So erstellst du ein professionelles Farbkonzept für Videos, Filme oder Serien

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Bunt ist keine Farbe: Farbkonzept für Film und Video | © Adobe Stock

Farben berühren die Emotionen des Kinozuschauers ebenso stark wie der Filmsoundtrack. Erfahrene Filmemacher nutzen diesen Umstand ebenso wie gute Videoproduzenten. Sie erstellen frühzeitig ein Konzept für die Farbtöne in ihren Videos, Filmen oder Serien. Dieser Artikel erklärt, was ein professionelles Farbkonzept beinhaltet und wie man ein solches Dokument Schritt für Schritt erarbeitet.

Dieser Beitrag ergänzt die Ausführungen zur Wirkung von Farben und über deren Bedeutung und Wahrnehmung. Er zeigt auf, wie ein Farbkonzept für Film, Video oder seriellen Content erstellt wird.

Vorarbeiten zur Erstellung eines Farbkonzepts

Nichts steht in dieser Welt für sich allein. Das gilt ganz besonders für die Konzeption der farblichen Gestaltung eines Films. Bevor es an die Erarbeitung des Farbkonzepts geht, müssen zuerst einige Vorarbeiten erledigt werden. Damit wird die Basis gelegt, auf der später aufgebaut werden kann.

Eine professionelle Nutzung der Farbwirkung für Bewegtbild baut auf drei Stufen auf. Sie setzt Kenntnisse der Farbwirkung und der Bedeutung der Farben voraus und definiert auf dieser Basis das Anwendungskonzept individueller Farbtöne (dieser Artikel).

  • Farbwirkung
  • Farbbedeutung
  • Farbkonzept

Grafik 1: Aufbau der Artikel-Serie von Filmpuls zur Farbanwendung in Videos

Die Anwendung von Farbtönen als Instrument zur visuellen Gestaltung gleicht in der Praxis dem Umgang mit Musik oder Dramaturgie. Wie diese hat das Farbdesign nur eine einzige, wichtige Aufgabe: Es muss mithelfen, die Film-Story maximal gut zu erzählen. Oder die Botschaft eines Videos mit optimierter Wirkung zu transportieren. Damit dies möglich ist, müssen der geplante Bewegtbild-Content bekannt und verstanden sein.

Aufgaben, die vorab zum Farbkonzept erledigen sind

  • Sorgfältiges Studium des Drehbuchs oder Videokonzepts für einen Imagefilm.
  • Interpretationen oder Fragen zum Verständnis der Story oder Botschaft eines Videos sind alle ausgeräumt.
  • Insbesondere muss die Prämisse (beim Spielfilm) oder die Kernbotschaft (bei Auftragsproduktionen) verbindlich formuliert und kommuniziert sein.
  • Beim Kinofilm oder Kurzfilm, sofern das Farbkonzept nicht vom Regisseur erstellt wird: Austausch mit der Regie über Vision und – soweit bekannt – visuellen Gestaltung und Filmdramaturgie, inklusive Wendepunkte und  Charakterisierung Protagonist und Antagonist.
  • Bei Imagefilmen, Werbevideos, Produktfilm etc.: Der Videoproduzent kennt die Farbwelten der Brand oder des Produkts. Brand Manual, Informationen zum Corporate Design, Logos oder visueller Produktvermarktung sind bekannt,
  • Zusicherung des/der Produktionsverantwortlichen, dass ein Farbkonzept budgetär umgesetzt werden kann. Abgleich, wie in einem späteren Schritt die Schnittstellen an die Hand genommen werden und wer beteiligt werden muss,

Je fundierter diese Vorarbeiten erledigt werden, desto stärker ist die Kraft, die das Farbkonzept im Rahmen der Filmerzählung oder kommunikativen Übermittlung einer Werbebotschaft mit Video entwickeln kann.

Wie erstelle ich ein Farbkonzept für meinen Film?

Bei der Erstellung eines Farbkonzepts geht man vom Großen ins Kleine, von den übergeordneten Handlungslinien und der Gesamtaussage in die Szenen. Ähnlich wie bei der Konzeption des Filmsoundtracks lautet die wichtigste Frage: Was will ich warum, wo und wie mit dem „Werkzeug Farbe“ verdeutlichen, damit der Film das Kinopublikum mehr berührt.

