Videos auf Facebook finden in Deutschland kein Publikum mehr!

Der Anfang vom Ende für Bewegtbild auf Facebook?

Trend-Facebook-Bewegtbild
Der Anfang vom Ende für Bewegtbild auf Facebook?

Facebook gilt als einer der großen Treiber für die rasante Zunahme von Bewegtbild. Eine Ende November veröffentliche, neue Studie aus Deutschland stellt diesen Trend in Frage. Sie zeigt deutliche Indikatoren dafür, dass der Siegeszug von Video in den sozialen Kanälen ernsthaft in Frage gestellt werden muss.

Um was geht es? Der Onlinebranchendienst Meedia hat mehr als 1.500 Facebook-Seiten in Deutschland unter die Lupen genommen. Dies gestützt auf Rohdaten des Social-Media-Tools Crowdtangle, einem Social-Media Tracking Tool, das Facebook gehört. Im Zentrum der umfassenden Analyse standen die größten deutschsprachigen Medien.

Das Ergebnis der Studie ist erstaunlich.

Gewaltige Veränderungen für Video-Views bei Facebook

Wie alle anderen globalen Social Media Plattformen ist die Anzahl der Videos bei Facebook explosionsartig gewachsen. Damit einher ging ein gigantisches Wachstum von Views und Interaktionen. Waren Social Videos zuerst ein Hype, wurden sie so zu einem Megatrend.

Wer nicht mit Videos kommunizierte, war verloren. Dieser Trend spiegelte sich auch in den Algorithmen von Facebook. Mit ihnen wurden Videos bevorzugt in der Timeline der User angezeigt. Das setzte für Medienhäuser ebenso wie für Unternehmen eine Aufwärtsspirale in Gang. Videoteams wurden angeheuert oder gleich intern aufgebaut.

Und nun das!

Die Zahlen vom November 2019 zeigen ein ganz anderes Bild: der Hype um Videos scheint bei Facebook vorüber zu sein!

Von unglaublichen 1,81 Milliarden Views im Oktober 2017 bleiben ein Jahr später gerade noch 655,6 Millionen Views übrig. Die Abrufzahlen für Videos bei Facebook sind der Studie zufolge um schmerzhafte 63,7 % eingebrochen. Und dies innerhalb von 12 Monaten!

Zugegeben, die Zahlen sind für den Durchschnittsmenschen nach wie vor unvorstellbar hoch. Aber dieser Trend, der nur eine Richtung kennt, nach unten, sollte einem trotzdem zu denken geben.

Eingebrochene Interaktionen für Videos bei Facebook

Interaktionen sind eine Reaktion des Users. Sie können ein Like oder ein Klick sein. Auch bei der Entwicklung der Interaction Rate (sie zeigt das Verhältnis zwischen Interaktionen und Seitenaufrufen) muss man den Trend nahezu schon als Blutbad bezeichnen:

Auch bei der Anzahl Interaktionen der Nutzer von Facebook mit Videos hat sich der Wert innerhalb von drei Jahren nahezu halbiert! Die stimulierende Wirkung von Videos ist auf der Social Media Plattform verloren gegangen.

Die traurige Wahrheit ist: Ein Unternehmen in Deutschland hat heute mit einem Video 50 % weniger Chancen, ein Like oder einen Klick auf einen Button oder Link zu generieren.

Die breite Öffentlichkeit prägt das Big Picture dieser Entwicklung zwar als User, erfährt aber vom Abwärtstrend dieser Tage noch erstaunlich wenig. Mögliche Gründe dafür gibt es mindestens zwei.

Erstens hat Facebook selbst, wie jedes Unternehmen, kein Interesse an weiteren Negativmeldungen.

Zweitens haben gerade die Medienhäuser und Fachzeitschriften, die traditionellerweise ihre Leser über solche Entwicklungen informiert haben, im Glauben, Text durch Video ersetzen zu können, Millionen in Video investiert. Auch hier beobachtet man darum lieber erst einmal die weitere Entwicklung, bevor man die eigenen Aktionäre verunsichert.

Was nicht heißt, dass man auf die rasante Talfahrt in der Medienbranche nicht reagiert: bereits im Oktober 2018 haben die Medienhäuser 25 % weniger Social Videos als im Vorjahr auf Facebook hochgeladen. Damit ist wieder der Stand von 2016 erreicht. Allerdings nur mit Bezug auf die Anzahl Videos. Die Chancen, dass ein Video angesehen wird (Views), haben sich pro Video im Vergleich zu 2 Jahren halbiert.

Nutznießer und Folgen

Was, wenn das Instrument Video auf Social Media nicht mehr wie bis anhin «funktioniert»? Wie überall gibt es bei einem Trend immer Gewinner und Verlierer. Aktueller Nutznießer aus dem Negativtrend von Social Video sind bei Facebook alle Posts mit Fotos. Ihre Interaktionsrate liegt mittlerweile höher als diejenige von Videos und Links.

Diejenigen Medienhäuser, die ihre Interaktionsrate gemäß der Studie zwischen 2017 und 2018 steigern konnten, haben mehrheitlich auf Fotos, Illustrationen und Grafiken gesetzt.

