Wachstum von Videoproduktionsfirmen startet außerhalb der Komfortzone

Wachstum Videofirma Strategie
Illustration: Katerina Limpitsouni

Weniger ist mehr, schreibt Carlo P. Olsson, und staunt darüber, wie viele Videoproduktionen ihren Kunden Marketing Know-how versprechen, aber keine Ahnung von strategischer Positionierung haben, wenn es um die eigenen Geschäfte geht.

Geld zu verdienen mit Bewegtbild ist ein hartes Brot. Das wissen alle Videoproduktionsfirmen. Aus der Helikopterperspektive betrachtet müsste der Verdrängungskampf im Videogeschäft darum theoretisch dazu führen, dass sich die jeweiligen Anbieter darum überaus sorgfältig mit dem Potenzial der von ihnen angebotenen Produktgruppen und Zielgruppen auseinandersetzen.

Die Realität lässt nur zwei Rückschlüsse zu: mehrheitlich sind Filmproduktionen dazu nicht willens. Oder ihr Tunnelblick verhindert den Blick über den eigenen Tellerrand hinaus.

Das ist dumm und tragisch.

Allein im deutschsprachigen Raum machen sich mehr als 3400 Produktionsfirmen gegenseitig das Leben schwer. Schon bei einem Besuch von ein paar Dutzend Webseiten springt einem das Problem geradezu schmerzhaft ins Auge:

Jede Produktion wird mit derselben Palette an Produkten. Das Angebot umfasst jeweils Videos für alle denkbaren Genre und Zwecke. Ob Produktvideo, Imagefilm, Webvideo, Erklärvideo, Grafik-Animationen, Eventvideo, Werbefilm oder Mitarbeiter-Video und Livestreaming, wann immer sich ein Bild bewegt, ist man für alle Kunden der perfekte Ansprechpartner.

Die Botschaft, welche damit einhergeht, ist nicht nur die Bewerbung der eigenen Videoproduktionsfirma als Experte für Bewegtbild. Sondern – massiv schlimmer! – die Behauptung, alles zu können und für jedes Videoproblem als Experte die Lösung zu kennen. Glaubhaft ist das keine Sekunde und so wenig, wie die endlose Zahl von Google Ads, die Videofilme als Heilsversprechen anpreisen.

Videoproduzenten wissen es selbst am besten: Eine 3D-Animation unterscheidet sich von einem Markenvideo ähnlich stark wie Käse von Wurstwaren. Auch, wenn man sich beide Lebensmittel einverleiben kann.

Die Überlegung hinter dem real existierenden, breiten Angebot von Videoarten ist nichts anderes als die logische Konsequenz des mit harten Bandagen geführten Verteilkampfes um Videoaufträge. Je mehr Arten von Videos man anbietet, desto eher fällt auch für die eigene Videofirma ab und zu ein Produktionsauftrag ab. Trotzdem ist diese scheinbar logische Schlussfolgerung nur eines: ein geistiger Kurzschluss, der auf den Misthaufen der Schmalspurfilmer gehört!

In der heutigen Marktsituation machen längst nicht mehr diejenigen die großen Geschäfte, die Videos für alle und für jede Zielsetzung feilbieten.

Wer tut, was alle tun, unterscheidet sich von seinem Mitbewerber nicht stärker als ein Ei vom anderen. Eine saubere Positionierung der eigenen Kompetenzen lässt sich so ebenso wenig realisieren wie glaubhafte Argumente, warum man etwas besser kann, als die Konkurrenz.

Wer mit seiner Filmproduktion nicht von Zusatztreffern leben will, benötigt Alleinstellungsmerkmale. Jedes Unternehmen, das älter als zwei Jahre werden will, muss belegbar erklären können, warum es etwas besser macht.

Weil sie diese Gründe nicht finden können, fokussieren viele Videoproduzenten darauf, die räumliche Nähe zu potenziellen Kunden beim Marketing in den Vordergrund zu stellen. Die Nähe des eigenen Standorts zu demjenigen des Auftraggebers mag ein Video günstiger machen. Aber nicht besser. Das lernen auch immer mehr Kunden.

