«Effigie – Das Gift und die Stadt» (2019) von Udo Flohr | Filmkritik

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Filmkritik: Effigie Das Gift und die Stadt (2019) von Udo Flohr | © Foto: GeekFrog Media

Da kommt einer, der noch nie einen Film gemacht hat. Und beschließt, den größten deutschen Kriminalfall einer Giftmörderin aus dem 19. Jahrhundert zu verfilmen. Udo Flohr ist der Name. «Effigie – Das Gift und die Stadt» der Spielfilm. Filmpuls durfte das kühne Werk diese Tage visionieren.

«Effigie – Das Gift und die Stadt»

Liebe zeigt sich in vielen Formen. Das ist auch beim Filmhandwerk so. Vom Auftakt zu «Effigie – Das Gift und die Stadt» kann sich so mancher Hollywood-Film einen Streifen abschneiden:

Das gilt für die Regie. Und – ungewohnt – die Tonspur. Hoppla!, denkt man sich da. Da hat einer verstanden, wie ein Spielfilm beginnen muss.

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Das Wort Effigie kommt aus dem Latein. Es bedeutet Bildnis. Interessant daran: bis über das Jahr 1850 hinaus wurde der Begriff auch benutzt, wenn ein verurteilter Gewalttäter wegen Abwesenheit nicht selbst hingerichtet werden konnte – diesfalls wurde ein Bild des Missetäters gehängt, verbrannt, gehängt oder gevierteilt. Das nannte sich eine Hinrichtung „in Effigie“.

Sehr angetan sein darf man durchs Band auch von den Leistungen der Schauspieler. Allen voran Elisa Thiemann. Aber auch Suzan Anbeh als Gesche Gottfried, Christoph Gottschalch und der restliche Cast überzeugen.

Gleiches gilt für die Kameraarbeit von Thomas Kist. Diese kann sich in «Effigie – Das Gift und die Stadt» im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen.

Aber auch das Sound Design und die Ton-Mischung haben es in sich. Endlich mal wieder ein Tonfilm!

Da wir durchgehend mit zwei, häufig drei Kameras gedreht haben, bedeutete der Ton eine ständige Herausforderung. Umso wichtiger war die Arbeit von Sound Designer Moritz Busch und die Musik von Nic Raine und den Prager Philharmonikern.
Udo Flohr

Hinzu kommt ein Soundtrack, dessen Komponisten Nic Raine man als Freund guter Filme zu umarmen wünscht!

Mehr Mäusebutter, bitte!

Schwieriger verhält es sich mit dem Drehbuch. Zwar macht der Off-Kommentar die Erzählperspektive als Klammer fast schon überdeutlich. Ob er nachträglich beigefügt wurde oder schon in der Ursprungsversion des Filmscripts angelegt war, bleibt das Geheimnis der Filmemacher.

Doch trotz dieser Leitplanke scheint der Spielfilm zwischendurch seine Spur zu verlieren. Fast so, als würde die Eisenbahn, von der im Film immer wieder die Rede ist, quer über ihr eigenes Trasse fahren, bevor sie zurück in ihre sichere Spur findet.

Es hätte der Dramaturgie von «Effigie – Das Gift und die Stadt» wohlgetan, noch stärker auf die Motive der Beteiligten zu setzen. Denn am Ende muss jeder Kinofilm maximale Identifikationsflächen schaffen und Brücken zur Lebensrealität des Zuschauers gewährleisten. Erfolgreiche Kinofilme nutzen Kopf und Herz des Zuschauers immer auch als Echokammer.

Gelingen tut dies dem Film leider kaum. Die berühmte Frage, „was wäre, wenn…“ dreht sich im Kopf des Zuschauers zu behutsam. Zeigen tut sich das vor allem in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes. Hier hätte man sich, um es mit den Figuren im Film zu sagen, schlichtweg mehr Mäusebutter gewünscht.

Als Mäusebutter wurde früher mit Arsen versetztes Fett bezeichnet. Damit wurden unliebsame Nager ins Jenseits befördert. Auch Gesche Gottfried arbeitet mit Arsen und Butterschmalz. Dabei setzt sie unterschiedliche Dosierungen ein, teilweise auch, um ihre vergifteten Opfer wieder liebevoll und selbstaufopfernd gesundzupflegen. Dies hatte ihr über Jahre in der Stadt den respektvollen Übernahmen „Engel von Bremen“ eingetragen.

Mutiges Spiel mit Erwartungen

Eine kühne Entscheidung in Bezug zur Erwartungshaltung des Zuschauers ist der Zeitraum, über den sich die Erzählung in «Effigie – Das Gift und die Stadt» von Udo Flohr erstreckt.

Wer sein Publikum mit dem spektakulärsten und größten Kriminalfall der Stadt Bremen lockt, gibt ein Versprechen ab!

Eingelöst wird dieses beschränkt: Gesche Gottfried wird im Lauf der Handlung von «Effigie – Das Gift und die Stadt» zwar enttarnt und überführt. Auch wird sie uns als Frau und als Kind ihrer Zeit ans Herz gelegt. Dann aber geht sie im Film trotz aller Anstrengungen des Regisseurs und der kunstvollen Montage von Sven Pape verloren.

Natürlich ist es furchtbar zu behaupten, dass der Zuschauer in diesem Genre in erster Linie auf eine Hinrichtung wartet. Und trotzdem ist es so. Darüber hilft auch ein letzter, behaupteter Schock-Effekt ganz am Filmende nicht hinweg.

