Wie du ein Videobudget liest, ohne dass dir der Kopf explodiert

Wie du ein Videobudget lesen kannst, ohne dass dir der Kopf exlpodiert
Wie du ein Videobudget lesen kannst, ohne dass dir der Kopf explodiert | © Illustration: FreePik

Jeder Auftraggeber für einen Imagefilm oder ein Video, der ein Budget oder eine Offerte vorgelegt bekommt, versucht zu verstehen, wo die größten Kostentreiber liegen. Meist bleibt, trotz aller Bemühungen, ein Fragezeichen. Hier sagen wir dir, wie du ein Videobudget lesen musst.

Eine gute Videoproduktion arbeitet in der Regel mit detaillierten Offerten. Sie legt damit dem Auftraggeber offen, wo welche Kosten anfallen. Meist werden die Aufwände auf einem Deckblatt zusätzlich in Kostenblöcke gegliedert, um einen besseren Überblick zu gewährleisten.

Das ist gut und recht. Aber ist es hilfreich für den Kunden? Meist eher nicht. Denn um ein Videobudget richtig lesen zu können, braucht es Vorwissen. Dieser Artikel erklärt die grundlegendsten Punkte.

Das musst du wissen

  • Die Preise für Filmtechnik / Filmequipment und Fachkräfte sind in einem Angebot einfacher überprüfbar als die Abgeltung für kreative Schlüsselpositionen.
  • Die Saläre für Filmtechniker sind für Produzenten in vielen Ländern durch Branchenvereinbarungen festgelegt. Sie haben damit oftmals zwingenden Charakter.
  • Wer überdurchschnittliches Talent besitzt und bewiesen hat, verkauft sich als Filmschaffender nicht zu Listenpreisen, sondern zu Marktpreisen. Hier bestimmt der Marktwert die Höhe der Abgeltung.
  • Markup, Handlungskosten und Gewinn sind, sofern nicht in Einzelpreisen versteckt oder in eine Pauschale eingepreist, in der Regel als % der Kosten berechnet. Professionelle Videoproduktionen weisen diesen Zahlen offen aus.

Ein Videobudget lesen

Für ein Videobudget gibt es keine gesetzlich vorgeschriebene Form oder Struktur. Theoretisch, und auch praktisch, kann jede Produktion ein Angebot gliedern, wie sie will. In der Praxis haben in den meisten Ländern die Produzentenverbände Vorlagen (wie auch allgemeine Vertragsbedingungen) erarbeitet, die von ihren Mitgliedern eingesetzt werden.

Sinn und Zweck dahinter ist es, dem Anfrager eine bessere Vergleichbarkeit von unterschiedlichen Angeboten zu gewährleisten. Möglich ist das nur, wenn die Angebote in ihrer Struktur vergleichbar sind.

Darum lohnt es sich für Auftraggeber, schon beim Erstkontakt an die Videoproduktion abzuklären, in welcher Form das Angebot unterbreitet wird.

Technik / filmtechnisches Equipment

Kein Film ohne Technik. Ob zur Aufnahme oder für die Bildbearbeitung und für digitale Effekte, jedes Video erfordert eine gewisse Infrastruktur. Meist lässt sich diese in Hardware (Kamera, Mikros, etc.) und Software für die Nachproduktion unterteilen.

Ob iPhone und Laptop oder Hollywood-Kameras und höchst professionelle Editing-Suiten und Tonstudios: die Verrechnung von Equipment und Infrastruktur folgt am Ende des Tages betriebswirtschaftlichen Grundsätzen. Zumindest sollte sie das, nicht zuletzt im Interesse auch des Auftraggebers.

Anders gewendet: Diese Budgetposten sind für jeden ausgebildeten Buchhalter ohne allzu viele Mühen nachvollziehbar. Man braucht dazu nur Anschaffungspreise, Amortisationszeit und einige weitere, wenige Faktoren zu unterlegen. Dann lässt sich abschätzen, wie anständig (oder eben unanständig) die Preise im Angebot sind.

Markup, Handlungskosten und Gewinn

Auch Markup und / oder Gewinn und Handlungskosten lassen sich meist gut vergleichen. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Aufschläge nicht offen ausgewiesen, sondern in den individuellen Einzelpreisen oder in einer Pauschale inbegriffen sind.

