Warum Horror im Spielfilm ohne Spielregeln keiner einzigen Menschenseele Angst macht

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Gänsehaut garantiert: der Clown Pennywise aus Stephen Kings »IT« | © New Line Cinema

Ob Frankenstein, Dracula, Pennywise, Zombies oder der nette Nachbar von nebenan, der plötzlich mit irrem Blick zur Kettensäge greift: Das Genre Horrorfilm kann ohne Grenzen nicht funktionieren. Dieser Artikel zeigt dir anhand von Beispielen, warum dem so ist. Betrachtungen zu einem Filmgenre, das es in sich hat.

Spielfilme tragen das Wort Horror als Gütesiegel und Genrebezeichnung, weil sie ihre Zuschauer ängstigen wollen. Die Absicht dient dem Ziel. Dramaturgisch, inhaltlich und formal. Dabei gibt es immer wieder Filme, die zwar durchaus Grenzen (auch des guten Geschmackes) massiv überschreiten. Und trotzdem beim Zuschauer nur Langeweile auslösen. Auch wenn filmische Rohrkrepierer nicht nur beim Horrorfilm zum Geschäft mit Unterhaltung gehören – hier erklären wir dir, warum der Horror im Film ohne Grenzen nicht funktioniert.

Das musst du wissen

  • Das Genre Horrorfilm ist ein Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers. Es bezieht seine Kraft darauf, dass sich die Figuren in einem Film nicht auf Regeln und Übereinkünfte verlassen können. Möglich ist das nur, wenn es erstens Spielregeln gibt und zweitens diese dem Zuschauer bewusst sind. Was kein Geleise hat, kann nicht entgleisen.
  • Ohne Bedrohung kein Horror.
  • Der Zuschauer erlebt die Handlung immer aus den Augen der bedrohten Hauptfigur.

Definition des Film-Genres Horror

Als Genre ist der Horrorfilm ein Schmarotzer. Es stülpt seine Gesetzesmäßigkeiten gewissermaßen über andere, bereits bestehende und im Bewusstsein des Zuschauers verankerte Genres.

  • Die Hauptperson im Horrorfilm ist normalerweise kein Held. Sondern ein Opfer. Dieses steht oftmals einem Gegner gegenüber, der selbst eine Folge des Fortschritts oder einer fehlgeleiteten gesellschaftlichen Entwicklung verkörpert.
  • Aggression und Sexualität sind im Genre Horror eine ebenso wichtig wie Zukunftsängste oder die Bewältigung der Vergangenheit.
  • Oftmals bildet die Religion eine Brücke zwischen den kollidierenden Welten. Religion kann das Ergebnis des Konflikts im Film beeinflussen und verändern. Oder sogar das zentrale Scharnier zwischen Gut und Böse in der Filmhandlung sein. Ähnlich wie sich die Aggression in einem Genre, welches es mit Absicht nicht auf Zwischentöne anlegt, selten sanft manifestiert, wird auch der Kampf zwischen Gut und Böse meist auf die Spitze getrieben. Gott gegen Satan („The Exorzist“), Gut gegen Böse, Leben oder Tod.
  • Im Genre Horrorfilm geht es am Ende, wie immer in der Dramaturgie, sowohl in Bezug auf die Religion wie auf die Gewalt, um Gegensätze. Diese erzeugen am Ende für den Protagonisten die maximale Fallhöhe.
  • Kinder spielen für Horror eine besondere Rolle. Oftmals kommen ihnen besondere Kräfte zu, die sie in Opposition zur Erwachsenenwelt einsetzen. In der Welt der Erwachsenen gilt im Horrorfilm: Beziehungen können Dich nicht retten!
  • Viele Plots spielen damit, dass das Opfer aus dem Kreis der Familie stammt.
  • Horror zieht die Kraft aus der Welt des Unterbewussten, Unbekannten oder Ungewissen. Ob Aggression, unterdrückte Sexualität oder Monster: Innere Welten kollidieren hier mit der Realität wie die Ausnahme die Regeln bestätigt.

Auch die Wahl des Drehorts, für jeden Film wichtig, besitzt in dieser Art Film noch mehr Gewicht. Oftmals beeinflusst sie sogar den Ausgang der Handlung.

1Keine Regel ohne Ausnahme im Horrorfilm

Regeln spielen im Horrorfilm auch außerhalb des Genres eine wichtige Rolle.

Die wichtigste Regel lautet:

Es gibt für alles eine Ausnahme und diese bestätigt die Regel. Sucht der Zuschauer im Horrorfilm die Sicherheit in etwas, das er kennt, sei es eine Verhaltensregel im gesellschaftlichen Umgang oder ein Naturgesetz, wird dieses mit dem Gegenteil kontrastiert. Das Verhalten einer Person erfolgt gegensätzlich zur Erwartung des Zuschauers. Das Naturgesetz (beispielsweise Schwerkraft), auf das der Held vertraut, erweist sich nicht als rettende Tatsache. Sondern als Illusion, die noch mehr Schrecken in sich birgt.

Die Bedrohung entsteht beim Horror durch die Ungewissheit, auf was sich die Charaktere im Horrorfilm verlassen können. Das allein reicht aber noch nicht aus. Oftmals entsteht die Bedrohung aus einem Umstand, der sich wissenschaftlich nicht nachvollziehen lässt. Gespenster, Geister und Zombies sind beim Horror die Ausnahme der Regel, dass nur existiert, was sich beweisen lässt.

