Wo der Teufel zuhause ist: Se7en mit Brad Pitt, Gwyneth Paltrow und Morgan Freeman

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Filmposter «Se7en» (Seven) 1995 | © Poster IMDB

Es gibt Filme die werden alt. Andere Filme bleiben jung. Se7en gehört in letztere Kategorie. Es ist Zeit, diesen gut gealterten Klassiker neu zu entdecken!

Zugegeben, Brad Pitt sieht in diesem Spielfilm aus wie ein Straßenkater. Und so spielt er auch. Und von Morgan Freeman kann man, anders als bei Pitt, schwerlich behaupten, dass er mit dem Alter an Attraktivität gewonnen hat. Unverändert schön geblieben seit 1995 ist einzig Gwyneth Paltrow. Wie immer frisch aus dem Ei gepellt, wirkt sie so zerbrechlich wie später nie mehr.

Aber spätestens in dem Moment, als Freeman, ein Ermittler von dem man nicht weiß, ob er seine Illusionen verloren hat oder sie nur bis zum Ende des Filmes verbirgt, im Film vor dem Einschlafen ein Metronom in Gang setzt, wird einem bewusst: Dieser Regisseur weiß haargenau, was er seinen Filmfiguren – und seinem Publikum – antut.

«Se7en» (1995) von David Fincher

9.7
Einzigartigkeit 9.9
Spannung 10.0
Darsteller 10.0
Aktualität 8.9
Umsetzung 9.8

10 Punkte = Maximum

Fincher. David Fincher

Der Mann, der den Film inszeniert hat, heißt David Fincher. Das Talent trieft ihm bei Se7en förmlich aus den Ohren. Doch der Reihe nach. Warum muss man sich diesen Film unbedingt ansehen?

Dafür gibt es fünf gute Gründe.

1. Gwyneth Paltrow als Tracy

Hitchcock hätte die erwachsene Gwyneth Paltrow geliebt. Als der Altmeister des Suspence-Thrillers 1980 starb, war Paltrow zwar erst acht Jahre alt.

Kaum erwachsen, wurde sie zum Inbegriff einer neuen Generation kühler Hollywood-Blondinen. Oder, um es mit Alfred Hitchcock in Anlehnung an Grace Kelly zu sagen: das Spiel von Gwyneth Paltrow wirkt stets so kontrolliert, dass der – vorwiegend nicht weibliche – Zuschauer gar nicht anders kann, als irgendwo tief in der Schauspielerin drin ein loderndes Höllenfeuer zu vermuten.

Sieben ist hier die Ausnahme. Die 22-jährige Paltrow war zum Zeitpunkt der Dreharbeiten mit Brad Pitt zusammen und in erster Linie als seine Freundin bekannt. Nicht aber als profilierte Charakterdarstellerin.

Video ThumbnailSe7en mit Brad Pitt, Gwyneth Paltrow und Morgan Freeman

Vielleicht half genau dies, so wie die schützende Nähe zu Superstar Brad Pitt, der jungen Schauspielerin, ohne Maske zu spielen. Nie wieder wirkte die spätere Oscarpreisträgerin auf der großen Kinoleinwand so klein und zerrissen von der Widersprüchlichkeit der menschlichen Existenz in all ihren Erscheinungsformen.

Die Figur von Gwyneth Paltrow stellt sich als einzige den ganz großen Sinnfragen. Das unterscheidet sie von der Figur von Detektiv Mills (Brad Pitt), der auch im Film ihr Lebenspartner ist und ganz genau weiß was seine Aufgabe ist und wir diese zu erledigen hat.

Video ThumbnailGwyneth Paltrow / Seven Se7en Kinofilm

Zwischen den von Pitt und Paltrow gespielten Charakteren steht Morgan Freeman. Am Ende seiner Karriere als Detektiv ist er nicht mehr sicher, ob Engel nicht manchmal auch Teufel sein können. Und umgekehrt.

2. Kevin Spacey jenseits von Gut und Böse

Man mag von Kevin Spacey halten was man will. Wer aber seine schauspielerischen Qualitäten losgelöst von der Privatperson Spacey beurteilen will, schaue sich Sieben an. Hier zeigt sich alles, was den Mann weltberühmt gemacht hat.

Dabei ist der Schauspieler in einem Großteil des Filmes gar nicht zu sehen. Spacey hat später behauptet, auf seine Nennung im Vorspann sei darum verzichtet worden, um das Publikum zu überraschen. Das ist wenig wahrscheinlich. Denn zum Zeitpunkt, als die Verträge zum Film abgeschlossen wurden, war der Schauspieler noch wenig bekannt.

