»Effigie – Das Gift und die Stadt« (2019), Spielfilm von Udo Flohr | Filmkritik

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Effigie - Das Gift und die Stadt | © Filmfest Bremen

Da kommt einer, der noch nie einen Film gemacht hat. Und beschließt, den größten deutschen Kriminalfall einer Giftmörderin aus dem 19. Jahrhundert zu verfilmen. Udo Flohr ist der Name. »Effigie – Das Gift und die Stadt« der Spielfilm. Filmpuls durfte das kühne Werk diese Tage visionieren.

»Effigie – Das Gift und die Stadt«

Liebe zeigt sich in vielen Formen. Das ist auch beim Filmhandwerk so. Vom Auftakt zu »Effigie – Das Gift und die Stadt« kann sich so mancher Hollywood-Film einen Streifen abschneiden: Das gilt für die Regie. Und – ungewohnt – die Tonspur. Hoppla, denkt man sich da. Da hat einer verstanden, wie ein Spielfilm beginnen muss.

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© Foto: Bao
Auf Oscar-Kurs

Über 20 internationale Auszeichnungen

26. Februar 2021. Der Historienkrimi Effigie – Das Gift und die Stadt steht als einziger deutschsprachiger Kandidat auf der  Liste von 366 Filmen, die es in die Vorauswahl für die Top-Auszeichnung »Bester Film« der 93. Academy Awards geschafft haben.

Die New York Times nannte die Leistung der Hauptdarstellerinnen Suzan Anbeh und Elisa Thiemann »faszinierend« und »hervorragend«. In weiteren Rollen sind Christoph Gottschalch, Uwe Bohm sowie Roland Jankowsky zu sehen, den deutsche Fernsehzuschauer als »Kommissar Oberbeck« aus den »Wilsberg«-Krimis des ZDF kennen. Das Drehbuch verfasste der Bremer Schriftsteller – und Gesche-Gottfried-Experte – Peer Meter zusammen mit Antonia Roeller und dem Regisseur.

»Als unbekannter Regisseur mit einer Low-Budget-Produktion an den Oscars teilzunehmen, das ist ein bisschen wie mit einem Segelflugzeug auf dem New Yorker Flughafen JFK zu landen«, sagt Udo Flohr. »Typischerweise gewinnen Filme, die mit millionenschweren Kampagnen beworben werden. Aber noch ist alles offen.«

EFFIGIE feierte im September 2019 auf dem Filmfest Bremen Premiere, gewann über 20 internationale Auszeichnungen und läuft seit Oktober 2020 in einigen US-Kinos – soweit geöffnet. Der deutsche Kinostart ist geplant, sobald die Lockdown-Beschränkungen dies ermöglichen.

Sehr angetan sein darf man durchs Band auch von den Leistungen der Schauspieler. Allen voran Elisa Thiemann. Aber auch Suzan Anbeh als Gesche Gottfried, Christoph Gottschalch und der restliche Cast überzeugen.

Gleiches gilt für die Kameraarbeit von Thomas Kist. Diese kann sich in »Effigie – Das Gift und die Stadt« im wahrsten Sinne des Wortes sehen lassen.

Aber auch das Sounddesign und die Ton-Mischung haben es in sich. Endlich mal wieder ein Tonfilm!

Hinzu kommt ein Soundtrack, dessen Komponisten Nic Raine man als Freund guter Filme zu umarmen wünscht!

Mehr Mäusebutter, bitte!

Schwieriger verhält es sich mit dem Drehbuch. Zwar macht der Off-Kommentar die Erzählperspektive als Klammer fast schon überdeutlich. Ob er nachträglich beigefügt wurde oder schon in der Ursprungsversion des Filmscripts angelegt war, bleibt das Geheimnis der Filmemacher.

Doch trotz dieser Leitplanke scheint der Spielfilm zwischendurch seine Spur zu verlieren. Fast so, als würde die Eisenbahn, von der im Film immer wieder die Rede ist, quer über ihr eigenes Trasse fahren, bevor sie zurück in ihre sichere Spur findet.

Es hätte der Dramaturgie von »Effigie – Das Gift und die Stadt« wohlgetan, noch stärker auf die Motive der Beteiligten zu setzen. Denn am Ende muss jeder Kinofilm maximale Identifikationsflächen schaffen und Brücken zur Lebensrealität des Zuschauers gewährleisten. Erfolgreiche Kinofilme nutzen Kopf und Herz des Zuschauers immer auch als Echokammer.

Gelingen tut dies dem Film leider kaum. Die berühmte Frage, „was wäre, wenn …“ dreht sich im Kopf des Zuschauers zu behutsam. Zeigen tut sich das hauptsächlich in der zweiten Hälfte des zweiten Aktes. Hier hätte man sich, um es mit den Figuren im Film zu sagen, schlichtweg mehr Mäusebutter gewünscht.

Als Mäusebutter wurde früher mit Arsen versetztes Fett bezeichnet. Damit wurden unliebsame Nager ins Jenseits befördert. Auch Gesche Gottfried arbeitet mit Arsen und Butterschmalz. Dabei setzt sie unterschiedliche Dosierungen ein, teilweise auch, um ihre vergifteten Opfer wieder liebevoll und sich selbst aufopfernd gesundzupflegen. Dies hatte ihr über Jahre in der Stadt den respektvollen Übernahmen „Engel von Bremen“ eingetragen.

