Hörensagen ist das Viagra des halbwissenden Kunden beim Auftragsfilm

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Illustration: Katerina Limpitsouni

Gefährlich sind nicht Kunden mit viel Filmwissen oder solche mit totaler Ahnungslosigkeit in Bezug auf die Videoproduktion. Gefahr droht der Filmqualität nur von Auftraggebern, die Halbwissen besitzen, schreibt Carlo Per Olsson.

Es geschah bei der Visionierung des fertig montierten Imagefilms gemeinsam mit dem Auftraggeber. Nach einer kurzen Einführung des Produzenten, verbunden mit dem Hinweis, dass der Film erst nach der Freigabe des Schnitts final vertont werden würde, und einem Dankeschön für die bisherige gute Zusammenarbeit, ergriff der Kunde das Wort. Auch er bedankte sich überaus charmant für den Einsatz der Videoproduktionsfirma. Was dann aber kam, ließ die Filmcrew beinahe vom Stuhl fallen.

Keine 15 Sekunden waren seit dem Filmstart vergangen, als der Kunde „Stopp“ sagte. Und triumphierend auf den Regisseur sah.

„Was haben wir bisher gesehen?“, fragte der Kunde. Niemand antwortete. Noch während der Regisseur im Blick des Videoproduzenten zu erkennen versuchte, ob er antworten sollte, fuhr der Kunde im Brustton des erfahrenen Filmprofis fort: „Der Zuschauer sieht unsere Fertigungsstätte aus der Luft und bei aufgehender Sonne langsam ins Bild kommen und größer werden. Aber, und das ist ein Problem, er sieht keine Produkte und weiß darum nicht von Beginn des Filmes an, wofür unsere Firma bekannt ist.“

„Ich schlage vor, wir sehen uns zuerst mal den ganzen fünfminütigen Film an. Dann diskutieren wir beim zweiten Durchlauf, was geändert werden sollte“, schlug der Produzent vor, der neben mir hinten im Raum saß.

„Gut“, antwortete der Kunde, „machen wir also weiter.“ Drei Einstellungen später folgte erneut ein „Stopp!“. Diesmal mit der Feststellung, dass der Imagefilm sein Publikum über Adresse und Standort der Firma im Dunkeln lasse.

Kurz nach Filmminute eins und zwei weiteren kundenseitigen Unterbrechungen sagte der Regisseur etwas, das wie „benötige Kaffee“ klang und verließ die Editing Suite.

Bei der darauffolgenden beschränkt erbaulichen Diskussion über die Art und Weise, wie man Auftragsfilme sinnvollerweise bespricht und warum ein Filmkonzept vorab zum Dreh verbindlich freigegeben wird, berief sich der Auftraggeber immer wieder auf einen Berufskollegen. Dieser hatte ihm ans Herz gelegt, sich bei einer Filmabnahme alle 10 Sekunden zu fragen, was der Film seinem Zuseher erzählt.

Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass diese Empfehlung von einer Person ausgesprochen wurde, die auf diese Weise – zu Recht – ein 15 Sekunden langes Werbevideo für den Einsatz im Web beurteilte. Das auf diese Weise optimierte Video konvertierte später auf Social Media außergewöhnlich gut.

Halbwissen ist für die Filmqualität darum brandgefährlich, weil es weniger halbes als vielmehr unvollständiges Wissen ist. Bei der Videoproduktion greift ein Element ins andere. Erst wenn mehr als ein Dutzend Einzelteile in einer Filmeinstellung auf dasselbe Ziel hinarbeiten und zugleich das größere Ganze im Auge bleibt, entsteht ein überzeugender Imagefilm.

Spektakuläre Fälle, welche die Qualität konkret gefährden, treten in allen Arbeitsschritten auf. So habe ich Auftraggeber erlebt, die Farbkorrekturen für einen Imagefilm statt auf dem kalibrierten Monitor auf dem Smartphone beurteilen wollten („Schauen Sie bitte, dass Sie mir das Video per E-Mail nicht mit einer Datei senden, die größer als 5 MB ist!“). Oder die hartnäckig darauf bestanden, Drehbuch oder Off-Voice-Kommentar ohne jegliche Vorerfahrung selbst zu schreiben.

Kunden lassen sich in der Regel gerne auf den richtigen Weg führen. Der Schlüssel dazu ist nicht nur Erfahrung und Autorität der Filmemacher. Situative, faktenorientierte Argumente bezeugen die Kompetenz. Sie helfen der Sache ebenso wie der ruhige Hinweis, dass beide Parteien das Ziel verbindet, einen qualitativ hochwertigen Film produzieren zu wollen.

Wer zahlt, befiehlt. Beharrt der Kunde auf seinen lustigen Ideen, kann man als Filmemacher nichts anderes tun, als auf die Zähne beißen. Ein professioneller Videoproduzent weist in diesem Fall den Kunden mit einem Memo in Schriftform auf die durch sein Verhalten entstehenden Risiken hin, bei krassen Fällen gerne verbunden mit dem Hinweis, die Kenntnisnahme der befohlenen Qualitätsminderung durch seine Unterschrift zu bestätigen.

Bevor es aber als Produktionsfirma zum Austausch von Schriftdokumenten mit Kunden kommt, so meine Erfahrung, sollte man zuerst mit einem wenig gröberen Geschütz auffahren, welches in ähnlichem Umfang Erfolg verspricht:

Die freundliche Bitte an den Kunden, nach Fertigstellung des Imagevideos als Regisseur oder Videofirma nicht mit dem Video in Zusammenhang gebracht zu werden, weil das Werk der eigenen, Reputation schadet, bewirkt oftmals Wunder.

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Über Carlo P. Olsson 89 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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