Genre beim Spielfilm und ihre wichtigsten Unter­scheidungs­merkmale

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Ein typischer Vertreter des Abenteuerfilm-Genres: »Jurassic Park« | © Universal

Filmgenre sind so was wie Nervenstränge. Sie steuern keine Muskeln. Aber sie sind verantwortlich für Filminhalte und Handlungsverläufe beim Spielfilm. Trotzdem – und nicht nur beim Autorenfilm – ist das Genre ein Hauptdarsteller, der zu oft im Schatten bleibt. Darum findest du hier eine Liste mit allen wichtigen Merkmalen und Kennzeichen zu den wichtigsten Filmarten.

Filmgenres werden vom durchschnittlichen Kinozuschauer als Gruppe von Filmen oftmals wenig bewusst wahrgenommen. Trotzdem spielen sie für eine wesentliche Rolle. Dies nicht nur beim Storytelling, sondern auch bei der Promotion von Kinofilm. In diesem Artikel findest du eine Auflistung der Merkmale und Kennzeichen der wichtigsten Genres und Kategorien im Spielfilm.

Offene und versteckte Signale: Genre beim Spielfilm

Jeder Kinofilm und jede Serie trägt tief in sich einen versteckten Code. Losgelöst davon, ob die Macher dies wollen, geplant haben, oder sich dessen ganz einfach nicht bewusst sind: Die ersten Minuten offenbaren nahezu ohne Ausnahme die DNA eines Werks. Das gilt für Komödien, Tragödien oder Thriller, Action, Liebesfilm und Dystopie und alle weiteren bekannten Handlungsmuster.

Genre bilden das Fundament, auf dem jede Filmgeschichte gebaut ist. Das bedeutet nicht, dass ein Drehbuchautor oder Regisseur nicht virtuos die Konventionen, die ein Filmgenre mit sich bringt, brechen könnte. Aber zuerst sollte man die Regeln kennen, bevor man sie bricht.

Ob Liebesfilm, Abenteuerfilm oder Science-Fiction, der Zuschauer hat immer eine Erwartung. Unmittelbar. Oder mittelbar aufgrund der Story.

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Der Sensenmann: ein typischer Code für den Horrorfilm | © giphy

Diese Erwartung kann wie im Kino durch vorhergehende Trailer, im TV durch den Titel oder im Auftragsfilm durch eine Bezeichnung wie Imagefilm oder den Ort der Vorführung (Messefilm o. ä.) bestimmt sein.

Die Wahl eines Filmtitels wie «Geiselnahme im Kindergarten» weckt beim TV-Zuschauer eher keine Erwartung auf einen Liebesfilm, während «Driving Miss Daisy» ebenso wenig kaum ein Titel für einen futuristischen Actionkracher oder einen Thriller ist.

Was heißt Genre beim Film?

Der Bauplan eines Spielfilmes lässt sich als Kombination von vier Schlüsselelementen beschreiben. Ungeachtet, was die Story ist: Diese Elemente tragen jeden Film. Sie lassen sich als Formel abbilden:

Geschichte + Handlung + Charaktere + Setting = Genre

Hinter der Genre-Formel stehen vier grundsätzlichen Fragen. Es geht immer darum, was erzählt wird (Geschichte), wie es erzählt wird (Handlung), wer die Hauptfiguren („Held und Bösewicht“) sind und vor welchem Hintergrund (Setting) die Filmstory angesiedelt ist.

Typologien

Die Filmtheorie unterscheidet bei der Zuordnung und Klassifizierungen mittlerweile zwischen 14 Hauptgruppen und Dutzenden von Untergruppen. Dieser Beitrag beschränkt sich im Interesse der Übersichtlichkeit auf die wichtigsten Spielarten. Er unterscheidet dabei zwischen Bausteinen und Unterscheidungsmerkmalen.

Jedes Filmgenre benötigt ein gemeinsames Verständnis über die Elemente, nach welchen eine Zuordnung erfolgen soll. Das gilt für Komödie, Tragödie, Liebesfilm, Monsterfilm, Science-Fiction, Abenteuerfilm, Biopics, Western, Gangsterfilme, Film Noir und Kriegsfilme.

Bausteine, Kennzeichen und Unterscheidungsmerkmale zur Bestimmung von Genres

Das Kino und seine Geschichten ziehen ihre Kraft nahezu ohne Ausnahme aus diesen Schlüsselbausteinen:

A. Bausteine als Kennzeichen für das Genre von Kinofilmen

  • Struktur:

    Wird auf die klassische resolutive 3-Akt Struktur zugegriffen? Oder auf innovativere, andere Formen?