Das Wort Effigie kommt aus dem Latein. Es bedeutet Bildnis. Interessant daran: bis über das Jahr 1850 hinaus wurde der Begriff auch benutzt, wenn ein verurteilter Gewalttäter wegen Abwesenheit nicht selbst hingerichtet werden konnte – diesfalls wurde ein Bild des Missetäters gehängt, verbrannt, gehängt oder gevierteilt. Das nannte sich eine Hinrichtung „in Effigie“.

Mutiges Spiel mit Erwartungen

Eine kühne Entscheidung in Bezug zur Erwartung des Zuschauers ist der Zeitraum, über den sich die Erzählung in »Effigie – Das Gift und die Stadt« von Udo Flohr erstreckt.

Wer sein Publikum mit dem spektakulärsten und größten Kriminalfall der Stadt Bremen lockt, gibt ein Versprechen ab!

Eingelöst wird dieses Versprechen beschränkt: Gesche Gottfried wird im Lauf der Handlung von »Effigie – Das Gift und die Stadt« zwar enttarnt und überführt. Auch wird sie uns als Frau und als Kind ihrer Zeit ans Herz gelegt. Dann aber geht sie im Film trotz aller Anstrengungen des Regisseurs und der kunstvollen Montage von Sven Pape verloren.

Natürlich ist es furchtbar zu behaupten, dass der Zuschauer in diesem Genre in erster Linie auf eine Hinrichtung wartet. Und trotzdem ist es so. Darüber hilft auch ein letzter, behaupteter Schockeffekt ganz am Filmende nicht hinweg.

Die Berufung auf die originalen Unterlagen aus der Gerichtsverhandlung ist eine Erklärung. Aber nicht automatisch eine Geschichte für die große Leinwand. Die Regie von Flohr kann an dieser Vorgabe des Drehbuchs naheliegenderweise nichts ändern. Aber, und das ist erstaunlich, sie scheitert auch nicht an diesem Umstand. Sondern sie findet immer wieder zu großartigen Momenten zurück.

Für mich ist die Arbeit mit den Schauspieler/innen das Schönste am Filmemachen. Und ich habe das Glück, dass mein Cast diese Liebe erwidert!
Udo Flohr

Die wahre Schwierigkeit aber dieses Erstlingswerk besteht im Umstand, dass die Geschichte aus der Vermarktungsperspektive nur eine bedingte Dringlichkeit besitzt. Denn ein Spielfilm ist immer Dreierlei: Unterhaltung, im besten Fall ebenso Kunstwerk, aber immer auch ein Wirtschaftsgut, das danach streben muss, seine Herstellungskosten wieder einzuspielen. Warum jetzt und heute ins Kino und ein Ticket für »Effigie – Das Gift und die Stadt« kaufen? Die Antwort fällt schwer. Aus Sicht des unwissenden Zuschauers hätte diese Geschichte schon vor fünf Jahren genauso erzählt werden können.

Fazit zu »Effigie – Das Gift und die Stadt« (2019) von Udo Flohr

Die kollidierenden Lebensentwürfe von der Juristin Cato Böhme und der Massenmörderin Gesche Gottfried tragen trotz der Textur einer wahren Geschichte zu wenig stark, um die Massen ins Kino oder den Fernseher zu locken.

Die Absicht immerhin ehrt die Autoren, zumal schon Fassbinder in der Bearbeitung desselben Stoffes 1972 nur angestrengt auf diesem Grat balanciert hat (Bremer Freiheit – Ein bürgerliches Trauerspiel).

Das psychologische Porträt der in die Geschichtsbücher von Bremen eingegangenen Massenmörderin Gesche Gottfried wünscht man sich greifbarer. Die im Film nur gestreifte und für die Verurteilung existenzielle Frage, ob diese für ihre Taten als psychisch kranke Giftmörderin überhaupt verantwortlich gemacht werden kann, ist in der konkreten Umsetzung ein zu schwacher Magnet für ein Publikum. Dieses mag in den Zeiten von Netflix zwar offen für Experimente sein – will dabei an der Hand geführt werden.

All das dürfte die Vermarktung dieses Erstlings im Arthaus-Segment zu einer ernst zu nehmenden, wenn nicht sogar großen Herausforderung machen. Diesbezüglich hätte der Produzent seine Hausaufgaben besser machen müssen. Denn so reduziert sich das Potenzial von »Effigie – Das Gift und die Stadt« auf die Leser von Feuilletons und auf Gymnasial-Klassen.

Daraufhin deutet auch der Titel des Films. Er hätte nicht gerade „Die Mäusebutter-Mörderin“ lauten müssen. Trotzdem besteht die Idee eines Filmtitels darin, als eine Art Etikett dem Zuschauer ein Stücklein Wort gewordene Schokolade zu überreichen. Das doppelsinnige „Effigie“ zu verwenden ist eine ebenso kluge wie nette Idee. Sie funktioniert nicht.

Trotz all dieser Kritik bleibt dieser Film ein Erstlingswerk, dem man es wünscht, sein Publikum zu finden, um damit zumindest seine Herstellungskosten wieder einzuspielen.

Filmpuls vergibt bei Filmbesprechungen Punkte von 1 bis 10 als Bewertung. Darauf verzichten wir bei ersten Filmen eines Regisseurs.

Zachery Z. 50 Artikel
Zachery Zelluloid war in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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