Gefrorene Herzen: »The Midnight Sky« mit und von George Clooney, Netflix | Filmkritik

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George Clooney als Augustine: »Wenn ich es mit dem Sterben eilig hätte, würde ich mitkommen.« | © Netflix

Diese Tage ist bei Netflix der neue Blockbuster »The Midnight Sky« gestartet. Der Spielfilm mit und von George Clooney versteht sich als großes Kino für den kleinen Bildschirm. Und trotzdem wird man das klamme Gefühl nicht los, dass sich damit Regisseur George Clooney ein Paar Schuhe angezogen hat, die ihm eine Nummer zu groß sind.

George Clooney ist ein Mann mit einer Mission. Nicht nur im richtigen Leben. Auch im Spielfilm The Midnight Sky steht einmal mehr nicht weniger als die Zukunft der Menschheit, oder von dem, was wir dafür halten, zur Disposition.

»The Midnight Sky« von und mit George Clooney

Um es gleich vorwegzunehmen, George Clooney als Regisseur setzt mit diesem Film, seiner sechsten Regiearbeit, den Filmschauspieler George Clooney zum zweiten Mal nach »Ungewöhnliche Helden« (The Monuments Men) in den Sand. Oder, passender zum Ort der Handlung: in den Tiefschnee.

© Foto: imago images / ZUMA Wire
George Clooney Netflix

George Clooney (* 1961) ist Schauspieler, Filmregisseur, Produzent und Drehbuchautor. Er ist Gewinner von drei Golden Globe Awards und zwei Academy-Awards, einen für die Rolle in Syriana (2006) und den anderen für die Co-Produktion von Argo (2012). 2018 wurde er mit dem AFI Lifetime Achievement Award ausgezeichnet. Clooney wurde bisher in sechs verschiedenen Kategorien für Oscars nominiert, ein Rekord, den er mit Walt Disney teilt. Der Hollywood-Star ist auch für seinen politischen und wirtschaftlichen Aktivismus bekannt. Seit 2008 ist er Friedensbotschafter der Vereinten Nationen.

George Clooney debütierte als Schauspieler im Fernsehen im Jahr 1978. Breite Bekanntheit erlangte in seiner Rolle als Dr. Doug Ross in der Serie Emergemcy Room, (ER) von 1994 bis 1999, für die er zwei Primetime Emmy Award Nominierungen erhielt.

Erste Auftritte im Kino hatte George Clooney in From Dusk till Dawn (1996) und mit Out of Sight (1998). 1999 übernahm er die Hauptrolle in Three Kings, einer Kriegssatire. 2001 war das Jahr seines größten kommerziellen Erfolges mit der Neuverfilmung von Ocean’s Eleven, einer Trilogie mit Clooney in der Hauptrolle.

2002 führte er erstmals selbst Regie bei der Spionagekomödie Confessions of a Dangerous Mind. Seither folgte das historische Drama Good Night, and Good Luck (2005), Leatherheads (2008), The Ides of March (2011) und The Monuments Men (2014).

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Wäre der Hauptdarsteller nicht selbst als Regisseur hinter der Kamera gestanden, man müsste mit ihm Mitleid haben. Man fragt sich als Zuschauer denn auch, ob Hauptdarsteller Clooney in diesem Film nur darum so oft vielsagend schweigt, weil auch der Regisseur nichts zu sagen, oder zu erzählen, hatte.

Mehr als George Clooney in The Midnight Sky schweigt nur noch das kleine Mädchen an seiner Seite. Warum, auch das bleibt ein Geheimnis des Regisseurs. So wie das Motiv der kleinen Mädchen im Film überhaupt. Denn nicht nur Hauptdarsteller Clooney in der Arktis, auch die weibliche Hauptrolle, großartig verkörpert von Felicity Jones, ist parallel dazu im Weltall mit einem kleinen Mädchen unterwegs. Auch ihr Kind spricht nicht. Wenigstens ist hier klar, warum: Die schwangere Mutter trägt das Kind unter dem Herzen, statt wie Clooney auf dem Arm durch Schneestürme.