  • Prämisse:

    Die Prämisse wird auch als Konzept oder zentrale Idee bezeichnet. Die Prämisse kann als Frage formuliert werden: „Was passiert, wenn …“ (im Englischen: What if …, then what?)

  • Konflikt:

    Jede starke Geschichte besitzt starke Konfliktfelder. Konflikte können grundsätzlicher Natur sein (Mensch gegen Natur, Mensch gegen Mensch, Mensch gegen sich selbst) und in unterschiedlichsten Kombinationen und Ausprägungen auftreten.

  • Charaktere:

    Wer trägt die Filmstory? Die Ausgestaltung der Identifikationsfiguren und des Hauptdarstellers prägt einen Spielfilm entscheidend mit.

  • Dialoge:

    Auch wenn es erst seit 1927 den Tonfilm gibt und viele Studios noch immer nicht verstanden haben, dass die Ton-Ebene den Charakter zu mehr als 60 % mitbestimmt: Dialoge sind ebenso wesentlich wie Off-Voice und Off-Kommentar. In einem Liebesfilm wird anders gesprochen, als in einem Science Fiction Thriller.

  • Atmosphäre:

    Die Atmosphäre wird nicht allein durch die visuelle Umsetzung geprägt, sondern gleichermaßen durch die Summe vieler kleiner, für die Handlung relevanter Details schon auf Stufe Drehbuch. Ein Science Fiction Movie etwa lebt von solchen Differenzierungen, ebenso ein romantischer Liebesfilm.

  • Storyline:

    Die Storyline kann vordergründig durch äußere Faktoren (sog. Foreground Story) getrieben werden. Oder durch Vorgänge, die im Hintergrund der Charaktere spielen (Background Story). Die in den 80ern berühmt gewordenen High-Concept-Movies sind typische Vertreter von Filmen, deren Handlung durch äußere Elemente vorangetrieben wurde und nicht durch die Veränderung von Charaktereigenschaften der Hauptfiguren.

  • Subtext:

    Weitere Faktoren wie Subtext, Veränderungen des Wissensstandes des Protagonisten sowie Umkehrungen und Wendepunkte (Plot Points und Turning Points) zählen ebenso zu den wesentlichen Bausteinen des Filmgenres.

B. Unterscheidungsmerkmale zur Bestimmung von Film-Genres

  • Protagonist:

    Die Art und Ausgestaltung des Hauptdarstellers. Welche Ziele verfolgt dieser? Welche inneren Hürden stehen ihm bei der Erreichung seiner Wünsche im Weg?

  • Antagonist:

    Die Figur des Widersachers ist eine Art Spiegel der Hauptfigur. Eine Faustregel besagt: Der Hauptcharakter eines Kinofilms oder einer Serie kann nur so eindrücklich sein, wie es sein Widerpart ist. Der „Gegner“ muss allerdings nicht zwingend ein Mensch sein – in Ausnahmefällen kann der Bösewicht auch eine Technologie sein, etwa Künstliche Intelligenz.

  • Handlungsverlauf:

    Die Entwicklung der Handlung über die Filmlänge prägt zusammen mit dem Rhythmus der Spannungsbögen die Filmkategorie.

  • Turning Points:

    Turning Points sind Wendepunkt. Der wichtigste davon ist der Moment der Selbsterkenntnis, welcher dem Hauptdarsteller das Erreichen seiner Ziele ermöglicht. In der klassischen 3-Akt-Struktur kennzeichnet dieser Punkt das Ende des 2. Akts.

  • Ende:

    Der Punkt, an dem die Filmhandlung/die Erzählung endet, muss weder ein Happy End bedeuten, noch automatisch die Rettung der Welt bedeuten. Beispiel: eine Figur stirbt, hat sich aber mit ihrem Schicksal im Lauf der Story versöhnt. Objektiv ist das Filmende negativ. Subjektiv – aus Perspektive der Hauptfigur – wird es aber positiv erlebt.

  • Erzählweise:

    Der Stil und die Art des Storytellings können mit der Filmhandlung kontrastieren oder diese unterstützen. Viele spätere Kultfilme erzählen bekannte Handlungsmuster auf neue Weise und unter Beizug ungewohnter formaler Mittel.

  • Tonalität:

    Laut oder leise, moralisch oder amoralisch, liebevoll oder zynisch: die Tonalität bietet einen weiten Reigen an Schemen für unterschiedliche Erzählperspektiven.

Anhand dieser Kriterien und Handlungsdimensionen zeigen sich die Unterschiede zwischen den Filmarten bei einer Analyse deutlich. Und natürlich gibt es auch Gemeinsamkeiten.

