Fotos für Video animieren: Das Geheimnis von Kinestasis, 2.5D und Parallaxen

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Videos aus Fotos erstellen: so geht's | © Flickr, dca

Ein Film nur aus Fotos? Das klingt erst einmal langweilig. Oder langweilig. Muss aber nicht. 2.5D und Parallaxen sind das Geheimnis, wie du aus Standbilder überaus attraktive Videos erstellen kannst, die es mit jedem Imagevideo und Produktvideo aufnehmen.

Klar kannst du Fotos beim Editing in eine Timeline ziehen und daraus eine animierte Dia-Show erstellen. Aber davon sprechen wir hier nicht! Dieser Artikel zeigt dir, wie du aus Fotos hochattraktive Videos erstellst.

Das musst du wissen:

  • Input ist gleich Output. Ungeachtet wie genial du die Tipps und Tricks aus diesem Beitrag umgesetzt, aus unbefriedigenden Fotos kann kein großartiger Film entstehen.
  • Film und Video bedeutet immer Bewegung. Du kommst darum auch bei der Verwendung von Fotos als Ausgangsmaterial nicht um diese Tatsache herum – du stellst die Bildbewegungen aber anders her.
  • Profis sprechen dabei von 2.5D und Parallaxe. Die daraus entstehende Art Filme ist auch unter dem Fachbegriff Kinestasis ist bekannt.

Warum aus Fotos ein Video erstellen?

Es gibt viele Gründe, ein Imagevideo oder einen Produktfilm als Fotos erstellen zu wollen. Sei es, weil bereits Fotos verfügbar sind oder es, wie bei historischen Bilder, keine Videoaufnahmen gibt.

Beispiel für Foto-Animation

Video ThumbnailVideo nur aus Fotos erstellen

Oder weil dein Auftraggeber für seine Zwecke am Ende hochwertige Fotos braucht, was mit Videoaufnahmen in der Regel nicht erreichbar ist. Nicht aus technischen Gründen, sondern weil die Inszenierung eines Videos sich von einem Foto unterscheidet.

Denn anders als beim Film, kann ein Fotograf sich auf ein einziges Bild konzentrieren – während beim Film nahezu immer Bewegungsabläufe dominieren. Willst du keine Bewegung, kannst du auch gleich ein Foto in einem Rahmen an die Wand hängen.

Software und Fachwissen als Voraussetzung

Die nachfolgend beschriebenen Tipps und Tricks erfordern zwei Dinge:

  • Erstens Software zur digitalen Bildbearbeitung, wie es sie beispielsweise von Adobe gibt.
  • Zweitens Anwenderkenntnisse, wie sie der durchschnittliche Fotograf oder Videoeditor in der Regel bereits besitzt.

Insbesondere solltest du vertiefte Basiskenntnisse in den Bereichen Photoshop und Adobe After Effects vorweisen können.

Das Grundprinzip

Der Mensch lebt und bewegt sich im dreidimensionalen Raum. Diesem Umstand tragen bereits bewegte Bilder in 2-D Rechnung. Sie zeigen die Raumtiefe zwar nicht in der Intensität eines in 3D gedrehten Filmes. Aber bereits bei einer zweidimensionalen Aufnahme, bei der die Kamera nicht statisch ist, zeigte sich Räumlichkeit.

Bei jeder Kamerabewegung verschieben sich Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund eines Bildes anders. Fährt die Kamera an einem Menschen vorbei, verschiebt sich der Hintergrund weit langsamer als die Person im Vordergrund. Ähnlich verhält es sich mit einer Kamerafahrt auf einen Darsteller zu.

Unterschiedliche Tempi von Hintergrund und Vordergrund:

Video ThumbnailFotos für Video animieren

Daraus folgt: lässt sich dieser „Verschiebungs-Effekt“ durch digitale Bildbearbeitung simulieren, wird ein Foto plötzlich zu einer filmgleichen Aufnahme.

Anforderungen an das fotografische Ausgangsmaterial bei 2.5D

Ein Foto mit mindestens so viel Pixel wie das für dein Video geplante Endformat dabei als Basis für die nächsten Schritte muss für dich eine Selbstverständlichkeit sein. Dabei musst du daran denken, dass du möglicherweise auch in das Bild hineinzoomen willst. Ohne entsprechende Bildauflösung geht das nicht. Als Faustregel gilt darum: ein Foto, aus dem du ein Video machen willst, kann niemals groß genug sein.

