Regisseur ist kein Ehrentitel, sondern eine Funktion, die einem Projekt und nicht dem Ego dient

Regisseur Berufsbezeichnung
Illustration: Katerina Limpitsouni

Regie bei einem mehrmonatigen Spielfilmprojekt zu führen erfordert gänzlich andere Fähigkeiten, als mit einer Handvoll Mitarbeitern ein kurzes Auftragsvideo zu gestalten. Dies sollte sich endlich auch in den jeweiligen Begrifflichkeiten spiegeln, sagt Carlo P. Olsson.

Was hat ein Regisseur mit einem Dosenöffner gemeinsam? Nichts! Denn nur beim Dosenöffner ist klar, was dessen Funktion ist.

Jeder Film, der etwas sein will oder aus dem etwas werden soll, erfordert einen Regisseur, glaubt der Laie. Erst die Regie haucht einem Filmprojekt den götterähnlichen Atem ein, der es zum Leben erweckt.

Was aber, wenn es nichts einzuhauchen gibt? Oder wenn es gilt, mit einem Budget von 1500 € eine Veranstaltung zu dokumentieren? Hilft die Berufsbezeichnung Regisseur in diesen Fällen dem Video? Oder dem Ego der beteiligten Personen?

Bei Kinofilmen, TV-Movie und großen Werbespots stellt sich diese Frage nicht. In dieser Kategorie Film ist die Funktion der Regie klar umrissen. Sie folgt länderübergreifend festgelegten Gepflogenheiten.

Der Merksatz lautet: je anspruchsvoller das Projekt und je höher das Filmbudget, desto akzentuierter die Rollenteilung. Die damit einhergeht eine unmissverständliche Definition der Schnittstellen und eben der Berufsbilder. Der Produzent ist gewissermaßen der Konzertveranstalter, der Regisseur ist als Dirigent für die Besetzung des Orchesters und für die gelungene künstlerische Interpretation verantwortlich.

Künstlerischen Freiraum und die Bandbreite der Interpretation eines Drehbuchs bewegen sich bei Auftragsproduktionen in vom Kunden vorgegebenen Grenzen. Darum ist es sinnvoller, bei der Umsetzung derartiger Projekte nicht von einem Regisseur zu sprechen. Die Berufsumschreibung Realisator wird der Tätigkeit gerechter.

Die Unterscheidung zwischen Regisseur und Realisator hat auch mit Respekt zu tun. Regie auf einem Spielfilm von 90 Minuten Länge zu führen und dabei über Monate eine Crew von über 50 Leuten auf eine Vision auszurichten, erfordert gänzlich andere Fähigkeiten, als mit einer Handvoll Mitarbeitern ein Auftragsvideo zu gestalten. Dies sollte sich bei anständigen Menschen auch in der Anwendung der Begrifflichkeiten spiegeln.

Im TV-Geschäft tragen die Verantwortlichen für Reportagen und Dokumentationen nahezu ohne Ausnahme den Titel des Realisators. Und das mit Stolz. Und obwohl diese Berufsgruppe in der Regel weit mehr Mitspracherecht in inhaltlichen Dingen besitzt, als jemand, der das Drehbuch für einen Imagefilm oder ein Produktvideo verfilmt. Es gibt damit wenig Gründe, bei Auftragsproduktion statt von Regie von Realisation zu sprechen.

Wo Regie, Kamera und Ton verschmelzen, wird aus dem Realisator ein Videomacher. Gerechtfertigt ist diese Bezeichnung auch darum, weil auf dieser Stufe die gedrehten Aufnahmen auch von derselben Person, welche Konzept und Kameraarbeit verantwortet, editiert und mit Ton versehen werden. Der Videomacher ist die Eierlegende Wollmilchsau. Er ist flexibel, und mit ihm lassen sich Videoprojekte realisieren, die nicht schon mit einem Jahr Vorlauf im Jahresbudget als Investition geplant werden müssen. Mit 100 Fachpersonen baut man ein Einfamilienhaus. Mit einer Fachperson ein professionelles Gartenhäuschen. Beide Arten von Bauten erfüllen unterschiedliche Zwecke. Beide können schön sein und beide Aufträge sind ehrenvolle Aufgaben.

Ein guter Videomacher mit Potenzial mag eines Tages Realisator werden. Realisatoren, die mit den dazu erforderlichen Fähigkeiten gesegnet sind, schaffen vielleicht sogar den Sprung zum Regisseur. Aufstiegsperspektiven sind motivierend. Zugleich werden, wenn man das Kind frühzeitig und frei von Lügen beim Namen nennt, Missverständnisse und Überforderungen von selbst deklarierten Senkrechtstarter vermieden. Was nicht zuletzt auch im Interesse der Auftraggeber und Filmprojekte ist.

Wer professionell im Videogeschäft tätig ist, hat mit der Dreiteilung von Regisseur, Realisator und Videomacher keine Mühe. Auch Branchen-Einsteiger und Schmalspurfilmer sind dank dieses Schemas sofort zu erkennen: Ganz einfach darum, weil sie samt und sonders mit dem Begriff Regisseur operieren werden.

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Carlo P. Olsson
Über Carlo P. Olsson 138 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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