Eva Habermann: »Was wir taten, wussten wir nicht, aber wir taten es voller Liebe!«

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Eva Habermann | © Foto: Ingo Pertramer

Eva Habermann ist aus der deutschen Unterhaltungsindustrie nicht wegzudenken: In über siebzig Produktionen hat die blonde Hamburgerin als Schauspielerin für Kino und TV vor der Kamera gestanden. Sie ist aber auch auf Theaterbühnen zu sehen, arbeitet als Moderatorin und als Synchronsprecherin. Und mischt, wie sie im Interview mit Filmpuls erzählt, seit einiger Zeit auch als Produzentin tatkräftig im Filmgeschäft mit.

Wenn der eigene Name zum Markennamen wird, dauert es nicht lange, bis man von der Öffentlichkeit und der Presse ein Etikett verpasst bekommt. Das ist auch bei Eva Habermann nicht anders. Sie ist und war jederzeit für eine Schlagzeile gut, wurde reduziert auf ihre äußerliche Erscheinung oder den aktuellen Beziehungsstatus und diente dem konservativeren Teil der heimischen Unterhaltungsindustrie jahrelang als dankbare Projektionsfläche für Klischees. Doch wer mit ihr spricht, merkt schnell: Diese Frau lässt sich nicht mehr länger festzurren auf ihr Echo aus früheren Jahren: Mit Eva Habermann ist mehr zu rechnen denn je.

Das große Interview mit Eva Habermann

Zu Beginn des Gesprächs knallt Eva Habermann erst Mal ihr Alter auf den Tisch. Dies mit einer Selbstverständlichkeit, dass sie allein dafür eine Auszeichnung bekommen müsste. Sie ist nicht die Erste und wird nicht die letzte Schauspielerin sein, die sich, wenn die erste Ziffer im Alter zu einer 4 geworden ist, als Produzentin mit eigenen Stoffen versucht. Das ist der erste Gedanke, der einem bei der Anfrage, ob man nicht mit Eva Habermann ein Interview führen möchte, durch den Kopf geht. Als Allzweckwaffe des deutschen Fernsehens wurde sie bezeichnet, wobei unklar bleibt, ob das als Kompliment verstanden werden darf. Fakt ist: Eva Habermann steht seit ihrem siebzehnten Lebensjahr vor der Kamera. Nun, mit 44 Jahren, verdient sie sich die Sporen ab als Produzentin mit ihrer eigenen Produktionsfirma. Weil der Schreibende selbst über fünfundzwanzig Jahre im Filmgeschäft war, ist in diesem Interview die förmliche Anrede nach der Begrüßung dem branchenüblichen „du“ gewichen.

Filmpuls:

Nimm mir meine Frage bitte nicht übel, aber was ich nicht verstehe: Du hast mit deiner Produktionsgesellschaft Fantomfilm GmbH »Trolls World – Voll Vertrollt« produziert. Das ist ein, man kann es nicht anders sagen, herrlich durchgeknalltes Genre-Movie. Umgekehrt ist »Die wahre Schönheit«, der zweite Film, den du mit deiner Firma produziert hast, erneut mit dir selbst in der Hauptrolle, überaus ernsthaft. Wie bitte geht das zusammen?

Eva Habermann:

Beides waren Rollen, auf die ich richtig Lust gehabt habe. Also einfach etwas komplett anderes, wofür ich sonst oft nicht besetzt werde, weil mich die Leute häufig nur als hübsch, blond und süß auf dem Schirm haben. Ich hatte sehr viel Spaß an diesen Rollen! Ich kann auch beides sein: sehr kindlich und sehr albern, aber auch sehr tiefgründig, ernsthaft und sehr nachdenklich. Es entspricht mir einfach beides. Vielleicht, weil ich als Person ein bisschen extrem bin.

Filmpuls:

Hilft dir diese Kombination, dieses Extreme im Beruf?

Eva Habermann:

Ich bin zur Produktion gekommen wie die Jungfrau zum Kind! Weil ich mich das eigentlich nie getraut hätte. Es ist schon ein großer Entschluss. Eigentlich bin ich Schauspielerin und deshalb habe ich immer nur von außen mitbekommen, wie eine Produktion läuft, aber noch nie so richtig von der anderen Seite. Die Produktionsseite war für mich ein unglaublicher Lernprozess, den ich als Produzentin machen musste. Dabei ist es sehr wichtig, dass du nicht eindimensional denkst und auch die anderen Seiten kennst.

