Genre beim Spielfilm und ihre wichtigsten Unter­scheidungs­merkmale

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Ein typischer Vertreter des Abenteuerfilm-Genres: »Jurassic Park« | © Universal

Filmgenre sind so was wie Nervenstränge. Zwar steuern sie keine Muskeln, aber sie sind verantwortlich für Filminhalte und Handlungsverläufe beim Spielfilm. Trotzdem – und nicht nur beim Autorenfilm – ist das Genre ein Hauptdarsteller, der im Schatten bleibt. Darum findest du hier eine Liste mit allen wichtigen Merkmalen und Kennzeichen zu den wichtigsten Filmarten.

Filmgenre werden vom durchschnittlichen Kinozuschauer eher unbewusst wahrgenommen. Trotzdem spielen sie für eine wesentliche Rolle. Dies nicht nur beim Storytelling, sondern auch bei der Promotion von Filmen. In diesem Artikel findest du eine Auflistung der Merkmale und Kennzeichen der wichtigsten Genres und Kategorien im Spielfilm.

Das musst du wissen

  • Genre sind Filmkategorien. Sie helfen bei der Konstruktion einer Geschichte, weil sie jeweils für eine Art einer Erzählung stehen. Damit ist gleichzeitig auch dem Zuschauer bekannt, auf was er sich einlässt.
  • Viele Filmtitel spielen bereits auf das jeweilige Genre an.
  • Die wichtigsten Filmgenres sind: Komödie, Tragödie, Horrorfilm, Science Fiction, Abenteuerfilm und der biografische Film.
  • Zur Unterscheidung von Genres werden unter anderem die Filmfiguren, die Handlungsverläufe, die Art der Konflikte und das Ende der Geschichte betrachtet.

Offene und versteckte Signale: Genre beim Spielfilm

Genre sind das Fundament, auf dem eine Filmgeschichte gebaut wird. Das bedeutet nicht, dass ein Drehbuchautor oder Regisseur nicht virtuos die Konventionen, die ein Filmgenre mit sich bringt, brechen könnte. Aber zuerst sollte man die Regeln kennen, bevor man mit ihnen spielt. Das Zitat von Frank Capra: «Es gibt keine Regeln beim Filmemachen. Nur Sünden. Die größte Sünde ist das Unwissen.» hat auch im digitalen Zeitalter nichts von seiner Relevanz verloren.

Symbolbild für Genre Horrorfilm
Der Sensenmann: Ein typischer Code für den Horrorfilm | © giphy

Jeder Spielfilm und jedes Video trägt tief in sich einen versteckten Code. Losgelöst davon, ob die Macher dies wollen, geplant haben, oder sich dessen ganz einfach nicht bewusst sind: Die ersten Minuten offenbaren die DNA eines Werks. Ob Liebesfilm, Abenteuerfilm oder Science-Fiction, der Zuschauer hat immer eine Erwartungshaltung. Bewusst. Oder eben unbewusst.

Diese Erwartungshaltung kann wie im Kino durch vorhergehende Trailer, im TV durch den Titel oder im Auftragsfilm durch eine Bezeichnung wie Imagefilm oder den Ort der Vorführung (Messe o. ä.) bestimmt sein. Ein Filmtitel wie «Geiselnahme im Kindergarten» weckt beim TV-Zuschauer keine Erwartung auf einen Liebesfilm, während «Driving Miss Daisy» ebenso wenig kaum ein Titel für einen futuristischen Actionkracher ist.

Die 14 wichtigsten Typologien (Auswahl)

Die Filmtheorie unterscheidet bei der Zuordnung und Klassifizierungen mittlerweile zwischen 14 Hauptgruppen und Dutzenden von Untergruppen. Dieser Beitrag beschränkt sich auf die wichtigsten Spielarten.