Liste der Genres im Spielfilm

Die Kombination von „Film-Bausteinen“ und den damit verbundenen erzählerischen Elementen in Form der ergänzenden Unterscheidungsmerkmale führt zu einem Raster. Dieser umfasst Kennzeichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Als Filter für Kinofilm-Genre ist diese Art Kategorisierung weit genug gefasst, um eine gewisse allgemeine Gültigkeit zu beanspruchen. Zugleich ist Katalog detailliert genug, um einfach erkennbare Grenzen zwischen den Filmkategorien zu ziehen.

I. Auflistung der wichtigsten Filmgenres

  • Komödie:

    Die Komödie ist der lustige Bruder des Film Noir (siehe nächsten Abschnitt). Eine Komödie hat immer ein Happy End. Oftmals spielt in der Komödie „unser aller Nachbar“ die Hauptrolle, also eine Person mit gewöhnlichen Eigenschaften und Fähigkeiten.

  • Tragödie:

    Die Tragödie leicht der Komödie, hat aber anders als diese keinen glücklichen Ausgang, sondern endet düster.

  • Horrorfilm:

    Diese Filmkategorie zieht seine Kraft aus der Welt des Unbekannten, Ungewissen und Unterbewussten. Der Horrorfilm stülpt Angst und Terror über andere, bestehende Genre. Wie die besten Horrorfilme der letzten Jahre belegen, ist dies mit ein Grund dafür, dass sich diese Genrefilme immer wieder neu erfinden und an Trends zu adaptieren vermögen.

  • Science Fiction:

    Was der Horrorfilm für Personen ist, ist dieses Film-Genre für die Gesellschaft. Meist sind es darum Dystopien (negative Utopien), die fehlgeleitete technische und gesellschaftliche Entwicklungen dramatisieren.

  • Abenteuerfilm:

    Der Abenteuerfilm ist der fröhliche Bruder des Kriegsfilms. Seine Hauptfigur leidet nicht unter den Ereignissen, sondern genießt diese (sei es als James Bond oder Superheld) sogar.

  • Biografischer Spielfilm:

    Der biografische Kinofilm bedient sich bei anderen Filmkategorien, erfüllt aber zugleich den Wunsch des Zuschauers, eine berühmte Persönlichkeit kennenzulernen. Er spielt mit Voyeurismus und mit der Sehnsucht des Menschen nach eigener Unsterblichkeit.

Filmgenre lassen sich auch mischen. Oder abwandeln und weiterentwickeln. So kann man einen Kriegsfilm als Abenteuerfilm sehen, dessen Setting ein mit Waffen geführter, staatlichen Konflikt ist.

Weitere bekannte Filmarten im Spielfilm

Der Filmgenrebegriff kennt keine festgelegten Grenzen. So haben sich im Lauf der Filmgeschichte auch Filmarten und -Kategorien etabliert, die aus abgeleiteten Formen entstanden sind. Dazu zählen insbesondere Western, Gangsterfilm, Film Noir und Kriegsfilme.

II. Liste abgeleiteter Film-Genre

  • Western:

    Ein von Tugend und Moral getriebener Einzelgänger kämpft für das Gute und muss sich mit neuen und traditionellen Werten auseinandersetzen.

  • Gangsterfilm:

    im Gegensatz zum Western, in dem in der Regel der Held siegt, erzählt diese Art von Filmgenre immer vom Aufstieg und Fall eines einzelnen Mannes, meist ein Immigrant, der mit Ungeduld die Grenzen von Gesellschaft und Moral durchbricht.

  • Film Noir:

    Kennzeichnend für dieses Genre ist der Verrat und der Vertrauensverlust. Darin spiegelt sich bis heute noch seine Geburtsstunde in den 20ern des letzten Jahrhunderts.

  • Kriegsfilm:

    Der Kriegsfilm ist eine Tragödie, die um eine nationale Dimension ergänzt wird. Die Mehrheit der Kriegsfilme dreht sich im Zentrum um Fragen der Macht und wie Machtverhältnisse verändert werden können.

  • Sportfilm:

    Der klassische Sportfilm ist ein friedlicher Zwilling des Kriegsfilms. Der Konflikt oder die Hürde, welche der Held überwindet, findet nicht auf dem Schlachtfeld, sondern auf dem Sportplatz statt. Statt um Macht geht es hier um das Überwinden der sich selbst gesetzten Grenzen, die der Protagonist dank Selbsterkenntnis und wachsendem Selbstbewusstsein erfolgreich überwindet.