Nicht weniger wichtig ist der Bildaufbau. Von einem „flachen“ Foto, damit meine ich eines, bei dem Vordergrund und Hintergrund schlichtweg nicht vorhanden sind, solltest du die Hände lassen. Aus nichts kann nichts Gutes werden.

Am einfachsten ist es, du zeichnest die Fluchtlinien vor dem Start der Bearbeitung mit Hilfslinien (oder von Hand auf einen Ausdruck des Fotos) direkt in das Foto. Stell dir vor, das Bild ist in einem Korridor aufgenommen worden. Welches ist der vorderste Punkt? Was im Bild würde sich ganz hinten befinden? Damit erkennst du sofort wie sehr sich die Tiefen-Ebenen unterscheiden.

Selbstverständlich muss der Bildinhalt zu deinem Film passen. Nicht ein bisschen, sondern genauso, wie wenn du es mit einer richtigen Filmeinstellung zu tun hättest. Dazu gehören zusätzlich auch die Fragen, ob sich das Bild in genügend Einstellungen unterteilen lässt. Und, ob der Bildinhalt reichhaltig genug ist, dass er sich filmisch erzählen lässt.

Learning:

  • Hast du nur Fotos zur Verfügung, die perspektivisch nicht überzeugen oder deren Bildinhalte in einem Sekundenbruchteil erklärbar sind, lässt du besser die Finger vom Versuch, aus diesen Fotos ein Video zu erstellen.
  • Auch Standbilder, bei denen du, beispielsweise wegen unscharfer Kanten, schon von Beginn weg erkennst, dass die Ebenen später nie sauber trennen können wirst, sind für die Foto-Animation nicht geeignet.

2.5D und der Parallaxen-Effekt

Der Parallaxen-Effekt erlebte seinen ersten Höhenflug bei Videogames. Denn hier ging es und geht es noch immer, darum, dem Spieler ein möglichst realitätsnahes Erlebnis in Echtzeit zu vermitteln. Dazu sind computergenerierte Bilder mit Tiefenwirkung erforderlich. Um die Rechenleistung der Grafikkarten optimal zu nutzen, wurde das sogenannte 2.5D-Prinzip erfunden. Dessen Name rührt daher, dass die auf diese Weise erzielte Wirkung zwar nicht komplett wie ein 3-D-Bild wirkt, aber diesem nahekommt.

Videos aus Fotos nutzen dasselbe Prinzip. Weil aber anders als bei Videogames die Bildebenen nicht schon als digitale Animation separat existieren, müssen diese erst aus dem Foto extrahiert werden.

Dazu schneidet man ganz einfach den Vordergrund aus einem Foto und erstellt daraus eine separate Ebene. Am einfachsten geht das, wenn man ein hoch aufgelöstes Foto zuerst auf Photoshop in die gewünschten Ebenen unterteilt, und diese dann in Adobe After Effects animiert.

Video-Tutorial (hier mit der kompletten Bearbeitung in Photoshop) | Sprache: Englisch

Video ThumbnailDas Geheimnis von Kinestasis, 2.5D und Parallaxen

Wer mag, kann noch einen Schritt weitergehen und das Foto in mehr als nur Vorder- und Hintergrund aufteilen. Je mehr Ebenen, desto größer und realitätsnaher ist die erzielte Tiefenwirkung bei der digital applizierten späteren Bewegung.

Funktionieren tut das natürlich nur, wenn du die Bildebenen immer und streng an dem Fluchtpunkt ausgerichtet ist. Was im Vordergrund des Bildes ist gehört niemals in den Hintergrund. Denn ansonsten bekommst du ein extrem irritierendes Bild, was höchstens zur Illustration von Rauschzuständen dienen kann.

Auch klar: wer die Ebenen nicht sauber voneinander trennt, sei es, weil die Zeit dazu fehlt oder das Wissen, zerstört die Illusion.

Fotos in einem Video integrieren: Tipps und Tricks

VIDEO DER WOCHE -★- 10 Schauspieler, die ihre Stunts selber machen | © YouTube

Video ThumbnailEin Film nur aus Fotos? Das klingt erst einmal langweilig. Oder langweilig. Muss aber nicht. 2.5D und Parallaxen sind das Geheimnis, wie du aus Standbilder überaus attraktive Videos erstellen kannst, die es mit jedem Imagevideo und Produktvideo aufnehmen. Klar kannst du Fotos beim Editing in eine Ti

Zu beachten gilt ebenso, dass bei digitalen Kamerafahrten im Hintergrund keine „Löcher“ sichtbar werden. Damit meine ich Flächen, aus denen du den Vordergrund ausgeschnitten hast und die durch die Verschiebung der Ebenen nun plötzlich sichtbar werden.

