TV-Landschaft im Wandel – Ein Blick auf die letzten Jahrzehnte

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Die Programmgestaltung der hiesigen Fernsehsender hat sich vor allem durch das Aufkommen der Streamingdienste in den letzten Jahren stark verändert. Das Angebot der Konkurrenz ist größer denn je und die Sehgewohnheiten der (überwiegend jungen) Zuschauer*Innen zeigen, dass diese immer mehr das non-lineare Programm präferieren. Dadurch sehen sich die traditionellen Sendeanstalten gefährdet und müssen sich in gewisser Weise neu erfinden, um mithalten zu können.

Die vielen unterschiedlichen Faktoren wie zum Beispiel technische Innovationen, veränderte Sehgewohnheiten, Wirtschaftlichkeit oder schlicht und einfach gewisse Trends tragen alle dazu bei, dass sich das TV-Programm stetig verändert. Natürlich muss dabei auch zwischen den öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten (ARD, ZDF, WDR usw.), den Privaten (RTL, ProSieben usw.) und Pay-TV (Sky, DAZN usw.) unterschieden werden.

Unkompliziert betrachtet zählen Streaming Anbieter wie Netflix, Disney+ oder Amazon Prime Video auch zur letzteren Kategorie. Im Folgenden begeben wir uns auf eine Reise durch die Historie des deutschen Fernsehens. Sie ist in nahezu allen Aspekten beispielhaft auch für die Entwicklung in anderen Ländern.

Bescheidene Anfänge

Das Flimmern der TV-Geräte nahm vor über 80 Jahren seinen Anfang. Im Jahre 1935 startete in Deutschland der weltweit erste Sender unter dem Namen „Sender Paul Nipkow“. Benannt war dieser nach einem deutschen Pionier der Fernsehtechnik. Damals trafen sich oft noch Menschen in Gruppen von ungefähr 20 Leuten in sogenannten Fernsehstuben, um die Sendung an drei Abenden in der Woche auf einem Bildschirm zu bestaunen. Dieser war im Vergleich zu den gängigen Exemplaren heutzutage sehr winzig, kleiner als ein typisches Laptop Display.

Start-Fernsehen-Deutschland
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Geboten wurden kurze Theaterstücke, Filme und diverse Showeinlagen wie zum Beispiel Zauberer. In der Regel war dann auch schon nach zwei Stunden Schluss. Aufgrund der begrenzten Infrastruktur der Kabelübertragung war die Ausstrahlung den Bürgern Berlins vorbehalten. Im späteren Verlauf kamen dann auch die Hamburger in den Genuss.

Fernsehen wird sich nicht durchsetzen. Die Menschen werden sehr bald müde sein, jeden Abend auf eine Sperrholzkiste zu starren.
Darryl F. Zanuck

Filmproduzent, 1946

So richtig wertgeschätzt wurde das Programm allerdings nicht. Im Vergleich zum deutlich beliebteren Kino fristeten die Fernsehstuben eher ein Nischendasein. Einzig und allein die Ausstrahlungen der Olympischen Spiele im Jahre 1936 waren ein richtiger Publikumsmagnet. Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs wurde der Sender dann eingestellt, da die genutzten Frequenzen anderweitig benötigt wurden. Lediglich zur Truppenunterhaltung wurde gelegentlich gesendet.  Nichtsdestotrotz legten die regelmäßigen Übertragungen einen bedeutsamen Grundstein für die Entwicklung der zukünftigen Medienlandschaft.

Die Öffentlich-Rechtlichen kommen ins Spiel

Mit der Teilung Deutschlands in Ost und West bildeten sich auch unterschiedliche TV-Angebote. In der DDR war dies der Deutsche Fernsehfunk (DFF) und in der BRD das Deutsche Fernsehen (heute bekannt als Das Erste) des Rundfunkverbundes ARD. Im Laufe der Zeit kamen das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) und die verschiedenen regionalen dritten Programme wie zum Beispiel Westdeutscher- (WDR), Bayrischer- (BR) oder Norddeutscher (NDR) Rundfunk hinzu.

