Folge 2 von »Die Ringe der Macht«: Treibgut für Weggeschrittene

Folge 2 Ringe der Macht Treibgut
Der Herr der Ringe Die Ringe der Macht | © Amazon Prime Video (Ausschnitt Teaser-Poster)

Tim Burton mit Disneys Animationsfilm „Die sieben Zwerge“. So in etwa lässt sich Episode 2 – sie trägt den vielsagenden Titel „Treibgut“ – von Herr der Ringe in Worte fassen. Visuell weiterhin alles Gesehene übertreffend, ein Soundtrack wie Honig und im Hintergrund lauert wie ein Gewitter die Drohung, dass bald alles nicht schlimmer, sondern noch schlimmer kommt!

Folge 2 von »Der Herr der Ringe – Die Ringe der Macht« bricht mit dem gemächlichen Rhythmus der Schatten der Vergangenheit. Schritt für Schritt, langsam aber sicher, Domino-Steinen gleich, stellt die Serie die Stolpersteine auf, die in den nächsten Folgen den Protagonisten zum Verhängnis werden sollen.

Was Sympathie und Identifikation des Zuschauers angeht, können die Elfen in Episode zwei weiterhin und unzweifelhaft Pluspunkte vor den nun breiter eingeführten Zwergen und Harfüßen verbuchen, auch wenn sie in Sachen Trinkfestigkeit ersteren klar unterlegen sind.

Vertikal herausgeforderte Menschen – in Mittelerde weiterhin als Zwergenvolk im Bild – prüfen sich währenddessen mit Elf Elrond in einem Wettbewerb im Steinklopfen. Dabei geht es um nicht weniger als die Frage, ob Zwergenprinz Durin IV dazu bereit ist, für das Volk von Elrond eine Festung zu bauen. Im Subtext grollen dabei dunkle Wolken vor den mit unheilschwangerem Sound illustrierten bösen Dingen, die da angedeutet werden, während zeitgleich der Zuschauer seine Lektion in der Historie der Zwerge um die Ohren und Augen gehauen bekommt.

So weit, so gut.

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Treibgut - Folge 2 von Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht - Kritik

Folge 2: Treibgut

Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht

Serientitel
Regie
Juan Antonio Bayona
Hauptdarsteller:innen
Morfydd Clark, Robert Aramayo, Nazanin Boniadi, Ismael Cruz Córdova, Markella Kavenagh, Benjamin Walker, Charles Edwards
Erwartung Staffel 1
⭐⭐⭐
Folge 2
⭐⭐⭐

Elfe Galadriel trifft auf eine Gruppe Schiffbrüchiger, die aber nichts mit dem Elfenvolk zu tun haben wollen. Was wenig Folgen hat, weil die Gestrandeten bis auf eine Person kurz danach ihr Leben verlieren. Derweil findet hinter den sieben Bergen bei den sieben Zwergen ein Duell statt, das eine Zusammenarbeit zwischen Zwergen und Elfen ermöglichen soll.

 

Zugleich begegnen die Harfüße gegenüber dem Fremden weiterhin mit Skepsis, der in der vorhergehenden Folge von „Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht“ vom Himmel – besser: vor ihre Füße – gefallen ist. Zumal dieser mit Leuchtkäfern kommunizieren kann.  Währenddessen finden Arondir und Bronwyn einen geheimen Tunnel, der Kopf eines zuvor quicklebendigen Orks soll anrückende Gefahr beweisen und ein unbekanntes Schiff taucht auf.

Stream
Filmbewertung: ★★★★★ = sehr zu empfehlen | ★ = nicht sehenswert


Ja, in „Treibgut“, der Episode 2, habe ich mich visuell und inhaltlich mehr als gewünscht verloren. Mittelalter-Epos hin oder her: wer „Herr der Ringe“ erwartet, mag sich nicht in einer elliptischen Warteschlaufe wiederfinden, die vorgibt, eine Achterbahn zu sein.

 

Serienkritik Staffel 1 Folge 2 Macht der Ringe
© Foto: HBO, Staffel 6
Experten-Check

Wie ist eine überzeugende Serie aufgebaut?

apa. Gabriela Weingartner schreibt für Filmpuls über Storytelling. Wir wollten von ihr wissen, wie sie den Aufbau der ersten zwei Folgen der „Herr der Ringe“-Serie beurteilt.

 

Gabriela: wer eine Geschichte über viele Stunden und Staffeln hinweg erzählen will, kommt nicht daran vorbei, mit unterschiedlichen Erzähl- und Handlungsebenen zu arbeiten. Das ist gewissermaßen ein Gesetz für eine Serie, die Basis und das Rückgrat jeder Serienkonzeption. Danach aber muss man unterscheiden: Was wird erzählt? Wie wird es erzählt? Und – essenziell wichtig – bis zu welchem Punkt wird es erzählt? Der letzte Punkt ist die Frage: wo und wie steigt man aus einer Handlungslinie aus, damit ein Maximum an Spannung erhalten werden kann, und wechselt zur nächsten Ebene der Story? Das perfekt zu beherrschen, ist eine hohe Kunst.