Der verantwortungsvolle Auftraggeber anerkennt, dass ein professioneller Videoproduzent an der Videoproduktion etwas verdienen muss. Nur Schmalspurfilmer arbeiten zu Harakiri-Preisen. Sie gefährden damit ihre Existenz und ihr wirtschaftliches Fortkommen. Sie nehmen, falls sie Hopps gehen, ihren ehemaligen Kunden zugleich auch die Möglichkeit, zu einem späteren Zeitpunkt neue Versionen oder Adaptionen aus dem Drehmaterial herzustellen.

Voodoo is what you do

Treue Leser wissen, dass Filmpuls seit vier Jahren immer wieder ein und dasselbe Mantra predigt. Denn was für die gesamte Kreativbranche – und nicht nur für diese – gilt, besitzt auch für Videoproduktionen Gültigkeit.

Arbeitskräfte in der Kreativbranche haben nicht nur einen Preis, sondern auch einen Wert. Dieser Marktwert setzt sich immer aus drei Faktoren zusammen. Es sind dies:

  1. Wissen
  2. Erfahrung
  3. Talent

Wissen kann man sich durch Intelligenz und Fleiß erarbeiten. Erfahrung ebenso, wenn man Durchhaltewillen beweist, Demut besitzt und für Kritik offen ist. Talent, das hat man. Oder man hat es nicht. Talent ist nicht mehr oder weniger als das Unaussprechliche. Es ist weder demokratisch, noch gerecht. Aber es garantiert, dass die Summe mehr als die Einzelteile ist. Denn ein Video besteht aus unendlich vielen Entscheidungen, von denen der Filmemacher 90 % aus dem Bauch heraus und oftmals situativ treffen muss. Wäre dem nicht so, es gäbe nur herausragende Filme.

Wer als seine Dienste als Regisseur, Kameramann oder Komponist anbietet, verkauft gleichzeitig mit seiner Lebenszeit auch sein Talent, sein Wissen und seine Erfahrung.

Richtpreise und Tabellen

Der Umkehrschluss aus dem Dreieck „Know-how, Erfahrung und Talent“ ist schmerzhaft:

Wer als Filmschaffender zu tabellarischen Richtwerten arbeitet, ist im Berufsalltag nicht in der Lage, sich über das Mittelmaß hinaus zu schwingen. Ausgenommen davon sind natürlich die Filmtechniker und verwandte Berufszweige, bei denen weniger die kreativen Aspekte als der ausführende Charakter ihrer Tätigkeit überwiegt.

Allerdings: Auch Filmtechniker sind in der Regel gewerkschaftlich organisiert. Sie haben sich als Verbandsmitglieder dazu verpflichtet, die von ihrem Interessenverband mit den Produzenten ausgehandelten Tarife nicht zu unterschreiten.

Der Videoproduzent, der seinem Kunden eine professionelle Filmcrew anbietet, ist also weit weniger frei in der Preisgestaltung, als dies manch ein Auftraggeber glaubt.

Drei Learnings zum Videobudget lesen

  1. Auftraggeber sind gut beraten, nicht nur Offerten einzuholen. Sie müssen sich auch über Verbände und deren (für Produzenten oftmals zwingende) Vorgaben schlau zu machen. Unterschreiten die Preise in einem Angebot die Richtpreise, kann dies ein Indiz dafür sein, dass bei der Produktion nicht ausgewiesene Fachkräfte, sondern Autodidakten oder Anfänger zum Einsatz kommen.
  2. Gleichzeitig gilt es, sich als Auftraggeber bewusst zu sein, dass herausragende Videos nicht aufgrund der eingesetzten Technik entstehen. Entscheidend ist das Talent. Stellt ein Produzent technische Daten in den Vordergrund (6K! UHD! 3D!), ist Vorsicht geboten.
  3. Weil Effizienz auf allen Seiten unabdingbar ist, lässt sich der gewiefte Auftraggeber von unterschiedlichen Videoproduktionen die Angebote in einer vergleichbaren Struktur der Offerte unterbreiten. Meist sind das die Mustervorlage, welche die Produzentenverbände oder Dritte professionellen Videoproduktionen zur Verfügung stellen.

Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls online magazin logo

Wer ist Carlo P. Olsson? 36 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

Deine Erfahrungen sind gefragt!

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.


*