ARD-Hauptstadtstudio-Gründerjahre-TV
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Die Programmgestaltung von Ost und West wies in gewisser Hinsicht einige Gemeinsamkeiten auf:

  • BRD: Tagesschau, Sendung mit der Maus, Tatort
  • DDR: Aktuelle Kamera, Sandmännchen, Polizeiruf

Diese drei Beispiele beschreiben die Kernfunktionen der Öffentlich-Rechtlichen ziemlich treffend. Nachrichten erfüllen den Zweck die Zuschauer*Innen zu informieren und auf dem Laufenden zu halten. Sendungen für Kinder sollen unterhalten, aber auch bilden. Unterhaltung für Erwachsene gibt es mit dem Tatort bis heute und so hat sich mit dem Krimi schnell ein beliebtes Genre des deutschen Publikums herauskristallisiert. Seit etwas mehr als 50 Jahren fiebert man hierzulande jeden Sonntag zur besten Sendezeit mit. Oft sogar beim Public Viewing in geselliger Runde. Dies ist ein seltenes Phänomen, das bis jetzt generationsübergreifend stattfindet und immer noch anhält.

Fernsehen ist für unsere Kultur fast so wichtig geworden wie die Erfindung des Buchdrucks.
Carl Sandburg

Journalist und Historiker, 1962

Am 18. März 1973 startete im WDR „Je später der Abend“. Als erste richtige deutsche Talkshow versuchte man die Zuschauer*Innen nach amerikanischem Vorbild mit unterhaltsamen Gesprächen zwischen Moderator Dietmar Schönherr und wechselnden geladenen Gästen bei Laune zu halten. Mit Erfolg. Bekannteste Prominente ihrer Zeit wie zum Beispiel Romy Schneider oder Klaus Kinski schauten vorbei und das Konzept der offenen Gesprächsrunde ebnete den Weg für viele Nachfolger. Je nach Sendung und Gästen liegt da vielleicht der thematische Schwerpunkt anders, doch im Kern sind sie immer noch nah am Vorbild.

Fußball als Straßenfeger

Dass große Sportereignisse einen magischen Effekt auf Zuschauer*Innen haben können, zeigte sich schon in den frühen Jahren der Fernsehtechnik. Natürlich zogen auch spätere Olympia Turniere ein breites Publikum vor die Schirme. Dies hatte zur Folge, dass der Sonntag im Fernsehen oftmals zum größten Teil von Sportübertragungen bestimmt wurde. Zu Beginn probierte man sich noch aus und zeigte auch Nischensportarten wie die deutsche Meisterschaft im Seifenkistenrennen. Man war sich eben noch nicht so im Klaren welche Sportarten als besonders fernsehtauglich gelten.

Ziemlich schnell offensichtlich war jedoch, dass die sportbegeisterten Fans die Übertragungen des Fußballs lieben. Nicht verwunderlich, wenn es sich um die beliebteste Sportart der Deutschen handelt. Während der Fußballweltmeisterschaft in der Schweiz im Jahre 1954 vergrößerte sich die Zahl der angemeldeten Fernsehgeräte in Deutschland um ein Achtfaches. Die Euphorie, als die Nationalmannschaft den Titel errungen hat, trug bestimmt einen nicht unwesentlichen Teil dazu bei.

Fussball-im-TV-Fernsehgeschichte
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Das große Publikumsinteresse an dem Sport sorgte dafür, dass die Öffentlich-Rechtlichen einen Großteil der Liga- und alle Nationalspiele sendeten. Auch als die privaten und Pay-TV Sender auf den Markt drängten, konnten sich die gebührenfinanzierten ARD und ZDF noch lange Zeit die meisten Ausstrahlungsrechte sichern. In den letzten Jahren gibt es jedoch immer größer werdende Veränderungen auf diesem Gebiet.

Die Privaten und Pay-TV erweitern das Angebot

Als sich Mitte der 80er die Gesetzeslage ändert, ist es auf einmal auch privaten Anbietern möglich einen Sender auf die Beine zu stellen. Lange dauert es nicht bis Sat1 und RTL auf den Markt drängen und um die Aufmerksamkeit der Zuschauer*Innen buhlen. Das müssen sie auch, denn im Gegensatz zur öffentlich-rechtlichen Konkurrenz können sie sich nicht auf feststehende Rundfunkgebühren verlassen. Die Neuankömmlinge am Markt mussten sich über Werbeunterbrechungen finanzieren. Mehr Zuschauer bedeuteten höhere Werbeeinnahmen.

Dies hatte zur Folge, dass man den Anspruch verhältnismäßig geringhielt, um ein möglichst breites Publikum zu erreichen. Die Einschaltquoten und der daraus resultierende Marktanteil sollten sich möglichst schnell vergrößern. So lag der Fokus im Programm überwiegend auf Unterhaltung.