Frankensteins Monster heißt Dr. Victor Frankenstein. Auch wenn es heute in vielen Filmen mit dem Namen seines Erfinders gleichgesetzt wird, das ist falsch: Frankenstein ist der Name des jungen Schweizer Arztes, der das Monster im Roman von Mary Shelley an der Universität in Ingolstadt aus Leichenteilen baut. Das Monster selbst – es ist namenlos und zeitlos.

Wie der Horror, den es seit der anonymen Publikation des Romans im Jahr 1818 verbreitet, bestätigt das Monster als Ausnahme die Regel, dass was tot ist, tot bleibt. Heute, wo in absehbarer Zeit von der medizinischen Wissenschaft tatsächlich Ersatzorgane gezüchtet und transplantiert werden können, steht Frankenstein nur noch bedingt für die Antithese. Möglich, dass das Ur-Monster der Filmgeschichte in naher Zukunft von der Realität eingeholt wird.

2Der Horrorfilm findet im Alltag seine Ausgangslage

Es gelten die Gesetze aus dem Alltag des Zuschauers. Zumindest so lange, bis sie gebrochen werden. Die Realität ist die Basis, auf welcher die Ausnahme aufsetzt. Das unterscheidet diese Art Film beispielsweise vom Märchen- und Fantasy-Film. In den Gesetzmäßigkeiten eines Märchens sind Dämonen ebenso wie Hexen oder Werwölfe ein Teil der Realität. Allein die Tatsache ihrer Existenz ist Normalität im jeweiligen Universum. Darum ist die Harry Potter-Reihe dem Fantasy-Genre zuzuordnen.

Wesentlicher Bestandteil des Horrors ist die Bedrohung. Diese kann konkret und sichtbar sein. Oder aber diffus und unsichtbar.

Es gibt Filme, die es schaffen, die Bedrohung die ganze Filmzeit über nicht zu offenbaren. Beispielhaft dafür ist der legendäre Spielfilm der Regisseure und Autoren Daniel Myrick und Eduardo Sánchez, The Blair Witch Project, der meisterhaft mit der Projektion der Hauptdarsteller und der Zuschauer arbeitet.

Gehörte Melodien sind süß, ungehörte sind süßer, sagt das Sprichwort. Dasselbe gilt auch für Angst und Schrecken: Ungesehenes ängstigt oftmals mehr als Gesehenes.

3Ohne Identifikation keine Gänsehaut im Horrorfilm

Wie jede Filmart bedarf auch das Genre Horror einer starken Identifikation des Zuschauers mit den Hauptfiguren. Wer mit (s)einem Film Angst verbreiten will, hat nur Erfolg, wenn das Publikum sich vom Inhalt des Horrorfilms betroffen fühlt.

Betroffenheit kann nur durch Identifikation entstehen.

horrorfilm: shauna macdonald the decent
Shauna Macdonald in «The Decent» (2005) | © Foto: Monopole-Pathé

Sieht sich der Zuschauer nicht selbst in den Hauptfiguren, kann er seine eigene Welt nicht im Film erkennen, wird er die Geschehnisse möglicherweise amüsiert oder gespannt verfolgen,. Sie werden aber nie sein Innerstes berühren und Ängste in ihm auslösen.

4 Du steckst in der Haut des Opfers

Horror ist stark darauf angewiesen, dass der Zuschauer den Vorgängen aus den Augen der Figuren im Horrorfilm sieht. Nicht nur, aber auch darum spielt der subjektive Blickwinkel (POV, point-of-view) im Genre eine dominante Rolle.

Mehr noch als andere Genres versucht der Horrorfilm, den Zuschauer das Geschehen aus den Augen der Darsteller als Darsteller sehen zu lassen.

Die besten Horrorfilme der letzten 10 Jahre | © YouTube / KinoCheck

Video ThumbnailDie besten Horrorfilme der letzten 10 Jahre

Der bereits erwähnte Spielfilm »The Blair Witch Project« erzählt seine Geschichte ausschließlich aus der Sicht der Darsteller.

Ähnlich radikal und noch viel schlimmer, ist Son of Saul. Seine schrecklichen Bilder beziehen ihre Kraft nicht nur aus dem, was die Kamera sieht. Sondern auch aus dem, was die Kamera nicht sieht. Dieser meisterhafte Spielfilm berührt zusätzlich die viel diskutierte Frage, ob wenn Unvorstellbares tatsächlich Realität geworden ist, das Unvorstellbare überhaupt noch Raum haben kann?

Der Horror kennt regelmäßige Zyklen

Bemerkenswert ist der Trend, dass im Horrorfilm immer wieder für einige Jahre die Tendenz auftritt, das Monster als Opfer der Gesellschaft erscheinen zu lassen. Bekanntester historischer Vertreter ist der Film „Frankenstein“ (1931) von James Whale mit dem nicht nur in diesem Film unsterblichen Boris Karloff.

Die letzte große Welle von Horrorfilmen, nachdem die Filme aus dem Genre in den 70er und 80er-Jahren immer härter geworden sind, war in den 90er-Jahren erkennbar. Ein gutes Beispiel dafür ist der Film „The Hand That Rocks The Craddle“ von Curtis Hanson.

Gabriela Weingartner
Über Gabriela Weingartner 13 Artikel
Gabriela Weingartner ist überzeugt, dass der Autor Patrick Süskind recht hat, wenn er sagt «Man muss gescheit sein, um in der dummen Sprache des Films eine Geschichte klug erzählen zu können.»

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