Anleitung zum Erstellen des Farbkonzepts für einen Film

  • Zuerst werden, passend zur Gesamtaussage, die hauptsächlichen Farbtöne als Primärfarben definiert. Diese vermitteln dem Zuschauer die Grundstimmung des Films.
  • Anschließend werden Wendepunkte, Schlüsselszenen und besondere Ereignisse in der Filmhandlung auf die Möglichkeit einer zusätzlichen farblichen Betonung evaluiert. Die dazu erforderliche Farbwahl erfolgt abgestimmt auf den primären Farbtyp.
  • Bei Parallelhandlungen und parallel verlaufenden  Handlungssträngen können diese farblich und damit in Bezug auf ihre inhaltliche Tonalität und Stimmung abgrenzt werden.
  • Kontraste können durch andere Farbtöne hervorgehoben werden. Oder sie werden – zuerst oder über den gesamten Film – bewusst verdeckt, um Gefühle von Unsicherheit oder Orientierungslosigkeit hervorzurufen.
  • Wie in der Dramaturgie darf das Konzept mit der Erwartung des Zuschauers spielen und damit Spannung überzeugen: überraschen, bestätigen oder widersprechen lässt sich auch mit Farbelementen.
  • Grundsätzlich kann jedes Element einer Filmhandlung – sofern begründet und zur Unterstützung der Gesamtaussage – farblich unterstützt werden.
  • Die Farbdramaturgie gleicht einer Story: Beide müssen am Ende aufgelöst werden. Auch wenn die Mehrheit der Zuseher ein Farbkonzept eher emotional als kognitiv wahrnimmt, das Gefühl will sich von der Farbe getragen wissen.
  • Besonderes Augenmerk verdient die Verhältnismäßigkeit und Frequenz der Farbunterschiede. Farbwechsel verlieren ihre Kraft und Bedeutung, wenn sie mit zu hoher Regelmäßigkeit und ohne Unterbruch erfolgen. Weniger ist mehr.

Was gehört in ein Farbkonzept für Bewegtbild?

Das Farbkonzept ist eine Anleitung, wie Farbgebung gezielt in die Gestaltung eines Filmwerks einfließen soll. Darum hat die Verständlichkeit die höchste Priorität. Blumige Worthülsen oder schwammige Absichtserklärungen führen als Delegation oder Rückdelegation einzig dazu, dass die Entscheide über den Einsatz von Farben an einem anderen Ort getroffen werden müssen. Oder gar nicht.

Zugleich ist jedes Farbkonzept nahezu ohne Ausnahme ein Abgleich von Interessen. Dies als Folge von Zielkonflikten. In den meisten Fällen wird die Regie nicht alle Visionen in die Realität umsetzen können, oder legt die Kameraperson aus technischen oder die Produktionsleitung aus finanziellen Gründen ein Veto gegen einzelne Vorhaben ein.

Was ein professionelles Farbkonzept erfüllt

  • Quantität

    Ein gutes Konzept ist umfangreich genug, damit seine Absichten transparent und verständlich werden. Zugleich ist es so konkret, wie das im Rahmen der Drehvorbereitung und Planung der Dreharbeiten schon möglich ist,

  • Qualität

    Nicht nur der Einsatz der Filmfarben wird spezifiziert. Sondern – wichtiger – die Absicht dahinter. Nur wenn allen Beteiligten deutlich gemacht ist, was die Gedankengänge und Absichten sind, kann gemeinsam auf dasselbe Ziel hingearbeitet werden. Mehrdeutigkeiten sind zu vermeiden.

  • Relevanz:

    Das Farbkonzept ist ein Arbeitsdokument und kein zweites oder alternatives Drehbuch. Es hat sich auf diejenigen Punkte zu beschränken, die für die Erreichung der Ziele von Bedeutung sind. Unnötige Details verwirren und lenken vom Wesentlichen ab.