Filmpuls:

Magst du konkreter werden?

Eva Habermann:

Da waren zwei Jungs, die hatten den großen Wunsch, einen Film zu machen. Damit meine ich Eric Hordes und Alexander König. Sie hatten ein tolles Drehbuch, das total verrückt und abgefahren war. Ein Monster aus längst vergessenen Zeiten ergreift Besitz von einer sexy Blondine und stürzt ihr Leben fortan in das absolute Chaos. Sie haben den Film hauptsächlich über Crowdfunding und über Sponsoring auf die Beine gestellt und auch sehr bekannte Schauspieler an Bord geholt, wie Katy Karrenbauer, Désirée Nick oder auch Helmut Krauss. Die Zwei hatten tatsächlich für jeden von uns eine Rolle, die das Gegenteil von dem war, wofür wir sonst angefragt wurden. Für Schauspieler ist das immer besonders schön, weil man sich einfach neu ausprobieren kann und weil man etwas ganz anderes zu drehen bekommt. Das galt auch für meine Rolle. Ich meine, wann spielt man schon mal eine Frau, die von einem Troll besessen ist und sich auch dementsprechend verhält? Nachdem der Film dann abgedreht war, ging ihnen leider das Geld aus, gerade beim ersten Film kann man sich als Filmemacher sehr leicht verkalkulieren. Man sagt sich: „Der Dreh ist super wichtig! Und die Nachbearbeitung, Schnitt, Ton, Special Effects? Ja, was solls, das kriegen wir später schon irgendwie hin…“ Aber das wurde ein Problem. Und dann existierte die Firma nicht mehr. Das hat mich gezwungen, diesen Film, der heute „Trolls World“ heißt und in den USA unter dem Titel „Under ConTroll“ ebenso wie in Kanada und vielen anderen Ländern rausgekommen ist, fertigzustellen, sonst hätte es ihn nicht gegeben. Dazu hab ich Fantomfilm gegründet. Ich bin komplett ins kalte Wasser gesprungen und hatte unglaublich Spaß daran, auch wenn es härter und anstrengender war, als die Schauspielerei.

Ich bin ein ziemliches Energiebündel. Man kann mich nur in einer gewissen Dosis genießen.
Eva Habermann

Filmpuls:

Wie fühlt sich das für die Produzentin Eva Habermann an, Eva Habermann als Hauptdarstellerin im eigenen Film zu sehen?

Eva Habermann:

An manchen Tagen find ich es cool und an anderen Tagen weniger. Je nachdem, wie ich gerade drauf bin. Ganz besonders bei „Trolls World“, an dem wir 5 Jahre gearbeitet haben, wo ich jeden Satz auswendig kenne und genau weiß, was wann kommt. Ich kann dir genau sagen, was in der 20. Minute passiert, weil ich mit diesem Film einfach so vertraut bin. Der ist sehr extrem, er polarisiert! Man findet ihn super und total lustig und lässt sich darauf ein, weil er einfach sehr eigenwillig und komplett anders als andere Filme ist. Deswegen finden die Leute ihn super. Oder sie finden alles schlecht, also hassen ihn förmlich, weil er keiner wirklichen Norm entspricht und sich nicht einordnen lassen will.

Filmpuls:

War der Dreh von Trolls World für so spaßig, wie es im Making-of scheint? Oder spielt ihr da einfach sehr professionell auf der PR-Klaviatur?

Eva Habermann:

Die Schauspieler, das Team, alle die involviert waren, wollten dabei sein und haben daran geglaubt. Von daher transportiert sich diese unglaubliche Freude auch auf den Film und macht so ein bisschen wieder das wett, was in der Entstehungsgeschichte des Films unprofessionell gelaufen ist. Wir waren alle begeistert und hundertprozentig überzeugt! Was wir taten, wussten wir nicht, aber wir taten es voller Liebe! Und wie du weißt, das bringt schon mal eine ganze Menge für einen Film!

