TV-Serie »Frieden« – Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen | Schweizer Fernsehen SRF

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Meisterhaft: Stefan Kurt in »Frieden« | © SRF / Nadia Klier

Wer hat′s erfunden? Die Schweizer – zumindest wenn es um Unterhaltung geht – sind es nicht! Zwar mehrten sich die letzten Jahre die Anzeichen, dass da und dort Filme aus dem Land von Schokolade und Matterhorn mehr als Käse sein können. Doch mit Serien an die internationalen Standards aufzuschließen, das ist der Schweiz bisher kaum je gelungen. Die neue Serie »Frieden« des Schweizer Fernsehen SRF zieht darunter einen Schlussstrich. Sie öffnet in mancherlei Hinsicht ein neues Kapitel.

Die Drehbuchautorin Petra Volpe ist wohl das größte Kapital, das die Schweizer Filmszene diese Tage besitzt. Das hat auch das Schweizer Fernsehen SRF erkannt. Es lässt die Autorin eine Serie erzählen, die es so in der Schweiz noch nicht gegeben hat. »Frieden« besitzt alles, was ernsthafte Unterhaltung auf höchstem qualitativem Niveau braucht.

Petra Volpe und den Verantwortlichen der Zodiac Pictures, welche die sechsteilige Serie produziert hat, ist hoch anzurechnen, das man sich entschieden hat, die Regie in die Hände von Regisseur Mike Schaerer zu legen. Das ist weniger selbstverständlich, als man meinen möchte:

Volpe ist selbst Regisseurin (u. a. Die göttliche Ordnung). Und wer Fiktion schreiben kann, will in der Schweiz meist auch realisieren. Es wäre also naheliegend gewesen, den Regiestuhl der in New York lebenden Schweizerin zu überlassen. Umgekehrt hat sich Regisseur Mike Schaerer mit seiner Verfilmung von „Das kleine Gespenst“ in Deutschland als solider Handwerker gezeigt, aber eine naheliegende Empfehlung ist eine Kinderbuchverfilmung für eine Nachweltkriegsgeschichte nur bedingt…

Dennoch, man möchte sich keine andere Regie und noch weniger eine andere Autorin wünschen! Dasselbe gilt auch für die hervorragende Kamera (Christian Marohl, ein Name, den es sich zu merken gilt!) und den Schnitt (Wolfgang Weigl) sowie für das Casting (Corinna Glaus).

»Frieden« begeistert

Überhaupt dürfte das Verständnis für die Dialektik der Montage einer der Schlüssel sein, warum »Frieden«  auf allen Ebenen überzeugt. Mike (Michael) Schaerer ist selbst Cutter. Er unterrichtet an der Züricher Hochschule der Künste. Seine Regie ist eine subtile und höchst gekonnte Montage paralleler Handlungsstränge. Begeistert ist man darum, weil jeder dieser Handlungsstränge für sich allein zu überzeugen vermag. Dazu trägt auch die Drehbucharbeit entscheidend bei.

Auch Petra Volpe montiert Sätze und Dialoge im besten Sinne des Wortes – und scheut sich dabei nicht, zu demontieren und zu demaskieren. Sie hat verstanden, dass jeder Krieg eine Wunde reißt, die nur und einzig über Generationen hinweg heilen kann. „Nur die Toten haben das Ende des Krieges gesehen“, erkannte der amerikanische Philosoph George Santayana schon 1922 nach dem Ersten Weltkrieg.

Inhaltlich orientiert sich die Autorin für die Serie des Schweizer Fernsehen SRF am Bericht der unabhängigen Expertenkommission Schweiz, der vor achtzehn Jahren erschienen ist. Der Bericht hat im Auftrag der Schweizer Bundesversammlung und Regierung „die Rolle der Schweiz und deren Umgang mit diesem Abschnitt ihrer Geschichte“ aufgearbeitet.

12‘ooo Seiten lang ist der sog. Bergier-Bericht, benannt nach dem Präsidenten der Kommission. 22 Millionen hat die juristisch-historische Aufbereitung dieser düsteren Epoche die Schweiz gekostet. Volpe und Schaerer hatten 6 TV-Folgen und 8.4 Millionen Schweizer Fränkli, um ihren Altvorderen und zugleich Millionen vernichteten Juden gerecht zu werden. Sie tun das mit Bravour! Und mit dem einzig möglichen Kunstgriff: Sie arbeiten mit Lücken. Denn anders, als es in Episode 5 von einer der Serienfiguren behauptet wird: Was wesentlich ist, bleibt unaussprechlich!