Dass die richtige Wahl einer Filmrolle für einen Hollywood-Star weitaus schwieriger ist, als man gemeinhin denkt, ist die eine Seite der Medaille. Ein Drehbuch mag gut zu lesen sein. Das macht aber noch lange keinen guten Film. Ganz besonders gilt dies dann, wenn eine Geschichte auf einer bekannten Romanvorlage beruht. Bei solchen Verfilmungen trägt der Regisseur eine ganz besondere Verantwortung.

Die andere Seite der Medaille: Bei The Midnight Sky von Netflix heißt der Filmemacher George Clooney. Der Mann ist ein alter Hase. Er muss darum wissen, was viele Außenstehende nur ahnen: Wer bei einem Spielfilm Regie führt, ist von A bis Z für die Story verantwortlich – und damit auch für das Drehbuch. Der Autor, so hart das klingt, ist ein Erfüllungsgehilfe des Regisseurs. Einrichten eines Drehbuchs zum Dreh ist eine beschönigende Formulierung für: Umschreiben, umschreiben und nochmals umschreiben. Weil im Filmgeschäft und ganz besonders für Drehbücher gilt: Aus Dreck kannst du keinen wohlschmeckenden Kuchen backen! Zuckerguss und ein blendend aussehender Bäcker können diese Prämisse nicht außer Kraft setzen. Da gibt es kein Pardon.

»The Midnight Sky« – ein Grundlagenirrtum?

Trotzdem unterliegen George Clooney und Netflix mit diesem Film einem kolossalen Grundlagenirrtum. The Midnight Sky will als Spielfilm zeigen, was noch niemand gesehen hat. Ein Blockbuster für das große Kino darf, er muss sogar beim Genre Science Fiction dieses Ziel verfolgen. Clooney allerdings legt The Midnight Sky als Oscar-Empfehlung für den Star George Clooney an, als verfilmtes Bühnentheater für ein hochkarätiges Ensemble. Diesen Entscheid kann man treffen. Dann aber muss es darum gehen, zu denken, was noch niemand gedacht hat über das, was alle sehen!

Ich war mir ehrlich gesagt nicht sicher, ob mir diese beiden Jobs, sowohl Schauspieler als auch als Regisseur, wirklich gelingen würden.
George Clooney

Ein weiterer Stolperstein bei The Midnight Sky ist die Strategie, die Botschaft dem Zuschauer in Form von Parallelhandlungen ans Herz zu legen. Einerseits geht es um den krebskranken Forscher Augustine (George Clooney) der einen angedachten, aber unbestimmten Weltuntergang miterlebt. Andererseits um ein Raumschiff im Anflug auf die von einer globalen Katastrophe betroffenen Erde, dessen Besatzung nicht erahnen kann, dass die Landung auf dem Heimatplaneten für sie tödlich ist.

Zwei Geschichten gleichzeitig in einem Film zu erzählen ist schwieriger, als man denkt. Filmstudenten scheitern daran ebenso regelmäßig wie gestandene Drehbuchautoren.

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Schweigend ins Gespräch vertieft: Augustine (George Clooney) und Iris (Caoilinn Springall) | © Netflix

Damit eine Parallelhandlung wie bei The Midnight Sky funktioniert, sind drei Faktoren ganz besonders wichtig: Erstens muss jede Geschichte für sich selbst überzeugen. Zweitens müssen beide Handlungsstränge sich zwingend gegenseitig verstärken. Und, das ist Handwerk und zugleich die größte Schwierigkeit, der Zeitpunkt des Wechsels zwischen den beiden Handlungslinien ist überaus entscheidend.

George Clooney als Regisseur

George Clooney als Regisseur scheitert mit The Midnight Sky bei zwei dieser drei Vorgaben. Sein neuester Film besteht aus Bausteinen, die schon für sich allein zu schwachbrüstig sind, um zu überzeugen. Zugleich erwecken die Wechsel zwischen den Szenen konstant den Eindruck, dass sie die Schwächen der Handlung kaschieren sollen.