Auch hier unterscheidet sich die professionelle Umsetzung vom Schmalspurfilmer: Ein geübter Motion Designer wird diese Leerstellen nicht nur im Handumdrehen retuschieren, er achtet schon bei der Bildauswahl auf diese Problematik.

Beschränkungen und Grenzen bei der Animation von Fotos in Videos

Anders als bei Videoaufnahmen ist die Länge einer Einstellung bei der Umwandlung von Fotos in Videobilder mittels Parallaxe-Effekt beschränkt. Ganz einfach darum, weil sich die unterschiedlichen Ebenen nicht endlos verschieben lassen.

Darum nutzen viele Videos mit animierten Fotos und 2.5D-Effekt die Verlangsamung durch Zeitlupe. Dadurch reduziert sich einerseits die Anzahl der für ein Video erforderlichen, zu bearbeitenden Einstellungen (Fotos). Andererseits erhalten aufwendig postproduzierte Shots damit mehr Screen-Time. Damit verbessert sich das Preis-Leistungs-Verhältnis.

Abgrenzung zum Ken Burns-Effekt

Regelmäßig verwechselt wird der Parallax-Effekt mit dem mindestens so berühmten Ken-Burns-Prinzip. Trotzdem handelt es sich um zwei grundlegend verschiedene Arten, für Videos Bewegung in statische Fotos zu bringen!

Kenneth Lauren „Ken“ Burns (* 1953) ist ein amerikanischer Filmemacher. Für seine Dokumentarfilme war er mehrfach für den Emmy-Award und zwei Oscars nominiert. Drei dieser Filmpreise stehen heute bei ihm Zuhause.

Ken Burns suchte für seine Dokumentationen einen einfachen Weg, wie er historische Gemälde und Fotos in seine Filme einbinden konnte. Seine Lösung ist ebenso einfach wie kostengünstig – und machte ihn berühmt. Burns ließ die Kamera ganz einfach über das Bild schwenken oder auf dieses zu- oder wegfahren.

Ken Burns erklärt, wie er bei der Montage Fotos in Video einsetzt | Sprache: Englisch

Video ThumbnailInterview mit Ken Burns

Meisterhaft dabei ist nicht die Tatsache, dass er das längst bekannte filmische Stilmittel Schwenk und Kamerafahrt einsetzt. Sondern die Art und Weise, wie Ken Burns damit das Auge des Zuschauers führt.

Entscheidendes Kriterium bei der Anwendung des Ken Burns-Effects ist ein Foto, dessen Inhalt sich für sequenzielles Erzählen eignet. Dort, wo sich dem Zuseher alle Bildinformationen auf den ersten Blick erschließen, läuft der Effekt erzählerisch ins Leere.

Grundlegender Unterschied zum Parallax-Effekt ist das Entfallen der Notwendigkeit, ein Foto aufwendig digital zu bearbeiten. Das Setzen von Keyframes in Adobe After Effects oder vergleichbarer Software reicht. Einzelne Gratis-Programme für die Videoproduktion legen den Ken Burns Effekt heute sogar automatisch über Standbilder.

Und noch eine letzte Anmerkung für die Fans des präzisen Filmhandwerks und glasklarer Definitionen von Fachbegriffen:

Eine digital erzielte Kamerafahrt (gemeinhin Zoom genannt) ist NICHT dasselbe wie eine Kamerafahrt. Einzige Ausnahme ist die Fahrt auf ein Foto oder Gemälde zu. In diesem Fall ist die Fahrt ein Zoom. Deshalb gibt es keinen Grund sie außerhalb der digitalen Bildbearbeitung zu drehen.

Videos aus Fotos: Unterschied zu Cinemagraphs

Auch Cinemagraphs (Cinemagramme) können aus dafür geeigneten Fotos erstellt werden. Sie sind in diesem Fall eine besondere Form der Foto-Animation für Video.

Ihre Erstellung ist allerdings nochmals ein Stück anspruchsvoller. Darum, weil ein Cinemagramm per Definition eine Endlosschlaufe ist.

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Über Pavel Sokolov 27 Artikel
Pavel studiert Film Editing. Er mag François Truffaut, Terrence Malick, Dr Pepper, seinen Thermaltake View 71 TG, Musik von Seeed und alle Dinge, die mit der Farbe Rot zusammenhängen, aber keinem Lebewesen Schmerzen bereiten.

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