  • Aufschlüsselung der Farbdramaturgie nach Szenen. Wenn es der Planungsstand der Vorproduktion erlaubt, mit denselben Szenen-Nummern wie der Drehplan oder – sofern vorhanden – das Storyboard.
  • Schlüsselszenen sind mit Mood Boards oder Filmbeispielen kommuniziert.
  • Kennzeichnung von Farbsetzungen, die nicht auf dem Set erfolgen, sondern erst in der Nachbearbeitung – wozu aber schon bei den Dreharbeiten technische Maßnahmen erforderlich sind. Dazu zählen etwa der Einsatz von partiellen Greenscreens.

Zwingend muss ein Farbkonzept vorab zur Umsetzung vom Regisseur, der Kameraperson, dem Art Director oder Set Designer und von Produzent und Produktionsleitung freigegeben werden. Bis es so weit ist, finden in der Praxis mehrfache Sitzungen zur gemeinsamen Abstimmung und Lösungsfindung zwischen Regie und Kamera statt.

Abgrenzung zur Kolorierung und Look

Eine Film-Kolorierung (Color Correction) erfolgt nach den Dreharbeiten. Sie umfasst Farbveränderungen im Rahmen der digitalen Bildnachbereitung. Auch sie folgt dem Farbkonzept. Meist ergänzt die Color Correction in der Postproduktion die Umsetzung auf dem Filmset.

Der Look eines Films ist die Summe der gesamten Farbdramaturgie. Bei TV-Spots und Videos wird darunter – fälschlicherweise – oftmals die einheitliche Bearbeitung über die gesamte Filmlänge verstanden. Dabei wird etwa ein Imagefilm ohne Rücksicht auf Handlungsverlauf und Dramaturgie gesamtheitlich „eingefärbt“. Oder der Film bekommt, losgelöst von einzelnen Szenen, eine verminderte Farbsättigung verpasst. Davon ist Abstand zu nehmen. Mit einem professionellen Farbkonzept hat diese Art der visuellen Filmgestaltung nichts zu tun,

Die konkrete Zusammenstellung von Farbwelten

Ist die Filmhandlung analysiert und die Vision der Regie bekannt, geht es darum, ein Farbschema zu erstellen, das darauf ausgerichtet ist, die Filmhandlung zu maximieren.

Das Farbkonzept ist für ein Unternehmen nicht weniger wichtig als jede andere strategische Entscheidung!
Dr. Leslie Harrington

Bei der konkreten Evaluation von Farben hat sich für Filme ein Prozess in vier Stufen bewährt:

  1. Mit einem Moodboard wird eine Richtung für den Film vorgegeben.
  2. Unter Einbezug von Farbrädern wird die Farbpalette für das Video verfeinert.
  3. Die gewählten Farbtöne werden auf Kontrast geprüft und, wo erforderlich, ergänzt.
  4. Abschließend werden dominierende Farbtöne und Akzentfarben festgelegt.

Die vier Phasen im Detail:

1. Farbgestaltung: Das Moodboard

Sobald eine Vorstellung davon besteht, welche Bedeutungen erwünscht sind, lassen sich mit inspirierenden Bildern und Illustrationen erste Farbkombinationen erstellen. Ziel ist es, etwa sechs Farben auszuwählen. Diese bilden die Farbpalette: eine Auswahl der geplanten Farbtonalität.

2. Bestimmung der Farbkombinationen mit dem Farbrad

Es gibt drei Grundfarbkombinationen, denen jede Farbpalette für Film und Video konzeptuell folgen sollte. Dabei unterscheidet man monochromatische, analoge und komplementäre Farbräder.

Die drei Arten Farbräder und ihre Unterschiede

  1. Monochromatische Farbpaletten:

    Monochromatische Farbpaletten bieten unterschiedliche Farbtöne einer einzelnen Farbe. Farbpaletten, die monochromatisch sind, erzeugen ein subtiles und minimalistisches Gefühl. Ihre Wirkung kann aber manchmal auch als kontrastarm und fad erscheinen.

  2. Analoge Farbpaletten:

    Analoge Farbpaletten zeigen Farbnuancen, die auf dem Farbrad nahe beieinander liegen. Farbräder mit einem analogen Aufbau sind eng miteinander verbunden. Sie ergänzen sich gegenseitig. Warme Farben, die auf den gleichen Seiten des Farbrads sitzen, eignen sich in der Farbgestaltung am besten zur Bildung analoger Farbpaletten.