Das einfallsreichste, das ARD und ZDF in den letzten Jahren eingefallen ist, war die Haushaltsabgabe.
Helmut Thoma

Geschäftsführer RTL bis 1998

Es wurden viele Serien, Spielfilme und Showformate aus den USA eingekauft, die große Erfolge im deutschen Fernsehen feierten. Im Laufe von 10 Jahren war der Sender Markt in den 90ern dann unter ARD, ZDF, RTL, Sat1, den Dritten und diversen privaten Spartenprogrammen aufgeteilt. Die Großen wagten sich auch immer mehr daran eigen Formate zu produzieren. Oftmals orientierte man sich hier an Konzepten, die schon in Übersee funktionierten. Langlebige Seifenopern, Late-Night-Shows oder Telenovelas fanden ihren Weg auf die heimischen Bildschirme.

Diese Änderungen blieben auch bei der öffentlich-rechtlichen Konkurrenz nicht unbemerkt. Das Format der großen Samstag-Unterhaltungsshow wurde immer beliebter und Wetten, dass..? gilt immer noch als eine der meistgesehenen Sendungen im deutschen Fernsehen.

Der Pay-TV Sender Premiere (heute Sky) wollte sich qualitativ von der Konkurrenz abheben: Filme und Serien vor Free-TV Start ohne Werbeunterbrechung und exklusive Sportereignisse. Dafür mussten interessierte Zuschauer*Innen aber auch einen monatlichen Beitrag und den Erwerb eines zusätzlichen Empfängers in Kauf nehmen. Dieses exklusive Angebot ebnete wahrscheinlich aber auch den Weg für die heutigen Streaming-Dienste.

Individueller Programmplan auf Knopfdruck mit den Streamingdiensten

Man könnte es fast schon als neue Ära oder eine Revolution der visuellen Medien betiteln. Diverse Streaming Anbieter wie Netflix, Amazon Prime Video oder Disney+ machen nicht nur dem linearen Fernsehen, sondern mittlerweile auch dem Kino Konkurrenz. Das Konsumverhalten der Zuschauer*Innen hat sich in den letzten Jahren extrem verändert.

Schauen Sie Fernsehen? Oder Netflix?
Reed Hastings

Geschäftsführer Netflix

Vorbei sind die Zeiten, in denen man zu einer bestimmten Zeit vor dem TV-Bildschirm sitzen musste, wenn man die neuste Episode der Lieblingsserie nicht verpassen wollte. Das Publikum weiß es wertzuschätzen, wenn es das Tempo beim Serien- oder Film schauen selbst vorgeben kann. Das Konzept der großen Anbieter aus Übersee macht Schule und mittlerweile bietet fast jeder TV-Sender auch eine Mediathek zum non-linearen Schauen an.

Streamingdienst-Netflix
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ProSiebenSat1 und RTL schicken mit JOYN beziehungsweise RTL NOW sogar eigene Streaming Pendants ins Rennen. Angesichts der langen Zeit geschlossenen Kinos entschied sich Warner Bros sogar dazu, neue Kinofilme direkt auch als Streamingangebot zur Verfügung zu stellen. Der Markt bleibt also stets umkämpft und man kann nur gespannt sein, was die Zukunft für uns bereithält.

Quellangabe Zitate: Darryl F. Zanuck: The Daily Telegraph, 1946; Carl Sandburg: Quotemaster.com; Helmut Thoma: 20. März 2013, DWDL.de; Reed Hastings: WirtschaftsWoche, 16. September 2014

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1 Kommentar

  1. Oh ja, an leergefegte Straßen wegen Fußball kann ich mich auch noch erinnern. Auch ich schaue heute kein Fernsehen mehr, habe gar keinen mehr, liebe jedoch gute Filme. Und diese schaue ich mir in Kinos und auf meinem Computer an.

    Ich persönlich fände es schade, wenn die Kinos aussterben (was ja schon teilweise passiert). Die Atmosphäre in einem Kino ist immer besonders. Vor allem, wenn es sich um ein kleines Kino handelt, die auch meistens Filme, die nicht unbedingt Mainstream sind, zeigen.

    Aber Filme werden wir wohl immer schauen, denn die Menschen haben schon immer gute Geschichten geliebt und auch erzählt.

    Danke für den tollen Artikel!

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