Beim Smalltalk vor dem Interview hat Eva um Auskunft gebeten, was von ihr im Gespräch erwartet wird. Lieber kurze Sätze? Eher Statements, oder ob es auch längere Ausführungen sein dürfen? Klug von ihr, denkt man, weil man damit als Interviewer sofort mit in die Verantwortung für den Inhalt geht. Und man gibt, natürlich, die einzig mögliche Antwort: Sei einfach du selbst! Kurz scheint sie irritiert, fragt nochmals nach. Ihre ersten Antworten klingen, als würde sie am TV über eine Drittperson statt über sich selbst Auskunft geben. Doch mit jeder Minute verschafft sich die Begeisterung für das Filmemachen und Geschichtenerzählen in ihren Antworten mehr Raum. Es ist unverkennbar: Eva Habermann hat nicht nur ein besonderes Talent, Leute für ihre Ideen zu begeistern. Sondern auch eine Vision und eine Mission. So erzählt nur jemand, der begeistert über die Möglichkeit ist, jeden Tag neu dazuzulernen. Eva Habermann liebt Filme und sie liebt es, Filme möglich zu machen.

Filmpuls:

Verstehe ich das richtig? Dein Engagement bei „Trolls World“ war eher Zufall, denn da bist du nach dem Dreh als Produzentin aufgesprungen? Folgerichtig zeigt erst deine zweite Produktion – nicht nur, weil sie eine autobiografische Komponente besitzt – was man in Zukunft von Fantomfilm erwarten darf?

Eva Habermann:

„Die wahre Schönheit“ war mir ein Herzensthema. Ich bin ziemlich kritisch, einfach bei allem. Aber mit dem Film bin ich tatsächlich sehr zufrieden. „Die wahre Schönheit“ ist kein B-Movie, der Film ist näher an Arthouse.

Die wahre Schönheit | © Filmposter: Fantomfilm GmbH

Ich war von Anfang an in das gesamte Projekt involviert und habe auch den Regisseur Krishna Ashu Bhati ausgesucht, mit dem ich unbedingt zusammenarbeiten wollte. Er ist ein junger Filmemacher und kann sehr gut psychologische Geschichten erzählen. Nach diesem Knaller-Popcorn-Kino von „Trolls World“ wollte ich als Nächstes etwas mit sehr viel mehr Tiefgang! „Die wahre Schönheit“ geht ans Eingemachte, weil wir das Thema Depression ganz konkret vorkommen lassen. Die Art und Weise, wie der Zuschauer damit konfrontiert wird, lässt ihn nachdenklich zurückbleiben. Ich spiele eine Anwältin, die nur noch mit Tabletten und Alkohol über die Runden kommt. Wir wollten, dass man merkt, wie schlimm so etwas sein kann und was das für die Person und ihr Umfeld alles bedeutet. Außerdem wollten wir auch zeigen, wie isoliert Menschen sind, die eine Depression haben, weil sie sich dafür schämen, dass sie aus ihrer Sicht nicht „funktionieren“.

Filmpuls:

Wenn man dich auf eine Insel schickt und du darfst nur einen einzigen Film mitnehmen. Welcher ist das?

Eva Habermann:

Mein Lieblingsfilm ist „Requiem for A Dream“ von Darren Aronofsky. So etwas Ähnliches würde ich irgendwann auch gerne mal produzieren. Mir liegen Filme mit Tiefgang. Ich will Filme machen, die etwas verbinden, die ein ernstes Thema in einer Form darstellen, aber eben auch die breite Masse ansprechen. Filme, die auf verschiedenen Ebenen spielen, finde ich spannend! Und natürlich wollen wir die Leute berühren mit unseren Filmen. Ich möchte, dass die Zuschauer mitleiden, dass sie sich mit den Figuren verlieben, dass sie gemeinsam leiden und zusammen lachen. Ich will Geschichten erzählen mit lebendigen Charakteren, die wirklich echte Menschen sind und mit denen man sich identifizieren kann.

Filmpuls:

Hand aufs Herz: Anders als bei einem B-Movie kannst du bei solchen Themen auch Fördermittel beantragen.

