Im Kopf des Cutters oder wie man einen Spielfilm öffentlich schneidet

Effigie – Das Gift und die Stadt: wie man einen Spielfilm öffentlich schneidet
Filmschnitt live erleben: Sven Pape und Udo Flohr machen es möglich

Der Bildschnitt eines Filmes findet meist im Verborgenen statt. Für den werdenden Spielfilm «Effigie – Das Gift und die Stadt» von Udo Flohr, der aktuell von Editor Sven Pape in den USA geschnitten wird, gilt das Gegenteil: Hier öffnen Regisseur und Cutter ihre Schatztruhe! Sie lassen jedermann online beim Schnitt in Hollywood zusehen.

Für den erfolgreichen Editor Sven Pape ist die Offenlegung seines Erfahrungsschatzes aus dem Schneideraum ebenso ein Erfolgsgeheimnis wie ein Alleinstellungsmerkmal. Er teilt auf innovative Weise seine Geheimnisse mit einer ständig wachsenden Zahl von Fans. Alleine auf YouTube folgen dem in Burbank wohnhaften Cutter über 200´000 Personen.

Das jüngste Projekt von Sven Pape, «Effigie – Das Gift und die Stadt», ist der erste Spielfilm von Udo Flohr. Der Film erzählt die wahre Geschichte der Serienmörderin Gesche Gottfried, die Anfang des 19. Jahrhunderts in Bremen 15 Menschen ermordet, darunter ihre drei Kinder, ihre Eltern, ihren Zwillingsbruder, Ehemänner, Freunde und Nachbarn.

Interview mit Sven Pape und Udo Flohr

Filmpuls: Udo, du hast dich für den Schnitt deines ersten Spielfilms «Effigie – Das Gift und die Stadt» zusammen mit dem bekannten Editor Sven Pape für einen ungewöhnlichen Weg in der Postproduktion entschieden. Wie kam es dazu?

Udo Flohr, Regisseur
Regisseur Udo Flohr auf dem Film-Set

Udo Flohr: Sven hat ja schon früher Workshop-Episoden zu seinen Projekten veröffentlicht – insofern fand ich den Weg gar nicht so ungewöhnlich. Ich war davon schon länger fasziniert, gewann einen Eindruck, wie er tickt – und dachte irgendwann: wär doch cool, wenn der meinen Film schneidet. Dass das ebenfalls teils öffentlich abliefe, hatte ich eigentlich vorausgesetzt. Inzwischen könnte ich mir vorstellen, zum Beispiel mit einem Komponisten ähnlich zu arbeiten.

Sven, war es schwierig, dich für diese Art der Zusammenarbeit zu begeistern?

Sven Pape: Ganz im Gegenteil. Ich suchte tatsächlich gerade nach einem Nachfolgeprojekt. 2016 hatte ich den Spielfilm «Flesh and Blood» von Regisseur Mark Webber geschnitten und erstmals auf YouTube den Prozess veröffentlicht. Noch heute sind auf meinem Kanal alle 37 Videos zu sehen – vom Anlegen des Projekts in Final Cut Pro bis zur Premiere des Filmes.

Das nächste Projekt (der Dokumentarfilm «Alt-Right: Age of Rage») konnte ich aufgrund des brisanten Themas nur unter strenger Vertraulichkeit schneiden. Dann erhielt ich ein neues Angebot, bei dem ich wieder unter Ausschluss der Öffentlichkeit hätte arbeiten müssen – ein wichtiger Grund, es nicht anzunehmen.

Was versprecht ihr euch vom öffentlichen «Schulterblick» und Patreon im Editing für «Effigie – Das Gift und die Stadt»?

Sven Pape: Oh da gibt es so einiges. Zunächst ist es sehr schön Zuschauer zu finden, die sich für Einblicke in den Montage-Prozess interessieren. Es entsteht durchaus ein tiefer Dialog und ich habe mittlerweile viele Kontakte in der Industrie durch meinen Internet-Auftritt gewonnen. Udo und ich hätten uns nie kennengelernt, wenn ich das nicht schon einmal so gemacht hätte – und wer weiß, wo das nächste Projekt herkommt.