  3. Komplementäre Farbschemen:

    Komplementäre Farbschemen befinden sich an den gegenüberliegenden Enden des Farbrads wie z. B. blau und orange. Diese Art der Farbgebung erweitert die Dimensionen der Bedeutung einer Farbe. Sie erhöht damit die Ausgewogenheit des Farbbildes.

3. Sowohl helle als auch dunkle Farben

Meist sollte ein Farbkonzept nicht kontrastarm sein. Eine Mischung aus hellen, dunklen und mittleren Tönen verleiht der Filmhandlung Tiefe. Wenn im Farbrad eine dunklere und eine hellere Farbe fehlt, passt man den Kontrast der vorhandenen Farbtöne mit Schwarz respektive Weiß an.

4. Dominante Farben und Akzentfarben bei der Farbgestaltung

Ist die Farbpalette für das Farbkonzept zusammengestellt, gilt es, sich zusätzlich für einige dominante und akzentuierende Farben zu entscheiden. Wahrscheinlich kommt nicht jede der ausgesuchten Unternehmensfarben für jedes Produkt, jeden Artikel und jedes Logo zum Einsatz. Ebendarum ist es ratsam zu bestimmen, welche Töne zwingend sind und welche nur für als Akzente sorgen. Auch hierbei darf man die Bedeutung der gewählten Art nicht vergessen.

Sog. Akzentfarben werden in der Regel nicht oft verwendet. Sie heben bestimmte Elemente unter anderem hervor und variieren die Primärfarben. Dabei dürfen Akzente in der Farbgebung kräftiger sein und sich von den anderen Farbarten deutlich abheben.

Hilfreiche Online-Tools zur Auswahl von Farben

Es gibt eine Reihe von Online-Tools, die helfen können, die richtigen Farbtöne für ein Farbkonzept auszuwählen.

Liste (Auswahl) von Online-Tools zur Bestimmung der richtigen Farbgebung

  • Colr.org ermöglicht es, Fotos von Farbschemata zu importieren, und Farbpaletten basierend auf ihren Lieblingsfarben zu erstellen.
  • Mit Adobe Color CC, früher bekannt als Adobe Kuler, kannst du verschiedene Farbpaletten ausprobieren und speichern. Diese können dann direkt in andere Programme wie Adobe Photoshop oder Illustrator exportiert werden.
  • Check My Colors ist ein Tool, das entwickelt wurde, um Vorder- und Hintergrundfarbkombinationen auf ausreichenden Kontrast zu überprüfen – insbesondere bei Menschen mit farb-identifizierenden Defiziten. Dies kann dazu beitragen, dass das Farbkonzept bei Webvideos den WCAG-Richtlinien («Zugang für alle») entspricht.
  • Design-Inspiration ermöglicht es, bei der Farbgestaltung bis zu fünf Farbgebungen auszuwählen, und erzeugt dann Bilder mit dieser Farbkombination. Du kannst dann ganz einfach deine Lieblingskombinationen auswählen und deren Hex-Codes speichern.
  • Coolors ist ein schneller Farbpaletten-Generator, mit dem du sofort Farbschemata und damit ein Farbkonzept entwerfen kannst. Mit wenig Erfahrung kannst du schnell auch andere Farbpaletten erforschen und für das eigene Konzept adaptieren.
  • Colormind generiert Farbschemata sowohl manuell als auch zufällig und ermöglicht es, mehr über jede Farbe in der Palette zu erfahren. Du kannst auch sehen, wie Farbtöne mit bestimmten Oberflächenkomponenten aussehen.
  • Colordot ist ein einfacher Farbschema-Generator, mit dem du sofort Farbschemata nach deinen Wünschen bauen kannst. Wenn du bereits eine gute Vorstellung von den Farben haben, die du verwenden möchtest, ermöglicht das Tool, diese schnell zu gestalten.

Dieser Artikel zur Farbkonzeption wurde in einzelnen Teilen zuerst in englischer Sprache unter dem Titel Hidden in Plain Sight: How to Choose Your Colors veröffentlicht. Die Publikation erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Zitat: Leslie Harrington ist Autorin von „Farbstrategien: Farbe nutzen, um Werte hinzuzufügen und zu extrahieren.“

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Carlo Olsson 90 Artikel
Carlo Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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