Eine neue Filmkategorie zu etablieren, gelingt beim Kinofilm nur selten. Häufiger im Kino zu sehen sind Genre-Zitate. Oder erfolgreiche Revivals alter Filmgenre. Dabei gilt es, zwischen Filmlook und Filminhalt zu unterscheiden: Eine moderne Story, welche sich visueller Gestaltungselemente aus der Vergangenheit bedient, ist keine Wiederbelebung alter Film Genre.

Zwischen Himmel und Hölle: Der Genre-Mix

Der Wunsch, alte Regeln zu brechen, gehört zur Geschichte des bewegten Bildes wie der Schnitt zur Montage.

Die Kombination von zwei Filmgenres zu einer innovativen dritten Form oder das Herauspicken der stärksten Elemente aus unterschiedlichen Filmarten, gehört für Autoren, Regisseure und Produzenten zu den schwierigsten und größten Herausforderungen überhaupt. Nirgends lässt sich dramatischer scheitern und mit lautem Karacho ein Projekt mit Vollgas und besten Absichten an die Wand fahren.

Warum ist die Verbindung von Genres so schwierig? Eine Erklärung dafür lautet: Der Zuschauer will wissen, worauf er sich einlässt. Um dann doch überrascht werden!

Wer ein Ticket für eine Achterbahn kauft, weiß im Voraus, auf was er sich einlässt – und erwartet trotzdem mit lustvoller Angst einige nicht voraussehbare Kurven, die den Herzschlag stocken lassen. Der kluge Umgang mit Gattungen und Klassifizierungen ermöglicht diese wichtige Orientierung.

Genre neu zu erfinden bedeutet: den Käufer eines Tickets für die Achterbahn in eine Theatervorstellung zu setzen. Wer einen Horrorfilm sehen will, erwartet Horror. Und keine einfühlsam erzählte Liebesgeschichte.

Selbst Meister wie Stanley Kubrick haben sich entschieden, statt mit Mischformen zu experimentieren, an bekannten Filmarten festzuhalten. Mit internationalem, großem Erfolg.

Dennoch sind viele Kinofilme und Serien keine reinen Genre-Filme. Squid Game von Netflix mischt dystopischen Horror, Film Noir und Abenteuerfilm und Science Fiction.

Warum braucht es Genres?

Anders als bei Nahrungsmitteln ist der Kinobesucher selten in der Lage, eine Zuordnung nach Merkmalen in bestimmte Gruppen konkret und korrekt zu benennen. Das gilt für den Fernsehfilm genauso wie für Spielfilme, Serien oder die Unternehmenskommunikation mit Bewegtbild.

Auch wenn der Zuschauer im Allgemeinen nicht in der Lage ist, eine Gattung in Worte zu fassen und zu definieren, so verbindet er (meist unbewusst) eine klare Haltung in Bezug seiner Erwartungen. Selbst wenn er es nicht sagen kann, fühlt er in „Klassifizierungen“. Wer als Filmemacher, Auftraggeber, Regisseur oder Produzent mit diesem Widerspruch nicht umzugehen vermag, wird am Zuschauermarkt scheitern.

Fazit zu den Filmkategorien

Gruppierungen sind immer auch eine Abkürzung. Genres stehen für eine bekannte Erwartung des Zuschauers. Sie ermöglichen es dem Filmemacher im Mainstream-Kino, Filmstorys direkt ins Herz des Zuschauers zu senden.

Das musst du wissen

  • Genre sind Filmkategorien. Sie helfen bei der Konstruktion einer Geschichte, weil sie jeweils für eine Art einer Erzählung stehen. Damit ist gleichzeitig auch dem Zuschauer bekannt, auf was er sich einlässt.
  • Viele Filmtitel spielen inhaltlich bereits auf die jeweilige Filmkategorie an.
  • Die wichtigsten Filmgenres sind: Komödie, Tragödie, Horrorfilm, Science Fiction, Abenteuerfilm und der biografische Film.
  • Zur Unterscheidung von Genres werden unter anderem die Filmfiguren, die Handlungsverläufe, die Art der Konflikte und das Ende der Geschichte betrachtet.

Der Autorenfilm sieht Genrefilme oftmals skeptisch. Diese Angst ist unbegründet. Filmkategorien sind keine Einschränkung, sondern nicht mehr und nicht weniger als eine Leitplanke für das Erzählen von Geschichten. Damit kann, darf und sollte auch lustvoll und kreativ umgegangen werden.

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Gabriela Weingartner 19 Artikel
Gabriela Weingartner ist überzeugt, dass der Autor Patrick Süskind recht hat, wenn er sagt: »Man muss gescheit sein, um in der dummen Sprache des Films eine Geschichte klug erzählen zu können.«

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