Elemente zur Unterscheidung von Genres

Jedes Filmgenre benötigt ein gemeinsames Verständnis über die Elemente, nach welchen die Zuordnung erfolgen soll. Wer Begriffe nicht oder unklar definiert, riskiert, nicht verstanden zu werden. Das Kino und seine Geschichten ziehen ihre Kraft in erster Linie und nahezu ohne Ausnahme aus diesen Schlüsselelementen:

  • Struktur: wird auf die klassische resolutive 3-Akt Struktur zugegriffen oder auf innovativere, andere Formen?
  • Prämisse: manchmal auch als Konzept oder zentrale Idee bezeichnet. Die Prämisse kann in der Regel als Frage formuliert werden: „Was passiert, wenn …“ (im englischen: What if … then what?)
  • Konflikt: Jede starke Geschichte besitzt starke Konfliktfelder. Konflikte können grundsätzlicher Natur sein (Mensch gegen Natur, Mensch gegen Mensch, Mensch gegen sich selbst) und in unterschiedlichsten Kombinationen und Ausprägungen auftreten.
  • Charaktere: Wer trägt die Film-Story? Die Ausgestaltung der Identifikationsfiguren prägt einen Spielfilm entscheidend mit.
  • Dialog: auch wenn es erst seit 1927 den Tonfilm gibt und viele Studios noch immer nicht verstanden haben, dass die Ton-Ebene den Charakter zu mehr als 60 % mitbestimmt, Dialoge sind ebenso wesentlich wie Off-Voice und Off-Kommentar).
  • Atmosphäre: die Atmosphäre wird nicht allein durch die visuelle Umsetzung geprägt, sondern gleichermaßen durch die Summe vieler kleiner, für die Handlung relevanter Details schon auf Stufe Drehbuch.
  • Storyline: die Storyline kann entweder vordergründig durch äußere Faktoren (sog. Foreground Story) getrieben werden, oder durch Faktoren, die im Hintergrund der Charaktere spielen (Background Story). Die in den 80ern berühmt gewordenen High-Concept-Movies waren typische Vertreter von Filmen, deren Handlung durch äußere Elemente vorangetrieben wurde und nicht durch die Veränderung von Charaktereigenschaften der Hauptfiguren.
  • Weitere Faktoren wie: Subtext, Veränderungen des Wissensstand der Hauptfiguren sowie Umkehrungen und Wendepunkte (Plot Points und Turning Points).

Weitere Faktoren, die zur Unterscheidung von Filmarten dienen

Für die Klassifizierung zu Filmgattungen werden auf Basis der vorgehenden Elemente die nachfolgend aufgeführten Kriterien und Handlungsdimensionen untersucht und unterschieden:

  1. Die Art und Ausgestaltung des Hauptdarstellers
  2. Die Figur des Widersachers
  3. Die Entwicklung der Handlung
  4. Der Moment der Erkenntnis, welcher dem Hauptdarsteller das Erreichen seiner Ziele ermöglicht
  5. Der Punkt, an dem die Filmhandlung/die Erzählung endet
  6. Stil und Art des Storytellings
  7. Die Tonalität

Kennzeichen der Genres im Spielfilm

Damit lassen sich folgende Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu Genre zusammenfassen (hier nur als Auswahl und in Stichworten aufgeführt):

  • Komödie: die Komödie ist der lustige Bruder des Film Noir (siehe nächsten Abschnitt). Eine Komödie hat immer ein Happy End. Oftmals spielt in der Komödie „unser aller Nachbar“ die Hauptrolle, also eine Person mit gewöhnlichen Eigenschaften und Fähigkeiten.
  • Tragödie: gleicht der Komödie, hat aber anders als diese keinen glücklichen Ausgang, sondern endet düster.
  • Horrorfilm: Er zieht seine Kraft aus der Welt des Unbekannten, Ungewissen und Unterbewussten. Der Horrorfilm stülpt Angst und Terror über andere, bestehende Genre.
  • Science Fiction: Was der Horrorfilm für Personen ist, ist dieses Genre für die Gesellschaft. Meist sind es darum Dystopien (negative Utopien), die fehlgeleitete technische und gesellschaftliche Entwicklungen dramatisieren.
  • Abenteuerfilm: Der Abenteuerfilm ist der fröhliche Bruder des Kriegsfilms. Seine Hauptfigur leidet nicht unter den Ereignissen, sondern genießt diese (sei es als James Bond oder Superheld) sogar.
  • Der biografische Spielfilm: bedient sich bei anderen Genres, bedient aber zugleich den Wunsch des Zuschauers, eine berühmte Persönlichkeit kennenzulernen, spielt Voyeurismus und mit der Sehnsucht („Based on a true story“) des Menschen nach eigener Unsterblichkeit.

