Bildbeleuchtung für Interviews: die 3-Punkt Beleuchtung

Profi-Wissen für die Praxis

3-Punkt Beleuchtung: Bildbeleuchtung Interviews und Testimonials
3-Punkt Beleuchtung für die Bildbeleuchtung von Interviews und Testimonials

An der Bildbeleuchtung unterscheidet sich in Videos der Schmalspurfilmer vom Profi. Was für das Auge natürlich aussieht, kann die Filmkamera ganz anders aufzeichnen. Dieser Artikel ist eine einfach verständliche Einführung und Anleitung für das Ausleuchten von gefilmten Interviews und Testimonials mit der 3-Punkt Beleuchtung.

Wo ein Mensch vor der Kamera steht, gibt es normalerweise einen Grund dafür. Bei CEO-Interviews oder Video Testimonials gilt es in der Regel, einen Aussagewunsch zu transportieren. Dabei spielt die Lichtsituation in der Regel eine untergeordnete Regel. Die Bildbeleuchtung soll so sein, wie es in Realität ist. Oder anders gewendet: Oftmals ist für solche Szenen, was nicht stört, nicht auffällt oder wahrgenommen wird, gutes Licht.

Auch wenn die Aufnahmetechnologie der Videokameras im Wochentakt weiterentwickelt wird, ihre Perfektion ist noch immer weit vom menschlichen Auge in Kombination mit dem Hirn als Wahrnehmungsfilter entfernt. Das Hirn ergänzt und reduziert nonstop Bildinformationen, wenn wir uns im realen Raum bewegen.

Anders beim Filmbild. Hier interpretiert das Auge strikte die Informationen, die es im Videobild vorgesetzt bekommt. Ein störender Schatten ist und bleibt, anders als im persönlichen Gespräch ein störender Schatten. Helligkeitsunterschiede, die unser Hirn automatisch ausgleicht, lenken im Video-Interview den Blick in den Hintergrund.

Farbtemperaturen, die das ungeschulte menschliche Auge, anders als eine Videokamera, überhaupt nicht wahrnimmt, lassen Aufnahmen blau oder gelb erscheinen. Darum muss der Filmemacher der Videokamera mit dem gezielten Einsatz von Lichtquellen helfen, einen realen Bildeindruck zu erzeugen.

Anleitung zur Bildbeleuchtung in Videos für Interviewsituationen

Gleich wie Bewegungen der Kamera muss die Bildbeleuchtung immer inhaltlich begründet sein. Aber keine Regel ohne Ausnahme. Spricht ein Mensch vor der Kamera in einem Video, darf das Licht in erster Linie nicht von der Wahrnehmung dieser Person ablenken. Die Bildbeleuchtung ist hier Mittel zum Zweck und kein eigenständiges Gestaltungsmittel. Genauso wie sich die Kamera in der Regel in der Blickachse oder knapp neben dieser befindet, dient auch die Bildbeleuchtung nur im Ausnahmefall der Interpretation der Persönlichkeit des Gegenübers oder der Aussage. Nur als Ausnahme der Ausnahme wird in einem Testimonial das Licht extra sanft („weich“) oder mit bewusst hohem Kontrast gesetzt.

Beim Dreh eines Interviews gibt es aus Sicht der Bildbeleuchtung vier grundsätzliche Möglichkeiten

  1. Weil der Drehort spontan bestimmt wird, bleiben nur wenige Minuten Zeit, um auszuleuchten.
  2. Der Drehort kann vorab ausgesucht werden und /oder vorab zum Interview ausgeleuchtet werden.
  3. Die Lichtsituation am Drehort erfordert kaum zusätzliches Lichtquellen (Außendreh).
  4. Ohne zusätzliches Licht am Drehort sind keine professionellen Aufnahmen möglich

In der TV-Berichterstattung, bei News und wichtigen Persönlichkeiten ist Pkt. 1 die Regel, im besten Fall in Kombination mit Pkt. 3, möglicherweise aber auch mit Pkt. 4.

Ein typisches Beispiel für eine Situation, in der auch die eigene Großmutter mit der Videokamera ein gutes Bild hinbekommt, ist ein Dreh unter freiem Himmel ohne Sonnenlicht. Autofokus und die richtige Blende vorausgesetzt, kann man hier in Sachen Bildbeleuchtung kaum etwas falsch machen. Dazu braucht es keine 3-Punkt Beleuchtung.

Anders bei allen anderen Situationen. Hier unterscheiden zwei Dinge den Profi vom Amateur: Erstens die Fähigkeit, umgehend zu erkennen, was man tun muss, um ein natürlich wirkendes Videobild aufzunehmen. Zweitens die Möglichkeit, diese Erkenntnisse sofort und vor Ort anzuwenden. Dazu muss man die Welt nicht neu erfinden. Es reicht, wenn man das Prinzip der 3-Punkt Beleuchtung kennt und korrekt anwenden kann.

