»Micro Movies müssen vor Production Value triefen!« | Interview mit Florian Meimberg

Das Komma auf den Punkt bringen. Florian Meimberg hat es darin zur Meisterschaft gebracht. Zuerst als Kreativer und Werber, dann als Autor von Hunderten von Kurzgeschichten, von denen keine länger als 140 Zeichen ist. Seit 10 Jahren als erfolgreicher Regisseur von Werbespots im Geschäft, hat er nun vier eigene Tiny Tales eindrücklich verfilmt. Im Interview mit Filmpuls erklärt das ADC-Mitglied, wie man es schafft, Kopfkino und Hollywood in 30 Sekunden zu vereinen.

FILMPULS:

Florian, wer bist du?

Florian Meimberg:

Ich bin Florian Meimberg. Ich bin 44 und lebe mit meiner Frau (einer Roman-Autorin) und meinen beiden Söhnen bei Düsseldorf. Beruflich drehe ich als Regisseur Werbespots.

FILMPULS:

Nach dem Grimme Online Award konnte man folgende Passage über dich in der Frankfurter Rundschau lesen: «Verfilmen will er die Tiny Tales aber nicht: Das ist ja genau der Trick – ich erzeuge den Film im Kopf. Und oft erzeuge ich erst mit dem letzten Wort die Fallhöhe. Auf einer Leinwand wäre das nicht so cool.» – nun gibt es die Micro Movies, basierend auf deinen Twitter-Kurzgeschichten. Woher dieser Meinungsumschwung?

Florian Meimberg:

Habe ich das wirklich damals gesagt? Da habt ihr ja gut recherchiert! Nun, da habe ich mich selbst wohl eines Besseren belehrt. Die Idee für die „Micro Movies“ ist tatsächlich über einige Jahre gewachsen. Damals, als ich die Tiny Tales gemacht habe, stand ich noch ganz am Anfang meiner Regie-Karriere. Und ich hatte ja auch noch gar keine Ahnung, auf was für eine Größe das Projekt Tiny Tales noch anwachsen würde. Das Buch, der Auftritt bei „TV Total“. Bis heute haben die Tiny Tales begeisterte Fans und immer wieder höre ich die Frage, ob und wann es Fortsetzungen geben wird.

FILMPULS:

Hat dieser Wunsch etwas in dir ausgelöst?

Florian Meimberg:

Im Laufe der Jahre, in denen ich Regie-Erfahrungen sammeln konnte und immer größere Produktionen verantworten, flackerte immer öfter die Frage auf: Warum eigentlich nicht ein paar der Tales verfilmen…? Und gerade das habe ich dann als meine Mission definiert: dieselben drastischen Fallhöhen am Schluss der Geschichten eben mit filmischen Mitteln zu erzeugen.

Alles was zählt, ist die Geschichte!
Florian Meimberg

FILMPULS:

Wie stemmt man die Umsetzung von vier solchen Videos, die sich in ihrer Machart an Professionalität kaum mehr überbieten lassen? Hast du deiner Familie die Ferien und Weihnachtsgeschenke für die nächsten 10 Jahre gestrichen?

Florian Meimberg:

Haha, auf keinen Fall! Dafür verreisen wir auch viel zu gerne. Im Übrigen eine meiner größten Inspirationsquellen – ferne Länder! Nachdem ich mich entschieden hatte, die Micro Movies umzusetzen, habe ich die Idee bei mehreren Produktionsfirmen gepitcht. Die meisten fanden sie super. Scheuten aber auch etwas vor dem Aufwand zurück. Denn eines habe ich von Anfang an klargestellt. Bei der Produktion dürfen wir KEINE qualitativen Kompromisse machen. Im Gegenteil: Die Micro Movies müssen „vor Production Value triefen“. Sie müssen sich stilistisch anfühlen wie Kinofilme. Groß und international. Nur dann kann der finale Twist so zünden, wie bei einer geschriebenen Tiny Tale. Denn das Kopfkino kennt ja – zum Glück – keine Budgetgrenzen.

