Wie die Kommunikationstheorie vier Arten Lügen unterscheidet – die nicht alle schlecht sind

vier arten von lügen
Wenn eine Ente dir sagt, ich lügt nicht – lügt sie dann? | © Illustration: Pavel Sokolov

Menschen lügen. Das ist nichts Neues auf dieser Welt. Trotzdem wissen viele Leute nicht, dass es vier Arten von Lügen gibt. Sie zu kennen, ergibt in der Medienbranche – dazu zählen bekanntlich auch die Videoproduzenten – und nicht nur da, Sinn. Zumal nicht jede Art von Lüge von vornherein verwerflich ist. Warum das so ist, erklärt dir dieser Beitrag.

Stell dir vor, du bist beim Dreh und dein Darsteller ist wenig motiviert. Du siehst schon ohne Kamera, dass er oder sie heute weit entfernt von der üblichen Bestform ist. Was tust du? Loben? Oder kritisieren?

Vier Arten von Unwahrheiten

Der eingangs erwähnte Schauspieler mit schlechter Tagesform ist ein anschauliches Beispiel für den Konflikt, den man als Producer, Regisseur oder Kameramann auf dem Film setzt und bei einer Videoproduktion haben kann. Denn gerade Darsteller werden für etwas bezahlt, das sich schwer mit einem Metermaß bestimmen lässt.

Künstlerische Leistungen haben viel mit der eigenen Befindlichkeit, aber auch mit Motivation zu tun. Kennst du deinen Schauspieler erst kurze Zeit und glaubst du zu wissen, dass er ein zartes Pflänzchen ist, willst du ihn vielleicht trotz seines Formtiefs loben. Damit lügst du. Wie ist das zu bewerten?

Bei dieser Frage helfen dir nicht nur moralische Maßstäbe, sondern auch vier Kategorien von Lügen, welche die Kommunikationstheorie unterscheidet.

Maßstab für Differenzierung ist hierbei die Frage, wer von der Unwahrheit profitiert.

1 Die rote Lüge

Es gibt Unwahrheiten, die sind nicht nur verletzend, sondern ganz einfach destruktiv und komplett unnötig. Der Lügner nimmt dabei oftmals nicht einmal Rücksicht darauf, ob er sich mit der Lüge selbst einen Schaden zufügt. Motiv für eine solche Lüge, von der niemand profitiert, können Rachegelüste oder die Freude an der Zerstörung eines Ist-Zustandes sein.

Rote Lügen sind darum immer und ohne Ausnahme ein No-Go. Wer sie nutzt, stellt sich selbst bloß und gehört weder auf ein Filmset noch in menschliche Gesellschaft.

2 Die schwarze Lüge

Bei schwarzen Lügen gibt es eine Partei, die von der Unwahrheit profitiert. Sie sagt also ihrem eigenen Vorteil ganz bewusst nicht die Wahrheit. 

Wer ein Casting mit Laiendarstellerinnen macht, und, #MeToo zum Trotz, auf Grenzüberschreitungen aus ist, wird in diesem Fall etwa einer attraktiven, aber komplett untalentierten Darstellerin ein großes Lob aussprechen und ihr das Blaue vom Himmel versprechen. Zufälligerweise verbunden mit dem Angebot, dass das Mädel mit etwas privatem Nachhilfeunterricht Chancen hätte, die infrage stehende Rolle zu bekommen.

Ganz uneigennützig würde ihr, falls sie das wünscht, der Casting-Assistent diese Tipps und Tricks, notfalls auch selbst beibringen. Dies, obwohl er selbst keine Sekunde daran glaubt, dass die Frau mehr Talent als ein Küchenstuhl hat.

3 Die graue Lüge

Hier kommen wir zum Beispiel mit dem Schauspieler, der einen schlechten Tag hat. Natürlich gilt das Gleiche auch für Kameraleute, Regisseure, Regie-Assistenten und weitere Filmschaffende.

Lobst du hier eine Leistung, die wenig lobenswert ist, profitieren möglicherweise beide Parteien. Der Schauspieler gewinnt Selbstvertrauen und findet damit zu seiner gewohnten Form. Oder sogar zu einer ungeahnten Höchstleistung. Dir als Produzent erspart die Lüge damit eine Wiederholung der Szenen, was dem Budget hilft. Oder noch schlimmer, dank der Lüge musst du nicht mehr in Betracht ziehen, den neben seiner schon bestehenden Schauspieler durch eine andere Person zu ersetzen.

Du siehst, die graue Lüge ist nicht mehr so einfach einzuordnen, wie es rote oder schwarze Lügen sind. Sie erfordert eine differenzierte Betrachtung. Eine moralische Blitzverurteilung greift hier zu kurz.

4 Die weiße Lüge

Wenn nur der Belogene von der Unwahrheit profitiert, nicht aber der Lügner, spricht man in der Kommunikationstheorie von einer weißen Lüge. Der Extremfall von weißen Lügen tritt dann ein, wenn sich eine Person mit einer Fehlaussage selbst Schaden zufügt, nur um eine andere Person vor Schaden zu bewahren.

Wer also in unserem Beispiel zur Illustration der vier Arten von Lügen einem schlechten Schauspieler auf dem Filmset eine hervorragende Leistung attestiert – um den Schauspieler zu motivieren – hat als Producer zu einer weißen Lüge gegriffen. Der Schauspieler verliert nicht sein Gesicht, aber jemand muss dafür bezahlen. Das ist nicht die betroffene Person.

Fazit

Ungeachtet, um welche Art von Lüge es sich im konkreten Fall handelt, lernen kannst du daraus: Es verhält sich mit der Unwahrheit selbst in der Theorie der Kommunikation wie bei vielen anderen Dingen. Meist sind die Dinge nicht schwarz oder weiß, sie liegen dazwischen.

Das musst du wissen:

  • Es gibt nicht eine Art von Lügen. Sondern insgesamt vier unterschiedliche Typen.
  • Diese vier Arten, die nicht alle in den gleichen Topf geworfen werden dürfen, sind: die weiße, die graue, die schwarze und die rote Lüge.
  • Wer glaubt, ohne Unwahrheiten auszukommen, versteht nichts von der Funktionsweise des menschlichen Hirns und der Art, wie wir mit der Wahrheit umgehen.

Darum hilft dir das Wissen um die vier Arten von Lügen. Ob wird schwarzgrau oder weiß, die vier Kategorien bieten dir eine Orientierungshilfe. Denn eines ist im Geschäft mit Video und Film sicher: Du wirst kein einziges Projekt realisieren, ohne nicht in Situationen zukommen, in denen du mindestens zwei dieser vier Arten begegnest.

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Dieser Artikel wurde erstmals publiziert am 03.03.2020

Carlo Olsson 98 Artikel
Carlo Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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