Unsichtbare Schnitte: Alles was man darüber wissen muss

Ich sehe was, was Du nicht siehst ...

Unsichtbare Schnitte bei Film und Video verstehen
Die psychologische Mechanik der Film-Montage

Eines faszinierendsten Phänomene in der Montage sind unsichtbare Schnitte. Sie beziehen sich nicht auf Übergänge zwischen Einstellungen, die mit geschickter Montage versteckt werden sollen.

Unsichtbare Schnitte sind das pure Gegenteil von Jump Cuts, Match Cuts oder Morphing. Die unsichtbaren Schnittübergänge sind im Editing so etwas wie die Tricks geübter Taschenspieler. Sie könnten offensichtlicher nicht sein. Und werden gerade darum nicht wahrgenommen! Darin liegt ihre schlichte Eleganz und überragende Schönheit.

Von Regisseur Frank Capra ist das Zitat überliefert, dass es «beim Filmemachen keine Regeln gebe, sondern nur Sünden – und die größte Sünde das Unwissen ist». Dieser Artikel über das Phänomen der unsichtbaren Schnitte ist eine Liebeserklärung an eine der wichtigsten und gleichzeitig faszinierendsten Regeln im Filmschnitt überhaupt.

Filmpuls erklärt, wie unsichtbare Schnitte funktionieren und zeigt, wie dieser korrekt und erfolgreich für die Kommunikation von Film und Video eingesetzt wird:

Unsichtbare Schnitte

Ab 1895, vor 122 Jahren also, fanden die ersten kommerziellen Kino-Vorführungen statt. Schon fünf Jahre später entstanden, zuerst empirisch und dann wissenschaftlich belegt, Erkenntnisse, wie die Emotionalität des Zuschauers mit Bewegtbild optimal gefesselt werden konnte.

Unsichtbare Schnitte sind also weder eine Neuheit, noch eine Besonderheit oder ein Geheimnis. Und auch kein Ding der Unmöglichkeit. Sie finden seit jeher nicht nur in großen Hollywood-Produktionen Anwendung, sondern sind d-e-r  Standard in jeder professionellen und wirkungsorientierten Film- und Videoproduktion.

Unsichtbare Schnitte werden so bezeichnet, weil sie für Auge und Hirn deutlich sichtbar und erkennbar sind (anders als versteckte Schnitte), trotzdem aber vom Zuschauer nicht wahrgenommen werden. Darum ist ihre Bedeutung enorm.

Das Geheimnis unsichtbarer Schnitte ist der Umstand, dass der Zuschauer eher an eine Kontinuität zu glauben bereit ist, wenn er im Schnitt eine offensichtliche Diskontinuität im sequentiellen Ablauf erkennt. Darum wirken erkennbare Schnitte paradoxerweise weit weniger störend auf die Wahrnehmung des Zuschauers als (Um-)Schnitte. Weil diese nur einen kleinen Unterschied in der Bildinformation beinhalten.

Synonyme für den unsichtbaren Schnitt sind die französische Découpage classique und außerhalb des deutschen Sprachraums das Continuity editing.

Grafik 1: Das Phänomen der unsichtbaren Schnitte bei Film und Video
Grafik 1: Klassische Kamera-Anordnung

Damit das Phänomen des unsichtbaren Schnitts funktionieren kann, ist die Einhaltung der berühmt-berüchtigten 30-Grad-Regel unabdingbar. Sie besagt, dass ein Schnitt nur dann nicht als störend erkannt wird, wenn sich die Einstellungen deutlich voneinander unterscheiden.

Für unterschiedliche Bilder ist das kein Problem. Anders sieht es aus, wenn der Bildinhalt identisch bleibt.

30-Grad-Regel

Beim Wechsel des Blickwinkels mit demselben Objekt oder Subjekt vor der Kamera sieht das anders aus. Unterscheidet sich hier der Inhalt und Aufbau des Film- oder Video-Bildes nur minim, wird der Umschnitt als Fehler wahrgenommen. Das Bild scheint dann zu „springen“. Weil entweder Objekte vor der Linse bei gleichem Hintergrund plötzlich einige Meter verschoben scheinen. Durch die Gesetze der Optik ändert sich der Hintergrund beim Verschieben der Kamera weniger stark, als der Mittel- und Vordergrund.

Darum ist die fehlerhafte Anwendung der 30-Grad Regel stets und überall und ganz besonders anzutreffen, wenn es um Interviews und Testimonials und den Transport von Informationen geht.

Erstens scheitern unsichtbare Schnitte durch Unwissen des Regisseurs oder der Kamera-Person. Zweitens weil der Editor später im Schnitt die Einstellungsgröße ändert (das Bild vergrößert um einen Zoom oder eine Nahaufnahme zu imitieren).

Grafik 2: Das Phänomen der unsichtbaren Schnitte bei Film und Video
Grafik 2: Die 30-Grad Regel

Anders als bei Comics wirkt dieses Springen des Bewegtbildes innerhalb einer Einstellung irritierend. Darum, weil sich der Zuschauer die Motivation des Sprunges nicht erklären kann. Einerseits ist Schnitt aus Sicht des veränderten Bildinhalts zwar weniger radikal, als bei einem Wechsel des kompletten Bild-Inhalts. Andererseits aber deutlich sichtbarer, um nicht zu sagen störend.