Das Prinzip der 3-Punkt Beleuchtung

Die Überlegung hinter dem 3-Punkte-Prinzip der Bildbeleuchtung ist so bestechend wie einfach: Immer und überall dort, wo ein Raum nicht gleichmäßig hell ist, müssen logischerweise zusätzlich Scheinwerfer eingesetzt werden. Damit dabei ein natürlicher Raumeindruck bestehen bleibt, wird von drei unterschiedlichen Positionen (darum: 3-Punkt Beleuchtung) im Raum aus beleuchtet. Warum? Weil Licht und Schatten zusammen gehören wie Kamera und Objektiv.

Wo und aus welcher Position auch immer ich ein Licht setzte, generiere ich damit auch Schatten. Eine zweite Lichtquelle gibt mir die Möglichkeit, diese Schatten wieder aufzuhellen. Die dritte Lichtquelle, wiederum von einem anderen Standort, positioniert die Person im Raum und verstärkt das natürliche Raumgefühl. So einfach ist das.

Bildbeleuchtung: 3-Punkt Beleuchtung in der Übersicht
FührungslichtAufhellerGegenlicht
CharakterHauptlicht, wichtigste Lichtquelle.Seitenlicht (ergänzt Hauptlicht von gegenüberliegender Seite), meist eine Blende schwächer als das Hauptlicht.Akzentlicht, punktuell eingesetzt.
Lichtwinkel40 bis 45 Grad seitlich der Kamera, immer leicht erhöht (imitiert die Sonne).Andere Seite des Führungslichts, von 15 Grad bis zu 60 Grad zur Achse Kamera-Person.Direkt gegenüber von Führungslicht, und (!)  erhöht. Faustregel: 15 bis 45 Grad erhöht.
PositionBei Interviews und Testimonials immer auf der von der Kamera abgewandten Seite des Gesichts. Wenn Gesicht frontal zur Kamera, auf der Seite mit mehr Abstand zum Bildrand.Wird auf der anderen Kameraseite positioniert und hellt Führungslicht auf. Lichtstärke als Faustregel 50 % des Führungslichts.Hebt das Aufnahmeobjekt vom Hintergrund ab und verleiht damit Räumlichkeit. Faustregel 50 % bis 100 % des Führungslichts.
AnmerkungWird direkt gesetzt (LED-Panel / Lichtquelle direkt auf Gesicht oder Objekt).Oft auch indirekt (über Reflektor oder Hintergrund, beispielsweise eine weiße  Wand).Nicht zu verwechseln mit der dem hoch gesetzten Führungslicht (Bsp. TV-Studio).
andere BezeichnungenKey Light (englische Bezeichnung).Fill Light (englisch), Aufhellung Fülllicht (von (von „auffüllen“).Back Light, Spitzlicht, Kante, Spitze.

Quelle:  filmpuls.info

Warum der Baustrahler keine Option ist

Warum, darf man sich als Einsteiger in die Bildbeleuchtung fragen, kauft man sich im nächsten Baumarkt nicht ruckzuck einen netten Flutlicht-Strahler? Gibt’s auch mit Akku. Heller geht nicht! Leider ist so einfach die Sache nicht.

Bildbeleuchtung - 3 Punkte Prinzip für Räumlichkeit
Unterschied Lichtquelle frontal / 3-Punkte-Prinzip | © Three Point Lighting, University of Washington

Je stärker die Bildbeleuchtung, desto härter die Schatten, welche das Licht in den Hintergrund wirft. Aber nicht nur. Haben wir einen Menschen vor der Linse stehen, reicht eine kleine Kopfdrehung (und wer spricht schon, ohne nicht Schultern, Arme und Kopf zu bewegen) und die Nase wirft härtere Schatten auf die Wangen als im Hochsommer die Sonnenuhr im eigenen Gärtchen.

Schlaumeier kaufen zwei weitere Baustrahler, positionieren diese links und rechts und zack!, fertig ist die 3-Punkt Beleuchtung und siehe da… – die Schatten sind mausetot. Dafür geht die Bildtiefe völlig vor die Hunde! Der natürliche Raumeindruck ist verloren. Das Bild wirkt flach und langweilig.

Doch viel schlimmer: die Person vor dem Kameraobjektiv sieht nicht nur den Interviewer und die Kamera nicht mehr, sie sieht mit einem solchen Lichtkonzept rein gar nichts mehr und wird zum Maulwurf. Konstantes Blinzeln, halb geschlossene, hängende Augenlider und tränende Augen machen ein solches CEO-Video auf YouTube zum Renner. Brillenträger entpuppen sich zusätzlich als wahre Lichtreflex-Kanonen.

