Braucht es bei modernen Videokameras überhaupt noch einen Weißabgleich? | Frage Doktor Film

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Frage Doktor Film | © Grafik: Filmpuls

Der Weißabgleich ist eine Einstellung an Digitalkameras und Camcordern, mit der der allgemeine Farbton eines Bildes angepasst wird. Aber was bedeutet das für moderne Videokameras? Muss sich heute als Filmemacher noch um diesen Abgleich kümmern, oder geschieht das vollautomatisch? Hier ist die Antwort von Doktor Film.

Leserfrage an Doktor Film

Das menschliche Auge hat einen eingebauten Weißabgleich. Es stellt sich automatisch auf verschiedene Lichtfarben ein, weil es Nervenzellen besitzt, die mit verschiedene Lichtfarben umgehen können. Diese Zapfen helfen dem Auge, die ganze Bandbreite von Farben zu sehen, von Blau bis Rot. Das Gehirn hilft, diese Farben zu verarbeiten und nimmt unbewusst Anpassungen an die Lichtverhältnisse vor. Wenn du einen Raum betrittst, der von Neonlicht erhellt wird, stellen sich deine Augen automatisch so ein, dass alles normal aussieht.

Wie gehen moderne Kameras heute mit unterschiedlichen Farbtemperaturen um, will Leser Sascha R. von Doktor Film wissen?

Von: Sascha R.
An: Filmpuls Magazin
Betrifft: braucht es noch einen Weißabgleich?

Meine Frage an Doktor Film: Ich plane, mir eine neue Kamera mit 6K zuzulegen. Ist der Weißabgleich bei Videokameras moderner Bauart und Automatik überhaupt noch ein Thema? Muss ich mich noch immer um den Weißabgleich kümmern oder tun moderne Kameras dies automatisch, womit man dann schneller ist?

Freundliche Grüße – Sascha R.
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Diese E-Mail stammt vom Kontaktformular von filmpuls.info

Dr. Film sagt zum Weißabgleich

99 % aller modernen Digitalkameras haben einen automatischen Weißabgleich (AWB), der in den meisten Drehsituationen gute Ergebnisse liefert. Ob du in 4K oder 6K drehst, ändert am grundsätzlichen Umgang deiner Kamera mit unterschiedlichen Farbtemperaturen nichts. Qualitativ verschieden sein können bei einem Kameramodell neuester Bauart allerdings der elektronische Chip, auf den das Licht fällt, die Qualität der Objektive und die Aktualität der Software. Sie alle können ebenfalls einen Einfluss auf die Darstellung von Farben haben.

Der automatische Weißabgleich (AWB) jeder digitalen Kamera ist eine Funktion, die die Farben anpasst, um die Lichtverhältnisse zu kompensieren. Der AWB-Modus kann bei jedem halbwegs vernünftigen Kameramodell ein- und ausgeschaltet werden. Ist er aktiviert, analysiert die Kamera die Kelvin-Werte einer Szene und nimmt dann vollautomatisch Anpassungen an der Farbbalance vor. Dabei ist die Software der Kamera darauf programmiert, Farbstiche zu entfernen, damit das Bild möglichst natürlich aussieht. Einige Kamerahersteller ermöglichen es den Nutzern auch, die AWB-Einstellungen nach ihren Wünschen anzupassen.

Profi-Tipp

Die AWB-Algorithmen für die automatische Anpassung werden ständig aktualisiert und verbessert, da alle paar Monate die Technologien dahinter weiterentwickelt werden. Für dich ist es darum wichtig zu prüfen, ob du die Firmware / Software der Kamera selbst oder durch den Fachhändler deines Vertrauens regelmäßig aktualisieren lassen kannst.

Trotz modernster Technologie kann auch heute noch vorkommen, dass du in komplexen Lichtsituationen oder bei Kamerafahrten von einer Lichtsituation in die andere den Weißabgleich bei einem Dreh manuell oder halb automatisch einstellen und an die Farbtemperatur anpassen musst. Aber keine Bange: Vergisst du das im Eifer der Dreharbeiten, ist das keine Katastrophe.

Beim Bildschnitt kannst du die Farben auch nachträglich bei der Color Correction korrigieren. Das kostet dich Zeit und du benötigst etwas Übung dazu, trotzdem ist es immer gut, einen Plan-B zu haben, wenn du beim Farbabgleich auf dem Set vertan hast.

Weißabgleich Frage Doktor Film

Wenn du zum Beispiel in Innenräumen unter Neonlicht fotografierst, aber auch Tageslicht durchs Fenster in den Raum fällt, kann es sein, dass der Algorithmus deiner AWB-Einstellung deiner neuen Kamera das Bild zu grün erscheinen lässt. In diesem Fall musst du eine andere Weißabgleichseinstellung wählen, z. B. „Neonlicht“, um die Farbe des Lichts auszugleichen. Sofern du anschließend im Freien in direktem Sonnenlicht drehst, kann es sein, dass die AWB-Einstellung deiner Kamera das Bild zu blau erscheinen lässt. In diesem Fall wählst du zum Weißabgleichs das Setting „Sonnig“, um die Farbe des Lichts auszugleichen.

Wie funktioniert der halbautomatische oder manuelle Weißabgleich?

Der halbautomatische Weißabgleich einer Kamera funktioniert so, dass der/die Benutzer/in einen bestimmten Bereich des Bildes auswählt, der neutral grau sein soll. Sobald dieser Bereich ausgewählt wurde, passt die Kamera den Abgleich auf die Farbe Weiß automatisch an, um sicherzustellen, dass auch der Rest des Bildes korrekt ausgeglichen ist.

Alternativ gibt bei vielen Kameras in der mittleren Preisklasse auch vorprogrammierte Voreinstellungen wie „Sonne“, „Neonlicht“, „Schnee“ etc. Der halbautomatische Weißabgleich kann unter Stress ein hilfreiches Werkzeug sein, um bessere Farbwerte in einem Bild sofort sicherzustellen.

Mit dem manueller Weißabgleich bestimmst du selbst, welche Quelle als Grundlage für die Farbe „Weiß“ gilt. Damit kannst du in jeder Umgebung ein naturgetreues Bild erzeugen. Zu diesem Zweck wird in der Regel ein Weißabgleichsblatt (notfalls reicht dazu auch ein weißes Blatt im Format A4) oder eine Graukarte verwendet, da es einen neutralen Bezugspunkt bietet, mit dem die Farben in der Szene verglichen werden können.

Farben bewusst verändern / manipulieren?

Früher wurde der Weißabgleich auch dazu eingesetzt, ganz bewusst die Farbgebung eines Filmbildes zu manipulieren: manuell fehlerhaft eingestellte Weißwerte können zwar noch immer vor zur Filmgestaltung eingesetzt werden. Im Zeitalter der digitalen Farbkorrektur im Videoschnitt ist das aber nur mehr eine Spielerei, wenn nicht sogar Unfug.

Fazit

Vertraue der Technik, aber noch mehr deinem eigenen Urteilsvermögen – und suche dir einen Händler, bei dem du die Kameras, die mögliche Kandidaten für einen Kauf sind, inklusive der Funktionen für den automatischen Weißabgleich testen kannst.

Am einfachsten funktioniert das, indem du mit der laufenden Kamera aus einem Innenraum nach draußen läufst – als von Kunstlicht zu Tageslicht wechselst. Denke daran, dir auch die halb automatischen und manuellen Funktionen zum Abgleich der Weiß- und Farbwerte anzusehen.

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