»Der Test« | Micro Movie von Florian Meimberg

Video ThumbnailFLORIAN MEIMBERG micro movies | “der test”

FILMPULS:

Ganz konkret?

Florian Meimberg:

Die befreundete Produktionsfirma lippertwaterkotte aus Hamburg hat sich letztendlich begeistert dazu bereiterklärt, die Filme mit mir zu produzieren. Natürlich mit einer beachtlichen finanziellen Investition. Die aber um ein Vielfaches kleiner war als etwa ein qualitativ vergleichbarer Werbefilm. Den Großteil der Crew habe ich überzeugen können, umsonst mitzumachen. Die wichtigsten – und eigentlich teuersten – Key Player jedenfalls, wie Director of Photography (Peter Meyer) Casting (Matheis Casting), Wardrobe (Katja Hoeft), Production Design (Alex Walzel) und Editor (Alex Murygin). Alles Menschen, mit denen ich auch schon mehrere große und bezahlte Jobs gedreht habe. Auch die Schauspieler haben übrigens ohne Gage mitgemacht. Und freuen sich über tolles Futter für ihre Showreels.

»Der Besucher« | Micro Movies von Florian Meimberg

Video ThumbnailMICRO MOVIES | Der Besucher FLORIAN MEIMBERG

FILMPULS:

Für die Mehrheit der Drehbuchautoren gilt beim Storytelling das Mantra: Szenen machen keine Geschichte! Wie bist du mit diesem Widerspruch bei den Micro Movies umgegangen?

Florian Meimberg:

Das ist ja genau die Idee, die auch schon den Tiny Tales zugrunde liegt: in sehr komprimierter Form eine komplette Geschichte zu erzählen. Eigentlich sind alle Tiny Tales klassische Drei-Akter mit Exposition, Konflikt und Auflösung. Nur dass hier einer der Akte eben auch mal im Kopf des Lesers (bzw. jetzt Zuschauers) spielt.

Meine Micro Movies müssen vor Production Value triefen!
Florian Meimberg

FILMPULS:

Was bei den Tiny Tales individuelles Kopfkino war, manifestiert sich durch die Wahl der Darsteller und Locations plötzlich überaus real und konkret. Wie hast du das bei der Adaption erlebt?

Florian Meimberg:

Das war tatsächlich eine der großen Herausforderungen. Die hauptsächlich in der Auswahl der Tiny Tales lag, die ich verfilmt habe. Ich musste also Geschichten finden, in denen die Kopfkino-Szenarien quasi „im Off“ spielen. Die verschlossene Tür der Hotelsuite in „Roomservice“. Die wahre Identität des alten Mannes in „Die Vernehmung“. Oder das tatsächliche Familienverhältnis des Paares in „Der Test“.

»Die Vernehmung« | Micro Movie von Florian Meimberg

Video Thumbnailmicro movies | “die vernehmung” FLORIAN MEIMBERG

FILMPULS:

Es geschieht immer wieder und ist oftmals Usus. Trotzdem stelle ich diese Frage. Ist es klug, als Regisseur eine Story zu drehen, die man selbst geschrieben hat? Wie hast du bei den Micro Movies die zwei Herzen in deiner Brust in Gleichklang gebracht?

Florian Meimberg:

Die Tiny Tales waren eine „One man Show“. Ich hatte keinen Auftraggeber, keine Werbeagentur. Sondern eine kleine Idee, die als Bierlaune entstanden ist. Der einzig involvierte Kreative war der Art Director Sebastian Kaiser. Ein enger Freund von mir, der die tollen Illustrationen für das Buch gemacht hat. Und meine Frau hat damals eine Handvoll Tiny Tales beigesteuert (übrigens auch die für „Der Test“). Ansonsten ist das alles auf meinem Mist gewachsen. Da war es natürlich keine Frage, dass ich als Regisseur die Filme auch selbst inszenieren wollte. Musste! Nun natürlich gemeinsam mit einem großartigen Team.

Kopfkino kennt keine Budgetgrenzen.
Florian Meimberg

FILMPULS:

Was versprichst du dir von den Micro Movies?