Die Eingrenzung auf die Erfüllung ganz spezieller Kundenbedürfnisse nennt man im Marketing Segmentierung. Einzelne Videoproduktionsfirmen positionieren sich schon zaghaft auf dieser Basis. Sie bieten nurmehr eine Art von Videos an, etwa Mitarbeitervideos, und können damit ihre Expertise in diesem Segment glaubhafter darlegen als Mitbewerber, die alles zu können behaupten.

Die strategische Positionierung durch Konzentration auf ein Videogenre ist eine Idee, die viele Inhaber von Produktionsfirmen schon geprüft haben. Wer seine Produktpalette strafft, kann damit Erfolg haben, oder sich endgültig das Genick brechen! Denn was naheliegend und Erfolg verspricht ist, der Entscheid nur für ein Videogenre, ist erst die halbe Miete.

Wer als Kunde ein Imagevideo produzieren will, ist mit Sicherheit an den Erfahrungswerten eines Produzenten interessiert, der nur diese Art Videos produziert. Noch interessanter ist für jeden Auftraggeber aber ein Anbieter, der mit den spezifischen Besonderheiten der Branche des Auftraggebers bekannt ist. Ein erfolgreicher Imagefilm für einen industriellen Fertigungsbetrieb gehorcht anderen grundsätzlichen Voraussetzungen, als dies ein Imagevideo für ein Tourismusunternehmen tut.

Der Fokus nur auf Imagevideos ist ein Alleinstellungsmerkmal. Der Fokus auf die Herstellung von Imagevideos nur für Industrieunternehmen ist ein noch stärkeres Alleinstellungsmerkmal. Denn damit liegen für den Kunden nicht nur die Stärken eines Anbieters sofort auf dem Tisch. Der Videoproduzent verfügt über Erfahrungswerte und damit Argumente für eine erfolgreiche Zusammenarbeit, die jeden Feld-, Wald- und Wiesenproduzenten in einem Pitch alt aussehen lassen.

Sich auf eindeutige Alleinstellungsmerkmale in der Geschäftstätigkeit zu fokussieren braucht Mut. Als Belohnung dafür winkt eine strategische Positionierung, welche die Austauschbarkeit reduziert und die Erfolgschancen maximiert. Als willkommener Nebeneffekt wird die Vermarktung der eigenen Tätigkeit ungleich einfacher. Die Zielgruppe möglicher Kunden ist plötzlich fassbar und lässt sich gezielt ansprechen und viel erfolgreicher bearbeiten.

Die Möglichkeiten, das eigene Unternehmensprofil mit einer klugen Reduktion des Tätigkeitsbereiches zu schärfen, gehen in der Praxis weit über die vorab genannten Beispiele hinaus. Entscheidend dabei ist aber immer der richtige Mix zwischen Eingrenzung und Größe des Zielmarktes.

Wer sich auf eine Branche ausrichtet, bei der Videos nichts zum Erfolg beitragen können, oder die extrem klein ist, beschränkt sein Potenzial zum Wachstum.

Umgekehrt, dafür gibt es bereits Beispiele, existieren im englischen Sprachraum erfolgreiche Produktionsfirmen, die sich so weit spezialisiert haben, dass sie ihre Kunden zwar nicht mehr nur national finden können. Dafür sind diese aber mit Erfolg international tätig, was den Erfahrungsschatz unschlagbar und den Geschäftserfolg weit weniger von der Wirtschaftslage einzelner Länder abhängig macht.

Es ist an der Zeit, dass Videoproduktionsfirmen nicht nur Drehbücher für die Auftragsvideos ihrer Kunden schreiben. Es gilt, auch das Drehbuch der eigenen Unternehmensstrategie zu schärfen und auf Wachstumskurs bringen!

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Über Carlo P. Olsson 89 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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