Eva Habermann:

Es ist in Deutschland in der Regel so, dass du schon vorher Filme gemacht haben musst, damit du Förderungen bekommst. „Die wahre Schönheit“ habe ich deshalb von meinem Ersparten selbst finanziert. Das war ein Herzensprojekt von mir und ich habe auch an dem Buch mitgeschrieben. Wir haben es zusammen entwickelt.

Dieser Film ist wirklich auf meinem Mist gewachsen und darum war er es mir auch wert, dafür mein Erspartes in die Hand zu nehmen. Das ist natürlich auch ein riesiges Risiko, so reich bin ich nun auch nicht, dass mich das nicht zu kümmern braucht. Deswegen will man dann auch, dass es möglichst gut wird. Aber es ist nicht so, dass ich meine Altersversorgung da reingegeben habe.

Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn man am Ende seines Lebens zurückguckt und sagt: Hätte ich doch dies gemacht oder hätte ich jenes gemacht!
Eva Habermann

Filmpuls:

Hinter vorgehaltener Hand sagt mir jeder Produzentenkollege: Wenn du einen Film nicht mehrheitlich fremdfinanzieren kannst, lass ihn sterben! Fülle Finanzierungslücken nie mit eigenen Mitteln.

Eva Habermann:

Eigentlich hast du vollkommen recht. Aber am Anfang, wenn du zuvor noch nie einen Film produziert hast, drückt dir niemand einfach mal Geld in die Hand. Aber in Zukunft werden wir natürlich versuchen mehr Budget zu generieren. Auch, indem wir Förderung beantragen.

Filmpuls:

Hast du einen Plan B, wenn deine Pläne mit Fantomfilm scheitern?

Eva Habermann:

Scheitern kommt für mich gar nicht in Frage! Denn ich bin der Meinung, wenn ich etwas will, dann schaffe ich das auch! Außerdem bin ich unglaublich fleißig. Ich würde mir natürlich nichts vornehmen, was total utopisch ist. Aber Independent Filme finde ich super und ich sehe, dass beim Publikum ein großer Bedarf danach ist. Wenn ich etwas starte, dann glaube ich auch fest daran.

Was auffallend ist: Eva Habermann jammert nicht. Damit ist sie diese Tage in der Produzenten-Szene eine Besonderheit. Es mag daran liegen, dass sie ihr jüngstes Werk, „Die wahre Schönheit“, das demnächst in die Kinos kommen soll, schon vor der Covid-19-Krise abgedreht hat und sie den Stillstand der Filmbranche dazu nutzen konnte, den Film in Ruhe und ohne Kompromisse fertigzustellen. Oder daran, dass sie lieber anpackt, statt über die Abwanderung der Zuschauer zu Streaming-Kanälen wie Netflix zu lamentieren. So hat Fantomfilm in den USA bereits letztes Jahr ein weiteres Horror-SciFi-Movie mit dem vielsagenden Titel „Cyst“ (Regie: Tyler Russell) abgedreht, in dem Habermann eine Krankenschwester spielt. An der Herstellung von Serien ist sie vorderhand nicht interessiert, sagt sie. Obwohl ihre Fantomfilm wächst, sei die Firma in ihren Augen noch zu klein, um solche komplexen Projekte zu stemmen. Es ist dieser Mix aus Freimütigkeit und Realitätssinn, kombiniert mit Hartnäckigkeit und der Überzeugung, auch in einer der schwierigsten Branchen überhaupt Spuren hinterlassen zu können, der Eva Habermann einzigartig macht.

Filmpuls:

Als Produzent musste ich meinen Anfangsjahren oftmals wie ein Tier arbeiten. Wie ist das bei dir?

Eva Habermann:

Ich stecke zurzeit jeden Tag mindestens 14 Stunden Arbeit rein, weil ich eben auch weiß: Wenn du nicht alles gibst, dann hast du keine Chance. Denn dafür ist das Business einfach viel zu schwierig und viel zu überlaufen. Weil jeder Filme machen will. Da musst du schon Vollgas geben. Ich bin eine sehr große Macherin und glaube auch daran, dass etwas Schlimmeres als ein „Nein“ nicht passieren wird, wenn ich jemanden anfrage, ob er Lust hätte, an einem Projekt mitzumachen. Ich bin insgesamt ein ziemliches Energiebündel. Man kann mich teilweise nur in gewissen Dosen genießen. Das macht mich aus! Und das ist wahrscheinlich auch so eine Art Erfolgsgeheimnis, dass ich einfach jemand bin, der sehr, sehr viel Drive hat und sehr viel Willensstärke!