Florian Meimberg:

Ich hoffe, dass die Filme das Team, und natürlich auch mich in meinem Haupt-Job als Werbefilm-Regisseur, weiterbringen. Denn Werbung ist ein Markt, der leider sehr auf Genre-Schubladen verteilt ist. Ich drehe viele Vignetten-Filme. Das sind oftmals relativ belanglose Lifestyle-Scripts. Tolle Bilder zwar und aufregende Drehs in Kapstadt oder Barcelona, aber inhaltlich nicht allzu anspruchsvoll.

FILMPULS:

Wie bist du als Regisseur positioniert?

Florian Meimberg:

In den letzten Jahren habe ich viele Bier-Spots gedreht. Bald habe ich alle großen deutschen Bier-Brands durch. Auch diese Spots sind oft ähnlich. Aber ich bin in den Augen der Branche jetzt eben der „Bier-Spezialist“. Nicht falsch verstehen – ich beschwere mich nicht und liebe meinen Job. Aber da geht noch mehr. Ich würde gerne auch anspruchsvollere Geschichten erzählen. Und das geht – mit den richtigen Scripts – selbst in der Werbung.

FILMPULS:

Bei der filmischen Umsetzung fällt auf, dass sich nicht alle Movies gleich nah an der Originalvorlage bewegen. Es gibt also offenbar Tiny Tales, die sich einfacher und solche, die sich schwieriger inszenieren ließen? Wie ist es zur Auswahl dieser vier Micro Movies gekommen?

Florian Meimberg:

Diese Phase fand ich besonders spannend! Klar, einige der 300 Tiny Tales fielen sofort durchs Raster. Bei unserem Dreh in Hamburg waren der Südpol, Las Vegas oder die Andromeda-Galaxie eher unrealistisch als Drehorte. „Der Test“ zum Beispiel ist eine ziemlich direkte Übersetzung der ursprünglichen Tiny Tale. Mit einem winzigen Unterschied. Das Close-up der beiden Eheringe gibt der Geschichte sogar das komplett gegensätzliche Ende als in der ursprünglich geschriebenen Tale. „Roomservice“ mag ich als Geschichte. Die war aber zunächst nicht eins zu eins verfilmbar. Sie ging nämlich so:

Liz klopfte an die Tür von Zimmer 9. Das Roomservice-Rollenspiel für 150 extra. Ein guter Tag. In ihrer Tasche lag der Zettel mit der Nr. 6.

Aus dem Zettel in der Tasche ist jetzt die Zimmertür mit der umgedrehten Zahl geworden. Genau das ist Regie: Wie kann ich ein geschriebenes Script am effektivsten und am pointiertesten in Filmbilder übersetzen?

FILMPULS:

Böse Zungen behaupten, es gibt nur drei Archetypen von Werbespots, die funktionieren: Testimonials, Vignetten und verfilmte Witze – wobei Letztere auf das immergleiche dramaturgische Strukturprinzip zurückgreifen. Wenn man die Micro Movies als «verfilmter Witz» betrachtet, scheint mir die Form der Umsetzung weit weniger innovativ, als dies bei den Tiny Tales der Fall war?

Florian Meimberg:

Die Tiny Tales wurden ja damals auch als so innovativ wahrgenommen, weil das Medium Twitter erst drei Jahre alt war. Und da dort vornehmlich banales Geschnatter oder seelenlose Links zu finden waren, strahlten die Tiny Tales natürlich aus diesem Grundrauschen heraus. Vergleicht man die Micro Movies nun mit Werbespots, dann muss man dieselbe Messlatte anlegen wie bei allen Geschichten: Die Beste gewinnt. Ein Film kann noch so hochwertig inszeniert sein – wenn die Geschichte nicht begeistert, ist all das nichts wert. Und die besten Werbespots der Welt werden weltweit und auf internationalen Festivals wie den Cannes Lions euphorisch gefeiert. Weil es gut geschriebene Geschichten sind. Nur eben sehr kurze.

