Kameratest PXW-Z90 von Sony: Der Wolf im Schafspelz

Der große Praxis-Test

Kamera Test PXW Z90 Sony
Kamera Test PXW Z90 Sony | © Foto: Sony

Profis erkennt man sofort. Für die PXW-Z90 von Sony gilt das nicht. Die 4K Kamera für Profis entpuppt sich erst auf den zweiten Blick als das, was sie ist: ein Wolf im Schafspelz. Im Praxis-Test verbindet die Videokamera ihr Können mit Unauffälligkeit – für Filmemacher mit einer Mission ein oftmals nicht zu unterschätzender Vorteil.

Bei unserem Test von Sony’s PXW-Z90 haben wir immer auch das größere Ganze im Auge behalten: Wir haben uns nicht nur gefragt, was die Kamera besonders gut kann, sondern auch, in welchen Situationen dieses Können einen Film oder Video auch wirklich besser macht. Wo sich daraus die Notwendigkeit ergibt, tauchen wir auch etwas tiefer in die Kamera- und Videotechnik.

PXW-Z90 von Sony im Test

Bevor es in die Details und Erläuterungen geht, hier unsere Bewertung:

Sony PXW-Z90

ca. €2900
Sony PXW-Z90
8

Eignung für Dokumentarfilm

9.0 /10

Eignung für Reportagen

9.8 /10

Eignung für Broadcast

7.5 /10

Eignung für Spielfilm

5.5 /10

Eignung für Imagefilm

8.0 /10

Überzeugend gelöst

  • Extrem guter Autofokus
  • Totale Netzwerkfähigkeit
  • liefert Broadcast-Qualität in 4K
  • 2 XLR-Eingänge für Mikros
  • breite Auswahl an Anschlüssen

Weniger gut gelöst

  • manuelles Fokussieren
  • nur internes Akku-Ladegerät
  • Full-HD ja, echtes 4K-HDR nein
  • Werkseinstellungen zur Nachschärfung
  • Etwas Bildrauschen bei schwierigem Licht

Die PXW-Z90 wurde von den Redaktionsmitgliedern während fünf Arbeitstagen in unterschiedlichen Situationen und für unterschiedliche Aufgaben getestet. Dies sowohl bei von Natur aus für eine Kamera wohlwollenden Lichtsituationen, aber auch bei anspruchsvollen Lichtverhältnissen.

Dokumentarfilme mit 4K-Broadcast-Qualität

Wer eine professionelle Kamera für Dokumentarfilme sucht, deren Größe niemanden Angst bereitet, liegt mit der PXW-Z90 richtig. Denn die Kamera passt selbst mit etwas Zubehör mühelos in das Fluggepäck und reist auch ohne Aufzufallen in der Flugzeugkabine mit. Der etwas mehr als handflächengroße Recorder geht bei Laien mühelos als Amateurgerät durch. Für Dokumentationen in Krisenregionen ein großer Vorteil. Das gilt ganz besonders dann, wenn der mitgelieferte, im Kaufpreis inbegriffene XLR-Griff von der Kamera abgenommen wird.

Umgekehrt lässt sich der robuste Griff, der auch mit größeren Männerhänden kann, mit den XLR-Audioanschlüssen ruckzuck mit wenigen Handgriffen an der Kamera montieren. Im Griff enthalten sind auf der Oberseite eine kleine Zoomwippe (zusätzlich zur echten Wippe am Recorder), ein zusätzlicher Record-Button und natürlich alle notwendigen Regler zur manuellen Aussteuerung des Tons.

Auch wenn die PXW-Z90 ohne XLR-Griff harmlos und unschuldig aussehen mag: die Kamera bietet 4K-Broadcast-Qualität. Dazu zeichnet die Kamera intern mit 10 Bit/4:2:2 mit der Videokompression XAVC auf, die auf dem H.264 / MPEG-4 AVC Standard basiert. Die Aufzeichnung kann bis zu 60p erhöht werden, solange maximal 50  MBit/Sekunde nicht überschritten werden.

Zur verlässlichen 4K-Schärfekontrolle benötigt die Kamera in unserem Test allerdings einen Monitor, der über HDMI mit der Kamera verbunden wird. Nur dann ist die Kontrolle der vollen 4K-Bildausgabe möglich. Die ebenfalls vorhandene SDI-Schnittstelle liefert nur 3G respektive 1080p/HD. Schade, zeigt der Display der Kamera während Aufnahme kombiniert mit der HDMI-Ausgabe in 4K kein Bild mehr. Dafür ist der HDMI-Stecker auf 165 MPixel/s ausgelegt und mit Typ A für den professionellen Dauereinsatz angelegt.

Außerhalb von 4K lässt sich mit dem mitgelieferten OLED-Sucher oder mit dem Display gut arbeiten. Der Sucher besitzt 2.35 Millionen Bildpunkte, der Display mit LCD-Touch und einer Diagonalen von 3.5 Zoll (knapp 9 cm) 1.55 Millionen Bildpunkte.

