Im falschen Film: zuerst Terrorist und dann Verräter geworden …

... und alles nur wegen einem Video!

Im richtigen Leben im falschen Film gelandet
Die wahre Story des Terroristen Harry S.

Er glaubte im falschen Film zu sein, als er als Statist die Dreharbeiten für ein Propagandavideo des IS miterlebte. Für Harry Sarfo aus Deutschland waren Videos der Auslöser, warum er sich der Terror-Gemeinschaft anschloss. Aber als der 27-Jährige sah, wie ein Video in Tat und Wahrheit produziert wird, entschloss er sich, wieder zu desertieren.

Seit Sarfos Name in der New York Times aufgetaucht ist, wurde er auch für die breite amerikanische und deutsche Öffentlichkeit zu einem Begriff.

Geboren in England, aufgewachsen in Deutschland, sitzt Sarfo heute in einem Hochsicherheitsgefängnis in Bremen.

Im Kalifat war Sarfo Teil einer für Anschläge zuständigen, geheimen Spezial-Organisation. Sie ist Geheimdiensten unter dem arabischen Namen Emni (auf Deutsch: Kein Problem, Anm. d. Red.) bekannt. Emni hatte zur Aufgabe, selbsternannte Gotteskrieger aus Europa nach erfolgreich absolvierter Terror-Ausbildung als Schläfer zurück in ihre Heimatländer zu senden.

Während seiner Ausbildung in Syrien kamen andere deutsche Kämpfer auf Sarfo zu. Sie baten ihn, bei der Produktion eines deutschsprachigen Propagandavideos mitzuwirken. Der Grund für das Video: «Wir brauchen keine Europäer mehr in Syrien, aber zukünftige Attentäter in Deutschland.»

Dieses Video war der Anfang vom Ende einer Terroristen-Karriere, die ursprünglich im Paradies mit wasserreichen Gärten, Leckereien und nicht alternden Jungfrauen hätte enden sollen.

Alles echt, glaubt Harry Sarfo

In einem Interview mit der New York Times erklärt Sarfo, dass er bei den Dreharbeiten für das IS-Propaganda-Video aus allen Wolken gefallen sei. Zuhause in Deutschland, sei er, wenn er bisher Filme der Terror-Organisation im Internet angesehen habe, immer überzeugt gewesen, ein Video zeige die Wahrheit.

Im falschen Film: Harry Sarfo
Im falschen Film gelandet: Harry Sarfo

Der Clip, in dem Sarfo als Statist mitgewirkt hat, irrlichtert auch heute noch im Internet herum.

Seine Rolle war einfach. Er sollte in der Ortschaft Palmyra mit einer schwarzen Fahne des IS an der Kamera vorbeimarschieren. Doch zum großen Erstaunen von Harry Sarfo ließ der Regisseur die Szene immer wieder wiederholen. Mal ging er zu schnell. Mal zu langsam, dann wieder zu wenig federnd oder zu wenig begeistert.

Erst nach einer endlosen Anzahl Einstellungen waren die Terror-Filmer mit Sarfo zufrieden.

Im weiteren Verlauf der Dreharbeiten wurden für das Video syrische Gefangene von deutschen Mitgliedern des IS erschossen. Sarfo sah zu, wie die Gefangenen gezwungen wurden, sich niederzuknien. Als die Hinrichtung vorüber war, wurde gemeinsam diskutiert, ob das Morden und die Mörder vor der Kamera gut genug ausgehen habe. Andernfalls würde man die Szene wiederholen und weitere Gefangene vor  der Kamera hinrichten.

Erst da begann Sarfo zu verstehen, dass die Propagandavideos keine Augenzeugenvideos waren, sondern Teil einer perfekten Kommunikationsmaschinerie. Erst da erkannte er nach eigener Aussage, im falschen Film zu sein. Nach wochenlanger Planung konnte er in die Türkei flüchten.

Am 20. Juli 2015 wurde er am Flughafen Bremen bei der Einreise nach Deutschland verhaftet.

Trotz YouTube im falschen Film

Die Tatsache, dass ein Erwachsener in Deutschland im Zeitalter von YouTube und unendlichen Stunden Medienkonsum noch immer glauben kann, alles was vor der Kamera geschehe, entspreche der Wahrheit ist erschütternd. Dennoch: Die Gefängnisleitung, wie auch die deutschen Geheimdienste, schätzen die Aussagen des Deserteurs Sarfo als vertrauenswürdig ein.

Die Kraft bewegter Bilder ist unbestritten und die Zeichen eines Trends zur Kommunikation mit Film und Video sind auch bei verwerflichen Kommunikationsanliegen unübersehbar. Aber nicht nur im Fall von Propagandavideos wäre es der Welt zu wünschen, dass man Film und Video etwas weniger glaubt. Was man zu sehen glaubt, ist  gerade beim Filme sehen weit individueller und subjektiver, als man hoffen möchte. Siehe dazu auch den Artikel Kino im Kopf: wie Filme sehen in unserem Hirn funktioniert.

Film und Video können, sollen, dürfen und müssen wirkungsstarke Impulsgeber sein. Aber eben nicht mehr.

Ohne Kopf geht es nicht

Wäre der Film nicht erst vor 144 Jahren erfunden worden, es wäre spannend zu wissen, wie die Vordenker der Aufklärung mit der Kraft des bewegten Bildes umgegangen wären. Denn darum geht es und darin gleicht der Film am Ende auch dem Leben. Ohne Kopf geht es nicht.

Zumindest in dieser Hinsicht, so die böse Erkenntnis, dürften die radikalen Schergen in Schwarz mit uns Andersgläubigen übereinstimmen. | filmpuls logo


Quellen: The New York Times, The Independent


Im Interesse der Lesbarkeit wird im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich eingeschlossen. | © Artikel Filmpuls

Zachery Z.
Wer ist Zachery Z.? 9 Artikel
Zachery Zelluloid (62) ist in der Unterhaltungsindustrie tätig. Der passionierte Golfspieler und Hobbywinzer schreibt unter Pseudonym, weil er weder seine vertraglichen Schweigepflichten verletzen noch das wirtschaftliche Fortkommen der Berufsgattung Anwalt fördern will. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.

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