Umso höher ist seine Leistung zu bewerten. Spacey schafft es, aus einer Nebenrolle eine Hauptrolle zu machen. Wie er dabei den Teufel gibt, der sich als Engel versteht, ist einzigartig und unbedingt sehenswert.

Video ThumbnailKevin Spacey Sieben Seven Filmkritik Kritik

Wer Kevin Spacey in Sieben sieht, fühlt sich immer auch ein klein wenig an eine Aussage von Matthias Hartmann erinnert. Der frühere Direktor des berühmten Burgtheaters meinte einmal in einem Interview, der Beruf des Schauspielers müsse zu einem gewissen Grad immer auch als Krankheitsbild verstanden werden! Anders sei künstlerische Brillanz gar nicht möglich.

3. Der Dreh im Drehbuch

Kein Spitzensportler gewinnt die Olympiade nur mit Talent, Training und Willen. Was beim Sport das Skelett und die Muskeln, ist beim Spielfilm das Drehbuch.

Ein Regisseur kann sich immer nur soweit verwirklichen, wie ihm das die Geschichte erlaubt. Regisseur David Fincher startete nicht gerade mit Vorschusslorbeeren in das Projekt „Sieben“. Zuvor hatte er mit „Alien 3“ eine dritte, wenig originelle Fortsetzung des Science-Fiction Klassikers geliefert, bei der nicht die Geschichte von sich reden machte. Sondern einzig der total rasierte Kopf der Hauptdarstellerin Sigourney Weaver, die dafür vom Studio einen hohen fünfstelligen Bonus bekam.

Der Film, der seinen Titel der Zahl Sieben verdankt, rettete Fincher aus dem Karrieretief.

Zu einem großen Teil ist dies das Verdienst des Drehbuchautors Andrew Kevin Walker. Wie dieser die Geschichte strukturiert und erzählt, ist große Klasse. Regisseur Fincher war sich der Verdienste von Andrew Kevin Walker absolut bewusst. Als Dankeschön nannte er die drei Detektive in „Fight Club“, seinem nächsten Film, Andrew, Kevin und Walker.

Video ThumbnailDrehbuchautor Andrew Kevin Walker

Die Ausgangslage ist aus anderen Krimis bekannt: Ein Polizeidetektiv bekommt es mit einem Fall zu tun, hinter dem ein Serientäter steckt. Je länger, desto mehr verliert er die Kontrolle über den Lauf der Dinge. Während er versucht, sein Leben in den Griff zu kriegen wird er selbst Teil eines ebenso intelligenten wie grausam inszenierten Spiels seines Gegenspielers.

4. Der Abspann von Se7en

Dass man mit lustigen Tricks den Film Zuschauer auch während dem Abspann im Kindersitz behalten will ist nichts Neues. Ein Abspann, unterschnitten mit lustigen, weil missglückten Szenen, ist heute nahezu schon der Normalfall.

Sieben aber schafft es, auch in den letzten Film-Minuten die Welt auf den Kopf zu stellen.

Wie?

Video ThumbnailAbspann Se7en Sieben

Der Abspann läuft rückwärts und damit entgegen der gewohnten Sehrichtung. Damit erinnert der Spielfilm seine Zuschauer auch in den letzten Minuten daran, dass nichts so sein muss, wie man es erwartet und im Kino (nahezu) alles möglich ist. Damit wird der Abspann zum integralen Teil der Filmhandlung.

5. Se7en im Kopf des Zuschauers

Es gibt eine Schachtel in diesem Film. Bis wir sie zu sehen bekommen, hat der Regisseur sein Spiel mit uns so weit getrieben, dass wir als Zuschauer nicht mehr wissen, wo uns der Kopf steht.

Filmpublikum und Kritiker empörten sich 1995 öffentlich über die Szene mit der Schachtel. Brutal! Schlimm! Unvorstellbar gewalttätig! Alle Grenzen überschreitend! Naheliegenderweise ging es dabei um den Inhalt der Schachtel. Dies wohlgemerkt ein Jahr, nachdem ein ehemaliger Videothekar namens Tarantino mit Pulp Fiction die Grenzen der Gewalt im Mainstream-Kino um mindestens ein Lichtjahr verschoben hatte.

Nur: Se7en verweigert sich in seiner Schlüsselszene dem Offensichtlichen. Die Kamera, die Montage und die sich konstant steigende Handlung treiben das Spiel mit der Spannung so auf die Spitze, dass unsere Vorstellungskraft das reale Bild mit dem Kino im Kopf ergänzt. Was wir im Film sehen ist nicht das, was uns das Filmbild zeigt!

