«They Shall Not Grow Old»: Wenn vor 100 Jahren plötzlich heute ist

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Standbild aus« They Shall Not Grow Old» | © Foto: WingNut Films

Großes Kino muss die Zuschauer bewegen. «They Shall Not Grow Old» von Herr der Ringe-Regisseur Peter Jackson zeigt, dass dies auch mit einem Dokumentarfilm möglich ist.

Kannst du dich erinnern, wann du das erste Mal Farbe gesehen hast? So richtig bewusst? Und so bunt, dass es schmerzt?

Die Welt der schwarz-weißen Filmaufnahmen zu verlassen, dieses Erlebnis ist in «They Shall Not Grow Old» (sinngemäß übersetzt ins Deutsche: «Alt werden sie dabei nicht») schockartig.

Dieser äußerst ungewöhnliche Dokumentarfilm demonstriert, wie eng Farbe (und Ton) mit unserem Realitätsempfinden verbunden sind. Er demonstriert eindrücklich, warum die Erfindung des Tonfilms 1927 und des Farbfilms ab den fünfziger Jahren für das Kino bahnbrechende Meilensteine waren. Und wie stark Farbe, Ton und Emotion ineinander greifen.

«They Shall Not Grow Old» (2019) von Peter Jackson

9.3
Einzigartigkeit 10.0
Spannung 8.0
Digitale Nachbearbeitung 9.9
Schnitt 9.3
Umsetzung 9.1

10 Punkte = Maximum; Bewertung durch die Filmpuls-Redaktion

They Shall Not Grow Old

They Shall Not Grow Old besteht ausschließlich aus einer Auswahl aus 600 Stunden originalen Filmaufnahmen der Jahre 1914–1918. Sie wurden dem Regisseur Peter Jackson (bekannt unter anderem für seine Verfilmung des Mittelerde-Epos «Herr der Ringe») vom Imperial War Museum zur Verfügung gestellt.

Jackson, ein Neuseeländer mit Jahrgang 1961, hat sich ausschließlich auf Sequenzen beschränkt, welche junge australische und neuseeländische Soldaten unter der Flagge des britischen Empire auf den Weg vom Zivilist zum Soldat an der europäischen Westfront des Ersten Weltkriegs begleiten.

Der Clou dabei: die schwarz-weiß Bilder wurden mit modernster digitaler Technologie in Farbaufnahmen verwandelt.

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Vor und nach der digitalen Rekonstruktion | © Foto: WingNut Films

Verrecken im knietiefen Schlamm

They Shall Not Grow Old zerstört die üblichen Klischees. Der Dokumentarfilm zeigt alles: die kleinen Momente der Freude, wenn Zigaretten verteilt werden, ebenso wie das – man kann es nicht anders sagen – Verrecken der Soldaten im knietiefen, blutigen Schlamm.

Und trotzdem beginnt man beim Zuhören zu sehen und zu begreifen: Es sind die kleinen Momente, die am Ende den Wert des Lebens ausmachen. Selbst im Horror der Front des Ersten Weltkrieges.

Wenn sich 100 Jahre wie gestern anfühlen: They Shall Not Grow Old

Gänzlich mag sich der dokumentarische Film der Dramaturgie und der 3-Akte Struktur klassischer fiktionale Hollywoodfilme nicht verschließen. Kubrick war da mit seinem Anti-Kriegsfilm «Full Metal Jacket» (1987) konsequenter und verweigerte sich dem dritten Akt.

Regisseur Peter Jackson dagegen verheiratet Verantwortung mit Unterhaltung. Dies gelingt ihm, ohne je den Respekt und die Sache an sich aus den Augen zu verlieren. An der Kinokasse wurde die gekonnte Gratwanderung zwischen Betroffenheit und Voyeurismus seit dem Filmstart mit über 20 Millionen Box Office belohnt. Für eine historische Dokumentation ist das ein hervorragendes Ergebnis. Zumal der Film anlässlich des 100-jährigen Kriegsendes sogar eine Zeit lang kostenlos zu sehen war.

Jackson‘s Dokumentation beginnt mit Schwarzweißaufnahmen. Dazu hört man erstmals die Stimmen von Veteranen, die ihre Kriegserlebnisse im O-Ton schildern.

Zu diesem Zeitpunkt staunt der Zuschauer höchstens darüber, wie ungewöhnlich ruhig die Aufnahmen im Vergleich zu anderen filmischen Zeitdokumenten sind. Das liegt daran, dass die Einstellungen digital stabilisiert und hinsichtlich der Laufgeschwindigkeit dem heutigen technischen, perfekten, Standard angepasst wurden.

Das typische „Pumpen“ der Stummfilme, bedingt durch den Transport des Zelluloids Bild für Bild durch den Sperrgreifer in der Filmkamera, fehlt. Damit rücken der Klamauk von Charlie Chaplin und Buster Keaton schon von der ersten Sekunde an jahrzehnteweit im die Ferne. Mit diesem klugen Trick zwingt der Regisseur den Kinozuschauer, sich auf eine Reise ohne emotionale Vergleichswerte einzulassen. Damit wird er später seinen authentischen Bildern für immer die Harmlosigkeit nehmen.