Run’ n Gun-Camcorder für Reportagen

Die PXW-Z90 von Sony kann man mit gutem Gewissen auch als «Run‘ n Gun»-Camcorder für Reportagen beschreiben. Wo immer etwas passiert, was TV-Zuschauer oder YouTuber interessiert: mit dieser Kamera kann man auch mühelos auf einen Baum klettern oder absolut unauffällig in ein Bürogebäude spazieren.

In den meisten Situationen wird man allerdings nicht nur mit der Kamera alleine unterwegs sein wollen. Um für jeden Fall gerüstet zu sein, bieten sich für Videoreportagen als Zubehör nebst der PXW-Z90 an:

  • ein Richtmikro
  • Funkstrecke
  • Preamp Audio Mixer Kit
  • Stativkopf und Stativ (wer es sich wünschen kann: Carbon Tripod und Carbon Monopod)
  • LED-Panels

Zwingend für Profis dazu gehören selbstverständlich (nebst Laptop) eine zusätzliche mobile Festplatte zur Datensicherung, Ersatzakus, Speicherkarten und weiterer Zubehör wie Kabel und Speicherlesegeräte.

Etwas gewöhnungsbedürftig mag im Vergleich zu anderen Kameras das Fehlen eines prominenten Schalters zum Ein-/Ausstellen der Kamera sein. Aber gerade für den diskreten Einsatz der Kamera ist die angebotene Lösung in unseren Augen ebenso smart wie intuitiv: entweder klappt man das Display ein oder aus und aktiviert damit die Kamera oder man zieht den OLED-Sucher sachte nach hinten in eine zweite Arretierung.

Als dritte Option existiert ein kleiner Knopf an der Kamera, der nur bei ausgeklappten Display sichtbar wird. Nur die dritte Option ist dieser Knopf für uns darum, weil er direkt über dem Knopf für den Weißabgleich liegt. Dem ungeübten Nutzer kann es passieren, dass damit, statt den Weißabgleich zu aktivieren, die Kamera ausschaltet.

Professioneller Netzwerker

Punkten kann die PXW-Z90 im Bereich TV / Broadcast in unserem Test auch damit, dass die Kamera einen 3G-SDI-Anschluss vorweisen kann. Videodaten lassen sich unkomprimiert und unverschlüsselt übertragen. Die Kamera kann so direkt an einen  Ü-Wagen oder in eine bestehende Studio-Infrastruktur «eingestöpselt» werden. Einziger Wermutstropfen: dieser Anschluss ist nicht 4K-fähig. Auch die von ENG- und Broadcast-Kameras bekannte Zebra-Funktionen zur Belichtungskontrolle (bei der PXW-Z90 mit variablem Clipping-Punkt) und ein Histogramm zur Messung der Häufigkeitsverteilung der Helligkeitswerte fehlen nicht.

Es geht aber auch einfacher und ohne TV-Studio oder TV-Sendetechnik in der Nähe. Über einen Kabelanschluss, für den ein USB-Adapterkabel und ein Netzwerkadapter-Kit gekauft werden muss, kann die Kamera ihre Aufnahmen direkt ins Web streamen oder über FTP übertragen.

Für viele Filmemacher und für noch mehr Kameramänner ist der Autofokus ein Kind des Teufels. Die PXW-Z90 beweist im Test, dass man hier differenzieren muss. Der angebotene Hybrid-Autofokus hat es in sich. Er arbeitet mit Gesichtserkennung und macht es Videojournalisten (VJ) oder Vlogger möglich, sich vor der (auf einem Stativ positionierten Kamera) frei im Raum zu bewegen. Dazu misst die Kamera 273 Referenzpunkte.

Weiter prädestiniert für Anwendungen im Bereich Broadcast, besonders für Live-Anwendungen, ist die  PXW-Z90 durch ihre Netzwerkfunktionen. Dazu gehören nicht nur FTP, sondern auch das QoS-Streaming (QoS = Quality of Service) und WLAN-Fähigkeit mit 5 GHz.

VorschaubildKameratest PXW-Z90 von Sony: Der Wolf im Schafspelz

Wie bei jeder professionellen Kamera lassen sich die Werkseinstellungen weitgehend den eigenen Bedürfnissen anpassen. Empfehlenswert oder je nach Aufgabenstellung sogar notwendig, ist dies insbesondere für die Voreinstellung der kamerainternen Nachschärfung der Bilder, die, abhängig von der Schulung des Auges der Tester, als deutlich grenzwertig wahrgenommen wird.

Erfordert die technische Schnittstelle zum Sender eine Aufzeichnung im Standard MPEG HD422 oder MPEG HD420, ist die PXW-Z90 auch dazu in der Lage. Allerdings muss dazu eine zusätzliche Software-Lizenz für das Update der Firmware nachgekauft werden.