Anfängerfehler

Der durch die Missachtung der 30-Grad-Regel entstehende Bildsprung erzeugt zwar eine gewisse Aufmerksamkeit. Diese Feststellung ist korrekt. Aber anders als ein korrekter Umschnitt, der in inhaltlicher Abstimmung zum Aussagewunsch von beispielsweise Halbnah auf Nah wechselt und damit eine Kernaussage zu verdeutlichen mag, vermag der Zuschauer den zuckenden Umschnitt nicht mit dem Inhalt zu verknüpfen.

Der Wechsel von Kamera-Objektiven ohne Veränderung des Kamera-Standortes führt bei nahezu identischen Brennweiten und damit der Perspektiven zur selben Irritation.

Insbesondere bei CEO-Videos und Video-Testimonials wirken solche fehlerhaften Schnitte, als ob der vor der Kamera sprechende Manager seine Zuhörer alle paar Sekunden mit der flachen Hand hart an die Eselsohren schlüge, damit diese weiterhin aufmerksam zuhören.

Ganz ehrlich: Wer verspürt schon Lust darauf, einem solchen Referenten zuzuhören? Und schlimmer: Wer möchte darauf wetten, dass ein solches Verhalten die Sympathie-Werte zu erhöhen vermag?

Einzig die Verursacher solcher Machwerke scheinen davon überzeugt zu sein. Videos schneiden bedeutet mehr als Schläge an den Hinterkopf zur Erhaltung der Aufmerksamkeit.

Unterschied zu Jump-Cut und Match Cut

Nicht zu verwechseln ist ein fehlerhafter Perspektiven-Wechsel mit dem sog. Jump-Cut. Er entsteht dadurch, dass innerhalb einer Einstellung einige Sekunden fehlen („weggeschnitten“ werden). Jumps sind in der Montage von Film und Video gewissermaßen eine Alternative zum Zeitraffer ohne Zeitraffer. Der Jump Cut ist ein Schnitt in der Zeit im unveränderten Raum.

Der Jump Cut stimuliert die subjektive Wahrnehmung des Zuschauers, weil der die Lücke zwischen den zwei scheinbar verbundenen Einstellungen mit Absicht betont.

Match Cuts sind „Schnittsprünge“ im Raum während die Filmzeit nach dem aktuellen Wissensstand des Zuschauers im Film scheinbar unverändert zu bleiben scheint. Match Cuts können selbst sprechend mit Jump Cuts (Schnitt im Zeitablauf bei identisch bleibendem Raum) verbunden werden.

Der Jump Cut tritt entweder in Erscheinung als Anschluss- oder Schnittfehler auf (siehe die vorhergehenden Anmerkungen zu CEO-Testimonials) oder aus Absicht in hoch-künstlerischen Spielfilmen, wo er eine diskontinuierliche Handlung zum Ausdruck bringt oder mit extremen und dynamischen Sprüngen in eine Szene oder aus einer Szene die Dramatik der Ereignisse betonen soll. Aber Achtung: Quod licet Iovi, non licet bovi. Ohne Godard wären 1960 weder Frau Seberg noch Herr Belmondo, vom Kino-Publikum ganz zu schweigen, „Ausser Atem“ gekommen.

Unsichtbare Montage in der Praxis

Der unsichtbare Schnitt funktioniert:

  • beim stufenweisen Übergang von Einstellungsgrößen
  • bei Dialogszenen die als Schuss-/Gegenschuss aufgenommen werden
  • bei Wahrung der Achsenverhältnisse (kein Achsensprung)
  • beim elliptischen Erzählen
  • wenn die Kamera im identischen Raum und gleichem Sujet ihren Blickwinkel um mindestens (!) 30 Grad ändert
  • wenn sich nicht der Blickwinkel der Kamera, sondern der Abstand der Kamera zu einer Person oder einem Objekt im Bildzentrum markant verändert.

In den Worten der Wissenschaft:

Gestaltungspsychologisch (was für ein Wort!) muss es „innerhalb des Systems der Continuity eine für die menschliche Wahrnehmung anschauliche und prägnante Differenz zwischen zwei Einstellungen geben“, damit ein Schnitt als Erscheinung im Editing und der Montage unsichtbar wird.

Im Wortsinn verstanden

Film ist Kommunikation, Film ist ein Wirtschaftsgut und … – Film ist Kunst. Künstler dürfen (fast) alles. Und die Kunst hat auf der Suche nach der wahren Bedeutung des Films auch vor dem Schnitt nicht Halt gemacht. Allerdings wohlüberlegt, gut durchdacht und selten nur um des Selbstzwecks willen.

Grafik 3: Das Phänomen der unsichtbaren Schnitte bei Film und Video
Grafik 3: Normaler Schnitt, Match Cuts, Jump Cuts

Als unsichtbare Schnitte im Wortsinn gilt der Umschnitt von einem Close-Up auf einen anderen Close-Up, meist verbunden mit einer Kamerabewegung, wenn die Bildinformation der beiden Close-Ups scheinbar identisch sind.