Hilfe bietet das Prinzip 3-Punkt Beleuchtung.

Führungslicht

Das Führungslicht ist für jede Filmszene das wichtigste Licht. Ihm gehört die größte Aufmerksamkeit. Als primäre Bildbeleuchtung lenkt das Auge des Zuschauers (daher der Name). Es legt die Richtung fest, aus dem das Licht mehrheitlich kommt.

Bei Interviews und Testimonials wird, wie generell beim Setup von Licht für Film und Video, zuerst die Kameraposition und der Bildausschnitt bestimmt. Nur so ist klar, welche Raumteile und Gegenstände, zusammen mit dem Interviewten, im Bild erscheinen. Diese werden anschließend ausgeleuchtet.

Steht der Blickwinkel der Kamera fest, ergibt sich daraus auch der Beleuchtungswinkel.

Der Beleuchtungswinkel ist nichts anderes als die Richtung, aus welcher das Licht kommt. Er legt fest, ob ein Scheinwerfer vor oder hinter der Kamera, über oder unter der Blickachse der Kamera positioniert wird.

Für das Führungslicht wird als Faustregel von einem Beleuchtungswinkel von ungefähr 45 Grad ausgegangen. Dieser Wert bezieht sich auf die Position des Lichtkörpers seitwärts zur Kamera. Mit Bezug auf die Höhe der Lichtquelle empfiehlt es sich, diese leicht erhöht zu setzen. Damit kommt man dem Eindruck von Sonnenlicht, an das sich der Mensch instinktiv gewöhnt ist, am nächsten. Ist die Position zu hoch oder zu tief, wirkt das seltsam. Erkennbar ist dies am Schattenwurf der Nase der Person. Der Schatten, den die Nase erzeugt, sollte schräg nach unten fallen.

Wirft die Nase keinen Schatten, ist die Bildbeleuchtung zu weich oder zu frontal. Damit reduziert man die Natürlichkeit. Das Gesicht wird nicht mehr modelliert (in 3D), sondern zu einer zweidimensionalen Maske. Umgekehrt darf der Schatten auch nicht zu hart sein. Zu hartes Licht im Gesicht lässt sich durch eine entsprechende Folie mildern.

Die Dreidimensionalität ist auch der Grund, warum das Führungslicht bei der 3-Punkt Beleuchtung immer dort gesetzt wird, wo seine Wirkung am stärksten ist. Das ist, bezogen auf das Gesicht, immer diejenige Seite, die der Kamera abgewandt ist. Setzt man bei der Bildbeleuchtung im Interview das Key Light auf die der Kamera zugewandte Seite, wirkt das Gesicht weniger interessant und räumlich.

In den wenigen Fällen, in denen jemand in einem gesetzten Interview direkt in die Kamera spricht, gibt es wegen des geraden Blicks in die Kameralinse keine abgewandte oder zugewandte Seite. Hier wählen die meisten Kameramänner diejenige Gesichtshälfte für das Führungslicht, welche weiter vom Bildrand entfernt ist (ein handwerklich sauberes Videobild wird niemals mittig zentriert, sondern es folgt der 2/3 Regel, die der Zuseher unbewusst als harmonisch und natürlich empfindet).

In einzelnen Fällen findet man auch ein sog. Upstage-Keylight (auf Deutsch, wörtlich übersetzt: über der Bühne gesetztes Key Light). Diesfalls liegt das Führungslicht weit über der Person und betont, ähnlich wie das Spitzlicht, das ebenso in diesem Beitrag erklärt wird, die Umrisse. Der Interviewte steht gewissermaßen mit dem Rücken zur Sonne. Weil wir (in Realität) bei einer solchen Position das Gesicht in Realität trotzdem nie als Schattenzone wahrnehmen, ist bei einem Upstage-Keylight in Interviews immer auch genügend Licht von der Vorderseite (direkt oder indirekt) vorhanden. Andernfalls, wenn dies nicht der Fall ist, wirkt der Interviewte dramatisch-düster und ist das Gesicht nur in der Silhouette, und damit nicht erkennbar.

Aufheller

Kein Licht ohne Schatten. Das gilt auch für das Führungslicht. Darum benötigen wir für die 3-Punkt Beleuchtung eine zweite Lichtquelle. Diese hat zwei Aufgaben. Erstens soll sie die Schatten der Hauptlichtquelle (des Führungslichts) aufhellen. Zweitens muss sie dies tun, ohne ihn Konkurrenz zum Hauptlicht zu treten. Deshalb ist das Fülllicht nie gleich stark wie das Führungslicht, sondern immer schwächer.