The Midnight Sky
CAST
AugustineGeorge Clooney
SullyFelicity Jones
AdewoleDavid Oyelowo
IrisCaoilinn Springall
MitchellKyle Chandler
SanchezDemián Bichir
u.v.a.
CREW
RegieGeorge Clooney
DrehbuchMark L. Smith
DoP Martin Ruhe
MusikAlexandre Desplat
Editor Stephen Mirrione
ProduzentGreg Baxter, George Clooney
LandUSA
PremiereNetflix
Folgen118 min
SpracheEnglisch (Original)

Dort, wo in einem klassischen Blockbuster auf dem Höhepunkt des dramaturgischen Bogens innerhalb der Story mit einer Parallelhandlung nochmals Spannung aufgebaut wird, erzählt George Clooney seine Geschichte unbekümmert weiter in die Belanglosigkeit hinein. Er schaut dabei als Regisseur weder nach links, noch nach rechts. Das Resultat ist größtenteils leider ein Film, der für Netflix überraschend stark gelangweilt.

Die eindrückliche visuelle Gestaltung des deutschen Kameramanns Martin Ruhe kann trotz einer hochästhetischen Umsetzung der blutleeren und letztlich wenig inspirierten Umsetzung von Regisseur George Clooney nichts entgegensetzen. So muss man bei The Midnight Sky mit Lichtenberg ernüchtert einmal mehr in diesem mageren Kinojahr feststellen: Wo ein Affe in den Spiegel blickt, schaut kein Philosoph aus dem Spiegel zurück.

Das Scheitern von The Midnight Sky mit und von George Clooney ist ärgerlich. Und unnötig noch dazu! In der Ausgangslage des Films sind alle Zutaten vorhanden, die ein überzeugender Spielfilm in diesem Genre benötigt: Die Handlungsoptionen der Charaktere sind limitiert und verengen sich im Verlauf der Geschichte weiter. Zudem besteht ein hoher Zeitdruck für die Charaktere, um eine Lösung auf eine tödliche Gefahr zu finden.

Mit The Midnight Sky verpuffen wegen einer verfehlten Regiewahl dem Vernehmen nach rund 100 Millionen Budget in pseudo-intellektueller Bedeutungslosigkeit, gemeinsam mit der Leistung einer ganzen Riege großartiger Schauspieler. Dieser Film ist tragischerweise ein kalter Furz, der es nicht einmal schafft, ein klein wenig zu stinken. Seiner Karriere als Regisseur tut George Clooney damit keinen Gefallen. Seinen Fans und den Abonnenten von Netflix auch nicht.

Quelle Zitat: Presseinterview, 9. Dezember 2020

Zachery Z.
Über Zachery Z. 37 Artikel
Zachery Zelluloid war in der Unterhaltungsindustrie tätig. Er schreibt unter Pseudonym, weil er weder vertraglichen Schweigepflichten verletzen, noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern oder Freunde brüskieren will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

1 Kommentar

  1. Ich teile ihre Kritik zu dem Film Midnight Sky ganz und gar nicht, da für einen Film nicht nur entscheidend ist, ob er handwerklich in allen wichtigen Komponenten einwandfrei hergestellt wurde, sondern vielmehr, ob man sich gut unterhalten gefühlt hat und/oder berührt gefühlt hat. Dies konnte ich nach dem Film absolut bestätigen. Beim Lesen ihrer Kritik wirkt es so als ob sie den Film eher seziert hätten als auf sich wirken lassen. Dies ist aus meiner Sicht der Grund, warum Filmkritiken leider sehr häufig keine große Hilfe für den Zuschauer sind. Ich empfehle sich auch mal wieder unbefangen einen Film anzusehen, anstatt schon bei der Eröffnungsszene mit Skalpell bereitzustehen, um die Nummer komplett in ihre Einzelteile zu zerlegen. Herzliche Grüsse, Neo

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