Weitere bekannte Filmarten im Spielfilm

  • Western: Ein von Tugend und Moral getriebener Einzelgänger kämpft für das Gute und muss sich mit neuen und traditionellen Werten auseinandersetzen.
  • Gangsterfilm: im Gegensatz zum Western, in dem in der Regel der Held siegt, erzählt diese Art von Filmgenre immer vom Aufstieg und Fall eines einzelnen Mannes, meist ein Immigrant, der mit Ungeduld die Grenzen von Gesellschaft und Moral durchbricht.
  • Film Noir: Kennzeichnend für dieses Genre ist der Verrat und der Vertrauensverlust. Darin spiegelt sich bis heute noch seine Geburtsstunde in den 20ern des letzten Jahrhunderts.
  • Kriegsfilm: ist eine Tragödie, die um eine nationale Dimension ergänzt wird. Die Mehrheit der Kriegsfilme dreht sich im Zentrum um Fragen der Macht und wie Machtverhältnisse verändert werden können

Der Zuschauer will wissen, worauf er sich einlässt, um dann doch überrascht werden! Wer ein Ticket für eine Achterbahn kauft, weiß im Voraus auf was er sich einlässt – und erwartet trotzdem mit lustvoller Angst einige nicht voraussehbare Kurven, die den Herzschlag stocken lassen. Der kluge Umgang mit Gattungen und Klassifizierungen ermöglicht diese wichtige Orientierung.

Zwischen Himmel und Hölle: Der Genre-Mix

Der Wunsch, alte Regeln zu brechen, gehört zur Geschichte des bewegten Bildes wie der Schnitt zur Montage.

Die Kombination von zwei Filmgenres zu einer innovativen dritten Form oder das Herauspicken der stärksten Elemente aus unterschiedlichen Filmarten, gehört für Autoren, Regisseure und Produzenten zu den schwierigsten und größten Herausforderungen überhaupt. Nirgends lässt sich dramatischer scheitern und mit lautem Karacho ein Projekt mit Vollgas und besten Absichten an die Wand fahren.

Genre neu zu erfinden bedeutet: den Käufer eines Tickets für die Achterbahn in eine Theatervorstellung zu setzen. Wer einen Horrorfilm sehen will, erwartet einen Horrorfilm und keine einfühlsam erzähltes Liebesgeschichte. Selbst Meister wie Stanley Kubrick haben sich entschieden, statt mit Mischformen zu experimentieren, an bekannten Filmarten festzuhalten. Mit Erfolg.

Warum braucht es Genres?

Anders als bei Nahrungsmitteln ist der Durchschnittsmensch, wenn überhaupt, beim Film kaum in der Lage, eine Zuordnung nach Merkmalen in bestimmte Gruppen konkret und korrekt zu benennen. Das gilt für den Fernsehfilm genauso wie für Spielfilme, TV-Serien, Videomarketing oder die Unternehmenskommunikation mit Bewegtbild.

Auch wenn der Zuschauer im Allgemeinen nicht in der Lage ist, eine Gattung in Worte zu fassen und zu definieren, so verbindet er (oftmals unbewusst) doch eine klare Erwartungshaltung mit der Art (der „Klasse“). Wer als Filmemacher, Auftraggeber, Regisseur oder Produzent mit diesem Widerspruch nicht umzugehen vermag, wird im Zuschauermarkt scheitern.

Fazit zu den Filmkategorien

Gruppierungen sind immer auch eine Abkürzung. Genres stehen für eine bekannte Erwartungshaltung des Zuschauers. Sie ermöglichen es dem Filmemacher im Mainstream-Kino, Filmstorys direkt ins Herz des Zuschauers zu senden.

Autorenfilmer sind oftmals skeptisch gegenüber Genrefilmen. Diese Angst ist unbegründet. Filmkategorien sind keine Einschränkung, sondern nicht mehr und nicht weniger als eine Leitplanke für das Erzählen von Geschichten. Damit kann, darf und sollte durchaus auch lustvoll und kreativ umgegangen werden.

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Gabriela Weingartner
Über Gabriela Weingartner 13 Artikel
Gabriela Weingartner ist überzeugt, dass der Autor Patrick Süskind recht hat, wenn er sagt «Man muss gescheit sein, um in der dummen Sprache des Films eine Geschichte klug erzählen zu können.»

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