3-Punkte Bildbeleuchtung
Schema 3-Punkte Bildbeleuchtung

Um die dunklen Bereiche aufzuhellen, die das Hauptlicht generiert, reicht meist ein halb so starkes Licht wie das Key Light. Damit bleibt die Dominanz der hauptsächlichen Lichtquelle bereits gewahrt. Das Verhältnis zwischen Führungslicht und Fülllicht lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. Eine Relation von 2 : 1 (Führungslicht ist doppelt so stark wie das Fülllicht) kann als Faustregel gelten. Dieser Unterschied entspricht etwa einer Blendenstufe.

Bei einem Verhältnis von 1 : 1 wird das Bild flach. Ist das Key Light mehr als doppelt so stark, also > 2 : 1, steigen die Kontraste. Das kann in einem Spielfilm gewünscht sein. Hier gibt es, immer dramaturgisch bedingt, auch Werte wie 8 : 1, in manchen Fällen (Beispiel: der Spielfilm «Sin City») auch 16 : 1. Für Video-Interviews gilt es zu beachten, dass mit einem Fülllicht von unter 50 % der Hauptlichtquelle nicht nur Kontraste härter und unübersehbar werden. Gleichzeitig verliert das Fülllicht damit auch seine Funktion, ein Gesicht subtil zu modellieren und akzentuieren.

Der Standort und Lichtwinkel ergibt sich beim Fülllicht aus seiner Aufgabe als Aufheller. Schatten entstehen logischerweise auf der einer Lichtquelle abgewandten Seite. Darum muss das Fülllicht dort positioniert sein. Es gehört auf die „andere Seite“ der Kamera, dorthin, wo nicht schon das Hauptlicht steht. Legt man eine Achse von der Kamera zur interviewten Person, liegt das Fülllicht in einem Winkel von etwa 15 bis 60 Grad zu dieser Achse.

Führungslicht ist meist ein „weiches“ Licht. Erreicht wird dies entweder durch die Art und Bauweise der Lichtquelle. Oder mit einer Folie (Frostfolie).  Vielfach arbeiten Profis aber auch mit indirektem Licht: Der Scheinwerfer, der die Rolle des Fülllichts übernimmt, wird dazu nicht direkt auf das Subjekt oder Objekt gerichtet, sondern auf eine Wand oder einen Reflektor. Je weicher das Fülllicht, desto eher nimmt der Zuschauer dieses nicht als bewusst gesetzte Lichtquelle wahr. Perfekt ist ein Fülllicht immer dann, wenn es selbstverständlich und natürlich wirkt.

Gegenlicht

Bei der Gestaltung eines Filmbilds lassen sich nicht nur Bildkomposition, Bildbeleuchtung, Farbe und Perspektive unterscheiden. Sondern auch Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund. Das Spitzlicht hat bei der 3-Punkt Beleuchtung die Aufgabe, das Bildzentrum in diesen Bildebenen zu verorten. Der Mensch sieht in 3D. Damit ein Filmbild möglichst realitätsnah aussieht, muss auch die Bildbeleuchtung mithelfen.

Das Gegenlicht generiert Tiefe. Darum, weil es von hinten auf eine Person gerichtet ist und damit diese vom Hintergrund abhebt. Daher kommt auch der oft gebräuchliche Name Gegenlicht. Zu starkes Spitzlicht generiert in Interviews einen «Heiligenschein» auf dem Kopf des Interviewten. Umgekehrt hebt Spitzlicht subtil angewendet die Person vom Hintergrund ab. Das Bild bekommt mehr Tiefe und wirkt durch seine Räumlichkeit realitätsnah.

Gegenlicht muss, anders als Fülllicht, nicht weich sein, sondern bei der 3-Punkt Beleuchtung nur gezielt ausrichtbar.

Wie das Hauptlicht kommt perfektes Spitzlicht idealerweise von einer leicht erhöhten Position. Als Regel gilt für die Positionierung des Scheinwerfers ein Bildwinkel von 15 Grad bis 45 Grad oberhalb der Person.

Spitzlicht hat in einer Interviewsituation ein Verhältnis zwischen 2 : 1 (halb so starkes Gegenlicht) und 1 : 1 (Gegenlicht und Key Light halten sich die Waage).


Im Interesse der Lesbarkeit ist im gesamten Text die männliche Form verwendet; die weibliche Form ist selbstverständlich immer mit eingeschlossen. | © filmpuls logo

Carlo P. Olsson
Wer ist Carlo P. Olsson? 24 Artikel
Carlo P. Olsson begleitet die Herstellung von Filmen, Videos und TV-Serien im Auftrag von Unternehmen, Agenturen und Produktionsfirmen. In seiner Freizeit spielt er Eishockey und beschäftigt sich mit barocker Klangdramatik.

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