Katapult und Echokammer

Den Serientitel »Frieden« (in der englischsprachigen Version: »Labyrinth of Peace«) nutzt Volpe gleichermaßen als Katapult und Echokammer. Denn Ruhe und Friede herrscht in der Serie und in der Schweiz im Jahr 1945 nur vordergründig. Es ist alles andere als ein heilsamer Zustand der Abwesenheit von Störungen, der die Charaktere über 6 Folgen an- und umtreibt. Aus dieser Differenzierung schöpft die Autorin ein bestechendes Universum. Die ausnahmslos brillante Besetzung trägt dazu das ihre bei.

»Frieden« darf für sich in Anspruch nehmen, die erste Schweizer Serie zu sein, von der man alle sechs Folgen gleich hintereinander und ohne Pause ansehen möchte! Es ist eine Produktion, wie sie auch Netflix kaum besser hätte produzieren können.

Der Blick ins Ausland

Trotzdem: Im Unterschied zu vergleichbaren Serienproduktionen aus dem deutschsprachigen Raum verkauft sich Folge 1 von »Frieden« leider unter ihrem Wert:

An Ende der ersten Episode bestehen, gerade für jüngere Zuschauergruppen, nur wenig gute Gründe, sich die nächste Folge ansehen zu wollen. Ihren wahren Sog vermag die Serie denn auch erst nach und nach zu entwickeln. Das ist schade, und kostet möglicherweise gerade im Ausland viele Zuschauer.

Wenig einfallsreich im Vergleich zu ausländischen Serien ist auch die Art, wie am Ende der Folgen jeweils voraus- und zurückgeblickt wird. Die applizierte Machart dieser Previews und Recaps erinnert an eine Dokusoap. Ähnlich schmerzhaft ist nur – möglicherweise aus budgetären Gründen – die mit den fortschreitenden Folgen zunehmend lieblose Orchestrierung. Hier verpasst die Serie eine Chance und verschenkt unverständlicherweise Potenzial. „Casa del Papel“, die bisher erfolgreichste europäische Serie, zeigt eindrücklich, was ein Serien-Soundtrack leisten kann.

Schlichtweg ärgerlich ist der ebenso dümmliche wie arrogante Entscheid, im Vorspann neben dem Serientitel das Senderlogo als integralen Teil des Seriennamens zu platzieren.

Man darf als staatliches Schweizer Fernsehen SRF mit Fug und Recht stolz auf diese Serie sein! Aber etwas mehr Demut und Fingerspitzengefühl hätte man von den Sendeverantwortlichen um Kulturchefin Susanne Wille und Urs Fitze, welche dieses Meisterwerk mit Steuergeldern möglich gemacht aber nicht gemacht haben, dann doch erwartet. »Frieden« ist ein klug gewählter Titel. Aber dieses Wort als Marke vereinnahmen zu wollen, ist taktlos. Während der Zweite Weltkrieg in Europa wütete, verdankte die kleine Schweiz den Frieden im eigenen Land schließlich weniger dem eigenen Zutun, als einzig glücklichen Umständen außerhalb ihres Einflussbereiches.

Dennoch: Man kann und will nicht anders, als bei dieser überragenden Serie erwartungsfroh auf eine nächste Staffel zu hoffen!

Zachery Z.
Über Zachery Z. 30 Artikel
Zachery Zelluloid war in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

2 Kommentare

  1. Der Film ist zu gut und zu schön, um nur für Schweizer zugänglich zu sein. Hoffentlich gibt es Voiceovers auch in andere Sprachen!

  2. Liebe filmpuls.info, Ihr habt in fast allem recht, aber gut gemachte Spielfilme und Serien gibt es schon lange aus der Schweiz, einfach nicht auf Deutsch, sondern auf Französisch. Die Schweiz ist ein viersprachiges Land und produziert schon länger mit Akteuren aus Belgien äußerst hochkarätige Inhalte. Die DEUTSCHE Schweiz hinkt hinterher, aber holt auf. Und: Frieden gibt es auch auf Französisch, ARTE ist mit im Boot.

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