Filmpuls:

Mir scheint, du ziehst Kraft daraus, das Unmögliche möglich zu machen?

Eva Habermann:

Mein nächster Film heißt „Broken Crown“. Ich möchte, dass Damian Harper das Drehbuch dazu schreibt. Damian macht ja sehr viel Arthouse. Und ich möchte, dass es ein ganz faszinierender Film wird. Der Film geht um das Zerbrechen des Selbstbildes einer Frau, die unter K.O.-Tropfen vergewaltigt wird. Das ist auch so ein Thema, bei dem mich die Leute fragen: Kann man das überhaupt erzählen? Ich mag diese Herausforderung, denn in „Broken Crown“ geht es auf einer anderen Ebene zudem auch um Narzissten und um die Mechanik, wie solche Leute vorgehen. Und ich kenne genügend Leute und … (verstummt).

Filmpuls:

Zweifelst du manchmal an dem, was du machst?

Eva Habermann:

Nicht an den Filmen. Zweifel kommen eher an anderen Ecken auf, wenn man enttäuscht oder um Geld betrogen wurde, was leider gang und gäbe ist, besonders in der Independent-Szene. Man wundert sich manchmal, was da so alles passiert! Das höre ich auch von vielen anderen. Es ist in diesem Segment noch wilder als auf dem rein kommerziellen Markt, weil dort einfach sehr viele Leute unterwegs sind, die noch nicht so viel gearbeitet und somit auch keinen Ruf zu verlieren haben.

Mehr denken, mehr überlegen, nicht davontragen lassen: Das gehört für mich jetzt dazu.
Eva Habermann

Filmpuls:

Was würdest du jemandem raten, der neu ins Filmgeschäft einsteigt?

Eva Habermann:

Der allerwichtigste Tipp, der aller, aller, aller, allerwichtigste Tipp: Habe mit jedem einen Vertrag, in dem ganz klar steht, was er bekommt, was er leisten muss. Zweiter Punkt, der sogar noch wichtiger ist: das Budget! Dass man sich über dessen Wichtigkeit bewusst wird und sich als Produzent dazu auch beraten lässt! Oftmals wird alles immer teurer. Es darf nicht passieren, dass man auf einmal dasteht und kein Geld mehr hat und verzweifelt nach einem Investor sucht. „Die wahre Schönheit“ war, verglichen mit anderen Filmen, noch immer eine Low-Budget-Produktion. Trotzdem habe ich dazu einen Produktionsleiter verpflichtet, der permanent die Übersicht über die Kalkulation hatte. Und man muss daran denken, dass bei Low-Budget die Leute nicht wegen des Geldes etwas machen. Man muss dafür sorgen, dass die Leidenschaft sie antreibt.

Filmpuls:

Wie macht man das?

Eva Habermann:

Ich versuche zu motivieren, indem ich dem Team beispielsweise ein ganz tolles Catering organisiere, indem ich den Schauspielern einen eigenen Trailer gebe oder für professionelle Make-up-Artisten sorge. Einfach, weil ich bestimmte Grundsituation nicht aufkommen lassen will, beispielsweise, dass ein Schauspieler im Regen im Wald sitzt und auf seinen Auftritt wartet. Oder dass das Team total frustriert ist, weil es schon zum zehnten Mal McDonald’s gibt. Ein anderes Beispiel: Wir haben bei „Die wahre Schönheit“ auch mit Emma Schweiger, Lilly Liefers und Mascha Paul, also sozusagen Deutschlands Next Generation, gedreht. Da habe ich immer einen Coach ans Set gestellt. Also nicht nur eine Betreuungsperson, sondern auch jemanden, der mit diesen jungen Leuten gearbeitet und sie gecoacht hat. Das war wirklich sehr, sehr, sehr viel wert für alle.