Die Berufung auf die originalen Unterlagen aus der Gerichtsverhandlung sind eine Erklärung. Aber nicht automatisch eine Geschichte für die große Leinwand. Die Regie von Udo Flohr kann an dieser Vorgabe des Drehbuchs naheliegenderweise nichts ändern. Aber, und das ist erstaunlich, sie scheitert auch nicht an diesem Umstand. Sondern sie findet immer wieder zu großartigen Momenten zurück.

Die wahre Schwierigkeit aber dieses Erstlingswerks besteht im Umstand, dass die Geschichte aus der Vermarktungsperspektive nur eine bedingte Dringlichkeit besitzt. Denn ein Spielfilm ist immer Dreierlei: Unterhaltung, im besten Fall ebenso Kunstwerk, aber immer auch ein Wirtschaftsgut, das danach streben muss, seine Herstellungskosten wieder einzuspielen. Warum jetzt und heute ins Kino und ein Ticket für «Effigie – Das Gift und die Stadt» kaufen? Die Antwort fällt schwer. Aus Sicht des unwissenden Zuschauers hätte diese Story schon vor fünf Jahren genauso erzählt werden können.

Fazit zu «Effigie – Das Gift und die Stadt» (2019) von Udo Flohr

Die kollidierenden Lebensentwürfe von der Juristin Cato Böhme (verkörpert im Film von Elisa Thiemann) und der Massenmörderin Gesche Gottfried (Suzan Anbeh), verbunden mit der Frage der Rollenverteilung der Geschlechter, tragen trotz der Textur einer wahren Geschichte zu wenig stark, um die Massen ins Kino oder den Fernseher zu locken.

Die Absicht immerhin ehrt die Autoren, zumal schon Fassbinder in der Bearbeitung desselben Stoffes 1972 nur angestrengt auf diesem Grat balanciert hat (Bremer Freiheit – Ein bürgerliches Trauerspiel).

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Effigie – Das Gift und die Stadt | © Filmposter: GeekFrog Media

Das psychologische Porträt der in die Geschichtsbücher von Bremen eingegangenen Massenmörderin Gesche Gottfried wünscht man sich greifbarer. Die im Film nur gestreifte und für die Verurteilung von Gesche Gottfried existenzielle Frage, ob diese für ihre Taten als psychisch kranke Giftmörderin überhaupt verantwortlich gemacht werden kann, ist in der konkreten Umsetzung ein zu schwacher Magnet für ein Publikum, welches in den Zeiten von Netflix zwar offen für Experimente ist – aber dabei an der Hand geführt werden will.

All das dürfte die Vermarktung dieses Erstlings im Arthouse-Segment zu einer ernst zu nehmenden, wenn nicht sogar großen Herausforderung machen. Diesbezüglich hätte der Produzent seine Hausaufgaben besser machen müssen. Denn so reduziert sich das Potenzial von «Effigie – Das Gift und die Stadt» auf die Leser von Feuilletons und auf Gymnasial-Klassen.

Daraufhin deutet auch der Titel des Films. Er hätte ja nicht gerade „Die Mäusebutter-Mörderin“ lauten müssen. Trotzdem besteht die Idee eines Filmtitels darin, als eine Art Etikett dem Zuschauer ein Stücklein Wort gewordene Schokolade zu überreichen. Das doppelsinnige „Effigie“ zu verwenden ist eine ebenso kluge wie nette Idee. Funktionieren tut sie nicht.

Trotz all dieser Kritik bleibt dieser Film eines jener Erstlingswerke, dem man es wünscht, sein Publikum zu finden um damit zumindest seine Herstellungskosten wieder einzuspielen.

Nach dem Dreh ist vor dem Dreh

Liebe Förderstellen! Liebe Co-Produzenten! Unterstützt bitte Udo Flohr, damit wir seinen nächsten Film sehen! Der Mann hat Talent. Er hat die Wichtigkeit des Bildes wie des Tons verstanden und noch mehr die Kraft und Kunst der Schauspieler.

Auch ohne ihn zu kennen, darf man sich aufgrund seines ersten Films sicher sein: Dieser Regisseur ist ein scharfer Beobachter, auch seiner selbst – und damit ein schneller Lerner. Und Durchhaltewillen, den hat er auch. Denn sonst gäb es «Effigie – Das Gift und die Stadt» und diese Filmbesprechung hier nicht.

Credits

Filmpuls vergibt bei Filmbesprechungen Punkte von 1 bis 10 als Bewertung. Darauf verzichten wir bei Erstlingswerken.

Effigie – Das Gift und die Stadt
Darsteller
Gesche GottfriedSuzan Anbeh
Cato BöhmerElisa Thiemann
Senator DrosteChristoph Gottschalch
Kapitän Ehlers Roland Jankowsky
Dr. HoffschlägerMarc Ottiker
Rechtsanwalt VogetTim Ehlert
Dr. Luce Eugen Krössner
u.v.a.
Filmcrew
RegieUdo Flohr
DrehbuchPeer Meter, Udo Flohr, Antonia Roeller
KameraThomas Kist
MusikNic Raine
TonTsvetelina Valkova
SchnittSven Pape
ProducerPatricia Ryan, Udo Flohr, Sven Patrick Jacobshagen, Henning Ahlers
HerkunftslandDeutschland
Premiere2019
Filmlänge79 Minuten
Originalsprache englisch / deutsch

Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls online magazin logo

Wer ist Zachery Z.? 13 Artikel
Zachery Zelluloid (63) ist in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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