Udo Flohr: Als Regisseur freut man sich ja über jegliches Interesse an seinem „Baby“. Attraktiv ist auch, aus Kommentaren von Svens Patrons bereits in dieser frühen Phase ein gewisses Feedback des potenziellen Publikums zu «Effigie – Das Gift und die Stadt» zu erhalten. Im Übrigen sind derart intime Einblicke in den kreativen Prozess rar – ich habe auf YouTube viel gelernt und freue mich, wenn es Anderen nützt.

Video ThumbnailEffigie (2019) Trailer

Patreon ist hierzulande noch wenig bekannt. Wie funktioniert das und habt ihr damit Erfolg?

Editor Sven Pape
Sven Pape, Editor

Sven: Patreon ist eine Plattform, die Künstler und Publikum zusammenbringt, und zwar auch in finanzieller Form. Bereits zur Zeit Mozarts hatten Künstler Mäzene, die ihnen ermöglichten, sich auf ihr Schaffen zu konzentrieren. Heute ergeben sich dank Internet und Crowdfunding ähnliche Möglichkeiten. Amanda Palmer zum Beispiel ist eine bildende Künstlerin, die malt, Gedichte schreibt, Filme und Musik macht und sich zu 100 Prozent über ihre Fans finanziert. Jeden Monat überweist Patreon ihr mehr als 70,000 US-Dollar von ihren 14.000 Mini-Mäzenen.

Bei mir stellt sich das noch prosaischer dar: bisher habe ich 260 Patrons, die eine ganze Reihe von Dankeschöns genießen: Von Software-Plugins über Worksheets, Sneak Peeks, Bonus-Videos, Rohmaterial um eigene Versionen einer Szene zu erstellen, bis zum direkten Zugang zu mir und anderen Profis für Fragen und Diskussion.

Im Schneideraum lässt der Regisseur ja im sprichwörtlichen Sinne auch «seine Hosen fallen»: Hier wird schmerzhaft klar, ob die Inszenierung funktioniert und die Schauspielleistung trägt. Wie geht ihr damit um?

Udo: Na klar ist der Cutter eine Art Beichtvater, vor dem ich meine Sünden nicht verheimlichen kann – schließlich ist das eine Voraussetzung für seine Arbeit. Ich bin da aber ganz entspannt: Kreative Arbeit braucht Risiken! Ich erwarte ja zum Beispiel auch von meinen Schauspieler/innen, dass sie sich bloßstellen. Und natürlich hatte ich bei diesem Projekt erstklassige Cast und Crew im Rücken – also geht es hoffentlich glimpflich ab. Außerdem haben wir fast immer mit zwei und häufig mit drei Kameras gedreht. Das hilft nicht nur den Schauspielern bei ihrer Performance, sondern verringert auch Anschlussfehler.

Sven: Es besteht eine besondere Vertrauensbeziehung zwischen Regisseur und Editor.

Ein wichtiger Bestandteil meines Jobs ist, den Regisseur, die Schauspieler und das Drehbuch zu schützen.
Sven Pape, Editor

Man muss aber auch eventuelle Schwächen im Drehbuch oder in der Inszenierung realistisch einschätzen, um sie überhaupt adressieren zu können. Dem Publikum ist es häufig nicht bewusst, aber im Schnitt kann man sehr viel manipulieren. Und in der Anfangsphase bin ich oft die treibende Kraft und erzähle die Geschichte zunächst so, wie sie mir gefällt. Manchmal nehme ich dabei einige harte Entscheidungen vorweg. In der zweiten Phase geht es dann darum sicherzustellen, dass der Regisseur als ultimative Stimme des Filmes hervortritt und ich ihm genau das Endprodukt liefere, das er mit seinem Anspruch vereinbaren kann.