Arbeiten im hölzernen Himmel, damit lässt sich die Realität im Filmbusiness ziemlich gut umschreiben. Wobei der hölzerne Himmel das bessere Szenario ist. Filmarbeit ist, insbesondere wenn es sich dabei um Spielfilme handelt, höllisch schwierig. Wer als Produzent davon leben will, muss nicht nur den Publikumsgeschmack treffen, sondern künstlerische und wirtschaftliche Aspekte in Übereinstimmung bringen. Die Erfahrung lehrt: Spielfilmprojekte, die nicht früher oder später von existenziellen Krisen geschüttelt werden, sind die Ausnahme, welche die Regel bestätigt. Dasselbe gilt für Rechtsstreitigkeiten. Viele erfolgreiche Produzenten sind von Natur aus Wölfe im Schafspelz. Umgekehrt findet man nur selten Schafe im Wolfspelz, die in der Branche mehr als einen harten Winter zu überleben vermögen. Ob Schaf oder Wolf: beides sind Rollen, die dem Naturell von Eva Habermann nicht zu entsprechen scheinen. Eva ist Eva.

Filmpuls:

Wie wählst du deine Schauspieler, Key People und die Filmcrew aus?

Eva Habermann:

Erst mal prüfe ich die Leute wirklich auf Herz und Nieren, indem ich mich umhöre. Man muss andere Meinungen einbeziehen, selbst bei sowas. Einen Fehler im Nachgang zu beheben, wenn jemand am Set eine unangenehme Person ist oder wenn man sehr viel länger drehen muss, weil irgendwas nicht funktioniert, kann dann nämlich schnell teuer werden. Du gehst beim Dreh mit allen Beteiligten quasi in eine Art sehr persönliche Beziehung. Dabei ist es wichtig, dass du mit allen klarkommst. Beim Low-Budget-Film ist es so, wenn die Zusammenarbeit keinen Spaß macht, dann beginnen die Leute, sehr ungemütlich zu werden. Was ich verstehen kann. Da sagt dir jemand: Komm, wir machen das aus Leidenschaft und Spaß. Und danach hat man ewig lange Drehtage. Das ist einfach nur furchtbar.

Filmpuls:

Du meinst, man kann auch am falschen Ende sparen?

Eva Habermann:

Wir haben mal ein Tonstudio beauftragt, das uns sagte, wir machen euch das ganz toll und auch für einen günstigen Preis. Und dann haben sie letztlich einfach nur ihren Praktikanten hingesetzt, weil sie die guten Leute für besser bezahlte Jobs brauchten. Was dann zur Folge hatte, dass wir mit der Qualität nicht zufrieden waren und irgendwann, obwohl wir schon die Hälfte bezahlt hatten, das Tonstudio wechseln mussten. Das ist dann halt am falschen Ende gespart.

Ich musste lernen, auch sehr ernst und klar mit Leuten zu reden. Und auch mal den Marsch zu blasen. Sonst wirst du ausgenutzt.
Eva Habermann

Filmpuls:

Wie gehen solche Ereignisse mit deinem Drive zusammen?

Eva Habermann:

Das ist mein großes Problem, dass ich so leidenschaftlich und so begeisterungsfähig bin, dass ich einfach oft vor lauter Freude an der Kreativität bestimmte Sachen nicht sehe, weil ich immer denke, die Leute sind genau so wie ich. Und wenn sie was sagen, dann meinen sie es auch und halten es auch. Aber da kommen wir wieder auf die Verträge zurück. Verträge! Und niemals Sachen komplett überstürzen.

Filmpuls:

Erlebst du auch, dass die Leute dich nicht ernst nehmen?

Eva Habermann:

Nein, mein Team nimmt mich ernst, denn ich suche mir immer die Leute aus, die auch was von mir halten. Die Doppelrolle von Schauspielerin und Produzentin führt aber manchmal zu besonderen Situationen. Bei „Die wahre Schönheit“ spiele ich die Rolle der Mona, die ist eine Alkoholikerin mit Depressionen, die nur noch mit Schmerztabletten über die Runden kommt. Ich kam auf das Filmset und habe allen gesagt: Leute, ich bin heute die Rolle! Heute bin ich anders! Ich kann heute für euch als Produzentin nicht wirklich da sein. Dann saß ich als Mona nur am Set rum und habe geweint, sehr viel in mir rumgekramt, an schlimme Erlebnisse gedacht und mich eingestimmt auf diese Rolle. Und dann kommt der Aufnahmeleiter und fragt mich: Geht es dir gut?