Eine dokumentarische Reise in die Finsternis

Noch in schwarz-weiß, inhaltlich haben sich in der Off-Voice allerdings bereits erste Grautöne beigesellt, reisen wir mit den Soldaten, die eben noch Rekruten waren, an die Front. Manche sind dabei erst 16 Jahre alt. Keiner von ihnen weiß, dass bis zu 5‘000 Männer pro Tag (!) ihr Leben lassen werden.

Dann aber schlägt der Moloch Stellungskrieg in They Shall Not Grow Old auch visuell zu.

Nicht durch einen Szenewechsel oder Umschnitt. Jackson setzt auf einen nahtlosen Übergang: Das bis anhin quadratische Schwarz-Weiß-Bild zieht auf und wird farbig. Diese Farbwelt ist dermaßen unperfekt perfekt, dass man im Wissen um die Echtheit der Bilder schaudert. Männer, die vor 100 Jahren gelebt haben schauen uns direkt ins Gesicht. Nichts erinnert an die zuckersüße Buntheit, mit welcher der Klassiker «Wizard of Oz» viele Jahrzehnte zuvor beim Tanz von Judy Garland ins Märchenland die Welt erzaubert hat.

Möglich macht dies dieselbe Technik, die schon die Monster in Herr der Ringe Realität werden ließ. Die Gesichter der Soldaten in den Originalaufnahmen wurden in They Shall Not Grow Old dreidimensional digitalisiert, koloriert geschärft und auf die einzelnen Bilder gelegt.

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Noch lachen sie …| © Foto: WingNut Films

Das Resultat wirkt absolut überzeugend. Kleinste Nuancen in der Mimik, ein Zucken hinter den Augen oder das kurzatmige Paffen einer feuchten Zigarette bekommen so ihr verdientes Gewicht.

Gleichzeitig mit der Auflösung der Abstraktheit und damit der Sprengung der Zeitachse verlässt auch die Tonebene den Stummfilm.

Rekonstruiert, nicht erfunden

Der Tonfilm feierte 1927 seine Premiere, schaffte aber erst 1936 seinen globalen Durchbruch.

Für They Shall Not Grow Old erfand man nicht etwa eine Tonspur hinzu. Penibel wurden die Aufnahmen von Lippenlesern transkribiert und anschließend mit professionellen Schauspielern nachvertont.

Dasselbe gilt auch für das Sound Design. Hier wurde altes, originales, Kriegsgerät aus dem Museum gerollt und in modernster Tontechnik aufgezeichnet.

Zusammen ergibt die Komposition aus Erzählerstimmen, rekonstruierter Tonspur, und-so viel Hollywood muss dann doch sein-Soundtrack eine Tonspur, die im Kino Hand in Hand mit den Bildern kongenial direkt ins Herz fährt.

Großartige Nahaufnahme

Der Film ist dem Großvater des Regisseurs gewidmet, der selbst am Ersten Weltkrieg teilnahm. Folgerichtig erzählt der Dokumentarfilm in allererster Linie vom Kampf zwischen den Truppen des vereinigten Königreichs und ihren deutschen Gegnern.

Nüchtern betrachtet darf man den Film darum durchaus eine gewisse vereinfachende Nähe zu einem Holzschnitt zubilligen. Einzig die Farbbilder und damit die erschütternde Authentizität verhindern eine schwarz weiße Geschichtsklitterung. Damit bleibt They Shall Not Grow Old eine Nahaufnahme. Seiner Fähigkeit, das Publikum ebenso zu erschüttern wie zu berühren, tut dies keinen Abbruch. Zumal man weiß, dass Filmaufnahmen an der Front immer auch der Propaganda zu dienen haben.

Oder, um das Zitat von Machiavelli zu bemühen: hier heiligt der Zweck die Mittel.

Credits: They Shall Not Grow Old

Die Crew spiegelt das Projekt: 76 Personen kümmerten sich um die visuellen Effekte, 26 um den Ton. Umgekehrt sind die weiteren Rollen meist auf 1 bis 2 Personen beschränkt.

They Shall Not Grow Old
Filmcrew
RegiePeter Jackson
SchnittJabez Olsen
ProduzentPeter Jackson
HerkunftslandEngland, Neuseeland
Premiere2019
Filmlänge99 Minuten
OriginalspracheEnglisch

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Wer ist Volker Reimann? 13 Artikel
Mag. Volker Reimann ist TrendScout für virtuelle Realität, Games und interaktives Bewegtbild. Er ist überzeugt davon, dass bald schon über gezielte Nervenstimulation realitätsnahe Projektionen direkt in das menschliche Hirn möglich sind.

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