»Roomservice« | Micro Movies von Florian Meimberg

Video ThumbnailMICRO MOVIES | FLORIAN MEIMBERG | “ROOMSERVICE”

FILMPULS:

Micro Movies leben von der Reduktion. Filme leben von Emotionen. Wie weit kann man Emotionen verdichten und reduzieren, ohne sie ihrer Kraft zu berauben? Kannst du unseren Lesern da ganz konkret Tipps geben oder einige Tricks verraten?

Florian Meimberg:

Vor genau dieser Herausforderung stehe ich als Werbefilm-Regisseur jeden Tag. Ich muss versuchen, in jedem einzelnen Gewerk diese Reduktion anzuwenden und damit den größtmöglichen Effekt zu erzielen. Schauspieler mit markanten Gesichtern casten und einem Minenspiel mit großer Strahlkraft. Production-Design-Konzepte entwerfen, die auf engstem Raum viel erzählen und die mit Details ausgestattet sind, welche die Geschichte mit wichtigen zusätzlichen Ebenen versehen.

FILMPULS:

Welche Rolle spielt die Montage dabei?

Florian Meimberg:

Ein ganz entscheidender Teil der Verdichtung entsteht im Schnitt. Jumpcuts und Auslassungen können eine immense erzählerische Wucht entfalten, wenn man sie richtig einsetzt. Denn hier ist weniger ganz oft mehr. Im Edit für Werbespots jonglieren wir mit Sekundenbruchteilen. Manchmal stundenlang. Und schließlich sind auch das Sounddesign und der Music Score wichtige Elemente, um diese verdichteten Story-Konzentrate mit Emotion aufzuladen und zu plastischen, 3-dimensionalen Einheiten zu verschmelzen.

Ich liebe meinen Job als Regisseur. Aber da geht noch mehr!
Florian Meimberg

FILMPULS:

Bleibt es bei den aktuellen vier Micro Movies oder werden nach und nach weitere Filme dazukommen?

Florian Meimberg:

Na mal sehen, was passiert. Dieser Low-Budget-Ansatz mit ganz viel Goodwill seitens der Crew ist sicherlich nicht wiederholbar. Aber mal sehen, was 2020 bringt. Wie die Micro Movies bei den Festivals abschneiden zum Beispiel. Vielleicht hat Netflix ja auch Bock auf eine Anthologie-Serie mit 50 Mini-Folgen oder so. 😉

FILMPULS:

Du hast Twitter acht Jahre vor Donald Trump für dich entdeckt, damals noch mit einer Beschränkung auf 140 Zeichen statt wie heute 280. Hast du ihm einen Ratschlag, wie er den Kanal sinnvoller nutzen könnte?

Florian Meimberg:

Am besten gar nicht!

FILMPULS:

Nach einer Dekade als Regisseur im Werbefilmgeschäft … – kannst du deine Erfahrungen als Tiny Tale in 140 Zeichen für uns auf den Punkt bringen?

Florian Meimberg:

Stolz zeigte der greise Antiquar auf den alten Screen. „Hiermit haben Menschen im letzten Jahrtausend Geld verdient. Es hieß WERBUNG.“

FILMPULS:

Regisseure fügen an Ende ihrer Director Interpretation gerne noch «famous last words», bei, eine Botschaft oder einen Aufruf, was der Leser mitnehmen soll. Was ist das Echo zu deiner Person oder Karriere, das zu diesem Interview nachhallen soll?

Florian Meimberg:

Alles was zählt, ist die Geschichte! Bombastisch und hochwertig inszenierte Blockbuster sind toll anzusehen und angenehmes „Eye Candy“. Aber eine gute Geschichte ist so viel mehr. Im besten Fall erzählt sie uns etwas über die Welt, über das Menschsein, über uns selbst. Oder wie Drehbuch-Papst Robert McKee es mal gesagt hat: «Stories are the creative conversion of life itself into a more powerful, clearer, more meaningful experience. They are the currency of human contact.»

“Stories are the creative conversion of life itself into a more powerful, clearer, more meaningful experience. They are the currency of human contact.
Robert McKee

FILMPULS:

Dankeschön, Florian, für dieses Interview!

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Über Carlo P. Olsson 59 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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