Produzent zu sein erfordert extreme Selbstkritik

Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, gib ihm Macht.

Produzent sein erfordert viel Selbstkritik
«Nur Superman braucht sich in einem Auto nie anzugurten.» ― Muhammad Ali

Wenn der Mensch einmal kann, was er für die Ausübung seines Berufs und seiner Funktion können muss, entscheidet nur mehr das Mass der verfügbaren eigenen Energie über Erfolg oder Misserfolg. Wer die Karriere-Stufe Produzent erreicht hat, der tut gut daran, ab und zu über den Tellerrand hinauszublicken und sich ein übergeordnetes Referenzsystem zur Eigenkontrolle zu schaffen.

Produzent zu sein ist ein anspruchsvoller Job, der viele Abenteuer verspricht. Er ist meist nur auf abenteuerlichen Wegen und nicht ohne Hürden und Umwege zu erreichen. Wer sich aber einmal eine Leitungsfunktion in einer Filmproduktion erarbeitet hat und mit gutem Gewissen feststellt, dass er oder sie für diesen Beruf gemacht ist, entdeckt die Faszination des Filmemachens täglich wieder aufs Neue.

Berufsbild Produzent

Wenn der Beruf Berufung ist, Freude macht und damit gleichermaßen von Faszination und Leistungsdruck dominiert wird, droht schnell einmal das Wesentliche vergessen zu gehen. Denn nicht nur der zu erstellende Film ist wesentlich. Wichtig sind auch die endlos vielen Menschen, die an jeder Filmherstellung beteiligt sind. Für einen erfahrenen Produzent ist das eine banale Feststellung. Und trotzdem blickt nicht jeder Produzent täglich in den Spiegel und übt sich in Selbstkritik mit seinem Umfeld. Und wenn ja, kommt erschwerend hinzu, dass viele Spiegel im Umfeld eines Produzenten, anders als bei Schneewittchen, Märchen erzählen.

Es geht bei der Funktion Produzent immer auch um Macht, Selbstbewusstsein, Selbsterkenntnis und Ego. Schlechte Filme lassen sich im Filmgeschäft nicht vermeiden. Anders ist es bei schlechten Gewohnheiten und den eigenen Fähigkeiten. Wer diese verbessern will, kann sie verbessern.

Was heißt Filmproduzent?

Die eigene Position über das Arbeitsergebnis stellen

Im Filmbusiness gibt es nichts geschenkt. Jeder Produzent hat sich seine Position über einen langen Weg hart erarbeitet. Ist er beruflich am Ziel und steht auf der Visitenkarte unter dem eigenen Namen endlich die langersehnte Funktion, beginnt einer neuer Abschnitt im Berufsleben. Die ersten Projekte und Jahre wächst man als Produzent in die neue Position hinein, festigt seine Fähigkeiten und Stellung und geht mit der gebotenen Vorsicht vor.

Irgendwann übernimmt der Erfolg oder die Routine das Ruder. Dann wird es gefährlich. Nicht ohne Grund gilt im Mediengeschäft und nicht nur da:  Was einem Groß macht, macht einem auch wieder Klein! Langfristig als Produzent Erfolg hat nur, wer jedes Projekt wie sein Erstes behandelt. Erfolg beim Film ist nur im Kollektiv möglich. Der Zuschauer (oder Auftraggeber bei einem Imagefilm) ist am Ende des Tages nicht an den Machern, sondern daran interessiert, ob der Film, also das Arbeitsergebnis des Produzenten, gut ist.

Die eigene Beliebtheit über die Verantwortung stellen

Der Umgang mit Macht kann lustvoll sein. Macht besitzt Suchtpotenzial. Ein Filmproduzent werden, davon träumen viele Menschen. Ein Produzent kann (sich) Wünsche erfüllen. Manchmal sollen er das auch, ist das Nachgeben bei Verhandlungen und Ausgeben von Geld für Unvorhergesehenes oder Vergessenes sogar für den Projekterfolg zwingend. Wenn damit aber die eigene Beliebtheit statt die Filmqualität sichergestellt wird,  hat ein Produzent seinen Beruf falsch verstanden.

