Die Wissenschaft kann erklären, warum Bananen krumm sind. Nicht aber, was ein guter Film ist.

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Illustration: Katerina Limpitsouni

Carlo Per Olsson über eine neu publizierte Studie, welche untersucht, ob und welche Wirkung Videos auf die Besucher von Online-Shops haben.

Diesen Monat wurde von einer renommierten Hochschule in einem Fachmagazin eine neue wissenschaftliche Studie veröffentlicht. Darin werden mögliche Auswirkungen von Video Content und Online-Shops im Internet erforscht.

Das Ergebnis dürfte so manchen Videoproduzenten freuen. Denn die detailliert durchgeführte Untersuchung kommt zum Schluss, dass Webshops mit integrierten Videos erfolgreicher sind als solche ohne Stimulus durch Bewegtbildcontent.

Wer sich das überaus akademische Design der Studie und die Resultate im Detail anschaut, staunt aber nicht nur über die für Filmemacher überraschend banalen Erkenntnisse. Sondern besonders über die offenen Fragen, die im Rahmen der Studie nicht geklärt werden konnten.

So weisen die Autoren der Studie unter anderem darauf hin, dass möglicherweise (!) auch die Wahl der Personen vor der Kamera einen Einfluss auf die Qualität des Videos haben könnten. Umgekehrt ermöglichte es das Konzept der Analyse nicht, über Videos mit einem Monolog hinauszugehen und Dialog einzubeziehen. Auch der Einfluss der Videolänge auf die Wirkung eines Films war nicht Teil der Studie und bleibt damit vorläufig in wissenschaftlicher Hinsicht eine Blackbox.

Die neue Studie ist unbestrittener Maßen verdienstvoll. Sie bietet wertvolle Fakten und damit gute Argumente für Auftraggeber, verstärkt auf das Medium Video und die Kraft des bewegten Bildes zu setzen.

Dennoch ist man einmal mehr erschüttert darüber, wie wenig man auch mehr als 100 Jahre nach der Erfindung des Films aus wissenschaftlicher Sicht über Erfolgstreiber und Wirkungsweise von Bewegtbild weiß. Dies ganz besonders dann, wenn es dabei um Auftragsproduktionen wie Werbefilme, Imagefilme oder Produktvideos geht.

Irritierend und absurd ist auch der Umstand, dass Videos erst getrieben durch Internet und soziale Medien vermehrt Gegenstand wissenschaftlicher Arbeiten werden. Der Markt fordert heute Videofilme, die für kleines Geld produziert werden. Noch vor einem Jahrzehnt wurden Werbe- und Marketingfilme überall in Europa für sechsstellige Summen produziert. Man fragt sich, warum damals, als die Produktion von Videos richtig ins Geld ging, sich niemand dafür stark machte, Mechanik und Erfolg der Bewegtbildkommunikation mit wissenschaftlichen Fakten zu unterlegen.

Ähnliches lässt sich auch beim Spielfilm und für Serien feststellen. Zwar sorgen mit schöner Regelmäßigkeit einmal pro Dekade mutige Start-ups in der Presse für Schlagzeilen. Sie behaupten, das Erfolgsrezept von Blockbustern endlich entschlüsselt zu haben. Früher durch geniale mathematische Analysen, heute mit dem Hinweis auf Einbezug von künstlicher Intelligenz. Gemeinsam ist all diesen hehren Versuchen bisher vor allem eines: Sie sind allesamt mit Pauken und Trompeten gescheitert.

Die Unwissenheit, was ein gutes Video ausmacht und den Zuschauererfolg über einen Zufallstreffer hinaushebt, darf man auch positiv sehen:

Die Herstellung von Bewegtbild ist und bleibt bis heute keine Sache von Algorithmen. Talent und Vertrauen sind der Schlüssel zum Erfolg. Hierin unterscheidet sich die Filmproduktion von anderen Disziplinen im Bereich PR, Marketing und Kommunikation. Normalerweise benötigt die Kunst das Handwerk mehr, als das Handwerk die Kunst. Bei Film und Video hat bis heute nur Erfolg, wer akzeptiert, dass Handwerk und Kunst Hand in Hand gehen.

Anmerkung der Redaktion zum Titel dieses Beitrags: Bananen sind krumm, weil die zuerst himmelwärts wachsenden Bananenblüten mit zunehmender Größe immer schwerer und damit von der Schwerkraft nach unten gezogen werden.

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Über Carlo P. Olsson 84 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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