Glaubt ihr, dass man einen Film «auf Anschluss» drehen kann? Soll im Schneideraum maximale Freiheit den Takt angeben oder einfach das Drehbuch nachgebaut werden?

Udo: Es ist tatsächlich wichtig, zunächst das Drehbuch nachzubauen – hauptsächlich um zu erkennen, dass es so nicht funktioniert. Als Regisseur habe ich einen Film im Kopf, den ich erst mal umgesetzt sehen möchte – damit der Kopf frei wird und ich einen Schritt zurücktreten kann. Im Fall von «Effigie – Das Gift und die Stadt» hat diesen Rohschnitt unser Assistenz-Editor Andreas Farr erledigt, der bereits am Set damit begann.

Sven: Das war sehr gut so, weil Udo und ich uns gleich darüber Gedanken machen konnten, wie man ein paar Sachen umbauen sollte. Jetzt sind wir in der Phase wo wir experimentieren und durchaus im Schnitt die Geschichte noch einmal neu entdecken.

Udo: Generell bin ich überzeugt, dass Sven seine Arbeit nur gut machen kann, wenn ich ihm zunächst eher allgemeine “Leitplanken” gebe. Wir haben erst mal nur besprochen, was mir psychologisch und strukturell wichtig ist.

Effigie - Das Gift und die Stadt
Effigie – Das Gift und die Stadt, © Filmposter: Produzenten / IMDB

Der grandiose John Malkovich sagt, die Kunst brauche das Handwerk mehr, als das Handwerk die Kunst. Wie verhält sich das beim Editing?

Sven: Oft kommt Kunst erst dadurch zustande, dass man sich hinsetzt und einfach was macht. Mittlerweile weiß ich, dass mir die besten Ideen kommen, wenn ich quasi planlos Einstellungen zusammenschneide. Das funktioniert sehr intuitiv, ging aber anfangs manchmal holprig und mit viel Grübeln einher. Das Handwerk war noch nicht richtig entwickelt, die Erfahrung fehlte und vor allem auch das Selbstvertrauen, dass im Schnitt so ziemlich alles möglich ist. Also, ich stimme zu, die Kunst braucht das Handwerk, aber es ist die Kunst, die zählt.

Udo: Man muss das Handwerk beherrschen, bevor Kunst möglich ist – aber Handwerk ist eben nicht die einzige Zutat.

Filmpuls: Udo und Sven, wir danken euch ganz herzlich für dieses interessante Interview und wir freuen uns darauf, bald wieder über die Fortschritte von «Effigie – Das Gift und die Stadt» zu berichten.

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Darsteller: Suzan Anbeh (als Gesche Gottfried), Elisa Thiemann (Cato Böhmer) in ihrer ersten Hauptrolle, Christoph Gottschalch (Senator Droste), Roland Jankowsky (als Kapitän Ehlers, Janowsky ist bekannt als „Kommissar Oberbeck“ aus der ZDF-Serie Wilsberg), Uwe Bohm (Kommissar Tonjes), Marc Ottiker (Dr. Hoffschläger), Marita Marschall (Magd Dorothée), Tom Keidel (Kanzlist Müller), Eugen-Daniel Krössner (Dr. Luce), Christian Intorp, und viele andere.

«Effigie – Das Gift und die Stadt» wurde im Herbst 2018 in Mecklenburg-Vorpommern und Bremen gedreht und soll 2019 in die Kinos kommen. Kamera: Thomas Kist, N.S.C. Drehbuch: Peer Meter (nach seinem eigenen Theaterstück), Udo Flohr, Antonia Roeller. Szenenbild Christina v. Ahlefeldt-Laurvig und Knut Splett-Henning. Regieassistent Max Gleschinski gewann Ende Oktober auf den Hofer Filmtagen mit seinem eigenen Debüt-Film Kahlschlag den Förderpreis Neues Deutsches Kino.

Weiterführende Informationen


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Wer ist Pavel Sokolov? 15 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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