Filmprojekte entstehen in sogenannten sozio-technischen Strukturen und Clustern. Sozio steht für die soziale, menschliche Komponente. Zum Erfolg ist aber immer auch eine eine („technische“) Infrastruktur und Rahmenbedingungen erforderlich. Die Verantwortung für das Funktionieren dieser komplexen Doppelstruktur liegt beim Produzenten. Am Ende des Tages wird niemand Danke sagen, wenn eine Filmproduktion wegen mangelnder Verantwortung abgebrochen werden muss oder scheitert und der halbfertige Film vom Filmteam nicht als Referenz für einen nächsten Job gebraucht werden kann.

Das Gefühl über die Fakten stellen

Wer Filme produziert, arbeitet mit Gefühlen. Mit Gefühlen arbeiten kann nur, wer auch selbst zu seinen Gefühlen steht und diese zulässt. Aber Gefühle können einem, gerade bei der meist hochkomplexen Herstellung von Film und Video im Schnittfeld von Projektarbeit, Kommunikation und Kunst, kolossal täuschen.

Zahlen und Gefühle sind im Geschäft mit Film und Video keine Zwillinge, sondern entfernte Verwandte. Sie müssen sich immer wieder aufs Neue annähern und schätzen lernen. Es gehört zu den schwierigsten Aufgaben des Produzenten, Emotionen und Fakten in Einklang zu bringen. Wer im schnelllebigen Filmgeschäft glaubt, die eigene Erfahrung von gestern sei eine Garantie für den Erfolg von morgen, mag dabei ein gutes Gefühl haben, hat aber selten eine Zukunft.

Die Harmonie über die Konfrontation stellen

Streithähne und Aggressoren wie Harvey Hollywood schaffen es beim Film selten bis in Führungsfunktionen. Schnurrende Schmusekatzen aber auch nicht! Viele Menschen mögen keine Konflikte. Sie finden Konfrontationen anstrengend, weil Konflikte meist Veränderungen bedeuten, oftmals schmerzhaft und beängstigend sind.

Bei fast jedem Filmprojekt entwickeln sich Situationen, in denen eine Konfrontation unumgänglich ist. Konfrontationen um der Harmonie willen vermeiden ist falsch. Genauso falsch allerdings ist es, sich nach der Konfrontation und Klärung der Situation nicht um die Wiederherstellung der Harmonie zu bemühen.

Die Unverletzbarkeit über das Vertrauen stellen

Kein Mensch ist fehlerfrei. Niemand ist frei von persönlichen Gefühlen. Wer als Produzent versucht, sich als fehlerfreie Entscheidungsmaschine zu positionieren, begeht damit den größtmöglichen aller Fehler. Deutlicher als damit kann man als Produzent seine Schwächen nicht zeigen.

Ungeachtet auf welcher Funktionsstufe man sich  im Filmgeschäft bewegt: jeder in einer Filmcrew erlebt Dinge und Vorgänge, die falsch, ärgerlich oder schmerzhaft sind. Für diese trägt der Produzent die letzte Verantwortung. Stark und vertrauenswürdig ist, wer als Entscheider dazu stehen kann, dass er weder fehlerfrei noch unverletzlich ist.

Zusammengefasst

Ein Produzent sollte sein Ego bei Projektbeginn an der Garderobe abgeben und genügend Rückgrat haben, um damit aufrecht durch seine Produktion zu gehen. Die kollektive Intelligenz der Filmcrews ist erstaunlich hoch. Wer lafert statt liefert, wer nur Produzent spielt, statt ist, der verkennt die Verantwortung seiner Funktion. Und ist am falschen Ort. | filmpuls logo


Im Interesse der Lesbarkeit wurden in diesem Artikel die Berufsbezeichnungen für Producer und Produktionsleiter auf die männliche Form reduziert | © Grafik-Layout: Freepik | Grafik-Bearbeitung: Jonas Pfister | Wo die Demut fehlt, ist der Weg nicht weit bis zur kreativen Katastrophe. Beispiele dafür gibt es hier: Die Top 10 der absurdesten Auftragsfilme der Welt.  | © Filmpuls

Zachery Z.
Wer ist Zachery Z.? 9 Artikel
Zachery Zelluloid (62) ist in der Unterhaltungsindustrie tätig. Der passionierte Golfspieler und Hobbywinzer schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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