Sensible Gemüter beschwerten sich zwar über die grässliche Darstellung des Inhaltes in der Box. Alleine: die entsprechenden Bilder kommen im Film nicht vor. Sie entspringen allein der Vorstellungskraft. Was in der Box ist, bekommt der Zuschauer nie zu sehen! Sowas muss man erst mal hinkriegen!

Bonus:

Wer glaubt, Humor habe nichts in Se7en verloren, hat nicht genau hingesehen. Zugegeben: Die Szene ist schwierig zu entdecken.

In einem Close-Up von einem Zeitungsstand sind die Schlagzeilen zu den Morden zu sehen. In weiteren Artikeln auf der Titelseite der Boulevardzeitung in der Mitte stehen die Titel: „Housekeeper Held Hostage By Child’s Possessed Gerbil Three Days of Terror“ und „Neighbors Beagle scares teen cures 8-year bout with hiccups.“

Video ThumbnailZeitungsszene: Sieben

Auf gut deutsch: „Haushälterin erlebt als Geisel drei Tage Terror in den Händen eines Hamsters“ und „Beagle eines Nachbarn erschreckt Teenager und kuriert ihn damit vom achtjährigen Schluckauf!“

Am Ende

Eine interessante Geschichte gibt es zum Ende des Filmes. Denn Se7en, soviel sei hier verraten, endet komplett anders, als viele andere Filme in diesem Genre. Und nicht so, wie es im Drehbuch geplant wurde. Dem Studio war das nicht lieb. Es bestand darauf, mit einem Rennen gegen die Zeit aufzuhören, welches entweder Brad Pitt oder sein Gegenspieler Kevin Spacey gewinnen würde.

Später erklärten sowohl Brad Pitt wie auch Regisseur David Finchner, sie hätten mit Arbeitsverweigerung gedroht, wenn nicht das von ihnen während den Dreharbeiten neu erfundene Ende umgesetzt würde.

Einen Kompromiss immerhin, musste zum Missfallen von Morgan Freeman, Brad Pitt und David Fincher doch noch eingegangen werden:

In der letzten Minute des Filmes hört man die Stimme des Schauspielers aus dem Off. Er zitiert aus dem Roman Wem die Stunde schlägt von Hemingway. Doch irgendwie will das Ganze nicht mit dem vorhergehenden Film zusammenpassen.

Video ThumbnailOff-Voice von Morgan Freeman in Sieben

Der Grund dafür ist schnell erklärt.

Die Passage mit der Stimme wurde erst nach dem Schnitt auf Drängen des Studios hinzugefügt. Dies, um einen persönlicheren Abschluss zu finden. Lerne: in 90 % aller Fälle ist ein Off-Kommentar, der seltsam wirkt, nicht mehr und nicht weniger als ein Pflaster.

Se7en Minuten vor dem Ende …

Während Jahrzehnten geisterte die Behauptung durch die US-Medienlandschaft, der Getränke-Hersteller Coca-Cola würde in seinen Werbespots versteckte Botschaften platzieren. Dies in Form von Frames, die als Einzelbild eine Kaufaufforderung enthielten und wegen ihrer Länge von 1/25 Sekunde nur vom Unterbewusstsein des Zuschauers wahrgenommen würden.

David Fincher – das lässt sich mit jeder Schnittsoftware, welche Einzelbilder ansteuern kann überprüfen – tut in Se7en dasselbe! Exakt sieben Minuten vor Filmende hat er einen einzelnen Frame eingefügt, der – natürlich! – den Inhalt der berühmten Schachtel für 1/24 Sekunde zeigt. Nicht mehr. Nicht weniger.

Credits

Sieben stellt letztlich mit fast schon biblischer Wucht die Frage, ob Böses mit Gutem bekämpft werden kann und wie man vor dem Hintergrund dieses Dilemmas die eigenen Grenzen moralisch richtig setzt

Mehr kann ein Kinofilm nicht sein. Oder wollen.

SE7EN
Filmcrew
RegieDavid Fincher
DrehbuchAndrew Kevin Walker
KameraDarius Khondji
MusikHoward Shore
ProduzentPhyllis Carlyle
HerkunftslandUSA
Premiere1995
Filmlänge127 Minuten
OriginalspracheEnglisch
Darsteller
SomersetMorgan Freeman
MillsBrad Pitt
TracyGwyneth Paltrow

Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls online magazin logo

Wer ist Carlo P. Olsson? 36 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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