Dazu ein Beispiel: eine Kamerafahrt endet auf dem Rücken einer Person, die eine rote Jacke trägt. Die nächste Fahrt beginnt auf einer roten Jacke einer anderen Person, die sich anschließend von der Kamera weg bewegt. Der versteckte Schnitt übernimmt die Navigation und verbindet ein Ereignis mit dem anderen.

Verwandt mit der unsichtbaren Montage, aber meist deutlicher in ihrer gestalterischen Absicht erkennbar, sind

  • Wischblenden (sog. Wipes)
  • die von Filmstudenten und Fans von Genie Stanley Kubrick geliebten berühmt-berüchtigten Match Cuts (deutsch = zusammenfügender Schnitt in eine Bewegung zweier räumlich und zeitlich getrennter Handlungseinheiten)
  • Morphing (computer-kalkulierte Übergänge zwischen zwei Einstellungen)

Weiterführende Literatur

Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? (Regie Bertold Brecht)
Filmplakat: Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt? (Autor: Bertold Brecht)

(in alphabetischer Auflistung)

  • Aumont, Jacques. A quoi pensent les films. Paris: Ed. Ségnier, 1996.
  • Bazin, André. „Montage interdit“. In Qu’est-ce que le cinéma? Paris: Les éditions du cerf, 1994.
  • Beller, Hans. „Filmräume als Freiräume. Über den Spielraum der Filmmontage“. In Onscreen/Offscreen. Grenzen, Übergänge und Wandel des filmischen Raumes. Hg. von Hans Beller, Martin Emele und Michael Schuster. Stuttgart: Hatje Cantz Verl., 2000.
  • Bordwell, David; Ian Christie; Karel Reisz; Donald Richie; Alain Robbe-Grillet; Kristin Thompson. Zeit, Schnitt, Raum. Hg. und eingeleitet von Andreas Rost. Frankfurt a.M.: Verl. der Autoren, 1997.
  • Daney, Serge. „Le travelling de Kapo“. In Traffic n° 4. Paris: P.O.L, 1992.
  • Gribbin, John und Mary. Raum & Zeit. Was wir über das Universum wissen: von der Erde als Scheibe zur Raumzeit in vier Dimensionen. Aus dem Englischen von Eva und Hans-Jürgen Schweikart. Hildesheim: Gerstenberg, 1995.
  • Hickethier, Knut: Film- und Fernsehanalyse. 4. Auflage. J.B. Metzler, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-476-02186-1.
  • Hölling, Joachim. Realismus und Relativität. Philosophische Beiträge zum Raum-Zeit-Problem. München: Wilhelm Fink Verlag, 1971.
  • Koebner, Thomas (Hrsg.): Reclams Sachlexikon des Films. 2., aktual. Auflage. Reclam, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-15-010625-9
  • Konigsberg, Ira: Complete Film Dictionary. Plume, 1989, englisch, ISBN 0452009804, Seite 1
  • Rauger, Jean-François. „Sexe, violence et politique“. In Le siècle du cinéma. Hors-série des Cahiers du Cinéma. Koordiniert von Antoine de Baecque. Paris, November 2000.
  • Thompson, Kristin. „The formulation of the classical style, 1909-28.“ In The classical Hollywood Cinema. Film Style and Mode of Production to 1960. Bordwell, David; Staiger, Janet; Thompson, Kristin. London: Routledge 1994 [1985].
  • Tillich, Paul. „Der Widerstreit von Zeit und Raum“. In ders. Der Widerstreit von Raum und Zeit. Schriften zur Geschichtsphilosophie. Gesammelte Werke. Band 6. Stuttgart: Evangelisches Verlagswerk, 1963.
  • Zeyfang, Florian. „DV heißt Dziga Vertov“. In Starship Nr. 4. Berlin, Herbst 2000.

Cut to: Fazit

Bert Brecht bekommt, zumindest was die Mechanik und Methodik des Filmschnitts betrifft, beim Film schneiden und bearbeiten für einmal nur halbwegs recht:

Denn die einen sind im Dunkeln und die anderen sind im Licht. Und man sieht die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.
Bertolt Brecht, Dreigroschenoper

Offensichtliche, deutliche Umschnitte im vollen Tageslicht , der 30-Grad-Regel und unsichtbarer Schnitte sei es gedankt, sind für den Handlungsfluss und Zuschauer weit weniger störend und sichtbar, als Umschnitte, die sich in den düsteren Abgründen des talentfreien filmischen Unvermögens verbergen.

Der Filmschnitt ist tot. Lang lebe das Editing und die Film-Montage und, mindestens so wichtig: die präzise Kamera-Arbeit. | filmpuls logo


Im Interesse der Lesbarkeit sind in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen auf die männliche Form reduziert. Gemeinst sind immer Frauen und Männer | Film-Poster: „Kuhle Wampe – oder wem gehört die Welt“ (1932)  © public domain / Wikipedia | © Grafik und Artikel Filmpuls

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