das nutzen konnte und das Video dort dadurch an Tempo und Intensität gewann. Man sieht meinen Frust, deutet ihn aber natürlich anders. Das Kleid hatte ich eigentlich abstreifen wollen, bevor ich wieder sang, aber als ich es dann versuchte abzustreifen, während dem Singen, fühlte es sich seltsam falsch oder unlogisch an, weswegen ich es dann wieder ließ und es letzten Endes über die andere Schulter zog. Das waren so innerliche Mini-Momente, in denen ich Entscheidungen traf, wie ich das jetzt machen will, ohne aus dem Konzept zu fallen oder unecht zu wirken.

Luki Frieden:

Bei 4:34 sang Jaël beim Dreh noch einen «Schlenker», den sie live immer singt, der aber nicht im veröffentlichten Song ist. Da hab ich dann kurz den O-Ton vom Set reingemischt im Schnitt …man hört dort, wie der Ton auf einmal kurz mehr «Raum» hat. Merkt man aber wohl kaum, wenn man es nicht weiß …

Filmpuls:

Gab es noch andere Herausforderungen?

Luki Frieden:

Mein Gin Tonic war schon nach 1 Stunde alle …

Jaël:

Ich trauerte lange dem Split Screen hinterher. Das waren sehr tolle Aufnahmen! Aber es hat leider wirklich zu viel Aufmerksamkeit auf sich gezogen und dem Video viel Intensität genommen. Wir hatten noch die Idee, den Split Screen quasi als Follow-Up im Nachhinein zu releasen, was wir dann aber letzten Endes auch ließen. Einfach, weil es so, wie es jetzt ist, zu stimmig ist.
Ein Luxusproblem …

Filmpuls:

Was wird euch in Erinnerung bleiben?

Luki Frieden:

Das wir diesen ersten Take gedreht haben, ihn dann gemeinsam anschauten und wir alle spürten, dass wir wohl keinen mehr hinkriegen würden, der an den herankommen wird!

Jaël:

Ja! Das war echt eine Überraschung …

Filmpuls:

Jaël und Luki Frieden: Ein ganz herzliches Dankeschön für das Interview und dafür, dass wir hinter die Kulissen eures Musikvideos schauen durften!

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