4K-HDR und großes Kino

Für 4K-Aufnahmen zeichnet die Kamera pro Sekunden jeweils 24–30 Bilder pro Sekunde auf. Dies mit 8 Bit/4:2:0 und maximal 100 Mbit/Sekunde. Wenn man 4K-HDR mit 10 Bit und 50/60fps definiert, sind nach dieser Definiton mit der PXW-Z90 echte 4K-HDR Aufnahmen unmöglich. Für die Kinoleinwand kann das ein Problem sein. Für alle anderen Distributionskanäle nicht.

Auch das ZEISS-Vario-Sonnar T-Fix-Objektiv mit einer 29-mm-Weitwinkelansicht und 12-fachem optischem Zoom entspricht nicht unbedingt der Wunschspezifikation von Kameramännern, die für Spielfilme (oder Werbefilme) arbeiten. Vorwerfen kann man das der Kamera nicht. Ein Wolf im Schafspelz ist kein Löwe und er muss es auch nicht sein. Das verbaute Objektiv genügt den Anforderungen für die meisten Genres.

Bei wenig Licht ist im Test unter Extrembedingungen ein leichtes Bildrauschen erkennbar. Hier kommt der Einchip-Sensor deutlich an seine Grenzen. Ein erwägenswertes Argument gegen die Kamera ist dies nur dann, wenn Fiktion und nicht Authentizität im Vordergrund der Aufgabenstellung stehen.

Auftragsfilme

Besonders für Imagefilme und Filme im Industriebereich, möglicherweise auch für die Macher von Werbespots in der unteren Bandbreite der verfügbaren Budgets, ist die Fähigkeit der PXW-Z90 zu «Superzeitlupen» mit bis zu 960 Bildern/Sekunde und Zeitraffer mit bis zu 120 Bilder/Sekunde in Full HD interessant. Diese können mit 10 Bit gespeichert werden.

Der in die Kamera integrierte, dreistufige ND-Filter ist ein zusätzliches Plus der PXW-Z90.

Achtung: Die von der Kamera angebotene Fokusvergrößerung zur Verbesserung der manuellen Schärfefokussierung arbeitet mit einer Pixelwiederholung. Damit zeigt diese Funktion weder mit 4-facher oder 8-facher Multiplikation mehr Details. Darum vertraut man besser dem eingebauten Autofokus (Hybrid AF) oder weicht, wie schon zuvor beschrieben, via HDMI auf die Kontrolle mit einem externen Monitor aus.

Unser Fazit zur Kamera

Die PXW-Z90 von Sony ist eine unverdächtige professionelle Kamera mit schneller Einsatzbereitschaft. Dank wirklich herausragendem Autofokus und ihrer Netzwerkfähigkeit hat die Kamera das Potenzial, die Produktionsweise in vielen Sparten der Videoproduktion zu prägen, wenn nicht sogar zu verändern. Bildqualität und Anschlüsse ermöglichen gemäss Hersteller auch einen Mehrkamera-Setup (nicht von Filmpuls getestet). Damit ist das mobile TV-Studio für Live-Streaming und / oder MAZ-Aufzeichnung mit zwei oder mehr synchronisierten Kameras, tragbar von einer einzelnen Person in nur einem Koffer, auch für professionelles Broadcasting keine Fiktion mehr.

Professionelle Filmemacher, die Berührungspunkte zu TV-Stationen  haben, finden gerade für Reportagen, als VJ oder für Dokumentationen eine Kamera, die man schon nach kurzer Eingewöhnung als Verlängerung von Auge und Hand empfindet.

Die PXW-Z90 erzeugt überdurchschnittlich gute 4K-UHD-Bilder durch ein Downscaling ihres 20 Megapixel-Sensors.

Auf unserer Wunschliste steht ein externes Ladegerät, das wir bis anhin nirgendwo im Web finden konnten. Akkus nur über die Kamera aufzuladen ist aufwändig – wer mag schon den Wecker stellen, um Akkus zu wechseln? Die Laufzeit des mitgelieferten Akkus betrug in unseren Tests jeweils zwischen 2.2 und 2.5 Stunden.

Hinweis

Dieser Artikel ist frei von jeder Einflussnahme des Kameraherstellers entstanden. Die PXW-Z90 wurde Filmpuls von Sony für die Dauer einer Woche zur Verfügung gestellt, wobei der Erstkontankt durch den Kamerahersteller erfolgte. Filmpuls hat für den Test und diesen Artikel keine Abgeltung in geldwerter oder sonstiger Form erhalten. Gleichzeitig wurde der Redaktion absolute Freiheit und Eigenständig über die Art der Berichterstattung über den Test garantiert.

Technische Daten

Alle technischen Daten der Kamera PXW-Z90 von Sony gibt es hier.


Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen.  | alle Preisangaben verstehen sich nur als Orientierungswerte | © Fotos: SONY, Test: filmpuls logo

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