Learnings

Wer selbst regelmäßig Social Videos konsumiert, sei es auf dem Arbeitsweg oder aus beruflichen Gründen, kann auch ohne Zahlen und Statistiken, und ohne Facebook, eine mögliche Ursache für die in diesem Artikel beschriebene Entwicklung ausmachen:

Fotos zeigen dem User im Bruchteil einer Sekunde, worauf er sich einlässt. Die Information lässt sich sofort erfassen. Bei der Mehrheit aller Videos dagegen bleibt der User während einer langen Zeitspanne im Unklaren, ob der Content seine Lebenszeit wert ist.

Die Nutzer sind nicht nur bei Facebook erwachsen geworden. Sie haben gelernt, schlechte Erfahrungen im Web großräumig zu umschiffen. Umgekehrt haben zu viele Anbieter von Videos, meist aus Kostengründen, wohl viel zu lange die sozialen Medien mit qualitativ minderwertigen Bewegtbildern richtiggehend geflutet.

Videoproduzenten dürfen darum beim Verfolgen einer Wachstumsstrategie (die heute in Tat und Wahrheit oftmals vielmehr eine Strategie zur Umsatzverminderung ist) nicht mehr blind auf Social Media vertrauen. Die in der Umfrage zu Trends für 2019 geäußerte Meinung von Auftragsproduktionen, das Konzert der Möglichkeiten werde durch soziale Medien erweitert, ist sicherlich korrekt. Trotzdem gilt es, die Entwicklung dieser Kanäle scharf im Blick zu halten.

Man darf gespannt sein, wohin die Reise geht!

Die Analyse im Detail

Die gesamte, ausführliche Analyse zum neuen Trend in Deutschland bei Facebook ist hier bei Meedia öffentlich und kostenlos zugänglich.


© Studie / Zahlenbasis: Meedia; Grafiken: Filmpuls, hergestellt mit Online Chart Maker | Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls online magazin logo

Wer ist Carrie Duvan? 9 Artikel
Carrie Duvan hat am Aufbau einer Social Media Plattform mitgearbeitet und war Chief Web Officer (CWO) für ein internationales Agenturnetzwerk. Carrie ist glücklich ❤️ verheiratet und Mutter.

1 Leser-Erfahrung

  1. Als man lautstark das Ende von YouTube verkündete, weil Facebooks Videozahlen durch die Decke gingen, hatte ich bereits gelacht. Auf Facebook haben sich Werber gestürzt, weil dort so viele Menschen erreicht werden können wie sonst nirgends. Und gleichzeitig haben Werber den Fehler wiederholt, den sie um 2005 rum schon mal begangen haben. Sich bei den Inhalten zu 100 % auf Aufmerksamkeit zu stürzen. Also noch immer gemäß der alten AIDA Formel, weil alles andere ja bedeutet hätte sich selbst bewegen zu müssen. Damals hieß das Zauberwort Flash Animation auf Webseiten. Flash war Zappel-Müll der sich gut verkaufen lies. War genauso unsinnig und kurz gedacht wie die effekthaschenden Hochformat-Facebook Videos mit ultraschnellen schnitten und Textanimation drin.

    Dabei gibt es im Web schon sehr lange das GIULIA Prinzip statt AIDA. Nur weil da der erste Schritt dabei eben Glaubwürdigkeit heißt und dies das genaue Gegenteil der verlogenen Werbeindustrie ist, hat man das damals wie heute ignoriert. Denn Glaubwürdigkeit ist für Werber ein Schreckgespenst. Die wollen absolute Kontrolle! Und sind gewohnt dies über Manipulation zu erreichen. Da ist so etwas wie Transparenz oder Glaubwürdigkeit eine Kampfansage gegen ihr Kerngeschäft.

    Aber die Menschen wollen das nicht mehr. Keine manipulativen Inhalte, keine verlogenen Storys, keine Werbung!

    Alle Welt redet von Digitalisierung. Aber niemand von der Digitalisierung in den Köpfen der Menschen, die seit Jahrzehnten tagtäglich im Web unterwegs sind. Hier steht es ja sogar. Nur eben nicht mit aller Konsequenz. „Fotos zeigen dem User im Bruchteil einer Sekunde, worauf er sich einlässt“. Das ist genau der Punkt! Nur eben muss es nicht unbedingt Foto sein.

    Wenn man Video-Content erstellt, von dem der Facebook-User weiß, dass es sich um Mehrwert handelt, weil er dem Anbieter bereits vertraut wird das genutzt. Nur, wenn das aufmerksamkeitsheischender Clickbait Müll ist, wird das Foto bevorzugt. Aber Werber können eben nicht anders als schlecht. Eine echte Chance für Videoproduktionen!

    Wenn die jetzt nicht darauf reduzieren, alles so zu drehen, als hätte das jemand mit dem Handy selbst produziert, sondern qualitativ und kreativ hochwertige Inhalte in Kurzform bauen, wird Video nach wie vor von Usern und Kunden akzeptiert. Einzig die jüngere Zielgruppe unter 30 holt man nur noch mit Video-Storys auf Instagram ab. Aber da ist dann eh nur Bling-Bling. Ein Rückzugsgebiet für alle die Werte auf Schönheit, Style und Party reduzieren. Eben die nächste Generation die das Pendel wieder in die andere Richtung bewegt. The Show Must Go On!

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