 

Bei all diesen Fragen glaube ich bei „Die Macht der Ringe“ verlorenes Potenzial zu spüren. Von „Game of Thrones“ weiß man, dass die erste gedrehte Folge weggeworfen und komplett neu gedreht wurde. Die beiden Showrunner erzählten später, dass sie ohne diese Erfahrung und die Möglichkeit, aus ihren anfänglichen Fehlern zu lernen, nie in der Lage gewesen wären, die Serie zum Erfolg zu führen.

 

 

Folge 1 war ein Schatten der Vergangenheit, getarnt als Heimatfilm. Folge 2 ist … – ja, was denn? 50 % der Handlung liegen zu diesem Zeitpunkt bereits so deutlich vorskizziert offen, dass diese Klarheit und Absicht mich bald schon mehr verwirrt, als weiterführt und neugierig macht. Scheinbar tiefgründige, leider aber eher banale Dialoge steigern zwar den Eindruck, dass es alles von langer Hand geplant und jedes einzelne Wort im Dialog schwer schicksalsträchtig sein muss. Aber nur weil im Hintergrund die Musik von Howard Shore einen stampfenden Kriegsmarsch intoniert, habe ich meine Intelligenz als Fan nicht im Eisschrank zwischengelagert!

 

Kurzum, mein Herz ist mit Folge 2 nicht warm geworden. Fallen die Puzzleteile nicht bald mit einer größeren Dringlichkeit auf ihren Platz, werde ich meinen Sessel auf dem Sofa vor dem Fernseher bald verlassen. Da mag die Tonspur mich noch so sehr vor sich hertreiben: Man spürt die Absicht, und ist verstimmt. Ich will unterhalten werden. Nicht aufgeklärt und mir eine Serie ansehen, bei der so viel passiert und so wenig geschieht!

 

Zumal ich nicht nur (fern-)sehen, sondern lesen kann und John Ronald Reuel Tolkien (sein Name ist wirklich so!) im Original verinnerlicht habe. Aus meiner Liebe soll nicht Gleichgültigkeit werden. Das wird sie aber in Kürze, wenn ich bei „Die Ringe der Macht“ von einem Genre ins andere geworfen werden.

 

Die bildgewaltige neuseeländische Kulisse bleibt auch in Folge 2 unbestritten weiterhin stimmungsvoll.

 

Nur: was interessiert mich der wiederholte Stolz der neuseeländischen Tourismusbehörde in Form archaischer Landschaft, was interessieren mich die Darsteller, was interessieren mich Wasserwürmer und Leuchtkäfer, wenn ich mir dabei vorkomme wie ein Autofahrer, der mit verbundenen Augen vor einer roten Ampel steht und dafür auch noch eine Gebühr entrichten muss?

 

Wenn es nach mir ginge, sollte man „Treibgut“, die zweite Folge von „Der Herr der Ringe – Die Ringe der Macht“ wie folgt betiteln: „Cliffhanger ohne Gnade und Sinn!“ Darum, weil die Serie nun ganz offensichtlich in eine aufgewärmte Suppe abzugleiten droht und mit Bezug auf das Genre jegliche Eigenständigkeit abgelegt hat. Davon vermag mich auch ein potthässlicher, tief in der Kehle grollend gurrender, Ork nicht abzulenken, der seinen Kopf verliert.

 

„Jemand hier, der überleben will?“, fragt der Dialog auf dem Bildschirm. Meine Antwort: Ja, immer gerne! Aber bitte nicht mehr allzu lange unter diesen Bedingungen, mit noch mehr Treibgut! Das, letztlich, ist immerhin ein gemeinsamer Nenner zwischen Kritiker und Serie, der als Cliffhanger nicht ohne Spannung zu Folge 3 von „Die Ringe der Macht“ und ebenso hier zu meiner nächsten Kritik führen wird.

 

In diesem Sinn und mit all meiner Wertschätzung für Galadriel, Elrond, Prinz Durin IV und Mittelerde: guten Tag und gute Nacht für heute und für die Folge „Treibgut“!


 

Quellen Zahlenangaben: Pressemeldungen Streaming-Anbieter
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© Video: YouTube / Amazon Prime Video

Volker Reimann 20 Artikel
Mag. Volker Reimann ist TrendScout für virtuelle Realität, Games und interaktives Bewegtbild. Er ist überzeugt davon, dass bald schon über gezielte Nervenstimulation realitätsnahe Projektionen direkt in das menschliche Hirn möglich sind.

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