Warum hat jemand in der Filmbranche Erfolg? Normalerweise, weil sie oder er die eigenen Stärken und Schwächen offen adressiert, Potenzial in Geschichten erkennt, die Fähigkeit zur Selbstanalyse besitzt und gelernt hat, dass die großen Lebenslügen, die jeder von uns in schwierigen Zeiten aus Angst vor Veränderungen bemüht, nicht über ein Projekt hinaus Saläre oder Miete bezahlen können, wenn überhaupt. Und wichtiger noch, weil Filmarbeit immer auch Teamarbeit ist. Eva Habermann hat das verinnerlicht. Sie sprudelt vor Energie und Ideen, umgibt sich aber, wie sie erzählt, gezielt auch mit einem Personenkreis, der ihre Power in gezielte Bahnen lenkt.

Filmpuls:

Ich frage mich grad, mit wem ich dich vergleichen könnte? Die einzige Person, die mir spontan in den Sinn kommt, musste sich als junge Schauspielerin für einen unsäglichen Film von mir nackt im Wald begraben lassen. Später ist sie dann bei RTL im Frauenknast gelandet und wieder etwas später, jünger als du es bist, wurde sie von der Branche ausgespuckt.

Eva Habermann:

Es ist immer sehr schwer, zu vergleichen! Weißt du, ich habe den Vorteil, dass wenn ich jemanden anrufe, mir erst mal zugehört wird, weil die Leute meinen Namen kennen. Da kriegst du eine ganz andere Aufmerksamkeit. Und es ist auch so, dass sie denken, die Eva Habermann will sich ihren Namen nicht verderben! Ich bin sehr vernetzt. Deswegen ist Vergleichen sehr schwierig. Kannst du die Frage anders formulieren?

Mach dein eigenes Ding und mach was, das unverwechselbar ist!
Eva Habermann

Filmpuls:

Ist es falsch, wenn ich behaupte, dass du deinen Erfolg als Produzentin auch deinen jahrelangen Erfahrungen als Schauspielerin verdankst?

Eva Habermann:

Auch wenn du schon dein halbes Leben oder mehr als ein halbes Leben in der Branche warst und viele Leute kennst und endlos viel gedreht hast, du kriegst als Schauspielerin nicht immer mit, was alles passiert. Das Produktionsbüro, das sind dann immer die Sündenböcke. Für alles! Als Produzentin bist du für alles verantwortlich! Man hat teilweise Stress mit Dingen, mit denen man nie gerechnet hätte. Als Produzentin kämpft man immer, gerade wenn alles auf eigenes Risiko ist. Man ist anders angespannt, man hat sehr viel mehr Verantwortung. Es kann sein, dass man nie irgendetwas verdient, dass man das Geld einfach nur in den Sand gesetzt hat. Es ist leider auch so, dass du eine tolle Geschichte total kaputt drehen kannst, wenn du sie falsch erzählst.

Filmpuls:

Und trotz all dieser Risiken macht es den Anschein, dass du nebst der Schauspielerei deine zweite Berufung gefunden hast!

Eva Habermann:

Meine Philosophie ist: Das Leben ist ein einziger Lernprozess. Man entwickelt sich weiter und was man früher vielleicht an Schönheit hatte, hat man jetzt als Erfahrung und an seelischer Schönheit. Wer das Leben kennt, geht souveräner mit dem Leben um.

Das Interview wurde im Oktober 2020 geführt. Eva Habermann und Kristian Widmer haben sich zuvor nicht gekannt, allerdings im Laufe ihrer Karriere teilweise mit denselben Personen zusammengearbeitet. Filmpuls dankt Eva Habermann ganz herzlich für die Freigabe dieses Interviews. | Wiedergabe, auch ausschnittsweise nur mit schriftlicher Genehmigung der Inhaberin der Nutzungsrechte.

Kristian Widmer
Über Kristian Widmer 15 Artikel
Kristian Widmer ist Mitglied der Schweizer Filmakademie. Der promovierte Jurist und Inhaber eines MBA der Universität St. Gallen HSG war langjähriger CEO der 1947 gegründeten und mit einem Academy Award™ ausgezeichneten Condor Films AG.

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